Flyer mit der Aufschrift: "Berlin zeigt Flagge!" (Quelle: rbb/Tina Friedrich)

Analyse | Berliner AfD-Wähler - Recht junge Männer

15 Prozent könnte die rechts-konservative AfD bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin holen - vor wenigen Monaten schien das noch unmöglich. Doch die Analyse von Daten und Studienergebnissen lässt erahnen, warum die Partei bei ihren Wählern die richtigen Knöpfe drückt. Von Tina Friedrich

Die Suche nach den AfD-Wählern beginnt zwischen Datenreihen und Tabellen. "AfD-AnhängerInnen" lautet der schlichte Titel einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Daneben liegt etwas provokanter "Die enthemmte Mitte", eine Studie der Universität Leipzig zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Auch sie beschäftigt sich mit den Wählern der AfD.

Auch die Umfragen des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap, durchgeführt für die ARD nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt [tagesschau.de], liegen vor, sowie die BerlinTRENDs des gleichen Instituts für die rbb-Abendschau und die Berliner Morgenpost. Zu diesen Zahlen kommen darüber hinaus Gespräche mit Sozialwissenschaftlern, AfD-Mitgliedern und ihren Wählern.

Jung, männlich, wenig gebildet

In der Sonntagsfrage der BerlinTRENDs von rbb-Abendschau und Berliner Morgenpost liegt die AfD seit dem Frühjahr zwischen 13 und 15 Prozent. Die Zustimmung ist im Osten der Stadt mit um die 18 Prozent stets deutlich höher als im Westen mit etwa 13 Prozent. Im gleichen Maß ist die Zustimmung bei den Männern deutlich höher als bei den Frauen. Ein Viertel bis ein Drittel der Wähler ist jünger als 49 Jahre.

Ein Viertel der Befragten hatte höchstens einen Grundschul- oder Hauptschulabschluss, ein weiteres Viertel höchstens die mittlere Reife. Diese Verteilung hat sich in den monatlichen Umfragen seit April kaum verändert.

Rein statistisch betrachtet ist der typische Berliner AfD-Wähler also ein Mann zwischen 30 und 40, aus dem Osten, mit eher geringer Bildung. Das deckt sich mit den Ergebnissen der DIW-Studie, nach der die Stammwähler der AfD in den vergangenen zwei Jahren jünger geworden sind, nach wie vor mehrheitlich männlich und vor allem im Osten Deutschlands zuhause sind.

Selbsteinschätzung: rechts bis sehr rechts

Politisch sieht sich der typische AfD-Wähler selbst als rechts bis sehr rechts. Laut DIW-Studie hat die Zahl der AfD-Anhänger, die sich als sehr rechts einstufen, in den vergangenen zwei Jahren besonders stark zugenommen. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Mitte-Studie der Universität Leipzig, die autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland untersuchte und im Frühjahr 2016 erschien.

In der AfD finden Rechte demnach eine Partei, die weit rechts genug, aber im Gegensatz zur NPD nicht offen rechtsextrem auftritt. Sie spreche jene Wähler an, die  "zwar antidemokratisch und/oder menschenfeindlich eingestellt sind, die bisher aber demokratische Parteien wählten." Laut Mitte-Studie würden 35 Prozent der Rechtsextremen im Jahr 2016 die AfD wählen.

Sorge um eigenes Auskommen, Zuwanderung und Kriminalität

Die gleiche Studie stellt fest, dass sich 86 Prozent der AfD-Anhänger durch viele Muslime in Deutschland fremd im eigenen Land fühlen.

In Berlin sind die Zuwanderung, der Umgang mit den Flüchtlingen und die Integration für 72 Prozent der potenziellen AfD-Wähler das wichtigste, wahlentscheidende Thema. Das ergab der BerlinTREND vom Juli 2016. Bei keiner anderen Partei war dieser Wert so hoch, bei keiner Partei erreichte er mehr als 37 Prozent. Thematisch ist der typische AfD-Wähler also ein Gegner der Flüchtlinge und ihrer Integration.

Das zweitwichtigste Thema für die AfD-Anhänger: Soziale Gerechtigkeit und Sozialpolitik, das nannten noch 28 Prozent. Danach folgt mit 13 Prozent der Themenkomplex Kriminalität und Innere Sicherheit. Die größte Sorge der AfD-Anhänger ist auch nach der DIW-Studie die um die eigene wirtschaftliche Lage, um Kriminalität, also Leib, Leben, Hab und Gut, sowie die Sorge um den Umgang mit der Flüchtlingssituation.

Vom Nichtwähler zum AfD-Wähler

Bemerkenswert ist die Antwort auf die Frage nach dem Motiv "Politikverdrossenheit und Protest" – immerhin wird die AfD sehr oft als Protestpartei bezeichnet. Doch nur ein Prozent der potenziellen AfD-Wähler gab dieses Motiv im Juli als wahlentscheidend an.

Der typische AfD-Wähler ist also nicht politikverdrossen – im Gegenteil: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinlad-Pfalz und Sachsen-Anhalt konnte die AfD ganz besonders viele Nichtwähler gewinnen [zeit.de]. Die Untersuchungen des DIW ergaben, dass die AfD derzeit bundesweit in der Lage ist, etwa 20 Prozent der Stimmen der Menschen zu bekommen, die bei der Bundestagswahl 2013 gar nicht gewählt haben. Größer (32 Prozent) ist ihr Wählerpotenzial nur bei jenen, die 2013 die NPD, die Republikaner oder eine andere rechtsextreme Partei gewählt haben. Immerhin noch neun Prozent der ehemaligen Linken-Wähler und sechs Prozent der ehemaligen FDP-Wähler würden heute die AfD wählen.

Bisherige Parteipräferenz: von allem etwas

Nachwahlbefragungen im März 2016 ergaben darüber hinaus, dass die AfD tatsächlich aus allen politischen Lagern Stimmen holen konnte. Bei der Analyse dieser Daten gibt es allerdings so viele Meinungen wie Autoren: Die AfD hätte vor allem bei sozialdemokratischen Wählern gepunktet, sie sei eine echte Konkurrenz für die Linkspartei im Osten, viele AfD-Wähler sagen, sie wünschen sich die Möglichkeit, die CSU zu wählen. Mit der bisherigen Parteipräferenz lässt sich der typische AfD-Wähler also nicht charakterisieren.

Professoren, Arbeiter, Arbeitslose

Statistische Daten, Themenumfragen, Wählerstromanalysen – all das kann noch nicht beschreiben, was einen Menschen auf die Straße treibt, um mit Deutschlandfahne in der Hand gegen Merkel zu demonstrieren, was ihn dazu bewegt, auf Twitter gegen andere Meinungen als die eigene zu hetzen, und es erklärt auch nicht, was ihn veranlasst, an eine Verschwörung der Medien zu glauben. Dafür gibt es keine Daten, nur Deutungen, die sich aus Gesprächen mit den Menschen selbst, mit Soziologen, Politologen, aber auch mit Parteimitgliedern ergeben.

Die AfD gründete sich ursprünglich als Partei gegen die Europolitik, ältere gut situierte Männer waren angesprochen. "Professorenpartei" lautete eine verbreitete Wertung. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert, wie die Studie des DIW zeigt: Je stärker die Flüchtlingspolitik in den Fokus der AfD rückte, desto mehr fühlten sich Arbeitslose und Arbeiter angesprochen. Gerade in den ehemaligen Industrieregionen des Ostens ist die Partei stark. Dort war die Wende wirtschaftlich besonders zu spüren.

Zerbrochene politische Leitbilder

Dass Menschen sich gerade dort zur AfD hingezogen fühlen, deutet der Sozialwissenschaftler David Begrich im Gespräch mit dem Deutschlandfunk [deutschlandfunk.de] so: "Das sind Menschen, die haben in den 25 vergangenen Jahren vielfältige biografische und politische Brüche erlebt, dass politische Leitbilder, die sie vor und nach der Wende hatten, zerbrochen sind." Er spricht vor allem über Sachsen-Anhalt.

Aber auch der Protestforscher und Soziologe David Bebnowski sieht einen Moment der Erniedrigung als zentrales Merkmal für AfD-Mitglieder und deren Wähler. Ein Bruch in der Erwerbsbiografie kann das Gefühl auslösen, "die eigenen Potenziale nicht (mehr) ausleben zu können und nicht zeigen zu dürfen, was in einem steckt", sagt er. Diese Form der Unzufriedenheit ist politisch indifferent – es ist egal ob die Partei rechts oder links steht, die den Menschen Wertschätzung verspricht, die sie von der aktuellen Regierung gefühlt nicht bekommt.

Ruf nach der eigenen Wahrheit

Dieses Gefühl wird deutlich, wenn zum Beispiel nach den Landtagswahlen im März 2016 zwei Drittel aller AfD-Wähler angeben, ihr Kreuz aus Enttäuschung über die anderen Parteien gemacht haben, und nicht etwa aus Überzeugung von der eigenen Partei [tagesschau.de]. In den Kommentaren in den sozialen Netzwerken wiederum findet sich häufig die Wahrnehmung: "Warum bekommen die [gemeint sind die Flüchtlinge, Anm.] alles und wir nichts?"

Dazu kommt das Gefühl, dass die eigenen Wahrnehmungen und Probleme in der Berichterstattung der Medien nicht abgebildet werden [br.de] – was sich dann in Beschwerden über die "Lügenpresse" ausdrückt. In den Nachwahlbefragungen im März sagten beispielsweise in Baden-Württemberg mehr als 90 Prozent der AfD-Wähler, dass ihre Partei von den Medien unfair behandelt werde. Dabei ist der Ruf nach der Wahrheit häufig nicht der Ruf nach einer objektiv messbaren Wahrheit, sondern vielmehr der nach der eigenen Wahrheit.

Die AfD holt diese Menschen ab, indem sie ihnen eine nicht näher definierte Wahrheit, politischen Wandel und Wertschätzung verspricht. Dass die Partei Dinge beim Namen nennt, auch wenn sie keine Probleme löst, anerkannten zum Beispiel mehr als 90 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt. Zugleich verspricht die Partei, selbst nicht Teil des kritisierten Systems zu werden, sondern aus der Opposition heraus zu handeln – und inszeniert sich so als die einzige Partei an der Seite der Enttäuschten.

Beitrag von Tina Friedrich