Luftaufnahme des naechtlichen Berlins entlang der Spree von Treptow nach Norden. (Quelle: imago)
Video: abendschau | 25.09.2017 | Sascha Hingst im Gespräch mit Gabriele von Moltke | Bild: imago stock&people

Auswertung nach Ost und West - Berlin bleibt bei der Wahl gespalten

Auch fast drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall stimmen Berliner in beiden Hälften der früher geteilten Stadt unterschiedlich ab. Linke und AfD sind im Osten viel erfolgreicher, während die einst großen Parteien sowie FDP und Grüne im Westen dominieren. Von Andrea Marshall

Schon der erste Blick auf die Wahlergebnisse in der deutschen Hauptstadt zeigt es: In den beiden Stadthälften Berlins wurde bei der Bundestagswahl noch immer sehr unterschiedlich gewählt. Die Landeswahlleitung hat die Zweitstimmen-Ergebnisse auf den früheren Ostteil und den früheren Westteil, wie sie vor der Maueröffnung bestanden, umgerechnet. Im Jahr 28 nach der Maueröffnung erstaunt das klare Ergebnis.

Linke dominiert im Osten

Den krassesten Unterschied zeigt das Abschneiden der Linken: Der Berliner Osten wählt trotz örtlicher Verluste weiterhin vergleichsweise stark dunkelrot - 26,1 Prozent im Vergleich zu 13,5 Prozent im Westen. In Lichtenberg bekam die Linke mit 29,3 Prozent so viele Zweitstimmen wie sonst nirgends in Deutschland.

Gregor Gysi (Quelle: dpa)
Eigentlich wollte er sich aus der Politik verabschieden, aber nun ist er doch wieder erfolgreich dabei: Gregor Gysi, Linke. | Bild: dpa

Die Linke hat auch ihre vier Direktmandate in Berlin wieder in ihrem Stammgebiet im Osten geholt, teils mit sehr guten Ergebnissen: Ex-Fraktionschef Gregor Gysi in Treptow-Köpenick (39,9), Ex-Linken-Chefin Gesine Lötzsch in Lichtenberg (34,7 Prozent), Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau in Marzahn-Hellersdorf (34,2) und Stefan Liebich in Pankow (28,8). Im übrigen Bundesgebiet ging nur noch ein weiteres Direktmandat an die Linke (Wahlkreis Leipzig II).

Petra Pau auf der Wahlparty der Linkspartei
In Marzahn-Hellersdorf holte zwar Petra Pau von den Linken das Direktmandat - bei den Zweitstimmen gilt der Wahlbezzirk aber als Hochburg der AfD. | Bild: imago/Thomas Lebie

AfD erfolgreich im linken Osten

Auffällig: Die AfD punktet in der Hauptstadt vor allem im Osten - 14,8 im Vergleich zu 10,1 Prozent - und zwar genau dort, wo die Linken ihre Direktmandate gewonnen haben. So gehört Marzahn-Hellersdorf mit 21,6 Prozent zu den Hochburgen der Nationalkonservativen, außerdem Treptow-Köpenick (16,9) und Lichtenberg (16,7). Während viele Wähler also hier mit ihrer Zweitstimme AfD wählten, ging die Erststimmen mehrheitlich an die Linke.

Die AfD-Hochburgen sind laut Landeswahlleiterin gekennzeichnet durch viele ältere Menschen, kaum Ausländer und wenig Religionsbindung - eine Zusammensetzung, wie sie unter anderem in den Plattenbausiedlungen zu finden ist. Die Partei profitierte am meisten von Stimmen bisheriger Nichtwähler.

Im Westen sind Spandau (14,1 Prozent) und Reinickendorf (13,7) die Wahlbezirke mit den meisten AfD-Stimmen. Insgesamt hat aber in den westlichen Bezirken die Linke, sonst traditionell nicht so stark im Westen, die AfD überflügelt.

CDU und SPD am besten im Westen

Die CDU und die SPD liegen dagegen ganz klar im Westteil Berlins vorn – mit 5,9 beziehungsweise 4,8 Punkten Vorsprung vor dem Osten. Besonders hoch lag der CDU-Anteil mit bis zu 40 Prozent in den westlichen Stadtteilen Rudow, Lichtenrade und Frohnau. Die Wählerschaft der CDU ist vor allem älter, alteingesessen und christlich.

Frank Steffel (Quelle: dpa)Frank Steffel holte das beste CDU-Direktmandatsergebnis - im West-Bezirk Reinickendorf.

Die Christdemokraten holen auch alle ihre Direktmandate im Westen:  Frank Steffel in Reinickendorf (36,8), Thomas Heilmann in Steglitz-Zehlendorf (35,4), Klaus-Dieter Gröhler in Charlottenburg-Wilmersdorf (30,2) und Jan-Marco Luczak in Tempelhof-Schöneberg (29,0). CDU-Landeschefin Monika Grütters, die erneut im Ost-Wahlbezirk Marzahn-Hellersdorf angetreten war, erlitt dort auch erneut eine Wahlschlappe.

Die Sozialdemokraten schafften es in keinem einzigen Berliner Wahlkreis an die Spitze der Zweitstimmen. Ihr bestes Ergebnis, magere 22,7 Prozent, erzielten sie aber im Westen: im Wahlbezirk Spandau-Charlottenburg-Nord, wo Direktkandidat Swen Schulz auch den Konkurrenten von der CDU ausstechen konnte. In Neukölln konnte Fritz Felgentreu ebenfalls die CDU-Rivalin überflügeln, wenn auch nur knapp. Eva Högl schaffte im Ost-West-Mischbezirk Mitte den Sieg als Direktkandidatin.

Umgekehrt erlitt die SPD ihre größten Wahlschlappen in Berlin im Ostteil: in Marzahn-Hellersdorf (14,5 Prozent) und in Lichtenberg (14,8 Prozent) fuhr sie ihre schlechtesten Ergebnisse ein.

Sebastian Czaja (FDP)
Geboren und zunächst erfolgreich im Berliner Osten, jetzt eher im Westen populär: Sebastian Czaja von der Berliner FDP. | Bild: dpa

FDP erstarkt in West-Berlin, aber nicht nur

Die Liberalen, die nach einer Zwangspause jetzt wieder in den Bundestag einziehen, haben dies in Berlin vor allem den Wählern im Westen zu verdanken. Dort holte die wirtschaftsnahe Partei mit 10,8 Prozent 4,4 Punkte mehr als im vermutlich kapitalismuskritischeren Osten (6,4). Liberalen-Hochburg ist Charlottenburg-Wilmersdorf und der Berliner Südwesten, wo die FDP örtlich mit mehr als 27 Prozent der Stimmen punkten konnten. Vor allem christlich gebundene, gut situierte und ältere Wähler im gutbürgerlichen Westen Berlins, oft abgewandert von der CDU, verhalfen der Partei zu ihrem Ergebnis.

Auch Grüne sind west-dominiert

Auch die Grünen bleiben im Wesentlichen eine West-Partei (14,1) - und eine, die im Zentrum Berlins erfolgreich ist, insbesondere in den überwiegend jungen und internationalen Bezirken innerhalb des S-Bahn-Rings. In ihrem Stammgebiet in Friedrichshain-Kreuzberg holten sie auch wieder das einzige grüne Direktmandat der Republik, wenn auch mit Verlusten.  

In den östlichen Bezirken kommen die Grünen aber immerhin noch auf 10,5 Prozent der Stimmen. Im Vergleich zu den mageren sechs Prozent, die die Ökopartei in Ostdeutschland insgesamt einfuhr, ist dies nicht so schlecht.

Beitrag von Andrea Marshall

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Moral im Osten und Geldgier im Westen?
    Stimmt, vor lauter Geldgier haben wir Milliarden an unsere teuren Brüder und Schwestern im Osten gezahlt.
    Und Moral habe ich auch gesehen, beim Umtausch Ostmark in Westmark haben viele besch.....

  2. 5.

    Berlin bleibt gespalten und das nicht nur bei der Wahl. Moral im Osten. Geldgiet im Westenä. Wann sind Ostberliner endlich gleichgestellt? Das eine von uns dss in 27 Jahren immer noch verhindert, liegt doch wohl an denen, die sie gewählt haben.

  3. 3.

    Mumpitz! Berlin ist nicht gespalten, das Zusammenwachsen dauert nur etwas länger als erwartet.

  4. 2.

    Bei den allgemeinen Wahlen schlagen mithin Durchschnittswerte von Bürgern aller Altersklassen zu. Ob der Durchschnitt Auskunft über die ganze Spannweite gibt, ist mithin eine völlig offene Frage.

    Ganz klar, dass die "Älteren" über 50 Jahre bei Umzügen innerhalb ihrer ehemaligen Stadthälfte verbleiben, sowohl die Ost-Berliner wie auch die West-Berliner. Bei den Jüngeren ist es hingegen egal, auf jeden Fall, je näher sie in zentrumsnahen Stadtteilen wie Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Neukölln oder Wedding wohnen. Das geht dann kunterbunt. So ist es auch mit den Wahlprozenten.

    Anders außerhalb des Zentrumsnahen: So schwarz Zehlendorf und das nördliche Reinickendorf ist, so sehr ist Marzahn-Hellersdorf auf Jahrzehnte hinweg Hochburg der Partei Die Linke. Die wollen beide nicht weg. geografisch nicht und auch nicht politisch. Angestammt und gleichermaßen rigoros, rigide: Das bleibt so, bis zum Lebensende. Schluss, Aus, Ende. Die AfD ist da nur die (östl.) Steigerung.

  5. 1.

    Kaffesatz lässt sich ja so einfach lesen.
    Weiter so.

    fun.statt.facts

    :)

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