Duroc-Schweine (Quelle: rbb|24/Bernadette Huber)
Bild: rbb|24/Bernadette Huber

Stichprobe Brandenburg | Pirow - Kita, Schweine und Währungskurse

Landwirtschaft und Natur? Da wählt man doch grün! Uwe Kessler nicht, er ist Landwirt in der Prignitz. Als Bürgermeister interessiert er sich für die Kita der Gemeinde - als Bauer aber auch für den Wechselkurs des chinesischen Yuan. Von Bernadette Huber

Am 1. September 2019 haben mehr als zwei Millionen Brandenburgerinnen und Brandenburger die Möglichkeit, den neuen Landtag zu wählen. Doch wie sieht das Leben in der Mark abseits des Berliner Speckgürtels aus? Was bewegt die Menschen? Wir haben uns im Land umgeschaut. Entstanden ist die Serie "Stichprobe Brandenburg".*

Uwe Kessler schiebt das quietschende Holztor auf. Aus dem flachen grauen Gebäude kommt leises Grunzen, etwas bewegt sich. Klauen trappeln, nicht über Beton, sondern über Stroh. Die Schweine im Stall sind nicht rosa, sondern rot-braun: Duroc, eine Schweinerasse, die sehr robust ist und dabei besonders zartes Fleisch liefert. Die Vermarktung: regional. Daneben hat Bauer Kessler auch noch 350 andere Sauen plus Ferkel.

Das sind dann die rosa Schweine, die man kennt, und sie stehen nicht auf Stroh, sondern auf Spaltenboden. Mit den Kühen ist es ähnlich: eine extrem produktive Milchrasse im Stall, eine Mutterkuhherde auf der Weide. Viele Standbeine sorgen für Flexibilität, sagt er. Flexibilität sichert das wirtschaftliche Überleben. Auch in der dünn besiedelten Prignitz.

Uwe Kessler, Landwirt in der Prignitz (Quelle: rbb|24/Bernadette Huber)
Uwe Kessler auf dem Feld. | Bild: rbb|24/Huber

Ein kleines Stückchen Brandenburg

In der Prignitz gibt es viel Wald, viel Heide und viel Landwirtschaft. Prignitz kommt aus dem Slawischen und heißt so viel wie "schwer zugängliches Waldgebiet". Auf manch einer Skala, die die Einwohnerzahl bestimmt, ist die Prignitz als "nicht existent" gelistet. In dem Landkreis leben gut 70.000 Menschen. Die Landwirtschaft ist ein prägender Wirtschaftszweig der Region. Rund 600 landwirtschaftliche Betriebe gibt es. Das sind 1.700 Arbeitsplätze, allein direkt in den Betrieben.

Bei den Kommunalwahlen haben "Die Bauern" 11,2 Prozent geholt. Lothar Pawlowski ist der Vorsitzende des Prignitzer Bauernvereins. Er erzählt, in Menschen ausgedrückt seien die elf Prozent fünf Landwirte, alle Mitglieder des Bauernvereins, die seit der letzten Wahl im Kreistag sitzen.

In seiner Heimatgemeinde Pirow ist Kessler nicht nur Chef der Agrargenossenschaft, sondern seit 15 Jahren auch ehrenamtlicher Bürgermeister von Pirow. Zusammen mit vier weiteren Landwirten bildet er die Gemeindevertretung. Dort finden sie immer schnell einen Konsens. Landwirtschaft und Dorfleben hängen eng zusammen. Die Agrargenossenschaft unterstützt lokale Vereine, die Kita, und den Bau eines neuen Gemeinderaums. Seine Agrargenossenschaft hätte den "sozialen Touch" der ehemaligen LPG behalten, sagt Kessler. Doch Pirow allein bestimmt schon lange nicht mehr seinen Arbeitsalltag.

Kita in Pirow (Quelle: rbb|24/Bernadette Huber)
Die Kita gehört auch zum Job des Bürgermeisters. | Bild: rbb|24/Huber

Ein Prignitzer Landwirt und die Weltpolitik

"Ich war immer Optimist", sagt Kessler und lacht. Schnell wird seine Miene wieder ernster. Er mache sich immer mehr Sorgen, über neue Mitarbeiter, aber auch über die ganz große Politik. Trump, Putin, Xi Jinping, Europa - und jetzt von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin. "Vielleicht schafft sie es ja, Europa zu einen."

Kessler hätte am liebsten keinen Brexit. Die Milch von seinen Kühen geht an die Molkerei ARLA. Die liefert weltweit, ein Großteil davon geht nach England. Das sind 1.000 Kilometer Luftlinie.

7.000 Kilometer Luftlinie und man ist in China. Dort landet zwar nicht die brandenburgische Milch, aber viele deutsche Schweine. Denn in China breitet sich die Schweinepest aus. 25 Prozent der chinesischen Mastschweine sind schon gestorben oder getötet. Tendenz steigend. China importiert jetzt Schweine. Vor allem aus Deutschland. Uwe Kessler bekommt deshalb für seine Schweine 1,73 Euro das Kilo. Gutes Geld im Vergleich zu den 1,40 Euro, die davor jahrelang gezahlt worden sind. Der Weltmarkt bestimmt die Nachfrage. Auch in Pirow, Brandenburg.

Welt retten oder Welt ernähren?

Von Veganern und Bienenrettern hält Uwe Kessler nicht allzu viel. "Die haben eine andere Denke vom Leben und jetzt kommen sie hier in ein altes Bauerndorf und wollen uns ihr Gedankengut und ihre Art und Weise des Lebens aufbürden." Manchmal geht es um Glyphosat, manchmal um Massentierhaltung, der Grundkonflikt bleibt. "Und die große Politik und was in den Medien geschrieben wird, gibt diesen Menschen Recht." Uwe Kessler nimmt das teilweise als Mobbing wahr. Er fühlt sich oft unverstanden. Und trotz Subventionen nicht wirklich wertgeschätzt. Er liest den Spruch vor, der an der hellgelben Bürowand hängt: "Der erste und tiefste Repräsentant des Volkes ist jener Teil, der aus der Fruchtbarkeit des Bodens die Menschen nährt und aus der Wurzel neues Leben wachsen lässt."

Uwe Kesslers Büro war früher die Küche der Agrargenossenschaft. An den Wänden hängen eine gerahmte Luftaufnahme von Pirow und ausgedruckte Sprüche.

Also, Welt retten oder Welt ernähren? Für Uwe Kessler geht nur eines von beiden. Er hat die Genossenschaft über Jahre erhalten und ausgebaut. Investiert und erweitert. Er sagt: "Wir können über bestimmte Dinge reden. Auch in der deutschen oder europäischen Landwirtschaftspolitik. Aber alles hier zurückfahren wie vor hundert Jahren?" Manche Leute hätten ein Bild von einem Hof vor Augen, wo der Hahn auf dem Mist kräht, es gäbe drei Kühe, fünf Schweine, eine Katze und einen Hund. "Das wird nie wieder passieren und kann auch gar nicht!"

Sowohl die europäische, die deutsche als auch die Landespolitik stellen für ihn vor allem Regularien dar.

Straße in Pirow (Quelle: rbb|24/Bernadette Huber)
Idylle in Pirow. | Bild: rbb|24/Huber

Ein Kreuz muss sein, nur wo?

Wen Uwe Kessler am 1. September wählt, weiß er noch nicht. "Ich bin kein Parteien-Politischer." Na gut, grün wird es wohl eher nicht. Ob die Sorgen um die Zukunft mehr am eigenen Alter oder doch an der aktuellen Weltlage liegen, da ist er sich nicht sicher.

Mit der Agrargenossenschaft will er jedenfalls weiter flexibel bleiben. Die Webseite ist erneuert und inzwischen baut er neben Getreide auch Erbsen an: "Aus dem Erbsenprotein machen die vegetarische Steaks." In einem Test hätten die Leute gedacht, das Veggie-Steak wäre das echte gewesen. "Zumindest haben die im Fernsehen das gesagt."

*"Stichprobe Brandenburg" ist ein Projekt des 12. Volontärsjahrgangs der Electronic Media School ems in Zusammenarbeit mit rbb|24. Weitere Reportagen aus den Landkreisen finden Sie hier.

Beitrag von Bernadette Huber

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2 Kommentare

  1. 2.

    Lassen Sie mich raten, Sie haben noch nie auf dem Lande gelebt und gearbeitet sondern sind ein Städter, der dem Ländler mal sagt wie der es richtig zu machen hat. Haben Sie überhaupt verstanden, was im Bericht steht?

  2. 1.

    Tja, Dürre seit bald zwei Jahren in Norddeutschland, CO2 Konzentration fast doppelt so hoch wie in vorindustrieller Zeit, ständig steigende Nitratbelastung um Grundwasser, stetiger Verlust an Mutterboden. Alles Trends die man weiterverfolgen sollte, der Tradition wegen.

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