Das Rathaus der Gemeinde Wandlitz (Quelle: rbb|24/Maike Gomm)
Bild: rbb|24/Maike Gomm

Stichprobe Brandenburg | Wandlitz - Wachstumsschmerzen in Wandlitz

Brandenburg boomt - und zwar rund um die Hauptstadt. In den Landkreis Barnim zieht es besonders viele Menschen, auch die Gemeinde Wandlitz wächst. Das gefällt nicht jedem. Von Maike Gomm

Am 1. September 2019 haben mehr als zwei Millionen Brandenburgerinnen und Brandenburger die Möglichkeit, den neuen Landtag zu wählen. Doch wie sieht das Leben in der Mark abseits des Berliner Speckgürtels aus? Was bewegt die Menschen? Wir haben uns im Land umgeschaut. Entstanden ist die Serie "Stichprobe Brandenburg".*

Bäcker, Fleischer, Bioladen: In Wandlitz gibt es vieles, was anderen Gemeinden in Brandenburg fehlt. Wenn hier ein Haus leer steht, dann meist, weil es gerade gebaut wird. In regelmäßigen Abständen rauschen Cabriolets, SUVs und Kleinwagen über die Prenzlauer Chaussee, die den Ortskern teilt. Direkt dahinter liegt der See, der Wandlitz so attraktiv macht.

Ein hellgelber Kleinbus steht am Straßenrand bei der Apotheke. Er gehört Frank Schulze, oder auch Taxi Schulze, wie es in geschwungener Schrift auf dem Auto steht. Gerade schüttelt er die Fußmatten seines Wagens aus.

Frank Schulze ist Taxifahrer in Wandlitz (Quelle: rbb|24/Maike Gomm)
Frank Schulz vor seinem Taxi. | Bild: rbb|24/Maike Gomm

Die Nähe zu Berlin – Fluch oder Segen?

Zu Taxi Schulze gehen in Wandlitz fast alle, die ein Taxi brauchen. 1988 hat er das Familienunternehmen übernommen und ist kurz darauf in den Ortsteil Klosterfelde gezogen. Wenn jemand mit vielen Wandlitzern spricht, ist es Schulze. "Schauen sie sich um. Die Leute haben alles, aber meckern." Er selbst ist zufrieden: "Wir profitieren ja durch die Berlinnähe. Viele haben Arbeit in Berlin. Da können die hier draußen wohnen und in der Stadt arbeiten. Und die kleinen Gewerke freuen sich über Aufträge. Das tut allen gut hier, glaube ich."

Seine Kinder würden gern zurück nach Wandlitz ziehen, auch um irgendwann das Familienunternehmen zu übernehmen. Schulze ist 62. Eigentlich wollten die Kinder auf dem Grundstück ihres Vaters bauen, doch die Stadt habe den Bauantrag abgelehnt. Schulze hat Widerspruch eingelegt.

"Wir sind aktuell an unserer Schmerzgrenze"

Wandlitz liegt auf Platz zehn der am stärksten wachsenden Gemeinden in Brandenburg. 352 Einwohner hat Wandlitz zwischen 2017 und 2018 gewonnen. In dem Leitbild der Gemeinde steht: "Unsere Prämisse ist jedoch nicht 'Wachstum um jeden Preis'." Aktuell leben hier rund 22.000 Menschen.

Katrin Bornkessel ist für die Bauleitplanung verantwortlich. Sie bestimmt, wie in Wandlitz gebaut wird. "Wir wollen eigentlich nicht unbedingt mehr Einwohner bekommen. Wir sind momentan an unserer Schmerzgrenze."

Der Fokus der Stadt liegt derzeit auf anderen Themen: "Wir haben erst einmal mit der Daseinsvorsorge zu tun, das heißt soziale Infrastruktur, Kitas, Schulen. Verkehr ist ein großes Problem hier. Das sind eigentlich unsere vordergründigen Aufgaben. Also wir wollen keine neuen Siedlungen auf der grünen Wiese."

Nur ein paar hundert Meter vom Rathaus entfernt ragt ein Kran in die Höhe. Hier entsteht das Neubaugebiet Louisenhain. Eine kleine Straße verbindet Einfamilienhäuser, die sich in regelmäßigen Abständen aneinander reihen. Die Dachziegel glänzen, die Fassaden sind ebenmäßig. 500 bis 2.000 Quadratmeter sind die Grundstücke groß. Im Ortskern von Wandlitz gibt es viele Baustellen und Neubauten. Dort wo früher die DDR-Elite wohnte, wollen heute Familien leben.

Auch ein junges Paar aus dem Prenzlauer Berg will hier in den nächsten Jahren bauen. Noch leben sie in Berlin, fahren nur am Wochenende raus. Ihr Grundstück in Wandlitz haben sie letztes Jahr gekauft. Sarah ist hier aufgewachsen. Ihre Eltern leben nur ein paar Straßen weiter. Seitdem hat sich einiges geändert: "Es wurde so viel gebaut. Hier vorne haben wir eine  neue Grundschule bekommen. Das Feld wurde komplett bebaut."

Ein junges Paar auf ihrem Grundstück in Wandlitz (Quelle: rbb|24/Maike Gomm)
Sarah und ihr Mann auf ihrem Grundstück. | Bild: rbb|24/Maike Gomm

Berliner suchen die Ruhe

Wenn man von Berlin nach Wandlitz will, muss man aktuell in Karow von der S-Bahn in den Regionalzug umsteigen – der fährt nur einmal die Stunde. Ab 2023 soll die Stammstrecke der Heidekrautbahn reaktiviert werden. Die Niederbarnimer Eisenbahn soll dann alle halbe Stunde zwischen Berlin-Gesundbrunnen und Klosterfelde fahren. "Das brauche ich nicht unbedingt", sagt Sarah.

"Also ich bin ja rausgezogen, weil hier nicht so viele Leute sind." Die beiden sind in Berlin gemeldet. Weder bei der Landtagswahl, noch bei der Bürgermeisterwahl, die in Wandlitz ebenfalls am 1. September ist, können sie deswegen ihre Stimme abgeben. Verfolgen werden sie die Wahlen trotzdem.

Nicht jeder in Wandlitz wird wählen

Taxifahrer Frank Schulze wird auf jeden Fall zur Wahl gehen, aber auf eine Partei will er sich noch nicht festlegen. Von den Leuten, die bei ihm im Auto sitzen, würden sich fast alle für die AfD aussprechen. "Egal ob hier in Brandenburg, in Berlin oder von anderswo."

Sorgen macht ihm das nicht: "Ich bin ja der Auffassung man soll die in die Verantwortung nehmen. Also man muss da keine Angst haben in einer Demokratie." Bei der Europawahl wurde die AfD in Wandlitz mit 20,2 Prozent stärkste Kraft. Bei der Kommunalwahl wurde sie mit 16,8 Prozent zweitstärkste Partei hinter der SPD. Die Sozialdemokraten erhielten auch bei der letzten Landtagswahl in Barnim die Mehrheit.

Einfamilienhäuser im Neubaugebiet Louisenhain mit einem Baukran (Quelle: rbb|24/Maike Gomm)
| Bild: rbb|24/Maike Gomm

An diesem Mittwochvormittag fährt Taxifahrer Schulze vor allem ältere Menschen. Zur Apotheke oder zum Arzt. Herrn Gutglück holt er im Krankenhaus in Bernau ab. Der 86.Jährige hat Probleme mit den Augen und kann selbst kein Auto mehr fahren. Er lebt im Ortsteil Stolzenhagen, wo der Bus einmal die Stunde kommt. Gutglück wird nicht wählen gehen: "Da müsste ick mir ja wieder ein Taxi nehmen."

*"Stichprobe Brandenburg" ist ein Projekt des 12. Volontärsjahrgangs der Electronic Media School ems in Zusammenarbeit mit rbb|24. Weitere Reportagen aus den Landkreisen finden Sie hier.

Beitrag von Maike Gomm

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8 Kommentare

  1. 8.

    Dilettantisch (2)
    Wenn ein Bauantrag abgelehnt wird, sollte man auch nach den Gründen dafür fragen. Ja, ein Widerspruch ist möglich. Nur werden Bauanträge, auch in Wandlitz nicht ohne Begründung abgelehnt. Und leichtfertig, so meine Erfahrung wird in Wandlitz mit Bauanträgen nicht umgegangen.
    Frau Katrin Bornkessel, Sachgebietsleiterin Bauleitplanung ist eine verantwortungsvolle Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung. Sie bestimmt nicht, wie in Wandlitz gebaut. Dies bestimmen die Gemeindevertreter sowie die Gesetze und Verordnungen. Frau Bornkessel setzt diese dann verantwortungsbewusst um.

  2. 7.

    Dilettantisch
    Vielleicht gut gemeint, aber sehr schlecht gemacht. Immer wird in dem Beitrag von der „Stadt“ Wandlitz berichtet. Wandlitz mit seinen 9 (neun) Ortsteilen ist eine Gemeinde und keine Stadt. 2017 wurde das Wandlitzer Leitbild: Vision für die zukünftige Entwicklung der Gemeinde beschlossen. Darin und auch in den folgenden Beschlüssen und Diskussionen wird übergreifen bestätigt, Wandlitz ist eine Gemeinde mit ländlichem Charakter und so soll es auch bleiben. Bei gründlicher Recherche hätte dies auch in dem Beitrag deutlich werden können und müssen

  3. 6.

    Na dann sollen mal "alle" in Wandlitz AfD wählen, die werden ihnen ganz sicher helfen, LOL
    Schon verrückt mit den Brandenburgern, wollen alles für möglichst umsonst haben, aber hassen selbst die Berliner.
    Gute Idee sowas hat immer Aussicht auf Erfolg... ... nicht...

  4. 5.

    Denken Sie sich bitte mal einige Jahrzehnte in die Zukunft versetzt und stellen Sie sich das heutige Wandlitz an der "Cottbusser Seenplatte" dem heutigen Braunkohlerevier vor. Berlin wird als Metropole eine solche Strahlkraft entfallten, dass ganz Brandenburg boomt. Ich sehe aber noch nicht die vorausschauende Entwicklung der Infrastruktur, mit der jetzt begonnen werden sollte.

  5. 4.

    Nun ja, das ist immer noch mehr als in Berlin.
    Und während Wandlitz von 1990 bis 2018 um 62% wuchs, waren es für Berlin gerade mal rund 10%.
    Berlin ist eigentlich nur noch für Ausländer attraktiv. Wen wundert's.

  6. 3.

    Dilettantisch (3)
    In dem Beitrag heißt es. „Dort wo früher die DDR•Elite wohnte, wollen heute Familien leben“. Hier sollen wohl alte Klischees bedient werden. In Wandlitz lebten nie sogenannte DDR-Eliten. Sie wohnten in einem nahe Wandlitz gelegenen Waldstück, genannt „Städtchen“ oder „Waldsiedlung“, welches schon immer zum Territorium von Bernau gehört.

    Unerwähnt bleibt, dass die Heidekrautbahn (RB27) zu den Ortsteilen von Wandlitz, Schönwalde, Schönerlinde und Basdorf im 30 min Takt fährt. Gewollt ist aktuell diesen Halbstundentakt über Wandlitz bis Klosterfelde zu verstärken und auch den S-Bahnbereich bis Klosterfelde zu erweitern. Dazu soll auch die ehemalige „Stammstrecke“ der Heidekrautbahn dienen und aktiviert werden. Die Wandlitzer/innen, die Gemeindevertreter und die Gemeindeverwaltung setzen sich seit Jahren dafür ein. Nur die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg brauchten viele Jahre, bis 2019, um hier die richtigen Weichenstellungen zu setzen.

  7. 2.

    .. gebaut wird in Wandlitz überall und immer größer, Mehrfamilienhäuser, und die Erschließung hinkt weit hinterher.Gefühlt , weiß keiner wo die Zahlen herkommen, sind tausende Wandlitzer dazugekommen. Auch fährt kein Bus nach Berlin oder Oranienburg und der nach Bernau ziemlich selten. Die Stadt ist ein Durchfahrtsort und ein Ort für Wochenendurlauber und das bringt viel zusätzliche Unruhe. Es ist viel Lebensqualität verloren gegangen weil sich das Umfeld den Anforderungen nicht angepasst hat.

  8. 1.

    Wandlitz ist also zwischen 2017 und 2018 um knapp 1.5% gewachsen und schon an ber Belastungsgrenze? Was wollen die Leute denn da? Negatives Wachstum?

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