Muna Frank und Michael Schulz in Reinickendorf
Bild: rbb24/Antonia Märzhäuser

Bundestagswahl | Die Grauen - Eine Partei auf Verjüngungskurs

Die Grauen haben ein Imageproblem. Sie werden für älter gehalten als sie sind. Dabei gibt es die Partei seit gerade einmal vier Monaten. Im Mai haben sie sich von den Grauen Panthern abgespalten und sind seitdem auf Verjüngungskurs. Von Antonia Märzhäuser

Mit Klischees kommt man bei Muna Frank nicht weit. Die Zwanzigjährige mit glitzerndem Nasenpiercing und perfekt gezogenen Augenbrauen kommt gerade von der Arbeit bei Karstadt. Auf die Frage, ob sie dort eine Ausbildung mache, schüttelt sie den Kopf: "Oh Gott, niemals. Ich bin beim Bund."

Statt Flecktarn trägt die angehende Panzergrenadierin eine schwarze Lederjacke. Gerade pausiert sie wegen einer Verletzung. Solange hat sie die bayerischen Kaserne für ihr Zuhause im Märkischen Viertel eingetauscht. Hier ist sie aufgewachsen und hier hat sie auch Michael Schulz kennengelernt. Schulz ist in Reinickendorf seit 12 Jahren politisch aktiv. Er saß für die Grauen Panther und die Piraten in der Bezirksverordnetenversammlung. Im Mai hat er dann selber eine Partei gegründet: "Die Grauen - Für alle Generationen".

"Wir sind nicht die Grauen Panther", das betont Michael Schulz immer wieder. So ganz einfach macht es einem die Partei mit der Unterscheidung allerdings nicht. Seit der Gründung der Grauen Panther Ende der 80 Jahre hat sich die Partei unzählige Male unbenannt und neugegründet. Wie auch vor vier Monaten. Diesmal aber mit einer neuen Ausrichtung und neuem Personal.

Muna Frank von "Die Grauen"
Bild: rbb24/Antonia Märzhäuser

"Wir sind leider länger alt als jung"

Die Grauen wollen eine Partei für alle Generationen sein. Und so findet man neben den Themen Pflege und Rente einen starken Fokus auf Familien -und Bildungspolitik. "Wir haben Themen mit aufgenommen, die das Älterwerden thematisieren, aber es ist so, dass wir ganz klar sagen, wir müssen Alleinerziehende und Familien unterstützen", sagt Michael Schulz. So fordern die Grauen eine Garantie auf Kitaplätze, einen einheitlichen Lehrplan im ganzen Bundesgebiet sowie eine Förderung für Ausbildung und Studium unabhängig vom Einkommen der Eltern. Die Arbeitszeit soll auf 35 Stunden wöchentlich reduziert werden und so Eltern die Möglichkeit gegeben werden, sich die Tage flexibler einzuteilen.

Auch bei den einstigen Kernthemen folgt das Wahlprogramm einer durch und durch sozialen Agenda: Mehr Rente, weniger Arbeitsstunden und eine Absenkung des Renteneintrittsalters. Finanziert werden sollen die Mehrausgaben, indem auch Beamte und Selbstständige in den Rententopf einzahlen und Gutverdiener stärker belastet werden. So viel zur Theorie.

Das Märkische Viertel und die vergessenen Wähler

Muna Frank findet all das auch wichtig. Die Gründe, warum sie bei den Grauen aktiv ist, sind aber andere. Die haben viel mit dem zu tun, was sonst unter dem Begriff "Politikverdrossenheit" zusammengefasst wird. "Viele meiner Freunde gehen nicht wählen. Die denken sich, dass die Politiker eh nur reden, aber nichts machen", sagt Frank. Ihr selbst ging es ähnlich. Der einzige Unterschied: Ihre Mutter bestand darauf, dass sie ihre Stimme abgibt.

Muna Frank kennt Michael Schulz von seiner Arbeit im Bezirk. Damals war er noch bei den Grauen Panthern. Sie identifiziert sich mit einer Partei, die den Menschen zuhört und auf der Straße präsent ist: "Wir drücken den Leuten nicht einfach Wahlflyer in die Hände. Wir reden mit denen", sagt Frank. Die Vorstellung eine Partei nicht nur zu wählen, sondern selber einen Unterschied zu machen, hat sie motiviert, Teil des Gründungsteams zu werden. Bei der Bundestagswahl steht sie auf Listenplatz 2.

Insgesamt treten drei Direktkandidaten für die Grauen an, in Reinickendorf, Neukölln und Marzahn-Hellersdorf. Nach Berlin folgte im September die Gründung des Landesverbandes Niedersachsen. Hamburg ist gerade im Gründungsprozess und auch sonst kommen nach eigenen Aussagen aus der ganzen Bundesrepublik Anfragen. Auf die Frage, was die Ziele für die Wahl seien, guckt Michael Schulz verdutzt: "Na ist doch klar: Das bestmögliche Ergebnis holen" und Frank sagt: "Wir sind zwar noch klein, aber wir wollen nicht klein bleiben."

Das Märkische Viertel in Berlin
Bild: Arco Images

Gekommen, um zu bleiben

Das unterscheidet die Grauen von anderen Kleinparteien. Sie wollen wachsen. Es reicht der Partei nicht, das Bewusstsein für soziale Fragen zu schärfen, sie wollen diese sozialen Fragen mitgestalten. Bisher ist dafür kaum Zeit: "Dienstags ist Bürotag", den Rest der Woche arbeitet Michael Schulz als Fahrlehrer. Schulz ist so etwas wie der Tausendsassa von Reinickendorf. Seinem Lebenslauf zufolge, müsste er weit über 100 sein: Nach einer Ausbildung in der Senatsverwaltung für Inneres hat er in einem Jugendheim gearbeitet, Sicherheitskräfte in der ehemaligen O2 Arena ausgebildet, war Busfahrer und nebenbei Bezirksverordneter.

2006 holte er, damals noch für die Grauen Panther, 3,8 Prozent bei der Abgeordnetenhauswahl. Zwei Jahre später trat er für die Piraten an. Damals habe es zwischen den beiden Parteien Schnittmengen gegeben, welche genau das waren lässt Schulz offen. "Zumindest weiß ich jetzt wie man twittert und was ein Hashtag ist", sagt Schulz mit einem Grinsen.

Dem Populismus etwas entgegensetzen

Vielleicht war es der basisdemokratische Gedanke, den Schulz an den Piraten zu schätzen wusste. Denn er wird nicht müde, die etablierten Parteien für ihre Starre und Behäbigkeit zu kritisieren. Die "Alt-Parteien" seien zu weit weg von den Menschen. Gleichzeitig hält er es für gefährlich, dass immer mehr Parteien mit Polemik und dumpfen Parolen die Wählerschaft für sich gewinnen wollen. Wo andere Parteien Unterschiede forcieren, wollen die Grauen Unterschiede abbauen. "Ich habe in meiner Arbeit mit Jugendlichen gelernt, dass deeskalieren immer die bessere Lösung ist."

Für die kommende Wahl sieht er die Wähler in der Pflicht, den kleinen Parteien eine Chance zu geben. Die Grauen kontern nicht mit rassistischen Ressentiments, sondern mit viel Idealismus. Der Unterschied zwischen Martin und Michael Schulz ist vielleicht der: Der eine glaubt, dass er wirklich etwas verändern kann.

Diese 24 Parteien treten in Berlin an

  • Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

  • Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

  • Die Linke

  • Bündnis 90/Die Grünen (Grüne)

  • Alternative für Deutschland (AfD)

  • Piratenpartei

  • Freie Demokratische Partei (FDP)

  • Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI)

  • Freie Wähler

  • Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

  • Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo)

  • Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD)

  • Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale (SGP)

  • Bergpartei, die Überpartei - ökoanarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken (B*)

  • Bündnis Grundeinkommen - Die Grundeinkommenspartei

  • Demokratie in Bewegung

  • Deutsche Kommunistische Partei (DKP)

  • Deutsche Mitte - Politik geht anders... (DM)

  • Die Grauen - Für alle Generationen (Die Grauen)

  • Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.)

  • Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller (Menschliche Welt)

  • Partei für Gesundheitsforschung (Gesundheitsforschung)

  • Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei)

  • V-Partei³ - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei³)

Beitrag von Antonia Märzhäuser

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