Passanten am U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin (Quelle: imago/Ulli Winkler)
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Wahlanalyse | Besondere Wahlkreise - So haben die außergewöhnlichsten Kieze gewählt

Wo es kaum Ausländer gibt, liegt die CDU vorn. Ledige wählen vor allem linke Parteien. Trotz hoher Kriminalität am Kotti, machen die Law-and-Order-Parteien dort keinen Stich: Die Wahlergebnisse der außergewöhnlichsten Kieze Berlins in der Analyse.

Der Hartzer-Kiez

Rund um den U-Bahnhof Neukölln und die Grenzallee ist der Anteil der unter 65-Jährigen, die Arbeitslosengeld 2 beziehen am höchsten. Mehr als 40 Prozent haben im Wahlkreis Neukölln 3 im Jahr 2014 (jüngste Zahlen) Hartz-IV-Unterstützung erhalten. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2016 haben die Wähler und Wählerinnen hier vor allem für die linken Parteien gestimmt: SPD, Grüne und Linke.

Der "deutsche" Kiez

Wo es kaum Ausländer gibt, liegt die CDU vorn: Nirgends in Berlin gibt es mehr Menschen mit deutschem Pass als im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 5. In Mahlsdorf und rund um die Kaulsdorfer Seen, ganz im Osten der Stadt, sind nur 2,4 Prozent der Bewohner Ausländer. Dort am Stadtrand ist die CDU die stärkste Kraft, gefolgt von der AfD.  

Der alte Kiez

Den höchsten Anteil an über 70-jährigen gibt es im Wahlkreis Treptow-Köpenick 6. Mit 31,1 Prozent ist fast ein Drittel der Bewohner in Rahnsdorf und Friedrichshagen (nördlich des Großen Müggelsees) im besten Alter. Hier im Osten, eroberte die Linken den ersten Platz vor der SPD.

Der Kiez mit Hintergrund

Nirgendwo in Berlin gibt es mehr Deutsche mit Migrationshintergrund als im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 3. Rund um die Oranienstraße und Checkpoint Charlie sind 28,7 Prozent der erwachsenen Deutschen zugewandert oder haben ein Elternteil, das nicht aus Deutschland stammt. Hier können Grüne, SPD und Linke punkten, während CDU und AfD einstellig bleiben. Außerdem ist es auch der Kiez mit dem höchsten Anteil an Deutschen im Schulkindalter: 15,6 Prozent Kinder im Alter zwischen 6 und 18 Jahren ist Berliner Spitzenwert. Zwar dürfen die unter 18-Jährigen das Abgeordnetenhaus nicht wählen (über 16-Jährige dürfen ihre Bezirksvertretung wählen), aber so haben ihre Eltern gewählt:

Der Kiez der Ehelosen

Ledige wählen linke Parteien: Die meisten Unverheirateten gibt es im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 5. Rund um den Boxhagener Platz in Friedrichshain haben 71,1 Prozent der Menschen den Familienstand ledig. Die Unverheirateten wählen zu einem überragenden Anteil linksstehende Parteien: Grüne, Linke und SPD. Ein überraschendes Ergebnis gibt es auf den hinteren Plätzen: Die Spaßpartei "Die Partei" kann hier AfD, Piraten und die FDP hinter sich lassen.

Der Kleinkinder-Kiez

Die höchste Kleinkinderdichte gibt es im Wahlkreis Mitte 6 nördlich des S-Bahnhofs Gesundbrunnen – dort machen Kinder unter sechs Jahre neun Prozent der Bevölkerung aus. Besonders viele Eltern haben hier SPD, Grüne und Linke bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus gewählt. Mitte 6 ist übrigens auch der Wahlkreis mit dem höchsten Ausländeranteil: 40,2 Prozent der Bevölkerung haben hier keinen deutschen Pass.

Der Homo-Kiez

Die meisten eingetragenen Lebenspartnerschaften, oder Homo-Ehen, gibt es im Verhältnis im Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg 1. Rund um den Nollendorfplatz leben 3,1 Prozent der erwachsenen Deutschen in eingetragenen Lebenspartnerschaften. Auch wenn das eine geringe Zahl ist, berlinweit sind drei Prozent der höchste Wert. Die Grünen sind hier die stärkste Partei, vor der SPD.

Rund um den Kotti

Der Kotti hat einen schlechten Ruf: Immer wieder macht der Verkehrsknotenpunkt Kottbusser Tor Schlagzeilen durch Diebstähle, Drogen, Gewalt. Erst Anfang September starb ein Mann nach einem Schusswechsel. Allein 2015 gab es rund um den Kreuzberger U-Bahnhof mehr als 2.000 Diebstahlsdelikte. In Medienberichten beklagten Anwohner lautstark die schlimme Entwicklung, einige Hausverwaltungen lassen ihre Wohnhäuser am Kotti mittlerweile durch einen privaten Wachdienst schützen. Im April war der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sogar veranlasst klarzustellen, dass der Kotti keine "No-Go-Area" sei. Trotz der Probleme konnten die Law-and-Order-Parteien kaum punkten: Grüne, Linke und SPD liegen in den angrenzenden Wahlbezirken voran. Die CDU kam gerade auf acht Prozent, die AfD wurde von vier Prozent der 2200 Wählern und Wählerinnen gewählt.

Der Nichtwähler-Kiez

Berlin-weit ist die Wahlbeteiligung 2016 auf 66,9 Prozent gestiegen. Doch im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 1 haben gerade einmal 50,7 Prozent der Wählerinnen und Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Damit ist der Kiez am nordöstlichen Standrand zwischen Seelgrabenpark und S-Bahnhof Ahrensfelde trauriger Spitzenreiter. Die, die dennoch zur Wahl gegangen sind, haben vor allem die AfD gewählt. Auf den Plätzen folgen Linke, SPD und CDU - Grüne und FDP sind hier nur Kleinstparteien.