Internes SPD-Papier - Warum Giffey eine Koalition mit der CDU will

Mi 01.03.23 | 19:54 Uhr | Von Angela Ulrich
  148
Archivbild: Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin, und Kai Wegner, Spitzenkandidat der CDU, kommen zu Sondierungsgesprächen. (Quelle: dpa/F. Sommer)
Video: rbb24 | 01.03.2023 | Nachrichten | Bild: dpa/F. Sommer

Franziska Giffey will eine schwarz-rote Koalition - gegen Widerstand in den eigenen Reihen. Warum das so ist, verrät der Abschlussbericht ihres Sondierungsteams, der dem rbb vorliegt: Er ist vor allem eine Abrechnung mit den Grünen. Von Angela Ulrich

  • Berliner SPD zweifelt an Ernsthaftigkeit von Verabredungen mit Grünen
  • sieht Linke wegen "Zerreißprobe" nicht mehr als durchsetzungsfähig an
  • geht von weniger Reibungsverlusten in Bündnis mit der CDU aus

In ihrem Sondierungs-Fazit werfen die SPD-Verhandler den Grünen vor, keine verlässlichen Verhandlungspartner gewesen zu sein. In "nahezu allen politischen Teilbereichen haben die Grünen erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Verabredungsfähigkeit aufkommen lassen", heißt es in dem Papier, das dem ARD-Hauptstadtstudio und dem rbb vorliegt. Das beträfe vor allem Zielzahlen beim Wohnungsbau, genauso wie den Schulneubau oder auch die Fortführung des 29-Euro-Tickets.

Auch mit den Linken seien keine verbindlichen Verhandlungen möglich gewesen. Die Partei stehe vor einer "Zerreißprobe", bilanziert das Sondierungsteam der SPD. Auf Landesebene "bestehen erhebliche Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit verabredeter Positionen in der Breite der Partei."

"Vergesellschaftungsrahmengesetz" soll entstehen

Der CDU stellt die SPD hingegen durchgehend gute Noten aus. Die Sondierungen hätten "zu der Überzeugung geführt, dass die wesentlichen politischen Positionen der SPD sich bei der Kompromissfindung widerspiegeln, und eine positive Prognose zur realistischen Umsetzbarkeit gegeben werden kann". Beim Wohnungsbau wollen SPD und CDU laut Papier gemeinsam das Neubauziel von "durchschnittlich bis zu 20.000 neuen Wohnungen pro Jahr" beibehalten.

Zum Thema Enteignungen werde dem Volksentscheid "im Fall eines entsprechenden Votums der Expertenkommission durch die Entwicklung eines Vergesellschaftungsrahmengesetzes und dem weiteren Ankauf von Wohnungsbeständen für die kommunale Hand Rechnung getragen". Eine Formulierung, die ganz darauf baut, dass die Expertenkommission erwartungsgemäß kein einhelliges Votum abgeben, sondern in ihrem Abschlussbericht auch auf die rechtlichen Risiken verweisen wird.

Damit wäre das Thema mit leichter Hand abgeräumt. Denn natürlich würden mit einer CDU-geführten Regierung wohl unter keinen Umständen die Bestände von Wohnungskonzernen enteignet.

SPD erwartet weniger Reibungsverluste mit der CDU

Auch zu weiteren Themenkomplexen wie "funktionierende Stadt", Innere Sicherheit, Verkehr oder Klimaschutz formuliert die SPD eine Vielzahl an gemeinsamen Zielen mit der CDU. Beispielsweise soll für die "klimaneutrale Stadt früher als 2045" ein "Sondervermögen" eingerichtet werden. Berlin werde auch "deutlich mehr Lehrkräfte ausbilden als bisher", heißt es im Papier.

Die SPD bewertet auch ihre eigene Perspektive in Berlin. Demnach sei "ein echter Neuanfang" in der bisherigen politischen Konstellation mit Grünen und Linken nicht vermittelbar. "Die hohe Anzahl ungelöster koalitionsinterner Konflikte im Verlauf der vergangenen sechs Jahre legt nahe, dass eine Verbesserung der Bilanz in für die SPD Berlin wesentlichen Themenfeldern, etwa beim Bau bezahlbarer Wohnungen oder der Verbesserung von Sicherheit und Sauberkeit, im derzeitigen Bündnis kaum glaubhaft darstellbar ist."

Mit einem Zweierbündnis mit der CDU sieht die SPD hingegen eine "höhere Gestaltungsmacht mit geringeren Reibungsverlusten bei koalitionsinternen Abstimmungen". Dadurch sei eine "verbesserte Profilbildung in einer Koalition mit der CDU mit Blick auf die Wahlen in 2026 möglich".

Beitrag von Angela Ulrich

148 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 148.

    Bitte die Kommentare davor lesen, da ging es um eine Regierung zwischen CDU und AfD. Also mir gehen keine Argumente aus und ich habe auch nichts zu ihren Wahlverhalten gesagt.

  2. 147.

    Den Vergleich mit 2016 mache ich deshalb weil es sich um eine Wiederholungswahl handelt. Zudem glaube ich nicht, dass die Grünen viel mehr als 20% erreichen können. Das Ergebnis mit den 18,4 % ist also für diese Partei mehr als in Ordnung. Und letztlich wurde das Ergebnis von 2021 bestätigt.

  3. 146.

    Frau Giffey hat für die SPD das historisch schlechteste Ergebnis in Berlin eingefahren und hat ihren Wahlkreis verloren, sie ist also abgewählt worden.

  4. 145.

    Was? Frau Giffey wurde abgewählt? Wann? Wo?
    Und warum sollte Frau Giffey niemals Bürgermeisterin werden, ich dachte die SPD hatte bei der Wahl 2021 die meisten Stimmen bekommen und Frau Giffey hatte sich der Kandidatur zur Regierenden Bürgermeisterin gestellt? Also Sachen gibt es.

  5. 144.

    Die Grünen sind NICHT weg, die Grünen machen nun die beste Oppositionsarbeit weit und breit - unter der Voraussetzung, dass die Wiederholungswahl vom Bundesverfassungsgericht für gültig befunden wird - diese Entscheidung ist bisher noch nicht gefallen.

  6. 143.

    Sehr „komische“ Kommentare hier. Sie sagen mir eigentlich nur „Frau Giffey - Sie haben richtig entschieden!“

  7. 142.

    Lieber Eric, zwischenzeitlich waren laut Umfragen die Grünen bei ganz anderen Prozenten, sogar auf vorderstem Platz.
    Ich kann die Zahlen und Umfragen sehr wohl lesen und deuten. Die Akzeptanz ist ganz klar gesunken.
    Ihr Vergleich suggeriert falsches. Die AFD hat zu 2021 1,1 % dazu gewonnen. Ausgang ist 2021 nicht 2016

  8. 141.

    Komischer Artikel. Warum Giffey nun wirklich mit der CDU will, steht gar nicht drin.
    Aber sie sagte ja, dass sie da die "größere Schnittmenge" sieht - nämlich sich selbst. In der SPD ging offensichtlich die Angst um, es könnte entweder zu Schwarz-Grün kommen oder zu einer RGR-Neuauflage, nach der die SPD die nächste Wahl noch krachender verliert. Beides hätte Giffeys Karriere beendet.
    Ich bin gespannt, was die SPD dazu sagen wird. Eine gute Basis für Verhandlungen mit der CDU ist der Zustand der Partei jedenfalls nicht.

  9. 140.

    Frau Giffey schießt sich damit selber ins aus. Ein Pyrrhussieg für die Berliner SPD. Noch immer haben die Verantworlichen in den Reihen der SPD keine Verantwortung für die vermurkste Wahl übernommen. Das Urteil des Berliner Verfassungsgerichthodes zu der Wahlwiederholung ist eine Ohrfeige asuch für Frau Gkiffey.

  10. 139.

    Und nun sind Sie doch einfach mal zuversichtlich, die Grünen werden nach ordentlicher Opposistionsarbeit bestimmt auch irgendwann wieder in der Berliner Regierung sein. Was jetzt passiert entspricht dem Wahlsystem mit anschließender Koalitionsbildung um eine regierungsfähige Mehrheit zu erreichen.

  11. 138.

    @ Ralf S.
    Blankenburg ist dörflich, der Bahnhof etwas abseits, Sie gehen entweder davon aus, dass ein wanderfreudiger Mann unterwegs ist oder sehr unwahrscheinlich, jemand in Bahnhofnähe wohnt. Es gibt aber auch ältere Menschen oder Frauen, diie nachts unterwegs sind. Bis zum Rand von Blankenburg läuft man mehr als 15 min in einsamer Gegend.
    Das ist der große Unterschied zwischen Randbezirken und "Im S-Bahnring" wo gefühlt alle SBahnlinien und UBahnliinien sich treffen.

  12. 137.

    Ersten kandidiert man AUSSCHLIESSLICH für seine Partei.
    Zweitens wenn Giffey nur mit der CDU kann, hätte sie nie Bürgermeisterin Berlins unter RGR werden dürfen.
    Aber wer die Laufbahn von Giffey verfolgt, weiß um was es wirklich geht. Die Fahne nach dem Wind hängen, Hauptsache mitmischen gehört leider auch zur Tradition der SPD.
    Wer so eine Wahlniederlage einfährt, hat einfach nur anderen Parteimitgliedern Platz für neue Konzepte zu machen und sich nicht unter Vortäuschung falscher Tatsachen ins nächste Amt zu hieven.
    Zeigen sie mir einen anständigen Bürgermeister der nach Abwahl einfach weiter einen beliebigen Senatsposten bestreitet. Einen Einzigen!!

  13. 136.

    Als erstes: ich habe die AFD überhaupt nicht erwähnt. Aber wenn die Argjmente ausgehen... Auch verstehe ich das Wahlsystem sehr gut, denn auch nach einer Wiederholungswahl können sich neue Koalitionen bilden. Mehrheiten nach der Wahl hätten RGR; CDU/SPD; CDU/ GRÜNE. Nun kommt eine neue Kalition. Und das ist auch nach einer Wiederholungswahl möglich."Die SPD hat am meisten verloren, warum soll sie weiterhin in einer Regierung mit der CDU beteiligt sein?" Antwort: Weil die SPD mit der CDU eine Mehrheit erreicht. So ist das Wahlsystem. Auch wenn Eric das nicht wahr haben möchte. Und bitte unterlassen Sie in Zukunft irgendwelche Mutmaßungen zu meinem Wahlverhalten. Ich unterstelle Ihnen auch nichts. Immer schön sachlich bleiben.

  14. 135.

    Mit „Linksgrün:innen“ gehört man mit Sicherheit zu den Letzten. In jedem wichtigen Ranking. Das liegt an der unmoralischen Verteil-u. Zuteilhaltung fremden Geldes und fremder Werte. Und diese letzten Plätze können Sie auch nicht wegdiskutieren mit Vorhaltungen gegenüber den etwas Erfolgreicheren...
    Übrigens wirkt die komische Moral auch in andere Bereiche hinein. Das Wegnehmen mit falscher unangemessener Schiedsrichterfunktion ist der Grund.

  15. 134.

    @ Matthias Berg,
    wurde im Wahlkampf klar kommuniziert, dass Frau Giffey sich eine Regierung mit der CDU vorstellen kann.
    Spätestens als Frau Jarasch im Wahlkampf sich als zukünftige Regierende präsentierte und gegen die SPD arbeitete, brauchte das im Prinzip auch nicht mehr gesagt werden.

  16. 133.

    Was auf jeden Fall auffällt, ist die aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft. Sachfragen verkommen eher zu Ideologiefragen. Ein erstes Ergebnis könnte dieser Wahlausgang sein und die vielleicht harte Landung der Grünen in Berlin. Für CDU und SPD sollte es also Ziel sein, fortschrittlich die nächsten Schritte zu gehen und den größten teil der Bevölkerung zu vereinen. Das konnte gelingen. Es ist offensichtlich, dass zumindedtens die Berliner Grünen nicht regierungsfahig sind. Es gab gefühlt zu viel Ignoranz seitens der Grünen gegen wichtige politische Themen. Berlin muss zur Ruhe kommen.

  17. 132.

    Es gibt auch Fahrräder oder E-Trikes.
    Für meinen Mann (Schwerbehindertengrad 100%), ist es ein leichtes mit seinem E-Trike vom Mehringdamm zum Wittenbergplatz zu kommen.
    Ein Problem können allerdings die Aufzüge sein, da passt sein Rad nicht überall rein, so dass er manchmal große Umwege fahren muss, wenn er auf langen Strecken Rad und S-Bahn kombinieren will.

  18. 131.

    Gut durchdacht! Grünen und Linken bringen nur Ärger. Berlin braucht Ordnung.

  19. 130.

    Vor noch nicht einmal 15 Monaten hat ein SPD-Landesparteitag mit 91,5% den Koalitionsvertrag "über die Bildung einer Landesregierung für die Legislaturperiode 2021-2026" beschlossen (zum Vergleich: Frau Giffey war 18 Monate zuvor mit weniger als 60% zur Landesvorsitzenden der SPD gewählt worden).
    Eigentlich besteht dieser Koalitionsvertrag weiter. Die Legislatur wurde durch die "Wiederholungswahl" ja bekanntlich nicht beendet und RGR verfügt noch über eine solide Mehrheit im AGH: Was sollte die drei Parteien also daran hindern, den Vertrag inhaltlich umzusetzen?
    Richtig: Frau Giffey und Herr Saleh, die ja schon 2021 lieber mit der CDU gegangen wären, aber dazu auch noch die FDP benötigt hätten. Die Berliner SPD aber wird diesen Wechsel zur "dunklen Seite der Macht" noch bitter bereuen!

  20. 129.

    Jeder Ihrer Punkte ist eine Verzerrung der Wahrheit unter Auslassung oder Hinzudichtung, kurz: nicht die Wahrheit. Dass Sie damit argumentieren ist Populismus. Dass Sie daran glauben ist unfassbar traurig.

Nächster Artikel