Interview | Kommunikationspsychologe Rothmund - Sprache im Wahlkampf - Wer schreit, wird auch gehört

Symbolbild: Journalisten und TV-Kameraleute warten im April 2021 auf einen Politiker. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
Video: Abendschau | 17.05.2021 | Sabrina Wendling | Bild: dpa/Michael Kappeler

Die jüngsten Parlamentsdebatten über die Corona-Politik und den durchgefallenen Mietendeckel geben einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate: Der Wahlkampf hat begonnen. Fragen dazu an den Jenaer Kommunikationspsychologen Tobias Rothmund.

rbb: Herr Rothmund, eigentlich finden wir Menschen es ja ganz toll, wenn man freundlich und höflich mit uns umgeht. Nur: Das Verhalten, das wir im Wahlkampf erleben, ist ein völlig anderes. Wieso verhalten sich Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf eher ruppig und rüpelhaft?

Tobias Rothmund: Na, zunächst ist schon im Wort “Wahlkampf“ enthalten, dass es um einen Kampf geht. Es geht um einen Wettbewerb, um politische Macht. Politiker wollen Aufmerksamkeit gewinnen. Wir leben in einer Welt, in der sehr viele Informationen verfügbar sind. Deshalb wird es immer schwieriger, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und der laute, der dramatisierende Ton dringt häufiger durch - das ist allgemein so, aber natürlich auch im Wahlkampf.

Außerdem geht es darum, Vertrauenswürdigkeit zu signalisieren. Es spielt also eine wichtige Rolle, welcher Partei und welchen Politikerinnen und Politikern eher zugetraut wird, die Zukunft zu gestalten im Sinne der Bürgerinnen. Das wird auch sehr stark vor dem Hintergrund von moralischen Kategorien verhandelt, indem man zum Beispiel Empörung signalisiert über bestimmte Themen oder Verhaltensweisen. Auch da steckt der Versuch drin, Vertrauenswürdigkeit zu signalisieren.

Apropos Vertrauenswürdigkeit: Gerade nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Mietendeckel ging es ja hoch her im Berliner Abgeordnetenhaus. Da haben sich die Fraktionen von Regierung und Opposition jeweils die Vertrauenswürdigkeit abgesprochen. Ist das ein besonders kluger Schachzug, den Wahlkampf an ein so emotional aufgeladenes Thema anzudocken?

Tobias Rothmund: Ja, sicherlich. Bei der Vertrauenswürdigkeit geht es darum zu definieren, wer kompetent genug ist, die Zukunft zu gestalten. Wenn dann so eine Entscheidung wie der Mietendeckel von Gerichten zurückgenommen wird, gibt es natürlich den Versuch, den anderen als inkompetent darzustellen. Auf der anderen Seite geht es um Integrität. Weil: Vertrauenswürdigkeit spielt sich auch vor dem Hintergrund von moralischer Integrität ab. Es geht also darum, Kompetenz und Integrität möglichst zu verbinden.

Sie haben anfangs gesagt, der laute, dramatisierende Ton dringt eher durch zu Wählerinnen und Wählern. Aber ich verstehe noch nicht ganz aus Wählersicht betrachtet, was die Menschen dazu bringt, dem Lautesten zu folgen und vielleicht auch ihre Stimme zu geben?

Menschen agieren in vielen Situationen sehr stark aus dem Bauch, aus Emotionen heraus. Und das ist auch beim Thema Politik so. Und wir sehen es in den letzten Jahren zum Teil verstärkt, weil eben gerade in den sozialen Medien und überhaupt in den digitalen Medien die Informationen immer dichter und schneller werden. Das kann man dann zum Teil gar nicht mehr rational verarbeiten. Und da passiert dann sehr vieles impulsiv.

Es hängt natürlich auch von den Wählerinnen und Wählern ab, auf die die betreffende Partei abzielt. Es gibt Unterschiede bei Wählerinnen zum Beispiel, wie sehr sie sich überhaupt für Politik interessieren. Und wenn ich zum Beispiel desinteressierte Wählerinnen gewinnen möchte, dann muss ich da an der Stelle noch mehr zu ihnen durchdringen. Und das gelingt manchmal leichter bei Themen, wo sehr starke Positionen gewählt werden. Und das ist sicherlich auch eine Strategie und ein Grund, warum Politiker gerade zu Wahlkampfzeiten eher zu diesen scharfen Tönen neigen.

Ok, also mit den polarisierenden Tönen erreicht man politisch eher desinteressierte Wählerinnen und Wähler. Aber was ist mit politisch interessierten Menschen, der jüngeren Generation zum Beispiel? Oder mit Menschen, die tatsächlich eher rational entscheiden und sogar mal durch ein Wahlprogramm blättern?

Das stimmt, wir sehen gerade bei jüngeren Menschen auch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Politik, insbesondere bei "Fridays for Future", wo es wirklich um Argumente geht und man sich auf Basis von kritischer Reflexion der Politik nähert. Es wäre wünschenswert, dass auch der Wahlkampf ein Stück weit rationaler geführt wird. Dass es mehr um Perspektiven, Argumente, Ziele geht. Auch wenn dieser rationale Diskurs dann nicht von allen mitgetragen wird. Ich bin nicht der Meinung, dass sich das von heute auf morgen ändert. Aber ich denke, es wäre eine wichtige Zielperspektive.

Herr Rothmund, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sabrina Wendling / Abendschau. Sie können es sich anhören - per Klick auf den Abspielknopf im Titelbild.

Sendung: Abendschau, 17.05.2021, 19:30 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Musste sich vor einiger Zeit so'n Aggro-Papa von seinem Spross auf einem Wochenmarkt anhören:
    "Wer schreit, hat verloren!"
    Der Vater hatte echt dumm aus der Wäsche geschaut - das Spielzug gabs nicht - dafür ein Versöhnungseis. Da Bild war einfach super.
    Darum: Politiker auf die Wochenmärkte!

  2. 5.

    Bei FFF geht es um Argumente.....ich kringel mich gerade...

  3. 4.

    Etwas zu kurz kommt hier der geschätzte demokratische "Streit". Der liberale Parteitag am WE hat gezeigt, dass sich die "Weltverbesserer" warm anziehen können. Sie liegen gar nicht so weit auseinander (in manchen Ziel), der Weg dahin ist aber fundamental anders: entweder Schaffen oder verbieten/umverteilen. Sozialer ist eigentlich die Schaffensseite, was auf den zweiten Blick erkannt wird.

  4. 3.

    Es ist leider nicht nur im Wahlkampf so das versucht wird den anderen einfach "niederzubrüllen". Wenn man sich die sogenannten Debatten auch im Bundestag anschaut, erlebt das genauso. Ich habe noch gelernt das es unhöflich ist jemanden zu unterbrechen wenn er spricht und auch Gegen-Meinungen auszuhalten. Aber mittlerweile ist es bei allen Parteien zum Standard geworden. Das sie damit der Jugend ein schlechtes Vorbild geben ist den Herrschaften wohl nicht einmal bewusst. Aber es ist ja mittlerweile überall so, leider.

  5. 2.

    So groß die Versuchung für Viele sein mag, in das allgemein Aufgeheizte einzustimmen, gelöst wird dadurch etwas im Geringsten. Wer jemals etwas bewegen will, sollte jetzt etwas mehr als vier Monate mit seinen Ideen nicht gerade hausieren gehen.

    Die jetzt zu Ende gehende Legislaturperiode hat genügend offenbart, wer welche Position bezieht - bspw. in der Mietenpolitik, in der Verkehrspolitik, in der Stadtgestaltung -, als dass das noch einmal fokussiert und verkürzt dargestellt werden müsste.

    Nicht der Berliner Mietendeckel ist gerichtlich kassiert worden, nur eine Aussage darüber ist getroffen worden, dass Berlin das nicht alleine entscheiden kann. Damit ist die Bundespolitik zuständig. Wer dies zu verdrehen versucht, betreibt genau solche Verkürzung. Straße ist weit mehr als bloß Fahrbahn. Zu ihr gehören auch die Fußwege, vielerorts Spielflächen und selbstverständlich Straßengrün. Damit sind auch die gefahrenen Geschwindigkeiten höchst unterschiedlich.

  6. 1.

    Auf die wirklichen Fragen erhält mensch hingegen ja eher keine Antwort. Zum Beispiel auf die Frage, wer den elendigen Bildungsförderalismus beseitigen möchte. Und das Gesundheitssystem und auch Bildungssystem strukturell wieder etwas ordnen und auf die Beine stellen mag.

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