Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (vorn/SPD) gestikuliert am Montag (29.06.2009) auf dem Gelände des zukünftigen Landtags (Quelle: dpa/Settnik)
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Video: rbb|24 | 22.09.2018 | Neele Westphal/Vanessa Klüber | Bild: dpa/Settnik

Keine weitere Kandidatur nach 16 Jahren - So hat Jann Jakobs Potsdam regiert

Nur sehr knapp wurde Jann Jakobs 2002 Oberbürgermeister von Potsdam. Doch dann blieb der SPD-Politiker 16 Jahre lang im Amt. Jetzt will er nicht noch einmal kandidieren. Wofür stand Jakobs? Ein Rückblick auf sein politisches Leben. Von Vanessa Klüber

Ziemlich wackelig hat die Oberbürgermeister-Karriere von Jann Jakobs (SPD) begonnen. Wahrscheinlich glaubte er nicht einmal selbst daran, dass er die Nachfolge von Parteikollege Matthias Platzeck antreten würde. Das höchste Amt Potsdams war frei geworden, weil Platzeck in die Staatskanzlei wechselte. In der Stichwahl am 27. Oktober 2002 stimmten 50,1 Prozent der wahlberechtigten Potsdamer für Jakobs - 122 mehr als für seinen verbliebenen Gegenkandidaten Hans-Jürgen Scharfenberg, der damals für die Vorgängerpartei der Linken, die PDS, antrat.

Acht Jahre später wiederholte sich das Duell - obwohl auf Scharfenberg ähnlich viele Stimmen entfielen wie beim ersten Mal. Die Potsdamer schienen aber mittlerweile ziemlich zufrieden mit ihrem OB. Die weitaus höhere Wahlbeteiligung bedeutete, dass Jakobs mit einem Ergebnis von 60,8 Prozent wiedergewählt wurde. Aus den acht wurden 16 Regierungsjahre.

Stadtschloss als Landesparlament

In dieser Zeit verändert sich das Stadtbild Potsdams radikal. Die Architektur des Sozialismus verschwindet, aber Moderninät folgt darauf kaum. Während seiner ersten Amtszeit schlägt sich Jakobs deutlich auf die Seite einer Bürgerinitiative, die das Stadtschloss wiederherstellen will, und ermuntert sie, für ihre Idee zu kämpfen.

Nachdem im Mai 1959 die Ruine der ausgebombten Preußenresidenz abgerissen worden war, klaffte an dieser Stelle jahrzehntelang eine Wunde in der Innenstadt. Im März 2010 begann der Wiederaufbau, die rekonstruierte barocke Fassade wurde durch Spenden in zweistelliger Millionenhöhe durch Günther Jauch und SAP-Gründer Hasso Plattner maßgeblich ermöglicht.

Das hat 2002, als ich hier angefangen habe, keiner für möglich gehalten, dass das Stadtschloss als Landtag kommt.

Jann Jakobs, September 2010

Die Neueinweihung als Brandenburger Landtag vier Jahre später bezeichnete Jakobs einst als "Initialzündung für die Potsdamer". Dass seither weitere Gebäude am Alten Markt wieder aufgebaut wurden, die im Krieg zerstört worden waren, spaltet jedoch die Bürger. Mittlerweile scheint es in Potsdam zwei Lager zu geben, die sich völlig unversöhnlich gegenüberstehen. Die einen würden am liebsten das barocke Potsdam, die Residenzstadt der Preußenkönige wieder aufbauen. Die anderen befürchten, dass Potsdam die Ecken abgeschliffen werden; dass statt der Wunden aus dem Krieg und den Überbleibseln der SED-Diktatur eine Art Disneyland entsteht.

Oberbürgermeister von Potsdam, Jann Jakobs (SPD), vor einem Plakat auf dem steht "Kunst statt Mercure", aufgenommen am 16.09.2012 (Quelle: dpa/Pleul)

Potsdams Mitte

Der Abriss der Fachhochschule, der Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche, die Diskussion über den Abriss des Mercure-Hotels sind weitere Vorhaben, über die in Potsdam unerbittlich gestritten wird. Obwohl Jokobs sich immer wieder klar für den Wiederaufbau der historischen Stadtmitte ausspricht, versucht er auch immer wieder als Versöhner, den Graben zwischen Befürwortern und Gegnern nicht unnötig zu vertiefen. Gelungen ist ihm das nicht.

Ich bin mir sicher, dass am Ende die Identifikation mit der Potsdamer Mitte wächst. Und wir wollen auch nicht spalten, sondern mir geht’s darum, alle Potsdamer mitzunehmen."

Jann Jakobs, Januar 2010

Seine Kompromisslinie: Das Mercure Hotel darf - zumindest vorerst - stehen bleiben, die Fachhochschule musste jedoch weg. Mitte August wurde sie unter Protest und einer vorangegangenen Besetzung abgerissen.

Zum unbestrittenen Erfolg gerät das Museum Barberini. Die Rekonstruktion des klassizistisch-barocken Palastes, der ebenfalls am 14. April 1945 ausgebombt wurde. Plattner, der während Jakobs' Zeit zum Mäzen der Stadt wird, lässt hier die Werke seiner Kunststiftung ausstellen. Zur Eröffnung kommt neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Nach dem ersten Jahr zählt das Museum mehr als 520.000 Besucher.

Kreisgebietsreform

Wenn es um Projekte seiner Parteigenossen im Land geht, stellt sich Potsdams OB auch schonmal quer. Für die Kreisgebietsreform findet Jakobs nur wenig schmeichelhafte Worte. Die Diskussion darum sieht er als eher kontraproduktiv für die Beteiligung der Bürger an politischen Prozessen. "Man rückt eher von den Menschen weg", meint er.

Zumal er befürchtet, dass Potsdam als dann einzige kreisfreie Stadt Brandenburgs bei Fragen der kommunalen Finanzierung anschließend übergangen werden könnte. Schließlich scheitert die Kreisgebietsreform am zu großen Widerstand von Parteien und Bürgern.

Der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) redet am 20.01.2016 während einer Kundgebung gegen Pogida in Potsdam (Quelle: dpa/Hirschberger)Jann Jakobs bei einer Kundgebung gegen "Pogida", Ableger von "Pegida".

Flüchtlinge

Jann Jakobs setzt sich für die Integration von Flüchtlingen ein. Er ist Vorsitzender des Bündnisses Potsdam! bekennt Farbe, dessen Mitglieder für Weltoffenheit und Toleranz werben und sich gegen Rassismus engagieren. Den Potsdamer Bürgern stellt er sich mehrere Male in der Stadtverordnetenversammlung zu Fragen der Unterbringung von Flüchtlingen. Seiner Ansicht nach gelingt Integration von Flüchtlingen am besten über den Arbeitsmarkt.

Wir würden am liebsten alle Flüchtlinge in Wohnungen unterbringen, aber die Anzahl der Wohnungen reicht dafür längst nicht aus."

Jann Jakobs, 2016

Als immer mehr Flüchtlinge aus Kriegsgebieten Potsdam erreichen, lässt Jakobs das alte Landtagsgebäude zur Gemeinschaftsunterkunft umfunktionieren - die Unterbringung in Wohnungen hält er für nicht realisierbar. Bis Jahresende sollen die letzten Flüchtlinge den alten Landtag verlassen.

Jakobs zeigt sich auf Gegendemonstrationen zu Pogida, einem Ableger der ausländerfeindlichen Dresdner Pegida-Bewegung. Im Juni 2017 sagt er den "Potsdamer Neuesten Nachrichten", dass es anschließend Phasen gegeben habe, in denen er unter anderem deshalb 40 bis 50 Hassmails an einem Tag bekommen habe.

Korruptionsverdacht

Im Februar dieses Jahres erlebt er einen Tiefpunkt seiner langen Amtszeit. Gegen Mitarbeiter seines Amtes werden Korruptionsvorwürfe laut. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Oberbürgermeister sichert volle Kooperation zu: "Es ist in unserem Interesse, dass die Vorwürfe unverzüglich und umfassend aufgeklärt werden. Ich habe den Baubeigeordneten gebeten, in enger Abstimmung mit dem Ombudsmann, der Antikorruptionsbeauftragten und der Staatsanwaltschaft tätig zu werden."

Es gibt nichts Tolleres, als sich auf den Trecker zu setzen und Rasen zu mähen."

Jann Jakobs, Januar 2010, in "Potsdamer Neueste Nachrichten"

Der Mensch hinter dem Bürgermeisteramt

Jann Jakobs wurde nie als glamouröser Bürgermeister wahrgenommen. Vor seinem Amtsantritt galt er gar als hölzern. Er ist gebürtiger Ostfriese, wohnte lange Zeit nicht in Potsdam, sondern in Berlin-Spandau. Erst nachdem er zum ersten Mal gewählt worden war, zog er tatsächlich in die Brandenburger Landeshauptstadt.

Dass er nicht noch in einen dritten Wahlkampf einsteigen wird, verkündete er bereits im März 2017. Früh genug, damit sich seine Partei über einen Nachfolger suchen konnte. "Aus persönlichen Gründen" kandidiert der 64-Jährige nicht noch einmal.

Kurzbiografie

Jann Jakobs wurde am 22. Dezember 1953 im ostfriesischen Eilsum geboren.

Er hat eine Ausbildung als Flugzeugbauer und als Erzieher. In dieser Zeit trat er in die SPD ein.

1976-1978 studierte er Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden. Im April 1979 begann er an der Freien Universität Berlin ein Studium der Rechtswissenschaften, Soziologie und Politikwissenschaften, das er im Februar 1985 mit dem Abschluss als Diplomsoziologe beendete.

Im Juni 1993 wurde Jakobs zum Leiter des Jugendamtes in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam berufen, im März 1997 zum Beigeordneten für Soziales, Jugend und Gesundheit.

Zwei Jahre später holte ihn der damalige Oberbürgermeister der Stadt Matthias Platzeck, als stellvertretenden Bürgermeister ins Rathaus.

Quelle: Munziger Online - Internationales Biographisches Archiv

Sendung: Brandenburg Aktuell, 23.09.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Vanessa Klüber

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Ich empfinde in Ihrem Geschriebenen sehr viele Feindbilder. Noch vor der Restaurierung der Innenstadt wurden die Plattenbaugebiete am Stern und in der Waldstadt II saniert. Inzwischen ist auch das Plattenbaugebiet Neu-Drewitz saniert, das 1990 noch so neu war, dass es sinnigerweise nicht schon fünf J. später wieder hätte umgebaut werden sollen.

    Über Geschmack lässt sich streiten, immer und überall. Vor allem betrifft dies das "bauliche Elend" am Hauptbahnhof, den in der Tat Horst Gramlich "verbrochen" hat und der Bauausschussvorsitzende Christian Seidel sich nicht genug Gehör verschaffen konnte. Die ästhet. Verunstaltungen direkt nach der Wende - auch das IHK-Gebäude - sind das Ergebnis einer faktischen Koalition zwischen SPD und PDS, wie sie damals hieß.

    Die Garnisonkirche wird überwiegend aus der privaten Schatulle einzelner Bürger bezahlt. Jede Stadt sollte sich m. E. glücklich schätzen über so viel Bürgerengagement.

  2. 6.

    Wer sich offen die Planungen gerade für das neue Stadtquartier anschaut, das nördlich des Landtages und westlich der Nikolaikirche entsteht, wird keineswegs feststellen, dass hier wieder 1 : 1 ein barockes Potsdam wieder aufgebaut werden soll, wie der etwas '"anheischende" Artikel nahelegt.

    An den Ecken werden so bezeichnete Leitbauten entstehen, die einen 1 : 1 Nachbau ihrer historischen Vorgänger abbilden, dazwischen kann, darf und soll auch modern gebaut werden. Nur eben nicht als faktische Kampfansage zur Niederringung des Alten, was ja erklärte Nachkriegs-Baupolitik in beiden Deutschländern war, sondern eben eingefügt. Wer sich etwas Ähnliches anschauen will, kann nach Szczecin (Stettin) fahren und das dortige neue Hafenviertel besichtigen.

    Die Trennlinie machen jene auf, die genau die Versöhnung zwischen Neuem und Altem NICHT wollen. Was wir brauchen, ist eine ideologische Abrüstung in dieser Frage und das betrifft v. a. die Rundum-Läufer um die FH.

  3. 5.

    Falsch! Er hätte vieles verhindern können, wenn er nur gewollt hätte. Nur einmal alle Potsdamerinnen und Potsdamer befragen und dann auch das Ergebnis akzeptieren, hätte vielleicht schon geholfen, dass Potsdam mit einer anderen Wahlbeteiligung da steht als gestern geschehen. Allein die never ending story Garnisonkirche ist selbst erklärend. Viele viele Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt waren gegen einen Neubau. Und nun? Gebaut wird sie doch, während die Wohngebiete im Süden Potsdams mehr oder weniger nicht mehr so gut aussehen. Nördlich der Havel ist alles Schicki Micki und südlich davon sieht es ganz ganz anders aus.

  4. 4.

    @Sven
    Ihre Vorwürfe treffen leider den Falschen. Beide Projekte wurden noch unter Horst Gramlich verabschiedet.

  5. 3.

    Jann Jakobs war ein guter Bürgermeister. Ich bin kein SPD Mitglied, habe Ihn aber als kompetent, aufgeschlossen und sachkundig erlebt. Wegen seines Engagements und seiner Kompetenz ist er ja auch gewählt worden. Ich finde es kleinlich, wenn Herr Jakobs hier angekläfft wird. Danke Herr Jakobs, für die gute Zeit als OB.

  6. 2.

    Hoffentlich geht die SPD Epoche zu Ende. Noch mehr Schaden würde Potsdam unter dieser Partei nicht verkraften.

  7. 1.

    Jann Jakobs hinterlässt zugunsten von friends & family einen Scherbenhaufen. Zu keiner anderen Zeit wurde Potsdam so verunstaltet wie unter Ägide von Jann Jakobs. Unter dem Vorwand die historische Mitte wieder herstellen zu wollen, wurde genau diese mit Zentrum Hauptbahnhof für immer zerstört. Bis heute nicht zu verstehen, warum der aus Mitteln Aufbau Ost bereits sanierte alte Hbf. geschliffen wurde wie die durchaus sanierungswürdige Altbausubstanz in der Engelsstrasse. Ebenso nicht zu verstehen, warum diese Stadt den Umwelt freundlichen O-Bus Verkehr ad acta legte und Tram Linien platt machte. Auch nicht zu verstehen, warum die vielen Eingemeindungen gemacht wurden. So ist sehr viele noch um 2000 vorhandene Kultur für immer zerstört worden. Kein Wunder, dass die Presse schon vor Jahren von einer absteigenden Kleinstadt sprach.

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