Ein AFD-Wahlplakat mit der Aufschrift: "Bitte Ihre Unterstützerunterschrift für Direktmandat und BVV!" (Quelle: rbb/Tina Friedrich)

Reportage | AfD Berlin im Wahlkampf - Von Wählern und Sammlern

15 Prozent der Wähler in Berlin würden der AfD ihre Stimme geben - laut aktuellem BerlinTREND. Aber noch ist nicht sicher, ob die Partei überhaupt antreten darf. Bis Mitte Juli muss die AfD noch Unterschriften sammeln, und dafür gehen die Kandidaten jetzt auf die Straße. Dabei geraten sie auch schon mal mit Passanten aneinander. Von Tina Friedrich

Nazila Karimy ist den Tränen nahe. "Ihr seid Rassisten! Wieso habt Ihr nichts aus der Geschichte gelernt?! Lest die Geschichte nach!" Sie steht atemlos vor drei AfD-Mitgliedern, die gerade dabei sind, in der Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße einen Wahlkampf-Stand aufzubauen. Einer von ihnen versucht sie zu beruhigen. "Aber wir haben doch die Geschichte gelesen..." Doch Nazila lässt sich nicht beruhigen. "Das verstehe ich nicht! Wenn Ihr die Geschichte kennt, wie könnt Ihr dann immer noch hier stehen?!"

Mehrere Passanten bleiben stehen, mischen sich in das Gespräch ein. Es wird hitzig, die Vorwürfe lauter, es geht um die Ansichten der AfD zur Flüchtlingspolitik. Kaum jemand beachtet den kleinen Unterschriftenstand, den einige Helfer nun fertig aufgebaut haben. Eine AfD-Fahne flattert im Wind.

Berliner AfD-Kandidat Andreas Wild (Quelle: rbb/Tina Friedrich)
Andreas Wild

"Nein! Die wollen nur Sozialhilfe"

Auch Andreas Wild ist gekommen. Eigentlich kandidiert er in Steglitz-Zehlendorf, aber heute unterstützt er die Parteikollegen beim Unterschriftensammeln. Denn jeder Direktkandidat braucht 45 Unterstützerunterschriften. Für die Wahlen zu den Bezirksverordnetenversammlungen müssen es 185 sein, für die Landesliste müssen insgesamt 2.200 Menschen unterschreiben – das gilt für alle Parteien, die bisher nicht im Abgeordnetenhaus vertreten waren. Bis zum 12. Juli müssen die gültigen Stimmen abgegeben sein. Dann erst kann die Alternative für Deutschland in Berlin zur Wahl antreten.

Wild hält sich zunächst abseits, beobachtet die heftige Diskussion nur. Schließlich mischt auch er sich ein, streitet mit einer jungen Frau über die Gründe, warum Menschen fliehen. "Wir können nicht wahllos alle zu uns lassen", ruft Wild. "Die wollen nur weg, die fliehen vor dem Krieg!" schreit ihm die Frau entgegen. "Nein! Die wollen nur Sozialhilfe!" Auch Wild spricht nun erregter, gestikuliert, wirbelt mit den Flyern in seiner linken Hand. 

Flyer mit der Aufschrift: "Berlin zeigt Flagge!" (Quelle: rbb/Tina Friedrich)

"Ich bin ein Mann, der klare Worte liebt"

Wild sorgt oft dafür, dass die Berliner AfD in die Schlagzeilen kommt. In einer Rede in Erfurt schlug er vor, Flüchtlinge in Baracken in dünn besiedelten Gegenden unterzubringen. In seiner Zeitarbeitsfirma hat ein Neonazi gearbeitet. Auf seine Büros gab es mehrfach Farbanschläge. Negativ empfindet er diese Schlagzeilen aber nicht. "Ich bin ein Mann, der klare Worte liebt, und ich möchte mich nicht verstecken. Ich glaube, wir brauchen hier noch etlichen Klartext. Rassismus ist ein Totschlagsargument. Ich meine: Ich halte es nicht für Rassismus, wenn ich unterscheiden kann, wer schwarz ist und wer nicht schwarz ist,  oder wer Frau und wer Mann ist - das ist einfach eine menschliche Eigenschaft. Unterscheiden zu können zwischen Menschen, die aus verschiedenen Ethnien kommen."

Wild kandidiert auf Platz sechzehn der AfD-Liste. Wenn die Partei mehr als zehn Prozent bekommt, zieht er höchstwahrscheinlich ins Abgeordnetenhaus ein. Dort würde er sich gerne mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigen - zum Beispiel möchte er verpflichtende gemeinnützige Arbeit für Hartz IV--Empfänger einführen. "Die Menschen bekommen oft leider auch auf sehr lange Dauer diese Leistung. Und da kann es nicht verkehrt sein, wenn jemand diese Leistung bekommt, der Gesellschaft ein Stück Dankbarkeit und Respekt zeigt und bei gemeinnützigen Aufgaben hilft: sei es beim Rasenmähen auf Grünflächen von Verkehrsinseln oder Harken von Sportplätzen."

Nach eineinhalb Stunden bauen die AfD-Vertreter ihren Unterschriftenstand in der Wilmersdorfer Straße wieder ab. Die Aufmerksamkeit hat Wirkung gezeigt. 20 Menschen haben in dieser Zeit für die AfD unterschrieben.

"Russlanddeutsche verkörpern deutsche Tugenden"

Auch beim deutsch-russischen Volksfest in Karlshorst sammelt die AfD Unterschriften und spricht potenzielle Wähler an. Der Chef persönlich ist dabei: Georg Pazderski - Oberst der Bundeswehr a.D. - ist die Nummer eins der Landesliste. Er trägt auch bei 25 Grad Außentemperatur über dem weißen Hemd ein dunkles Jackett. Schwitzen sei eine Frage der Einstellung sagt er. "Wenn Sie morgens aufstehen und es regnet, und Sie denken, das wird ein schlechter Tag, dann wird es ein schlechter Tag. Mit dem Schwitzen ist es genauso."

Er zieht das Revers straff und macht sich gemeinsam mit dem Burschenschafter Jörg Sobolewski und einigen anderen AfD-Mitgliedern auf, das Volksfest in Augenschein zu nehmen. Die Russlanddeutschen haben für die Berliner AfD einen besonderen Stellenwert. Ihre Integration sei explizit zu befürworten, heißt es im Programm. "Weil ich denke, dass die Deutschen mit russischem Hintergrund einfach eine Gruppe sind, die sich sehr gut eingebürgert hat: arbeitsam, fleißig, strebsam. Man würde sagen, dass sie die guten deutschen Tugenden verkörpern."

Ein Spitzenkandidat im Schatten der Beatrix von Storch

Pazderskis Steckenpferd ist eigentlich die Außen- und Sicherheitspolitik. Innerhalb der AfD werden ihm Ambitionen auf den Bundestag nachgesagt. In Berlin fällt er bisher kaum auf: Er steht im Schatten von Co-Landeschefin Beatrix von Storch – die kein Interesse an landespolitischen Ämtern hat.

"Ich finde es fair, wenn sie das so macht und sagt, ich bleibe in Europa. Ich werde mich schon beizeiten einmischen, auch in innerparteiliche Debatten, wenn ich es für geboten halte - und mit der gebotenen Vehemenz."

So sieht Pazderski auch seine künftige Rolle im Abgeordnetenhaus. Er möchte Fraktionsvorsitzender werden – und Oppositionspolitik machen. Denn das ist das erklärte Ziel der AfD in Berlin: eine starke Opposition gegen die künftige Landesregierung zu bilden.

Berliner AfD-Kandidat Karsten Woldeit (Quelle: rbb/Tina Friedrich)
Berliner AfD-Kandidat Karsten Woldeit

Untermieter in der Bundesgeschäftsstelle

In der Wahlkampfzentrale in Mitte treffen sich Landesvorstand und Bezirksvorsitzende alle acht Wochen, um aktuelle Fragen zu besprechen. In diesen Tagen dreht sich alles um den Wahlkampf: Wie stehen wir in den Umfragen da? Wie viele Unterschriften fehlen noch? Weiß jeder, dass es auch Flyer zur Fußball-EM gibt? Eineinhalb Zimmer hat der Berliner Landesverband der AfD in der Bundesgeschäftsstelle zu seiner Zentrale gemacht.

Ein Mitglied aus Pankow öffnet keuchend die Tür. Er stellt eine schwere schwarze Tasche an die Wand. "Ich bringe eineinhalb Stände zurück", sagt er, und überreicht Karsten Woldeit einen Stapel Zettel mit Unterschriften. Woldeit ist einer der Wahlkampfmanager in Berlin, Nummer zwei auf der Landesliste, und Spitzenkandidat in Lichtenberg. Seine eigenen 45 Unterstützerunterschriften hat er schon beisammen.

City Tax für mehr Polizisten

Wie Parteichef Pazderski ist auch Woldeit ein ehemaliger Berufssoldat – er verantwortete Fuhrpark und Empfänge der Bundeswehr, später kontrollierte er die Finanzen. Haushaltspolitik interessiert ihn, sein bevorzugtes Ressort wäre aber die Innere Sicherheit. "Ich habe im privaten Umfeld viele Freunde aus der Polizei. Das liegt vielleicht an der Besonderheit, dass man selber ein Mensch der Exekutive war und dann in seinem Freundeskreis Menschen aus der Exekutive an sich bindet. Ein guter Freund von mir ist Hochschullehrer an der Polizeihochschule in Oranienburg. Zwei weitere Freunde sind beim LKA in Berlin. Und die berichten mir wirklich aus erster Hand, wo die Probleme sind. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg."

Am 1. Mai Zurückhaltung zu üben, die Strategie der ausgestreckten Hand, die die Berliner Polizei in den vergangenen Jahren praktizierte, hält er für gescheitert. "Wenn ich Bilder von brennenden Mülltonnen oder Polizeifahrzeugen sehe, dann weiß ich nicht mehr, ob wir in verschiedenen Bereichen noch in einem Rechtsstaat leben oder in anarchistischen Verhältnissen. Da sage ich deutlich: Da muss mit aller Härte vorgegangen werden. Dort muss auch keine falsch verstandene Toleranz an den Tag gelegt werden, so nach dem Motto 'Das sind jetzt die kleinen Racker, die sich jetzt mal schwarz vermummt haben". Nein, das sind schwerste Straftäter."

2.000 zusätzlichen Polizisten will die AfD daher in Berlin anstellen. Woldeit würde sie aus der City Tax finanzieren - denn schließlich profitiere auch der Tourismus von mehr Sicherheit in der Stadt, sagt er.

"Ich wähle Sie, aber nicht hier!"

Andreas Wild sammelt weiter Unterschriften - diesmal in Lichterfelde West und für sich selbst: Er ist Direktkandidat in seinem Wahlkreis. Eine Unterschrift fehlt ihm noch. "Unterschreiben Sie, damit wir zu Wahl antreten können." Einer bleibt stehen. "Eher hacke ich mir die Hand ab, als dass ich für Sie unterschreibe!" Es ist die heftigste Reaktion an diesem Nachmittag. Die meisten eilen vorbei.

Eine ältere Dame verlangsamt ihren Schritt, als sie Wild entdeckt. Sie raunt ihm zu: "Ich wähle Sie, aber nicht hier!" Sie unterschreibt nicht. Doch Andreas Wild hat am Ende des Tages seine Unterschriften vollzählig. Ein Parteikollege, der ihm beim Abbauen seines Standes hilft, denkt schon weiter. "Und dann machen wir für den Bundestag weiter!" Wild lacht nur.

Beitrag von Tina Friedrich