Hubert im Jugendclub Eisenhüttenstadt (Quelle: rbb|24/Daniel Tautz)
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Stichprobe Brandenburg | Eisenhüttenstadt - Wo die Jungs die Eisen stemmen

Früher war Eisenhüttenstadt ein Magnet für junge Menschen. Heute prägen vor allem Alte das Stadtbild. Zwischen verfallenen Plattenbauten und leeren Ladenzeilen fehlt es der Jugend an Perspektiven. Die Landtagswahl sieht kaum jemand als Chance. Von Daniel Tautz

Am 1. September 2019 haben mehr als zwei Millionen Brandenburgerinnen und Brandenburger die Möglichkeit, den neuen Landtag zu wählen. Doch wie sieht das Leben in der Mark abseits des Berliner Speckgürtels aus? Was bewegt die Menschen? Wir haben uns im Land umgeschaut. Entstanden ist die Serie "Stichprobe Brandenburg".*

Ein letztes Mal presst Hubert Kupper seinen Atem durch die zusammengebissenen Zähne. Dumpfe Beats dröhnen aus der Musikanlage und übertönen fast jedes Geräusch im Raum. "Noch zwei", brüllt jemand dem jungen Mann auf der Hantelbank zu. Hubert verzieht das Gesicht. "Noch einer." Dann krachen die 55 Kilogramm Gusseisen auf die Hantelständer.

Fünf Tage die Woche kommt der 22-Jährige in den Fitnessraum im Jugendtreff "JUBS". Um Gewichte zu stemmen. Um seine Freunde zu treffen. Und weil es in der der Stadt einfach kein Angebot für junge Menschen gibt, wie er erzählt. "Das JUBS hält uns halbwegs vernünftig. Wer nicht herkommt, hängt in der Stadt rum und baut Scheiße."

Hubert mit Freunden im Jugendclub Eisenhüttenstadt (Quelle: rbb|24/Daniel Tautz)
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"Das Beste ist der Bahnhof"

Hubert hat fast sein gesamtes Leben in Eisenhüttenstadt verbracht – "in Hütte", wie man hier sagt. Tagsüber arbeitet er beim Schrottrecycling, abends kommt er ins "JUBS". Für seine Freunde und ihn ist der Treff der einzige Anlaufpunkt, Jugendliche ab zehn Jahren kommen hier zusammen. Ansonsten gebe es nur noch einen Skatepark, der nicht mehr gut in Schuss ist; eine Innenstadt, in der immer mehr Läden schließen und einen Nachtclub, in den keiner von ihnen will.

"Das Beste hier ist der Bahnhof", sagt Hubert. Von da könne er mit der Clique auch mal nach Berlin fahren zum Feiern. Wegen der häufigen Bauarbeiten braucht er zweieinhalb Stunden bis in die Hauptstadt.

Eine neue Generation an Nichtwählern

Am 1. September 2019 haben die Jugendlichen die Möglichkeit, den Brandenburger Landtag zu wählen. "Zur Wahl?", fragt Hubert und lacht laut auf. "Die Politiker machen doch eh, was sie wollen." An diesem Abend sind etwa 30 junge Erwachsene im Treff – unter ihnen Schüler, Elektriker, Bodenleger. Viele könnten zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Doch wie Hubert wolle keiner von ihnen wählen gehen, sagen sie. "Es ändert sich eh nichts", ruft einer. "Wir sind denen doch völlig egal", ein anderer. "Und Vater Staat steckt hier ohnehin nichts in die Jugend."

Madeleine Werner, die Leiterin des "JUBS", kennt solche Sätze. "Viele Menschen hier fühlen sich von der Politik nicht verstanden. Diese Verdrossenheit bekommen die Jugendlichen auch von ihren Eltern mitgegeben", erzählt sie. Zudem polarisiere sich die Gruppe selbst. "Niemand möchte der Einzige sein, der zur Wahl geht", so Werner. 

Ein verfallener Plattenbau im Südwesten von Eisenhüttenstadt (Quelle: rbb|24/Daniel Tautz)
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Zu DDR-Zeiten kamen die Jungen

In Begegnungsstätten wie ihrer versucht sie deshalb, die Jugendlichen für Politik zu interessieren. Vor der letzten Wahl hat sie Kommunalpolitiker zum Speed-Dating eingeladen. Das Problem sei jedoch ein anderes: Die Stadtbevölkerung wird immer älter, die Jugend fühle sich allein gelassen.

Zu DDR-Zeiten zog es hingegen vor allem junge Menschen nach "Hütte". 1950 wurde der Ort als sozialistische Planstadt aus dem Boden gestampft. Tausende Arbeiter kamen, um im Eisenhüttenkombinat Ost, dem EKO, Stahl für die DDR zu produzieren. Sie bezogen die modernen Plattenbauten, brachten ihre Familien mit oder gründeten neue. So wurde "Hütte" zur jüngsten Stadt der DDR. Heute jedoch ist es eine der ältesten Städte Brandenburgs. Denn nach der Wende verlor die heimische Stahlproduktion an Bedeutung, EKO musste Tausende Mitarbeiter entlassen.

Eisenhüttenstadt schrumpft immer weiter

Seit 1990 hat sich die Bevölkerungszahl der Stadt so halbiert, nur noch knapp 25.000 Menschen leben heute in Eisenhüttenstadt. Entlang der breiten Straßen stehen immer wieder verfallene Plattenbauten. Die Türen sind vernagelt, die Scheiben eingeschmissen. In manchen Stadtvierteln liegen ganze Straßenzüge brach. An der einstigen Flaniermeile, der Lindenallee, stehen viele Geschäfte leer. Nach der Wende sei es mit "Hütte" bergab gegangen, erzählen viele Bürger. 

Dieses Gefühl greift die AfD vor der Landtagswahl in ihrem Wahlkampf auf. "Vollende die Wende" steht auf den Plakaten der Partei. "Hol dir dein Land zurück". In weiten Teilen hängt nur die Werbung der Rechtspopulisten an den Laternenmasten. Diese Slogans scheinen in Eisenhüttenstadt gut anzukommen. Bei der Europawahl im Mai wurden die Rechtspopulisten mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, bei der Kommunalwahl landeten sie mit 24 Prozent nur knapp hinter der SPD.

Madeleine Werner im Jugendclub Eisenhüttenstadt (Quelle: rbb|24/Daniel Tautz)Madeleine Werner im Jugendclub Eisenhüttenstadt

Stadtverwaltung fordert Engagement der Jugend

Auch bei diesen Wahlen sind Hubert und seine Clique zu Hause geblieben. "Hier in Hütte ändert sich eh nichts", sagt er. Die Stadtverwaltung sieht das anders: "Die Jugendlichen sind stark in die Stadtentwicklung einbezogen", sagt Pressesprecher Frank Eckert. So veranstaltete die Stadt im letzten Jahr gemeinsam mit der Wirtschaft eine "Woche der beruflichen Chancen". Dabei konnte die Jugend auch Ideen vorstellen, wie Eisenhüttenstadt attraktiver werden kann.

Auch bei der Planung des Stadtfests werde die Jugend involviert. Die pauschale Kritik vieler Jugendlichen sei deshalb nicht nachvollziehbar, sagt Eckert weiter. "Die Türen des Bürgermeisters stehen immer offen, es braucht aber auch konkrete Ideen und Eigeninitiative."

Lisa Reichelt und Timo Gramsch (Quelle: rbb|24/Daniel Tautz)
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"Wir wollen was bewegen"

Ein Fall für Lisa Reichelt, sie packt die Dinge in Eisenhüttenstadt selbst an. Die 20-Jährige kommt bereits ihr halbes Leben in den "Club Marchwitza", ein Kulturzentrum im Südwesten der Stadt. Schon während ihrer Kindheit schätzte sie den Raum zum kreativen Ausprobieren, heute leitet sie hier selbst Musical-Workshops. 

Das Clubhaus liegt am Ende eines langen Weges, der immer tiefer ins Grüne führt. Lisa steht im Schatten der hohen Kastanien und reißt beide Arme in die Luft. Die acht Jugendlichen vor ihr machen es nach und winken im Takt der Musik. Aus der Musikbox ertönt "Freak Flag", ein Stück aus dem Musical "Shrek". 

Freaks – so bezeichnen sich die Jugendlichen hier selbst. "In Hütte hängen viele nur zu Hause rum. Wir wollen hier lieber was bewegen", erzählt Lisa. Vor allem die Schüler aus dem Gymnasium kommen ins Marchwitza. Zu Graffiti-Kursen. Zum Dirtbiken. Oder eben zu Lisas Musical-Workshops.

Zum Studieren in die Großstadt

Doch wie die meisten ihrer Freunde wird auch Lisa bald die Stadt verlassen. Sie will Soziale Arbeit studieren, aber eine Hochschule gibt es nicht in "Hütte". Wer studieren möchte, gehe meist nach Berlin, Cottbus oder Frankfurt (Oder) und bleibe da, sagt Lisa. Im Gegensatz zu vielen könne sie sich jedoch vorstellen, anschließend zurückzukommen.

Während der Pause bildet die Musicalgruppe einen Kreis und bespricht die nächsten Szenen. Dabei gehe es durchaus auch mal um politische Themen, erzählen sie. Wählen gehen wollen hier alle, die über 16 sind. Wo sie ihr Kreuz machen, wissen sie noch nicht. Klar ist aber, wen sie nicht wählen: "Hauptsache die AfD wird nicht wieder so stark", sagt Lisa. Alle anderen nicken heftig. "Viele andere in unserem Alter nutzen aber leider nicht die Chancen der Wahl."

Die anderen, das sind zum Beispiel die Jugendlichen im "JUBS", auf der anderen Seite der Stadt. "Du würdest doch eh die AfD wählen“, sagt dort einer. "Merkel, oder was?" antwortet ein anderer.

Die Jugendlichen im "JUBS" haben das Gefühl, dass sich kein Politiker für ihre Probleme interessiert. "Warum sollten wir uns also für die Politiker interessieren?", ergänzt Hubert und schiebt sein Basecap in den Nacken. Irgendwann wolle er eh weg aus "Hütte".

*"Stichprobe Brandenburg" ist ein Projekt des 12. Volontärsjahrgangs der Electronic Media School ems in Zusammenarbeit mit rbb|24. Weitere Reportagen aus den Landkreisen finden Sie hier.

Beitrag von Daniel Tautz

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5 Kommentare

  1. 5.

    Sehr geehrter Herr Tautz! Sie haben die Fakten in ihrem Sinne und ungeschönt zusammengetragen. In den Interviews wurden aber nicht nur negative Sachverhalte dargelegt, sondern auch viele positive Entwicklungen angesprochen. Und von diesen gibt es viele erwähnenswerte in "Hütte". Darüber haben sie leider nicht berichtet. Schade! Ebenfalls baten wir sie um eine Probelesung des Artikels...! Wir möchten jeden auffordern, sich weiter für ein lebenswertes und buntes Hütte einzusetzen, so wie wir es tun. Mit freundlichen Grüßen

  2. 4.

    Ich habe den Artikel gelesen. Wenn ich die Stadt besuche, bin ich immer froh, wieder fahren zu dürfen. Welche Lebensqualität wird denn da noch geboten? Ich habe meinen Lebensmittelpunkt außerhalb von EH gefunden. Ein Zurückkommen ist ausgeschlossen. Was will man dort machen? Meinen Kindern möchte ich ein Leben in der Stadt nicht anbieten. Ich kann nur jedem raten, nach absolvierter Ausbildung etc., die Stadt zu verlassen. Seit Jahren hat man den Eindruck, dass nichts passiert und es von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Da auch das jährlich stattfindende Stadtfest nichts ändern.

  3. 3.

    Lieber Herr Priewisch,
    tatsächlich wurden zwischen 2003 und 2015 mehr als 2600 Wohnung (teil-)saniert und 6600 abgerissen. Doch die Stadtverwaltung, die Bewohner und auch mein persönlicher Einblick vor Ort brachten den Leerstand als weitreichendes Problem für Eisenhüttenstadt hervor. So ist der Leerstand allein bei der Eisenhüttenstädter Gebäudewirtschaft (Gewi)im Jahr 2018 wieder auf 1300 Wohneinheiten angestiegen (Quelle: Geschäftsführer Oliver Funke). Auch die Stadtentwicklung geht von einem kontinuierlichen Anstieg aus.
    Zur Arbeitslosigkeit: Der Strukturatlas Brandenburg wies 2017 für die Gemeinde eine Quote von 8,7 Prozent aus. Zwar gibt es Firmen, die händeringend Mitarbeiter suchen. Dies betrifft vor allem spezifische Ausbildungsberufe. Viele Jugendliche mit anderen Visionen finden jedoch keine Perspektive in der Stadt - ein Problem, das natürlich nicht nur "Hütte" betrifft.
    Lieben Gruß, Daniel Tautz

  4. 2.

    Es ist unglaublich, dass man so einen Beitrag verfasst. "Zwischen verfallenen Plattenbauten und leeren Ladenzeilen fehlt es der Jugend an Perspektiven", waren sie überhaupt mal in der Stadt? Verfallene Plattenbauten und leere Ladenzeilen gibt es weniger als in Potsdam oder Berlin. Eisenhüttenstadt hat in den letzten Jahren fast den gesamten Wohnbestand saniert. Die "Abrissbauten", die auch per Bild zu sehen sind, gehören Privatpersonen, die hier weder wohnen noch Interesse am Sanieren oder Abriß haben. Es geht wohl eher in Richtung Spekulation. Was ist mit dem RBB eigentlich los? Wenn man über Eisenhüttenstadt berichtet, sind es meist Themen wie "Alte, Chancenlosigkeit, Jugend wandert ab" etc. Die Arbeitslosenquote in Eisenhüttenstadt liegt bei 5,6%, alle Firmen suchen Mitarbeiter, Azubis und müssen Aufträge ablehnen. Das was hier im Osten passiert ist das Produkt von vielen Jahren "Politischer Arbeit der Regierenden" und das Resultat ist dann die AfD.

  5. 1.

    *Warum* ab den 50er-Jahren "die Jungen" nach "Stalinstadt" zogen bzw. dass die meisten in Bezug auf Arbeit und Wohnung gar keine andere Wahl hatten, erwähnt der RBB nicht. Der Exodus in den letzten 20 Jahren hat ja nicht nur mit der Schließung von Fabriken zu tun, sondern ist auch der "natürliche Rückbau" der gescheiterten sozialistischen Herrschaft über die Menschen. Generationenübergreifende "Heimat", die auch Dürrephasen und Veränderungen aushält, entsteht durch ganz andere Faktoren als "die Politik" – das Aufmacherbild zum Kommunalwahl-Artikel gibt einen Hinweis darauf. Nicht nur einzeln (repräsentativ?!) herausgegriffene Jugendliche zu portraitieren, sondern auch die Langzeitfolgen ideologisch hochgezogener statt organisch wachsender Städte zu reflektieren, wäre relevant – auch in Bezug auf die Neubau-Phantasien in Berlin.

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