SPD bei BerlinTrend stärkste Kraft - Ein Comeback ohne Selbstbeteiligung

Franziska Giffey, Spitzenkandidatin und Landesvorsitzende der SPD Berlin (Bild: dpa/Jens Krick)
Bild: dpa/Jens Krick

Die SPD meldet sich zurück an der Spitze: Nach fünf Jahren ist sie im BerlinTrend von rbb-Abendschau und Berliner Morgenpost erstmals wieder stärkste Kraft. Doch an Spitzenkandidatin Franziska Giffey liegt das nicht. Von Thorsten Gabriel

Einen Monat vor der Abgeordnetenhauswahl scheinen die Karten im Wahlkampf neu gemischt: Die Sozialdemokraten, zuletzt meist an dritter oder sogar vierter Stelle in Umfragen, haben die Spitzenposition zurückerobert. Sechs Prozentpunkte legen sie im jüngsten BerlinTrend von infratest dimap zu und kommen nun auf 23 Prozent. Die Grünen dagegen stürzen regelrecht ab: Fünf Punkte geht es runter, auf 17 Prozent – Platz drei.

Dass die Grünen vom Siegertreppchen fallen könnten, zeichnete sich bereits beim BerlinTrend vor zwei Monaten ab. Schon im Juni hatten sie mit 22 Prozent einen empfindlichen Dämpfer hingenommen, sich aber noch oben halten können, knapp vor der CDU. Eher überraschend wirkt dagegen der Aufstieg der SPD. Sie hatte zuletzt im September zugelegt, konnte sich danach aber nicht an CDU und Grünen vorbeidrängeln – bis jetzt.

Grafik: Berlin Trend, die Sonntagsfrage zur Abgeordnetenhaus (Bild: rbb24/Sophie Bernert)
Bild: rbb24/Sophia Bernert

Giffey verliert an Zustimmung

Dass die Sozialdemokratie jetzt ein Comeback erlebt, ist allerdings nicht Verdienst der Berliner Spitzenkandidatin Franziska Giffey. Denn deren Umfragewerte rauschen in der gleichen Umfrage stärker nach unten als es für die SPD nach oben geht.

Zwar führt sie das Ranking der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten weiterhin mit Abstand an, aber niemand muss mehr Verluste einstecken als sie. 37 Prozent der Befragten geben an mit der Sozialdemokratin "zufrieden" oder "sehr zufrieden" zu sein – das ist ein Minus von acht Prozentpunkten.

Zufriedener sind die Befragten lediglich mit Giffeys Parteikollegen, dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Da er sich nicht erneut um das Spitzenamt bewirbt, läuft er quasi außer Konkurrenz.

Über die Gründe für Giffeys absinken kann nur spekuliert werden. Zwar gab es zuletzt wieder Negativschlagzeilen für die frühere Bundesfamilienministerin, weil nun auch in ihrer Masterarbeit Plagiate entdeckt worden waren – zuvor allerdings hatte die Affäre um ihre Doktorarbeit auch keine messbaren Auswirkungen auf ihre Umfragewerte gehabt.

Grafik: Berlin Trend, die Politikerzufriedenheit (Bild: rbb24/Sophia Bernert)

Der Fokus liegt auf Scholz, Laschet und Baerbock

Naheliegend ist wohl eher, dass weiterhin der Bundestrend voll auf den Berliner Wahlkampf durchschlägt. Denn auch im Bundestagswahlkampf erleben die Sozialdemokraten derzeit einen Höhenflug und die Grünen haben zu kämpfen. Das wiederum bedeutet aber auch: Ganz gleich, wie sich die Parteien im Abgeordnetenhauswahlkampf abstrampeln – am Ende zählt fast nur, wie eine Etage höher performt wird. Der Fokus der Wahlberechtigten liegt auf Scholz, Laschet und Baerbock, nicht auf Giffey, Wegner und Jarasch.

Was auch daran liegt, dass insbesondere CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner und Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch nicht mal der Hälfte der Berlinerinnen und Berliner bekannt sind: Nur 43 Prozent der Befragten sagen, dass sie Kai Wegner kennen und gerade mal 34 Prozent Bettina Jarasch. Sogar FDP-Frontmann Sebastian Czaja hat mit 52 Prozent einen höheren Bekanntheitsgrad.

Die Zufriedenheit mit dem Spitzenpersonal hält sich in Grenzen

Auffällig ist auch: Fast alle Spitzenkräfte in diesem Abgeordnetenhauswahlkampf liegen deutlich unter den Umfragewerten, die ihre Vorgängerinnen und Vorgänger in der Spitzenposition verbuchen konnten. Klaus Wowereit kam 2006 noch auf satte 69 Prozent Zuspruch. Selbst Michael Müller brachte es vor fünf Jahren auf immerhin 53 Prozent an Befragten, die mit ihm "zufrieden" oder "sehr zufrieden" waren. Von diesen Werten kann Franziska Giffey mit ihren 37 Prozent nur träumen – und das, obwohl es ihr als Bundesfamilienministerin wahrlich nicht an medialer Aufmerksamkeit mangelte.

Noch düsterer sieht es für Kai Wegner und Bettina Jarasch aus. Lagen deren Vorgänger – Frank Henkel für die CDU und Ramona Pop für die Grünen – vor fünf Jahren noch bei Zufriedenheitswerten von jeweils 31 Prozent, dümpeln sie jetzt bei 16 (Wegner) und elf Prozent (Jarasch). Wegner liegt mit seinem Wert sogar noch unter dem des glücklosen Friedbert Pflüger, der die CDU im Wahlkampf 2006 vertrat. Er brachte es seinerzeit gegen Klaus Wowereit auf 18 Prozent. Den gleichen Wert erreichte damals auch Franziska Eichstädt-Bohlig als grüne Spitzenkandidatin.

Nur einer kann zulegen

Einzig der Spitzenkandidat der Linken, Kultursenator Klaus Lederer, verhält sich gegen diesen Abwärtstrend. Er tritt zum zweiten Mal in Folge in dieser Position an und kann seinen Zufriedenheitswert gegenüber 2016 verbessern, von 28 auf 31 Prozent.

Mit deutlichem Abstand zu allen anderen Kandidatinnen und Kandidaten rangiert die Spitzenkandidatin der AfD, Parteichefin Kristin Brinker. Nur sechs Prozent gaben an, mit ihr "zufrieden" oder "sehr zufrieden" zu sein. Allerdings ist sie auch nur 18 Prozent der Befragten bekannt.

SPD, Grüne und Linke könnten weitermachen

Bleibt die Frage nach den Machtoptionen: SPD, Grüne und Linke könnten weiterregieren – nicht als Rot-Rot-Grün, sondern als Rot-Grün-Rot. SPD-Spitzenkandidatin Giffey sagt man allerdings seit geraumer Zeit nach, dass sie ein Bündnis mit CDU und FDP bevorzugen würde, die sogenannte "Deutschland"-Koalition. Auch diese Variante hätte nach jetzigem Stand eine Mehrheit. Allerdings müsste sich dafür vor allem die CDU weiter über Wasser halten und nicht vom Bundestrend weiter nach unten gezogen werden, sonst könnte diese Koalitionsoption passé sein.

Überhaupt sind die Machtoptionen für die CDU überschaubar: Entweder mit SPD und FDP oder mit SPD und Grünen wäre für sie theoretisch ein Mitregieren möglich. Ohne die Sozialdemokraten geht für sie nichts. Für ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP reicht es nicht.

Unterm Strich zeigt dieser letzte BerlinTrend vor der Wahl: Es steckt noch viel Dynamik in den Zahlen. In welche Richtung es am Wahltag gehen könnte, ist für alle noch längst nicht ausgemacht. Die entscheidenden Weichen werden allerdings nicht auf der landespolitischen Bühne gestellt, sondern auf Bundesebene.

Beitrag von Thorsten Gabriel

28 Kommentare

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  1. 28.

    "Die SPD sollte ihr folgen." Wohin denn? In den Abgrund? Oder ins Pinocchioland?

    Das erste schaffen die Seeheimer garantiert noch und das zweite sollte man lieber Maut-Andy überlassen, das kann der besser. :-P

  2. 27.

    Frau Giffey ist intelligent, willensstark, durchsetzungsfähig, zukunftsorientiert, clever, unmissverständlich. Und das ist gut so für Berlin. Die SPD sollte ihr folgen.

  3. 26.

    Durch Fr.Giffey ist die SPD für mich unwählbar , es sollte schon jemand ehrliches sein der auch als Vorbild für die
    Jugend dienen könnte .

  4. 24.

    Hmm... also dass Michael Müller der beliebteste Politiker sein soll, zeugt von einem insgesamt seeeehr tiegen Niveau der Berliner Spitzenpolitiker... Die Reihung wird schon stimmen, aber die absoluten Prozente sind doch ein Hohn...

  5. 23.

    Bei denen, die rechnen können, konnte sie wahrscheinlich punkten.

  6. 22.

    Es ist schon erstaunlich was alle Parteien jetzt so vor den Walen alles machen wollen . Hatte ich die letzten Jahre was verpasst ? Welche Parteien waren denn bitte an der Macht und da hätte man das nicht alles machen können auf was wurde denn bitte gewartet ???? ?
    Zu Frau G. ...und das Betrugsverfahren gegen ihren Ehemann lässt an ihrer Glaubwürdigkeit ja mehr als zweifeln !
    Da brauch sie mir nicht erzählen das sie davon nichts gewusst hat .
    Einfach nur noch peinlich diese Parteien .

  7. 21.

    Die Masterarbeit kopiert, die Doktorarbeit kopiert, da fragt man sich doch ehrlich, was Giffey politisch kopieren und wem sie als Vorbild dienen will.
    Ich hoffe, die Berliner Wähler besinnen sich und lassen die Umfrage nur eine Momenterscheinung lassen.

  8. 20.

    Heute! "Der Wahl-O-Mat zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin 2021 und zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2021 geht am 26. August online." findet man auf der Homepage https://www.wahl-o-mat.de/

  9. 19.

    Ich werde niemals eine Partei wählen, die die Unwahrheit sagt (CDU) oder die gesunde Menschen stigmatisieren und ausgrenzen will (SPD).

  10. 18.

    Ist ja wie im Märchen!
    Wenn Hase und Igel stolpern, dann kann auch die Schnecke ein Wettrennen gewinnen...

  11. 17.

    Man sollte lieber mehr seriöse Nachrichtensender wie den RBB schauen anstatt nur Netflix.

  12. 15.

    Glaubt Giffey, dass ihre "rote Linie" für weitere Mietsteigerungen das ist, was die Berliner im Wahlkampf gerne hören wollten?!

  13. 14.

    Am 2.9 denke ich spätestens 4.9.

    Was sagt die Giffey zur Legalisierung von Cannabis eigentlich?

  14. 13.

    Es ist dieses mal die Auswahl zwischen Sodom und Gomera!"
    Dann nehm´ick Gomera.
    Soll sehr schön dort sein.

  15. 12.

    Es ist dieses mal die Auswahl zwischen Sodom und Gomera!

  16. 11.

    Es ist verflixt dieses Jahr, Partei und Spitzenkandidaten passen für mich nicht zusammen, für die Bundeswahl genauso wie für Berlin. Ich muß noch viel beobachten …
    Weiß eigentlich jemand, wann der Wahl-O-Mat „scharf geschaltet“ wird?

  17. 10.

    Die Frau noch nie persönlich getroffen, aber auf Wahlplakaten / Spots wirkt sie auf mich unecht. Wie meinte letztens jemand: wie in den Filmen, in denen eine Familie in eine suburban zieht, alle supermegafreundlich sind, und dann stellt sich heraus, dass es sich um eine Sekte oder Außerirdische handelt.

    Nix für ungut; nur mein Eindruck.

  18. 9.

    Womöglich honorieren die Bürger dieser Stadt Giffeys vor kurzem formulierte "rote Linie" in Bezug auf Enteignung von Wohnungsfirmen.
    Womöglich wollen weit weniger Bürger Berlins Anarchie?

    RRG hatte ja genug Zeit, positive Veränderungen herbeizuführen. Die Bilanz der Koalition ist sehr durchwachsen.
    Warum kein Wechsel probieren? Ich bin für einen Wechsel!


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