Analyse zum Politiktalk Baerbock vs. Scholz - Beim grün-roten Klima gibt es dicke Luft

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD und Bundesfinanzminister (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
Bild: dpa/Kay Nietfeld

Erstmals trafen Annalena Baerbock und Olaf Scholz beim Politiktalk des rbb direkt aufeinander. In vielen Punkten wirkten die beiden Rivalen um die Kanzlerschaft fast schon wie potentielle Koalitionspartner - bis die Sprache auf die Klimapolitik kam. Von Sebastian Schöbel

Der einzige Moment, in dem Annalena Baerbock für einen Augenblick sprachlos wird, hat mit Olaf Scholz persönlich zu tun. Auf die Frage, was der Bundesfinanzminister und ehemalige Oberbürgermeister von Hamburg besser könne als sie selbst, reagiert die Kanzlerkandidatin der Grünen sichtlich überrascht und etwas ratlos. "Richtig hamburgern, würde ich sagen?" Ach, und da sei natürlich noch seine langjährige Erfahrung, schiebt die 40-Jährige schnell hinterher. Und stellt auf Nachfrage klar: "Wenn ich mir Tag und Nacht den Kopf über Olaf Scholz zerbrechen würde, würde mein Mann ein bisschen eifersüchtig werden."

Scholz hat mit einer ähnlichen Frage offenbar gerechnet. Ihm imponiere Baerbocks Mut, sich für so ein Hohes Amt zu bewerben. "Und natürlich Trampolinspringen", fügt er grinsend hinzu, in Anspielung auf Baerbocks sportliche Leidenschaft. Er selbst habe Sport erst spät im Leben für sich entdeckt, so Scholz.

Scholz nimmt Baerbock in Schutz

Auf Krawall gebürstet sind weder Scholz noch Baerbock zum Politiktalk von Inforadio und "Süddeutscher Zeitung" im Fernsehzentrum des rbb gekommen. Auch der Umstand, dass beide im selben Wahlkreis direkt gegeneinander antreten, scheint die Stimmung bisher nicht zu belasten. Scholz nimmt Baerbock, die zuletzt unter anderem wegen Fragen über ihre akademische Ausbildung unter Druck geraten ist, vor zum Teil überharter Kritik Schutz. "Das fand ich unmöglich, das gehört sich nicht." Es sind solche Momente, in denen man meinen könnte, da legen zwei schon Monate vor der Wahl die zwischenmenschliche Basis für Koalitionsgespräche.

Scholz gibt sich als gestandener Regierungspolitiker mit Kümmerer-Attitüde, Baerbock verweist auf ihre Lebenserfahrung als Mutter und teamfähige Parlamentarierin. Tiefe ideologische Gräben tun sich zwischen beiden nicht auf. Die Angriffsfläche der Corona-Politik des Bundes entschärft Scholz gleich selbst, indem er Fehler einräumt, vor allem bei der Impfstoffbeschaffung und der aus seiner Sicht zu frühen Schließung der Schulen. Baerbock verzichtet dann auch aufs Nachhaken, alle Parteien müssten aus der Corona-Krise lernen. "Niemand hat diese Pandemie so kommen sehen."

Streitpunkt Klimapolitik

Nur bei einem Thema wird dann aber doch deutlich, dass SPD und Grüne keineswegs schon restlos koalitionswillig sind: Die Klimapolitik. Baerbock wirft Scholz vor, als Bundesfinanzminister Subventionen nicht auch auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichtet zu haben. Scholz kontert, die Grünen müssten sich ehrlich machen und offen sagen, dass sie Autofahren teurer machen und die Pendlerpauschale abschaffen wollen. Dass die Windkraft noch nicht stärker ausgebaut wurde, lastet Baerbock Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an, der die Förderung gedeckelt habe. Scholz erinnert an die fehlenden Windräder in Baden-Württemberg - wo die Grünen den Regierungschef stellen.

Den größten Dissenz haben beide dann bei der Frage, wie das alles bezahlt werden soll. Scholz hält weiter daran fest, dass ab 2023 die Schuldenbremse wieder gelten müsse. Baerbock hält dagegen: Investitionen der öffentlichen Hand, zum Beispiel in die klimaneutrale Energiewirtschaft, müssten davon ausgenommen werden. "Das ist mit dem Haushalt, den sie vorgelegt haben, eben nicht." Scholz erwidert, Geld sei schon jetzt genug da. "Es muss nur klug ausgegeben werden."

Am Ende stoppt nur die die begrenzte Redezeit eine zunehmend lebhafter werdende Debatte zwischen Annalena Baerbock und Olaf Scholz. "Dann müssen sie uns wieder einladen", entgegnet die Grünen-Politikerin mit gespielter Entrüstung. Offenbar gibt es also noch grün-roten Redebedarf.

Sendung: rbb-Polittalk, 17.05.2021, 20:15 Uhr

67 Kommentare

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  1. 67.

    Deutschland ist mit ca. 2% am weltweitem CO2 Ausstoß beteiligt! Ich bin dafür Anstrengungen zur Minimierung vorzunehmen. Wie z. B. durch die Herstellung von Kohlenwasserstoff. Aus meiner Sicht der absolut richtige Weg der Zukunft. Man kann nicht von einem Extrem zum anderen in einer 180 Grad Wende vollziehen und dabei alles weitere unberücksichtigt zu lassen.
    Es muss eine sinnvolle Wende in der Energiewende geben die allen daran Beteiligten gerecht zu werden. Wir als Deutschland werden das Weltklima nicht retten können, da die größten Verursacher China, USA und weitere sind. Dort muss angesetzt und beeinflusst werden. Es nutzt nichts wenn wir in Deutschland saubere Autos fahren, aber die Umwelt in anderen Ländern nachhaltig geschädigt wird.

  2. 66.

    Man kann es auch anders beschreiben, zum Zwecke des puren Machterhalts wurde alles bis zur Selbstverleugnung abgenickt. Und für Sozialpolitik interessieren sich die Grünen nur dann, wenn es Randgruppen betrifft, die ihnen idiologisch nahe stehen. Der Blick fürs Ganze fehlt komplett. Denn der soziale Kahlschlag unter Rot /Grün war epochal. Befreien Sie sich von dem Traum, diese Herrschaften wären die besseren Menschen. Wenn Sie an die Tröge der Macht, Diäten und Staatssekretärsposten gesetzt werden, langen sie genau so munter zu wie alle anderen.

  3. 65.

    Damals unter Schröder war es mit Rot-Grün ja nicht so toll für die Grünen. Alles, wofür ich sie damals gewählt habe, wurde nicht in den Koalitionsvertrag übernommen. Hartz4 war darüber hinaus noch das Ende des sozialen Netzes, wie wir es kannten. Das war keine gute Liaison. Aber vielleicht wären sie in einer erneuten Koalition ja umsichtiger. Ich drücke den beiden die Daumen.

  4. 64.

    Wir haben eine freiheitlich, demokratische Grundordnung beides kam in der Lobhudeleisendung nicht rüber.

  5. 63.

    Tja nur habe ich mir die Aussage nicht ausgedacht. Momentan liegen Anträge auf Solarpark auf Ackerland zu bauen gleich Hektar weise aus. Beispiel gefällig. Schauen Sie mal in die uckermark über 200 hektar sollen dort verspiegelt werden. Mir wäre es auch lieber zuerst wände und Dächer zu nutzen aber scheint irgendwie nicht genug reinzukommen dabei. Wer weiß :)

  6. 62.

    Gewiss,es gab Ecken und Kanten (vor allem 2015), aber wir werden alle Angela Merkel wohl vermissen.Sie ist in in der Welt hoch geachtet und ihr Wort hat überall Gewicht.Aber letztendlich führte sie mit Sachverstand und Logik (eine promovierte Naturwissenschaftlerin einer heimischen Universität) uns durch manche Schieflage.
    Ein(e) Nachfoger(in) wird sich darin messen lassen müssen. Ich weiß momentan gar nicht, wen ich wählen würde. Jede Partei hat Kröten im Wahlprogramm, die ich nicht schlucken möchte. Rein sachlich machte Scholz keinen schlechten Eindruck.Er ist eben ein kühler Norddeutscher. Mal sehen, es ist ja noch ein bisschen Zeit...

  7. 61.

    Ich weiß ja nicht wo sie ihre Argumente herholen, aber ich sehe jeden Tag (wahrscheinlich sogar mehrere km²) ungenutzte Dächer, leere Hauswände und Parkplätze im knallenden Sonnenschein. Die Flächen würden mindestens eine Fabrik für Jahrzehnte beschäftigen. Das wäre in vielerlei Hinsicht wirtschaftsfördernd und würde uns eine bessere Position für zukünftige Entwicklungen verschaffen.
    Wie wäre es denn sich dem Problem zu stellen? Unsere Umweltpolitik der letzten Jahrzehnte hat eigentlich nur die Umweltsünden outgesourct. Selbst die IEA hat inzwischen ein Statement veröffentlicht, dass wir mit den fossilen Brennstoffen aufhören müssen.
    Noch können wir Lösungen finden ohne vorsätzliche direkte Eingriffe in das Wetter (und Klima) zu nehmen. Dieses Fenster schließt sich in den nächsten 20 Jahren (wenn es nicht jetzt schon zu spät ist), aber wir wissen seit 50 Jahren vom Klimawandel. Dann wächst allerdings auch nicht mehr viel auf dem Agrarland.

  8. 60.

    "Beides können wir uns momentan nicht leisten."

    Die Unions-Alternative(n) können wir uns doch genauso wenig leisten. Also wenn mit "wir" Otto-Normal-Bürger gemeint ist.

  9. 59.

    Baerbock, Scholz, Laschelt, man könnte meinen 3 apokalyptische Reiter stehen zur Auswahl. Also mein Vorschlag, wir wählen den Kanzler direkt, und stellen Otto oder Gysi auf. Keine Ahnung, was dann sachpolitisch zu erwarten ist, aber die Debatten dürften ein Genuss werden.

  10. 58.

    Habe schon länger festgestellt, dass meine Beiträge nicht erscheinen. Mein Verdacht ist, dass ein gewisser Ackermann dort mitspielt, denn es fing am 13. August 2014 im Landtag an. Ich behalte mir vor die Chefetage zu informieren?.

  11. 57.

    Möchte man wirklich eine Frau als Kanzlerin haben, die einen „regelnden“ Staat fordert?
    Eine studierte Frau, die einen Haus- und Naturgeist ( Kobold) mit einem chemischen Element ( Kobalt) verwechselt und das in einem Thema, bei dem die Grünen meinen, über das beste Wissen zu verfügen - erneuerbare Energien, Batterien....
    Eine Frau, die mangelndes Fachwissen und fehlende Erfahrung durch ausgeprägtes Selbstbewusstsein ersetzt?
    Wollen wir wirklich Herrn Scholz als Kanzler, der wenig Rückhalt in der eigenen Partei hat und somit als Kanzler zum Spielball diverser Gedankenspiele von Mitgliedern dieser Partei wird und immer unsicherer in Diskussionen wirkt?
    Beides können wir uns momentan nicht leisten.

  12. 56.

    Mir wäre eine fundierte Sachpoltik lieber. Und die ist bei grün immer wieder idiologisch gescheitert, bzw es wurden die eigenen Werte aufgegeben. Angefangen bei der GAL in Westberlin unter Momper mit total weltfremden Eingriffen in den Polizeiapperat, gefolgt deutschen Jagdbombern Richtung Serbien, Harz IV bis hin zu den Sternstunden in der Landespolitik einer Frau Nonnemacher, die munter eine halbe Million in eine Beratungsagentur versenkt, damit man ihr und ihrem 1000 Mann /Frau starken Ministerium erklärt, wie man Impfzentren aufbaut. Oder die Weigerung von Frau Popp Sputnik nicht zu kaufen, weil ihr Putins Politik nicht gefällt. Das sind Entscheidungen, die mit Lösung der Sachlage auch so gar nicht zu tun haben.

  13. 55.

    Was für ein peinliches Gelaber, von beiden Seiten.

  14. 54.

    Die richtigen Feststellungen und Fragen werden besonders in den Kommentaren 3, 4, 5 gestellt.
    Diese müssten allen Politikern und Parteien in Live-Fernsehsendungen gestellt werden. Und Moderatoren müssen energisch nachfragen wo das Geld herkommt wenn immer weniger Menschen gutbezahlte Arbeitsplätze haben.

  15. 53.

    Mit Union und SPD wird Deutschland seine Zukunft verschlafen wie die vergangenen 16 Jahre.
    Die ganzen Skandale dieser Parteien scheinen auch einige vergessen zu haben.
    Meine Stimme bekommen die Grünen, da bleibt wenigstens die Hoffnung das sich mal was ändert.

  16. 52.

    Ja, leider, das große historische Versagen liegt bei den Grünen. Auch die sind so unmotiviert durch die Coronakrise gegangen. Den Spitzenpolitikern ist der Posten wichtiger als Ihre Politik.

  17. 51.

    .... sich gegenseitig in Schutz nehmen!? Meinen Sie das ernst? Natürlich sollte ein Wahl-Kampf nicht im gegenseitigen Nieder-machen enden aber den Kuschel-Kurs den die beiden da aufgefahren haben ist das letzte. Aber ich befürchte ich werde Recht behalten. Wir werden eine GRR - Regierung haben unter Kanzlerin Baerbock und dann kann man wirklich nur mit Heine sprechen:Denk ich an Deutschland in der Nacht... . Sie können auch die Phudys nehmen mit dem Lied- Denke ich an Deutschland... . Passt noch besser.

  18. 50.

    Ich habe nicht gegen Visionen. Gepaart mit Kompetenz wäre es noch besser. Denn an sich sind Visionen oder Neugierde der Treiber hinter den Entwicklungen.

  19. 49.

    Den Eindruck habe ich nicht nur manchmal. Was gerade im Naturschutz Bereich abgeht passt auf keine Kuhhaut mehr. Rin in de Kartoffeln raus aus de Kartoffeln. Erst dürfen die Kühe nicht mehr in den Wald. Dann sollen sie wieder rein, weil Hutewald. Logik wo bist du wenn man dich braucht.

  20. 48.

    Wir könnten soviel. Aber schon einmal sollte aus Deutschland ein reines Agrarland gemacht werden. So wie es aussieht, werden wir kein Agrarland aber eines mit hektar weise Solaranlagen auf Agrarland. Und nicht nur bei den Grünen wird die Frage der Finanzierung gestellt.

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