Interview | Sinn und Zweck von Wahlplakaten - "Plakate sind keine Steinzeit-Formen, sondern aktuell und notwendig"

Archivbild: Neben herkömmlicher kommerzieller Werbung benutzen politische Parteien Straßenlaternen im Berliner Bezirk Mahrzahn um ihre Wahlplakate für die Bundestagswahl zu platzieren. (Quelle: dpa/W. Kumm)
Audio: Inforadio | 06.08.2021 | Interview mit Tilmann Mayer | Bild: dpa/W. Kumm

Am 26. September sind Bundestagswahl und Berlin-Wahlen. Seit Sonntag hängen in Berlin wieder Wahlplakate. Wie sinnvoll ist diese Form des Wahlkampfes noch im digitalen Zeitalter? Interview mit Politikwissenschaftler Tilman Mayer von der Universität Bonn.

rbb: Herr Mayer, die Forschung ist sich ja eigentlich ziemlich einig, dass selbst die besten Plakatmotive kaum jemanden umstimmen. Können sich die Parteien, das Geld und die Arbeit all diese Plakate aufzuhängen, dann nicht eigentlich sparen?

Tilman Mayer: Ja, man könnte natürlich diesen Eindruck haben. Aber man täuscht sich dabei. Plakate haben insbesondere die Bedeutung, die eigenen Leute zu mobilisieren. Das heißt also, wenn ich für die SPD ansprechbar bin als Wähler, dann kommt es mir darauf an, dass ich möglichst viele von diesen Plakaten sehe. Dazu fühle ich mich mobilisiert, motiviert, und das muss man einfach sehen. Das heißt umgekehrt, wenn diese Plakate nicht da wären, würde ich irritiert sein als SPD-Wähler. Deswegen sind diese Plakate keine Steinzeit-Formen, sondern aktuell und notwendig.

In einer Reportage aus Norddeutschland, die wir in diesen Tagen im Programm hatten, wurde gesagt, dass diese Plakate auch die Funktion haben, allen zu signalisieren: 'Hier guck mal, es steht eine Bundestagswahl an, die ist wichtig, beschäftigt euch mal damit.' Wird das in der Politikwissenschaft auch so gesehen?

Ja durchaus. Es gibt in der Wahl-Hochphase eine gewisse Möglichkeit, die Personen, die wählen sollen, mehr zu erreichen, mehr zu motivieren, zu gucken, worauf kommt es eigentlich an? Und dann schaut man sich durchaus diese Plakate an, wenn man durch die Stadt läuft oder auf dem Land fährt. Denn die wiederholen sich ja dadurch, dass man sich selber bewegt. Und das prägt sich dann durchaus ein. Und insofern sind sie durchaus nicht verkehrt, auch im Internetzeitalter.

Zur Person

Tilman Mayer ist Professor für Politische Theorie, Ideen- und Zeitgeschichte am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Er forscht zu politischer Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, in der politischen Kulturforschung und Demoskopie, in der Parteienforschung, in der Demografiepolitik sowie in der vergleichenden Deutschlandforschung.

Zwei Sekunden gucken die Menschen im Durchschnitt auf so ein Plakat hat eine Studie ergeben. Wie viel Inhalt kann man denn da überhaupt transportieren?

Eigentlich kaum Inhalt. Das sind ganz knappe Sprüche, die mitgeteilt werden und von der Auffassungsgabe bekommt man gar nicht mehr mit. Am Steuer sollten wir auch andere Dinge beachten. "Nie gab es mehr zu tun", heißt es bei der FDP oder "Respekt für dich" bei der SPD und so weiter.

Das sind so kurze Formeln, Schlagworte, die eben dann doch motivieren sollen, mal genauer hinzuschauen oder, was aber selten geschieht, in die Wahlprogramme reinzugucken. Das wäre natürlich optimal. Aus politischer Sicht wäre das ein Effekt. Aber die Plakate müssen einfach für sich stehen und Wirkung erzeugen. Diese Leistung erbringen Wahlplakate weltweit und sind nach wie vor einfach unersetzbar.

Man hört aber auch immer wieder viele Menschen, die genervt sind von diesen Plakaten, vor allem auch eben von den kurzen und im wahrsten Sinne des Wortes plakativen Sprüchen. Wenn denn da überhaupt welche drauf sind. Kann das Plakatieren auch das Gegenteil erzeugen, zum Beispiel Verdruss?

Ja, zunächst mal ist bei einem Wahlkampf im wörtlichen Sinne die Auseinandersetzung immer gegeben. Das heißt, man muss auch die Gegner identifizieren und auch dann je nachdem abwehren können. Aber man braucht eben auch Angebote, wo man sagt mit diesem Menschen identifiziere ich mich viel eher als mit den anderen. Deswegen wie gesagt, kommt es darauf an, die eigene Gruppe zu mobilisieren. Wir haben das ja auch erlebt, dass selbst bei radikalen Parteien, wenn die sehr stark plakatieren, dass das durchaus Effekte hat. Insofern sollte man diese Form von Werbung nicht unterschätzen und nicht meinen, die Bevölkerung würden es nicht annehmen. Das ist nicht richtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Tilman Mayer führt Dörthe Nath, Inforadio.

Der Text ist eine redaktionell bearbeitet Version. Das Gespräch können Sie im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 06.08.2021, 11:10 Uhr

84 Kommentare

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  1. 84.

    Was hab ich eben gelesen, "Wer Giffey will wählt SPD". Wie kann man so einen Schwachsinn aufhängen, diese Politikerin hat betrogen und gelogen! Die Plakate helfen mir eher dabei zu entscheiden wen ich nicht wähle.

  2. 83.

    Au weh ... nur keeen VauWeh. Ich bleibe meinem British Elend Oldie treu.

  3. 82.

    Im Zweifelsfall einfach Bleimennige bei Google eingeben und den Versand deines Vertrauens wählen. Der gut sortierte Schrauberladen hat das Zeug auch.

  4. 80.

    Hab grad in einer Zeitung gelesen das ca. 100 000 Plakate plus ca. 102 000 kleinere Bilder mit Kandidaten und Slogans in Berlin angebracht werden. Wie viele sind das dann erst im gesamten Land?
    Das ist das moderne Deutschland im 21. Jahrhundert! :-(

  5. 79.

    Tschja, das kommt wohl da raus, wenn man das Gelesene nicht verstanden hat. Es war wohl zu komplex.
    Darum die Sprüche, simpel, kurz, einfach, die auch dieses Klientel versteht. Hofft man zumindest.
    Ich persönlich brauche diese politische Vermüllung der Stadt nicht.

  6. 77.

    Bleimennige gibts das überhaupt noch? Darf nicht in unsacht gemäße Hände geraten. Nur so zur Anmerkung.

  7. 76.

    Davon mal abgesehen, dass die Plakate nichtssagend sind, würde ich Ordnungsstrafen für gerechtfertigt halten, wenn sie nicht wieder entfernt werden.
    Wie lange verschandelt dieser unnütze Werbekram die Straßen und flattert nach Wochen durch die Gegend.

  8. 75.

    Plakate sollen offenbar wie die Dauerberieselung mit Werbung wirken. Je öfter man sie bemerkt, desto mehr bleibt hängen. Auch Unsinn. Motto „Ohrwurm“. Und natürlich sieht man dann auch mal Visagen der Kandidaten. Extrem penetrant aber wohl immer noch ein Mittel, um vielen die Werbung ins Hirn zu brennen. Ich finde es überflüssig angesichts der digitalen Möglichkeiten. Aber es gibt auch Leute, die freuen sich über Wochenblätter und Reklamezettel im Briefkasten. Bitte weniger, wenn es schon nicht ganz gelassen werden kann.

  9. 72.

    So eine zahnlose und unkritische Interviewführung des RBBs. Selbst wenn die Aussagen von Prof. Mayer stimmen, was man getrost bezweifeln darf, so ist dieser Plakatirrsinn trotzdem mindestens so verzichtbar wie RRG das Autofahren für verzichtbar hält. Auch ohne die Plakate würde eine Wahl eine halbwegs repräsentatives Stimmenverteilung der Bevölkerung in den Parlamenten erzeugen. Wirklich repräsentativ ist die Stimmenverteilung durch Nichtwählertum, 5%-Hürde usw. sowieso nicht.
    Ich kann in keiner Weise verstehen, wie zum Beispiel die Grünen, die umweltbewußtes Verhalten der Bevölkerung geradezu herbei verboteln wollen, hier nicht mal eine wirkliche Vorbildfunktion einnehmen und auf diesen Plakatquatsch verzichten.

  10. 71.

    Heute in "Spandorf", VW T3, Farbe Ökobunt mit Bleimennige farbigen (neudeutsch wohl "Saturnrot") verzierten Radläufen inkl. miserablen Schweißnähten und grüner Schildercrew - Aufkleber am Heck "Dick und Durstig". Einer der Momente, wo ich mein Uralthandy verfluche.

  11. 70.

    Konkretes Beispiel von der LInkspartei: "Beittrag zur Verlangsamung des Klimawandels: Gratis fahren in BUssen und Bahnen" >Für wie doof halten die denn die Bevölkerung? "gratis"-Tickets bedeuten NICHTS ANDERES, als Steuererhöhungen, Vermögensteuer und sowas. Im staatlich sanktionierten Diebstahl sind Kommunisten perfekt trainiert und können den vollends anwenden, wenn die erstmal die absolute Mehrheit erreicht haben. Dann gehts ratzfatz, Demokratie weg, Diktatur her, hat der Unrechtsstaat "ddr" 40 Jahre vorexerxiert.

  12. 69.

    Wenn wir "soooo" digital sind, weshalb wählen wir nicht digital???

  13. 68.

    "Und letztlich interessiert es keinen, wie und woher Sie Ihre Meinungsbildung beziehen."

    Das wäre aber sehr schade für eine Demokratie. Mich bspw. - der ich ja mehr als "keiner" bin - interessiere mich ausgesprochen oft dafür, woher Menschen ihre Meinungsbildung beziehen. Das ist tausendmal besser, als sie im Sinne einer Lagerbildung von vornherein als gegeben anzunehmen. Erst diese "Neugier" in einem Produktiven ist wirklicher Austausch.

  14. 67.

    Bei uns hängt hier seit einigen Tagen ein Plakat; ein Foto einer lächenden Frau. Promoviert ist sie auch . Ich kenne diese Person nicht; jetzt aber ihren Namen und ...dass sie CDU-Mitglied ist. Was die Dame den Betrachtern sagen will weiß ich auch nicht. Nun lese ich hier von Wahlplakaten . "Das beste Persil, das es je gab" war früher schön bunt und man wußte, dass es Werbung ist.

  15. 66.

    Es ist gut, dass das Interview geführt wurde. Da erfährt man mal, womit oder worüber Prof. für ... sich so beschäftigt. Fazit: Kaum Inhalt, der Plakate, und wohl eher der Eigenmotivierung der Anhängerschaft? ??? Wenn ich Herrn Prof. Mayer richtig verstanden habe. Ich bin froh, dass ich mit meiner Ablehnung gegenüber dieser Material- und Geldmittelschlacht, die ja letztlich, dann doch vom Steuerzahler kommen, nicht allein dastehe. Ich würde sagen, gesunder Menschenverstand vs. einer Forschung von Herrn Mayer, .... auf welcher Basis bitte kam er zu seinen Thesen? Parteien mögen Wählern dann wenigstens mehr Beachtung schenken. Im Übrigen schaffen es sehr gute Plakate in die Kunstgalerien. Entschuldigen Sie bitte, dass ich das mal nur nebenbei erwähne. Da es gestern Abend schon tüchtig gegossen hat, schauen heute schon einige Konterfeis recht traurig aus. Kein stadtästhetischer Anblick & auf die Verschwendung von Material, Vermeidung von Müll wurde x-Mal hingewiesen

  16. 65.

    Ja, Einige glauben an den Weihnachtsmann, gar an einen Gott, Andere den Versprechen auf Wahlplakaten.
    Gefährlich wird es aber, beides auf Einen zutrifft.
    Und letztlich interessiert es keinen, wie und woher Sie Ihre Meinungsbildung beziehen.

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