Wahlkreis 61 in Brandenburg - Wo Baerbock und Scholz direkt aufeinandertreffen

Propsteikirche am Bassinplatz (Quelle: dpa/Soeren Stache)
dpa/Soeren Stache
Audio: Inforadio | 17.05.2021 | Amelie Ernst | Bild: dpa/Soeren Stache

Im Brandenburger Wahlkreis 61 kämpfen die grüne Spitzenkandidatin Annalena Baerbock und der SPD-Kandidat Olaf Scholz direkt gegeneinander um Stimmen. Ihr Ziel: die Kanzlerschaft. Die Wählerinnen und Wähler vor Ort haben auch schon konkrete Vorstellungen davon. Von Amelie Ernst

Frührentnerin Steffi sitzt am Rand des Bassinplatz auf einer Bank und schaut dem bunten Treiben mitten in der Potsdamer Innenstadt zu. Hier auf dem Markt frisches Gemüse kaufen, eine "Original Potsdamer Bulette" essen oder einfach mal horchen, was es Neues gibt: Das gehört für viele Potsdamerinnen und Potsdamer einfach dazu.

Steffi ist Ende 50, neben ihr lehnen zwei blaue Krücken an der Bank. Mit der Frage "Scholz oder Baerbock?" hat sie sich bislang allerdings noch nicht wirklich beschäftigt - auch, weil ihre Lust auf Politik derzeit nicht besonders groß ist. "Die reißen sich alle das Geld unter den Nagel, mit unsauberen Geschäften, wie zuletzt bei der CDU. Unmöglich." Außerdem sei von vielen Themen schon viel zu lange die Rede, ohne dass viel passiert sei - beispielsweise bei der Digitalisierung. "Davon reden wir in 20 Jahren noch", ist sich Steffi sicher.

"Ich hätte viel mit den Leuten zu besprechen"

Trotzdem freut sie sich darauf, dass sich Annalena Baerbock (Grüne), Olaf Scholz (SPD) und die anderen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten in den nächsten Monaten öfter hier blicken lassen - und vielleicht auch mal zuhören. "Ich hätte viel mit den Leuten zu besprechen", sagt Steffi. "Zum Beispiel, wie sich die Frau Baerbock die Umsetzung ihrer, ich sage mal, Klima-Schnattereien, vorstellt. Ich glaube nicht, dass sie das bis ins Letzte durchdacht hat."

Zum Beispiel bei der Verkehrspolitik schaue Baerbocks Partei zu sehr auf die Fahrrad- und zu wenig auf die Autofahrer, meint Steffi. "Viele Ältere und Kranke brauchen das Auto - für die gibt es dann kaum noch Parkplätze." Den politisch Verantwortlichen scheine das aber egal zu sein. "Die haben die Sorgen nicht, die werden ja gefahren."

Verkehrspolitik zentral für Wahlentscheidung

Auch für Passant Manfred Ritzow ist die Verkehrspolitik ein entscheidendes Wahlkampfthema. Da müsse sich etwas grundsätzlich ändern, "nur noch Einbahnstraßen, oder so. Wir fahren ja kaum noch Auto, wir gehen zu Fuß". Dass der SPD-Kandidat Olaf Scholz Kanzler wird, glaubt Ritzow jedoch nicht. Er setzt auf eine Regierung ohne rote Beteiligung. "Ich sehe ein schwarz-grünes Bündnis. Damit kann ich gut leben. Weil dann die CDU mal was machen muss in der Umweltpolitik."

Doch auf dem Bassinplatz finden sich auch Unterstützer von Olaf Scholz. Edeltraut Volkmann-Block ist gebürtige Potsdamerin und kann sich durchaus vorstellen, dass der ehemalige Hamburger Bürgermeister das Direktmandat im Wahlkreis 61 holt - mit dem Charme eines Norddeutschen. "Die quatschen nicht so viel, sondern machen auch mal was", sagt die Rentnerin.

Machen sollte der Potsdamer Direktkandidat oder die Direktkandidatin vor allem was für den Klimaschutz und gegen die stetig steigenden Mieten, sagt Volkmann-Block, speziell auch in Potsdam. "Hier sind junge Leute mit Kindern, mit Familien, die hier gerne bleiben würden."

Sorge wegen hoher Mieten

Auch für Maria und Rike, die ein paar Meter weiter ihr Mittagessen ausgepackt haben, ist Wohnen das entscheidende Thema. "Selbst mit guten finanziellen Möglichkeiten hat man Probleme", sagt Rike. Sie denkt an Menschen, die zum Beispiel im Potsdamer Einzelhandel arbeiten und nicht so gut verdienen. "Wo wohnen die? Es geht ja kaum."

Wohnen, Verkehr, Soziales, Klima - die Themen für den Wahlkampf im Wahlkreis 61 stehen fest: Wer ihn gewinnt allerdings noch längst nicht.

Beitrag von Amelie Ernst

18 Kommentare

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  1. 18.

    Wer genau nachgerechnet hat, dem wird es aufgefallen sein. Selbstverständlich sind es nicht 50 km Streckenersparnis - so viel beträgt in der Tat die Entfernung zwischen den BAB-Anschluss-Stellen Potsdam-Nord und Michendorf entlang der "Ausbeulung" der A 10, die ja vermieden werden soll, vielmehr sind es gute 15 km. Haben oder nicht haben, im geschäftlich einträglichen Sinne. Auch das ist nicht wenig, wer das Geschäftsgebaren der LKW-gestützten Speditionen kennt, zudem auch noch zwei BAB-Dreiecke, Werder und Potsdam, umfahren werden.

  2. 17.

    Ggf. hilft ein Blick auf die erweiterte Landkarte, die die Autobahn-Anschluss-Stellen Potsdam-Nord und Michendorf miteinbezieht und in der dann die von Ihnen ins Spiel gebrachte "Erweitere Havel-Querung" entlang des Bahndamms durch den Templiner See mitsamt der nördl. und der südöstl. Verlängerung eingezeichnet ist.

    Gute 50 km Fahrstrecken-Ersparnis lässt sich keine Spedition entgehen und eine Handhabe, den LKW-Verkehr aus dieser Trasse herauszuhalten, besteht definitiv nicht. Meines Erachtens hätte ausschließlich die eigentliche Havelspange als reine Verbindung zw. der B 1 und der B 2, also zwischen dem linken und rechten Ufer der Havel, einen Sinn, weil die Sortierung auf die unterschiedl. Havelseiten bereits dort, nicht aber erst in der Innenstadt stattfände.

  3. 16.

    1. Die von Ihnen bezeichnete Havelquerung ist die Verharmlosung einer Autoverkehrstrasse, die wesentl. Gebiete der Innenstadt zusätzlich verlärmt hätte u. nichts gelöst, nur den Auto-Stau an anderer Stelle auf höherer Stufenleiter hervorgerufen hätte. Von daher ist diese Planung zu Recht in den Schubladen verschwunden.

    2. Die Tram in Ri. Krampnitz ist nicht etwa auf Eis gelegt worden, sondern verzögert sich vom Planungsverlauf her. Dies deshalb, weil die Stadtverwaltung nicht ihre Hausaufgabe gemacht hat bzw. es Umplanungen gab, was den Bodenerwerb entlang der Strecke angeht. Die B 2 soll nicht wie in Höhe Viereck-Remise niveaugleich gekreuzt werden, sondern in Form eines Überwerfungsbauwerks. Persönlich halte ich dies verzichtbar, sodass die Planungsverzögerung nicht hätte sein müssen.

    3. Dass gr. Plätze nicht in eine Stadt gehören, dürfte bei den Besuchern des Markusplatzes, des Commercio und zahllosen Marktplätzen v. a. Südeuropas doch Verwunderung auslösen.

  4. 15.

    Eine zusätzliche Havelquerung wäre an der Speicherstadt möglich gewesen. Aber dann hätte die Stadt nicht das gesamte Grundstück gewinnbringend verkaufen können. Da wurde sehr viel Historisches dem Verkauf geopfert. Und ich zähle die künstlich erschaffene Museumsinnenstadt nicht zum historischen Erbe, dazu kommt die Verdrängung der alten Mieterschaft (Staudenhof) durch die Verantwortung der Stadt. Sehen Sie sich nur den riesigen Platz/ Lustgarten am Mercure an. Alles zugepflastert, 3 Alibibäumchen und pralle Sonne. Für das Stadtklima ein Fiasko. Und leider ist Ihre Favorisierung der Straßenbahn auch nicht das Allheilmittel. Siehe Nichtplanung nach Krampnitz. Und Ihre erwähnten P+R Plätze? Das ist nicht ernst gemeint, oder?

  5. 14.

    Ich sehe gerade im rbb den Polittalk. Warum sind da nur Scholz und Baerbock eingeladen die sich gegenseitig lobhudeln? Dass sich Scholz schon seit Wochen den Grünen anbiedert und so tut als wäre er schon seit 2 Jahren nicht mehr Teil der Regierung ist ja kaum zu ignorieren.
    Reinste Werbeveranstaltung für SPD/Grüne im rbb ohne wirklich kritische Fragen der Moderatoren.

  6. 13.

    Aber den feuchten Traum träumen die Grünen doch auch. Gleiches Recht für alle Träumer!

  7. 12.

    Noch 5% dann hat in diesem Wahlbezirk die AfD die SPD eingeholt und Grüne wie Linke hinter sich gelassen. Wenn die SPD noch runter geht dann weniger.
    Aber Brandenburg hat ja schon im Osten Brandenburgs, da wo die AfD am stärksten ist, die Wahllokale reduziert.
    https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/politik/2021/04/bundestagswahl-brandenburg-weniger-wahllokale.html

  8. 11.

    Meine Prognose: CDU gewinnt, AfD vor SPD

    Dann werden unsere beiden extrem kompetenten Kanzlerkandidaten versuchen, das desaströse Ergebnis als Erfolg umzulügen.

  9. 10.

    Es gibt Menschen, die sich selbst bei Regenwetter Sonnenbrillen aufsetzen und es gibt Menschen, die bei strahlendem Sonnenschein von unerträglicher Dunkelheit reden.

  10. 9.

    Sorry, aber die P+R Möglichkeiten in Potsdam sind nichts anderes, als ein schlechter Witz und das ist im Potsdamer Rathaus seit Jahren bekannt und genau so lange passiert, außer großen Ankündigungen, genau nichts. Die Zeppelinstraße ist morgens und abends zum Brechen voll, die B2 nach Norden ist den ganzen Tag über völlig überlastet, das Gleiche gilt für die B273 und der Parkplatz an der Kirschallee ist ständig überfüllt und in einem erbärmlichen Zustand. Von P+R kann da nicht mal ansatzweise die Rede sein. Potsdam bräuchte zur Entlastung der Innenstadt dringend die erweitere Havelspange vom Stern im Süden bis zur B273 im Norden. Diesen sinnvollen Eingriff in die Natur blockieren interessierte Gruppen aber vehement, allen voran die Grünen. So muss jeder, der von Nord nach Süd oder von Ost nach West will zwingend durchs Zentrum, inklusive Stau und Unmengen von Abgasen. Da hilft auch das dünne Tramnetz nichts (was auch kaum noch ausbaubar ist).

  11. 6.

    Meine Erststimmenprognose
    Grüne 33%
    SPD 19%
    AfD 14%
    CDU 12%
    FDP 9%
    Linke 7%
    Sonstige 6%

  12. 5.
    Antwort auf [Micha] vom 17.05.2021 um 18:01

    Danke für die Info. Ich wusste, dass es da eine Änderung ab, bezog sich mich aber auf die Informationen von 2013.

  13. 4.

    36 % Autoverkehr ist für eine Stadt in der Größe von Potsdam ein recht guter Wert. Woran es immer noch mangelt, ist der Zielverkehr Innenstadt. Da ist dieser Wert eindeutig zu hoch, denn die historischen Straßenbreiten reichen weder zum Abstellen noch zum Befahren aus. Überdies wäre es wichtig, in Potsdam die naturräumlichen Gegebenheiten wie auch den Status des umgebenden Welterbes einzubeziehen. Beides lässt eine Vermehrung der Havelübergänge nicht zu.

    Der Ausweg dazu ist die Priorisierung des Schienenverkehrs, in Potsdam also der Straßenbahn. Im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Erfurt oder Rostock ist der Ausbau in Potsdam allerdings bescheiden, die Kombination von Fußverkehrsbereichen mit der Tram - wie mustergültig am Erfurter Anger und der dortigen Schlösserstraße - geradezu unterentwickelt.

    Bei mustergültigem Ausbau der Tram wäre ein Restverkehr an unvermeidbaren Kfz. kein Problem. P + R gibt es am Campus Jungfernsee, am Bhf. Pirschheide und an der Kirschallee.

  14. 3.

    Ihre Meinung ist mir zu einseitig. Woher stammen denn die erwähnten Zahlen. Und wenn die Zahlen stimmen, dann gibt es immer noch 36% motorisierten Verkehr. Und wo befinden sich die von Ihnen erwähnten P+R Plätze? Und dann gibt es noch viel Nachholbedarf beim ÖPNV. Ich selbst nutze auch den ÖPNV wenn ich mal nach Potsdam fahre, aber ob das für viele Pendler tagtäglich auch akzeptabel ist entzieht sich meiner Kenntnis. Ob das gewaltsame Wegdrängen des Individualverkehrs immer richtig ist?

  15. 2.

    Das sich die Sozis mit 13-15% noch anmaßen einen Kanzlerkandidaten zu benennen, grenzt an Selbstmitleid.

  16. 1.

    Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass der Wahlkreis 61 Potsdam nicht nur die Stadt, also die Landeshauptstadt umfasst, sondern auch viele Gemeinden des direken Umlandes, sodass ungefähr die doppelte Fläche zustandekommt. Dazu gehören bspw. auch Kleinmachnow oder Werder (Havel). Von daher differiert die politische Präferenz zwischen Potsdam als Stadt und einigen Umlandgemeinden erheblich.

    Die Verkehrspolitik ist ein Thema. Im Grundsatz geht es darum, ob die Verkehrspolitik eine auf das Auto ausgerichtete Politik sein soll oder ob das Stadtzentrum von Potsdam vorrangig eben mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad erreicht und im Zentrum dem Fußverkehr mehr Platz gegeben werden soll. 24 % Radfahr-Binnenanteil bei 20 % Öffentlichen bei wiederum 20 % Fußverkehr sind für eine Stadt wie Potsdam schon jetzt gute Werte. Wer vom besagten Umland nach Potsdam will, kann per P + R umsteigen und die wenigen hier Genannten machen "den Kohl nicht fett."




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