Die Berliner Grünen-Politikerin Canan Bayram, im Hintergrund Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele (Quelle: dpa/Soeren Stache)
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Knappes Rennen in Friedrichshain-Kreuzberg - Ströbele-Nachfolgerin Bayram holt wieder Grünen-Direktmandat

Im Grünen-Stammgebiet in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg hat sich auf den letzten Metern doch noch die Grünen-Direktkandidatin Canan Bayram durchgesetzt. Der eigentliche Sieger bei der Bundestagswahl im Wahlkreis ist aber die Linke.

Die Berliner Rechtsanwätin Canan Bayram hat in Friedrichshain-Kreuzberg das Direktmandat der Grünen halten können, das zuvor Grünen-"Urgestein" Hans-Christian Ströbele viermal gewonnen hatte. Es ist auch dieses Mal das einzige Direktmandat der Grünen bundesweit.

Doch anders als bei Ströbele war es an diesem Sonntag knapp. Bei der Auszählung gab es über Stunden es äußerst enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bayram und dem Linken-Direktkandidaten Pascal Meiser. Am Ende erzielte Bayram 26,3 Prozent der Stimmen und Meiser 24,9 Prozent. Meiser zieht aber doch in den Bundestag ein - über die Linken-Landesliste.

Bei den Zweitstimmen überholte die Linke die Grünen in derem "Stammgebiet" sogar deutlich mit 28,6 vor 20,4 Prozent. Damit hat die Linke 3,5 Prozent zugelegt, die Grünen haben leicht verloren (0,3 Prozent).

"Laut", links - und mit Kanzlei im hippen Samariterkiez

Die 51-jährige Bayram ist im Bezirk nicht fremd: Dreimal kandidierte sie hier für das Berliner Abgeordnetenhaus und wurde immer direkt gewählt - beim ersten Mal 2006 noch als SPD-Mitglied. Bei den Grünen gehört sie, wie Ströbele, zum linken Flügel. Auch deshalb habe es nicht für einen Platz auf der Grünen-Landesliste gereicht, sagt Bayram. "Dafür bin ich zu laut und zu eigen." Ein mit der Hausbesetzerszene sympathisierendes Wahlplakat von Bayram sorgte im Landesverband für einen derart scharfen Streit, dass Parteikollegen zum Boykott Bayrams aufriefen und die Bundesparteiführung vermittelnd einschritt.

Wie viele Bewohner von Friedrichshain-Kreuzberg zog Bayram aus dem Westen Deutschlands zu. Die Tochter türkischer Zuwanderer wuchs im niederrheinischen Nettetal auf. Bayram holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und studierte Rechtswissenschaften. Seit 2003 lebt die Mutter einer Zwölfjährigen im östlichen Stadtteil Friedrichshain. Sie betreibt eine Kanzlei im hippen Samariterkiez, wo altlinke Hausbesetzer neben jungen Gutverdienern wohnen. Sie ist spezialisiert auf Ausländer- und Familienrecht, engagiert sich vor Ort bei verschiedenen Initiativen und macht sich einen Namen als Kümmerin.

"Bei mir klingelt schon mal morgens um sechs das Telefon, weil bei einem die Polizei vor der Tür steht und er fragt, was er machen soll", sagt Bayram, die in ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus Sprecherin für Integrationspolitik und für Rechtsfragen ist. Räumungsklagen, Polizeigewalt, Abschiebebescheide - Berlins Abgeordnete sind nur Teilzeitparlamentarier, doch Bayram beschäftigen in beiden Berufen die gleichen Themen.

Polizisten beobachten MyFest am Kottbuser Tor (Quelle: dapd)

Linker Pascal Meiser lange im Bezirk aktiv

Pascal Meiser, der ganz knapp hinter Bayram zweitplatzierte Direktkandidat im Wahlkreis, ist seit vier Jahren Chef der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg. Seine Themen: bezahlbarer Wohnraum, faire Löhne, gute soziale Absicherung und Verbot von Waffenexporten. Der 42-Jährige ist im Saarland aufgewachsen und kam Ende der 90er Jahre zum Politikwissenschaft-Studium nach Berlin. Nach Stationen bei der Gewerkschaft IG Metall, als wissenschaftlicher Referent im Bundestag und als politischer Mitarbeiter bei der Linken leitete er ab 2010 die Kampagnenabteilung seiner Bundespartei.

18 Bewerber, darunter ein "Kanzlerkandidat"

In dem Wahlkreis waren ganze 18 Bewerber um das Direktmandat angetreten - so viele wie sonst nirgends. Darunter war der einzige selbst erklärte Kanzlerkandidat neben Angela Merkel und Martin Schulz: Serdar Somuncu von der satirischen "Partei". Er bekam immerhin 7,2 Prozent der Stimmen.

Auch Einzelbewerber wie Sebastian Blume waren dabei, der unter anderem mehr Geschmack im Gemüse forderte und sich als "Ideengeber für Mensch, Natur und Technik" empfahl. Er erzielte 0,4 Prozent der Stimmen.

Kleiner, aber schräger Wahlkreis

Der Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer-Berg-Ost hat zwar einen langen Namen, ist aber der kleinste der Republik. Er umfasst weniger als 27 km² und hat dazu die höchste Einwohnerdichte: 12.655 Menschen pro km².

Er dürfte zugleich wieder als unkonventioneller Wahlkreis durchgehen:

- CDU nur 13,9 (32,8% im Bundesschnitt)

- Linkspartei: 28,6 (9,1% im Bundesvergleich)

- Grüne 20,4 (9,1% im Bundesschnitt)

 

Sendung: Ihre Wahl  2017, 24.09.2017, 20:15 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wenn das Erststimmenergebnis eines Kandidaten deutlich über dem Zweitstimmenergebnis liegt, das seine Partei im gleichen Wahlkreis erzielt hat, spricht dies für die Person.

    Frau Künast hat es übrigens doch wieder in den Bundestag geschafft - wohl vor allem wegen der riesigen Zahl von Überhang- und Ausgleichsmandaten, die das Parlament auf über siebenhundert Mitglieder aufblähen. Da war dann auch noch für eine/n vierte/n Grüne/n aus Berlin Platz.

  2. 1.

    Wahlbezirk 83: Einwohner ca. 340.000 (in 2015), davon Wahlberechtigte 223.426 (65%), davon haben gewählt 173.504 (51%). Nicht Wahlberechtigt waren nur ca. 117.000 Einwohner des Wahlbezirks (35%).
    Vergleiche: https://bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/strukturdaten/bund-99/land-11/wahlkreis-83.html

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