Ein Wohnblock des Wohnungsunternehmens Vonovia, die sogenannte "Abgeordneten-Schlange" (Quelle: dpa/Sophia Kembowski)
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Platte West, wilder Wedding oder wechselnde Hotels - Wie Bundestagsabgeordnete in Berlin wohnen

Sie sind rund 20 Sitzungswochen im Jahr in Berlin, oft viele Hundert Kilometer von ihrer Heimat entfernt: Wer von den 630 Bundestagsabgeordneten nicht pendeln kann, braucht eine Bleibe in der Hauptstadt. Und die fallen höchst unterschiedlich aus. Von Sarah Mühlberger

Zu viel Wind vor der Tür, zu viel stickige Hitze in den Wohnungen, zu viele Mücken, zu viele Kollegen: So begründeten nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin viele Bundestagsabgeordnete, warum sie nicht in der wegen ihrer S-Form "Bundes-Schlange" genannten Wohnsiedlung in der Joachim-Karnatz-Allee leben wollten - die immerhin extra für sie gebaut worden war.

Zwar ist die Liste der prominenten Ex-Bewohner der "Schlange" mit Michael Glos, Rainer Brüderle, Theo Waigel und Klaus Kinkel recht lang. Aber die meisten Abgeordneten zogen auch schnell wieder weiter. 2009 wurde der Wohnblock dann für alle Berliner geöffnet. Nach Angaben der Wohnungsbaugesellschaft Vonovia sind aktuell alle 480 Wohnungen in der "Schlange" vermietet. Wird eine frei, hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BlmA) ein vorrangiges Belegungsrecht. Etwa jedes fünfte Appartment wurde zuletzt an den Bund vermietet. Wer aber heute als frisch gewählter Bundestagsabgeordneter nach Berlin kommt, den zieht es kaum in die "Schlange".

Julia Verlinden (MdB, Bündnis 90 / Die Grünen) im August 2017 (Quelle: imago/Michael Täger)
Die Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden (Grüne) wohnt in einer Wohnung in Mitte. | Bild: imago stock&people

Wohnen in Mitte: Hauptsache kurzer Arbeitsweg

Auch die Grünen-Abgeordnete Julia Verlinden aus Niedersachsen hat sich gegen eine Wohnung in der Schlange entschieden. "Vor allem, weil die Wohnungen dort keine Balkone haben." Stattdessen wohnt die 38-Jährige seit vier Jahren in einer ruhigen Sackgassen-Straße in Mitte, keine zwei Kilometer vom Bundestag entfernt.

Für die Zeitersparnis nimmt sie in Kauf, den einen oder anderen Abgeordneten auch außerhalb des Parlaments zu treffen. "Ich sitze ja manchmal um 23 Uhr noch im Büro, da bin ich froh, wenn ich anschließend nicht erst ans andere Ende der Stadt muss."

Ohne Frühstück, aber immer mit Helm

Auch wenn ihr Arbeitsweg kurz ist: Er hat bei ihr als Verkehrsteilnehmerin Eindruck hinterlassen. "Als Radfahrerin sehe ich deutlich die Herausforderungen, das Verkehrsvolumen in dieser Stadt zu bewältigen." Weil die Autofahrer in Berlin "viel gestresster und hektischer unterwegs sind", als sie es aus ihrer Heimatstadt Lüneburg kennt, folgt sie einem Prinzip: "Ich fahre hier nie ohne Helm."

Der eigene Rückzugsort war Verlinden wichtig, auch wenn sie ihre Wohnung kaum persönlich eingerichtet hat und vorwiegend zum Schlafen und Duschen nutzt - "selbst das Frühstück fällt meistens aus". Dafür sei es aber praktisch, eine eigene Waschmaschine zu haben.

Aus Heidelberg in die "Platte West"

Ihr Kollege Lothar Binding, finanzpolitischer Sprecher der SPD und seit 19 Jahren Mitglied des Bundestags, handhabt es ähnlich: Der Heidelberger wohnt während der Sitzungswochen in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Friedrichstraße, auf der Grenze von Mitte und Kreuzberg. Von dort seien Reichstag beziehungsweise Bürgerbüro gut zu erreichen, sagt Binding. Seine Wohnung beschreibt der 67-Jährige so: "Platte West, aber prima ausreichend." Ein Schlafzimmer, ein Zimmer für Gäste oder Praktikanten, ein Bad und eine Küche - "von mir unbenutzt", fügt Binding hinzu.

Max Straubinger, parlamentarischer Geschäftsführer der CSU und seit 23 Jahren Mitglied des Bundestags, wohnt während der Sitzungswochen ebenfalls in Mitte: Er hat sich dort eine Eigentumswohnung gekauft.

Wohnen in der "Flur-WG": Hauptsache nicht einsam

Um im "Raumschiff Berlin" nicht zu vereinsamen, hat Karin Binder eine elegante Wohnlösung gefunden: Während der Sitzungswochen lebt sie "mit Familienanschluss": Ihre jüngere Schwester war kurz vor der Linken-Abgeordneten nach Berlin gezogen, in eine Wohnung im Wedding. Anfangs fand Binder dort Unterschlupf, als sie 2005 Mitglied des Bundestages wurde, später bezog sie die Nachbarwohnung. "Und jetzt führen wir quasi eine WG über'n Flur." Ein angenehmer Nebeneffekt sei, dass sie auch kulinarisch gut versorgt wird, erzählt Binder.

Den Wedding hätte sie sich auch ohne diese glückliche Fügung ausgesucht, sagt die 59-Jährige: "Mir ist es wichtig, dass ich als Abgeordnete erlebe, dass es abgesehen vom idyllischen Baden-Württemberg auch noch andere Lebenswelten gibt."

Bundestagsabgeordnete Karin Binder (Die Linke) (Quelle: Christian Mang)
Karin Binder (Die Linke) wohnt in einer "Flur-WG". | Bild: Christian Mang

Der Wedding sei ein "schönes Kontrastprogramm" zu ihrem Leben in Karlsruhe. Zwar wohnt sie auch dort in einem sogenannten sozialen Brennpunktviertel, der Alltag im Wedding ist aber doch ein anderer: "Dauernd ist die Polizei da, und am Ende der Straße gibt es einen Rockerclub."

Berlin sei "wahnsinnig spannend", sagt Binder. "Aber die ganze Zeit hier zu leben - das würde mich wahnsinnig machen. Dafür ist mir die Stadt zu anstrengend." Ihre Jugendstil-Wohnung hat sie spartanisch eingerichtet: Bett, Schrank, Gästesofa, Fernseher. Außerdem ein paar Regale, "denn es sammeln sich ja doch immer jede Menge Bücher an".

Wohnen im Hotel: Hauptsache günstig

Ein Bücherregal sucht man bei Andrej Hunko vergebens. Der Wahl-Aachener sitzt seit 2009 für die Linke im Bundestag, seither übernachtet er während der Sitzungswochen im Hotel. Was nach Udo Lindenberg und Glamour klingt, sei tatsächlich eine pragmatische Entscheidung, sagt der 53-Jährige. Wegen seiner Arbeit für den Europarat sei er häufig unterwegs und nur selten in Berlin: "Eine Wohnung hat sich bisher nicht gelohnt."

Die Hotel-Lösung ist unter den Parlamentariern gar nicht so selten, auch die CDU-Abgeordnete Katja Leikert beispielsweise zieht das Übernachten im Hotel einer festen Wohnung vor, wie eine Sprecherin mitteilt.

Andrej Hunko (Die Linke) spricht am 13.05.2016 im Bundestag in Berlin (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
MdB Andrej Hunko wohnt während der Plenarwochen in Hotels. | Bild: dpa

Andrej Hunko hat eine Handvoll Lieblingshotels in Mitte, Charlottenburg und Friedrichshain - "günstig und nicht zu voll, nicht fußläufig zum Bundestag, aber doch zentral gelegen". Anfangs übernachtete er auch mal in Mahlsdorf, wo es besonders günstig war, das mache er nun nicht mehr.

Auch ohne Wohnung fühlt sich Hunko der Stadt verbunden: In den 90ern lebte er einige Zeit in Berlin, jobbte zwei Jahre als Fahrradkurier. Er schätzt das viele Grün der Stadt und ihren Charme im Sommer. Sollte er im September wiedergewählt werden, könnte er sich vorstellen, das Hotel-Leben aufzugeben. "Manchmal denke ich, ein fester Ort wäre doch schön." Die Schlange ist allerdings keine Option für ihn: "Wenn ich mir eine Wohnung suche, dann in einem normalen Viertel, mit ganz normalen Menschen."

Beitrag von Sarah Mühlberger

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1 Kommentar

  1. 1.

    Jetzt verstehe ich endlich, warum die Diäten in regelmäßigen Abständen erhöht werden müssen, weil sie an die Preisentwicklung des Mietmarkts gekoppelt sind und der mächtig Druck auf das Einkommen macht. Allerdings halte ich es für taktisch unklug immer wieder die Diäten zu erhöhen und somit bei mach einem Wähler Unmut hervorzurufen, besonders bei den Niedriglohnempfängern, bei denen die Lohnentwicklung seit Jahren stagniert, anstatt eine wirksame Mietpreisbremse einzuführen . Ich kann nur vermuten, dass das daran liegt, dass manche Abgeordnete, wie z.B. Frau Verlinden, soweit abgehoben haben, dass in deren Wahrnehmung Menschen mit einem geringen Einkommen nicht mehr präsent sind. Wie soll ich das verstehen, dass sie einerseits eine Wohnung mit Balkon wollte, nicht als einzige, andererseits oft erst sehr spät daheim ist und morgens meist keine Zeit für ein Frühstück auf besagtem Balkon hat? Ich hätte gerne einen Balkon, hätte auch Zeit ihn zu Nutzen, hab aber das Geld nicht. Lustig.

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