Interview | infratest dimap - "Bei vielen Wählern dominieren die bundespolitischen Themen"

Das Foto zeigt einen Fragebogen von Forschern an Wahltagen, aufgenommen am 14.06.2017 in Berlin bei infratest dimap. (Quelle: dpa/Philipp Brandtstädter)
Bild: dpa/Philipp Brandtstädter

Wenn die Wahllokale am Sonntag um 18 Uhr schließen, liegt bereits die erste Prognose vor. Stefan Merz von infratest dimap erklärt, weshalb die Auszählung diesmal länger dauern könnte - und welchen Einfluss die Bundes- auf die Landespolitik hat.

rbb|24: Herr Merz, Sie beobachten als Wahlforscher die politische Stimmung. Die hat sich allein in den letzten Monaten gleich mehrfach gewandelt. Macht das Ihren Job schwerer? Ist die Wahl am Sonntag unberechenbarer als vorherige?

Stefan Merz: Auch in früheren Bundestagswahlkämpfen gab es im Laufe des Wahlkampfes viel Bewegung. Ungewöhnlich an diesem Wahlkampf ist, dass drei und nicht nur zwei Parteien Aussicht auf das Kanzleramt haben. Aber das erschwert nicht die Messung der politischen Stimmung durch wissenschaftlich fundierte Umfrageforschung.

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Stefan Merz ist Direktor Wahlen von infratest dimapBild: Infratest dimap/David Ausserhofer

Der Anteil der Briefwähler wird so hoch sein wie noch nie. Wie können Sie die bei Ihren Prognosen und Hochrechnungen berücksichtigen, wenn Sie die gar nicht vor den Wahllokalen befragen können?

Es gab auch in der Vergangenheit schon eine ganze Reihe an Wahlen mit sehr hohen Briefwahlanteilen. Unsere 18-Uhr-Prognose berücksichtigt immer mögliche Unterschiede zwischen Brief- und Urnenwählern.

Wie machen Sie das?

Dazu greifen wir auf Informationen aus früheren Wahlen und aus Vorwahlerhebungen zurück. Zudem ermitteln wir im Laufe des Wahlsonntags, wie viele Wahlberechtigte von der Briefwahl Gebrauch gemacht haben und wie sich die Briefwähler im Land verteilen. Diese Informationen fließen in unsere Prognosemodelle ein. Für die Hochrechnungen schicken wir zudem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von uns in ausgewählte Briefwahlbezirke, damit sie uns unverzüglich die Auszählungsergebnisse melden. Diese fließen dann in unsere Hochrechnungen mit ein.

Ein Grund für die vielen Briefwähler sind unter anderem die Corona-Bedingungen: Wird sich Corona auch auf andere Weise auf den Wahltag und -abend auswirken?

Die Erfahrung bei den Wahlen im Frühjahr legen nahe, dass sich wegen der Corona-Pandemie der Einlauf der Ergebnisse gegenüber früheren Wahlen ein wenig verzögern wird, weil die überall geltenden Hygiene- und Abstandsregeln alle Prozesse etwas verlangsamen dürften. Zusätzlich kann auch der steigende Briefwahlanteil zu Verzögerungen bei der Auszählung führen.

Allerdings versuchen die meisten Kommunen und Wahlbehörden auf das größere Interesse an der Briefwahl mit einer Erhöhung der Anzahl an Briefwahlbezirken in ihrer Gemeinde zu reagieren, so dass sich die höhere Zahl an Briefwähler auf mehr Wahlbezirke verteilt. Die einzelnen Briefwahlbezirke werden daher nicht zwingend auch mehr Wähler enthalten und vielerorts keine längere Auszählungsdauer erforderlich machen.

In Berlin werden die Wählerinnen und Wähler gleich sechs Kreuze bei drei Wahlen und einem Volksentscheid setzen. Wie beeinflusst die gleichzeitige Bundestagswahl die Entscheidungen auf Landes- und Bezirksebene?

Wenn Wahlen am gleichen Tag mit der Bundestagswahl stattfinden, dominieren bei vielen Wählern die bundespolitischen Themen und Fragen den Entscheidungsprozess. Die bundespolitische Stimmung wirkt sich dann in der Regel deutlich stärker auf die Ergebnisse auf der Landes- oder kommunalen Ebene aus, als dies bei einem getrennten Wahltermin der Fall wäre.

Fast die ganze Legislaturperiode lagen die Grünen, teilweise auch die CDU, in den Berliner Meinungsumfragen in Führung. Auf den letzten Metern hat die SPD sich scheinbar in den Zahlen abgesetzt. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die wichtigste Erklärung hierfür ist sicherlich nicht in der Berliner Landespolitik zu suchen sondern im Bundestrend. Die bundespolitische Stimmung hat sich in den letzten Monaten für CDU und Grüne deutlich verschlechtert, für die SPD dagegen deutlich verbessert. Dies wirkt sich auch auf die Wahlabsichten zur Abgeordnetenhauswahl aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte John Hennig für rbb|24.

23 Kommentare

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  1. 23.

    Ökodiktat und Enteignung, De-Industrialisierung und Umbau der Grundgesetzes von einem Bürgerschutz-Instrument zu einem Bürgerpflichten-Katalog stehen auf der Agenda. Unter einer angeblich drohenden, globalen Klimakatastrophe, die Deutschland abwenden muss, werden unter R2G Zwangsquoten der Windrad-Lobby (Solarstrom-Lobbyistin Baerbock fordert zwei Prozent der Fläche der Bundesrepublik) und Zwangsabschaltung der fossilen Energieträger forciert. Verbrennermotoren sollen auf den Müll. Um nicht vorzeitig die Masse der Bürger gegen sich aufzubringen, wird offiziell nur ein frühes Ende des Neuwagenverkaufs angestrebt. Doch die Ökofaschisten werden alternativlose Klimagründe finden, um den Bürgern ihre Mobilität zu nehmen. Dabei nicht zu übersehen: Die Rückstufung individueller Mobilität auf Fahrrad und öffentliche Bahn stellt sicher, dass Massenproteste frühzeitig unterbunden werden können, ohne direkt die Hülle des Grundgesetzes zu verletzen.

  2. 22.

    Das Thema der Bekämpfung des Rechtsextremismus hätte stärker in den Fokus kommen müssen. Das ist eine Gefahr für uns alle.

  3. 21.

    Wie so viele drängende Probleme weder Themen im Wahlkampf waren noch es dafür Konzepte der Parteien gibt.
    Es werden ja eh immer die gleichen Fragen gestellt:
    Ob die SPD mit der Linken macht?
    Ob Habeck oder Söder bessere Kandidaten gewesen wären?
    Wann Laschet lacht oder Giffeys Doktortitel.
    Wie Schulden, Renten, Energiewende und die ganzen Ideologiekosten finanziert werden sollen, erfährt kein Mensch.
    Selbst zu dem Riesen-Thema Corona wurden die Politiker von den Medien nicht mehr sonderlich befragt.
    Hier bin ich auch leider maßlos enttäuscht von den Journalistinnen + Journalisten.

  4. 20.

    In Deutschland ist es in Mode gekommen, die Lebensverhältnisse nicht mehr mit denen von Sozialen Demokratien wie Österreich oder Dänemark zu vergleichen - sondern mit Entwicklungsländern oder Diktaturen.
    Damit selbst der Ärmste Rentner oder Niedriglöhner immer jederzeit weiß, dass es noch schlimmer kommen kann.
    Kein Kanzler vor Merkel wurde medial so unterstützt wie sie.
    Kinderarmut, Pflegenotstand, Wohnungsnot in dem angeblich so reichen + innovativen Deutschland.
    Dazu fehlendes schnelles Internet, Rekord-Schulden, marode Schulen usw.

  5. 19.

    Der RBB ist ja auch ein Lokalsender. Für Bundesthemen gibt es zum Beispiel die Tagesschau.

  6. 18.

    Die Kosten für die Energiewende werden nicht nur allein die Preise sein.
    Die gestiegenen Preise sind ja zudem auch ein Effekt durch Mangel, weil wir mit Export von "noch schmutzigerer" Energie aus dem Ausland kompensieren müssen.
    Je höher die Preise steigen desto mehr ist dies ein Indiz für eine drohende Störung der Versorgunssicherheit.
    Deutschland macht sich durch diese Energie-Ideologie selbst kaputt.

  7. 17.

    Ja wenn man Themen, wie Renten oder Klimawandel, die mehr als eine Wahlperiode in der Zukunft liegen komplett ausblendet, dann steht es um Deutschland nicht so schlecht.

  8. 16.

    Einen unkonventionellen Blick auf die Merkel-Tätigkeit sehen Sie. In der FAZ gibts gerade einen längeren Beitrag zum Thema. Dort wird Merkel als " die am meisten überschätzte Führungsfigur unserer Zeit" bezeichnet. Es herrsche das Chaos. Das sei das Merkel-Vermächtnis.

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/grossbritannien-vor-bundestagswahl-abrechnung-mit-angela-merkel-17553683.html

  9. 15.

    Ich würde eher von einer Verzweifelungsstimmung sprechen. Es ist noch nicht so lange her, da gab es "100 % Schulz", Plötzlich war der weg vom Fenster, de Hype, unterstützt von den Medien, war schnell vorbei.
    Den Genossen Scholz wollten unlängst die eigenen Mitglieder nicht. Bekanntlich wurden zwei bis dato auf Bundesebene völlig unbekannte Leute Chefs der SPD, und Scholz, der auch kandidierte, wurde nicht gewählt. Seine Arbeitsergebnisse als Hamburger Bürgermeister führten zu seinem Abgang in Hamburg. Eine Notversorgung mit Hilfe des schwachen Brandenburger MPs Woidke stand an.
    Scholz wurde plötzlich der große Erlöser, weil der CDU Kandidat in die Tiefe rauschte, als Merkel-Anhänger ist er bei vielen, die einen Neuanfang wollten, nicht glaubhaft. Und von der Grünen Völkerrechtlerin will ich mal nicht reden. Ihre Kandidatur als "Bundeskanzlerin" markiert einen Tiefpunkt in der Nachkriegsgeschichte.

  10. 14.

    Die Wechselstimmung ist nicht ausgeprägt, weil die Bürger in Krisenzeiten nach Verlässlichkeit und Kontinuität suchen. Und seien Sie doch mal ehrlich. So schlecht steht Deutschland im internationalen Vergleich wahrlich nicht da. Kanzlerin Merkel führt die Beliebtheitsskala noch immer an und bei den politischen Schwergewichten CDU/CSU und SPD haben sich die Zustimmungswerte neu verteilt, aber immerhin kommen beide zusammen an knapp 50%. Die AFD plätschert bei gerade einmal 11%, was auch nicht für eine tiefgreifende Wechselstimmung oder eine Protestwahl spricht. Am Ende werden viele noch unentschlossene Wähler ihre persönliche Lebenssituation zur Entscheidungsgrundlage nehmen - und den meisten Deutschen geht es vergleichsweise gut.

  11. 13.

    Auch beim Thema zu den Kosten der Energiewende "ins Nichts" (Professor Sinn) bemühten sich die drei Kandidaten, das Thema nicht anzusprechen.
    Der Gaspreis ist 2021 auf das Dreifache des Niveaus der vergangenen Jahre geklettert. Kurz vor der Bundestagswahl werden vielen Bürgern plötzlich die sozialen Kosten der Energiewende bewusst. Hatte der Grüne Funktionär Trettin berechnet, die monatlichen Kosten der Energiewende betragen "eine Eiskugel", sind die jährlichen Kosten für eine vierköpfige Familie 355 Euro. Dass Deutschland die höchsten Strompreise (insbesondere durch Subvention von Sonne und Strom-Energie) Europas hat, ist vielen Bürgern schon vorher aufgefallen. Die Skepsis gegen die Klimaziele der EU, CO-2-Abgaben und den Handel mit Emissionszertifikaten wächst in ganz Europa. In Deutschland geht vielen ein Licht auf. Merkels schneller Ausstieg aus Kohle und Atom hat seinen Preis.

  12. 12.

    Das Thema hat laut Umfragen halt null Relevanz, deswegen stimmt die Vermutung von Kalle. INSA gibt der AfD auch nur noch 11 %.

  13. 11.

    Nach dem tödlichen Schuss auf einen Kassierer im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein haben mehrere Oberbürgermeister vor einer zunehmenden Radikalisierung in der Gesellschaft gewarnt. "Wir erleben eine Verrohung, wie wir sie bisher nicht kannten", sagte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung von der SPD dem Berliner "Tagesspiegel". Dies habe 2015 mit der Flüchtlingsdebatte begonnen und sich in der Pandemie fortgesetzt - von Reichsbürgern bis hin zu Corona-Leugnern.

  14. 10.

    Klima war doch überhaupt kein großes Thema, was für Medien konsumieren sie denn? Es ging nur darum, wer mit wem koaliert und wie die neuen Corona-Regeln sind.

  15. 9.

    Und warum hat durch diese Themenlage die SPD Stimmen dazu gewonnen und die AfD und CDU Stimmen verloren?

  16. 7.

    Man muss schon ein politischer Siebenschläfer sein, wenn man das riesige Problem der ungelösten Migrationsfrage ausklammert. Polen errichtet die beiden Abschiebelager für Migranten aus Asien, Arabien und Afrika, die über Weißrussland kommen unweit der deutsch-polnischen Grenze. Die befestigte Grenze zwischen Polen und Weißrussland wird so ausgebaut, wie das die Ungarn zu Nicht-EU-Staaten vor Jahren getan haben Die Ungarn wurden seinerzeit wüst beschimpft, jetzt hört man, wenn die Polen und die baltischen Staaten dasselbe machen, weniger. Die sozialdemokratischen Regierung in Dänemark, Österreich und Polen wollen grundsätzlich keine Migranten aufnehmen.
    Und der "nette" Biden in den USA wehrt sich gegen den Migrantenanstrurm faktisch mit Flugzeug-Puschbacks. Und die EU findet seit Jahren keine gemeinsame Linie, Merkel ist zum Zeitpunkt ihres Dienstendes in der EU isoliert und hinterläßt neben vielen anderen Problemfeldern auch hier ein völlig ungelöstes Problem.

  17. 6.

    Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Ein Nachrichtenportal sieht meiner Meinung anders aus, da sind mir andere Portale viel lieber. Auch das „Klientel“ hier ist nicht so meins, dieses Rumgemotze und Beleidigen trotz Nettiquette erschließt sich mir nicht. Aber vielleicht ist es genau der Stil von Berlin und nicht der des ganzen Landes.

  18. 5.

    Meine Hauptthemen:
    1. Asyl, Grenzschutz
    2. Innere Sicherheit
    3. Corona
    4. Energieversorgung
    5. Steuerverschwendung / Verschuldung
    6. Gender-Ideologie
    7. Politikverdruss
    Aber in den Medien ist Klima das Dauerthema.

  19. 4.

    Schade, dass Ihnen zu Kommentar 1 nichts sonst einfällt als die rechtsextreme Keule auszugraben. Sie könnten gern mal eine andere Platte auflegen, die hat nämlich einen Sprung.

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