Somuncu und Sonneborn, Spitzenkandidaten von Die Partei vor ihrem Kancler-Banner. (Quelle: dpa/Gregor Fischer)
Bild: dpa/Gregor Fischer

Ergebnisse der kleinen Parteien - So haben die "Anderen" in Berlin abgeschnitten

Mehr als 7 Prozent der Berliner Wähler haben für eine Partei gestimmt, die nun nicht in den Bundestag einzieht. 18 Kleinparteien und zahlreiche Einzelkämpfer waren angetreten, so viele wie nirgendwo anders. Wer dabei Erfolg hatte – eine Übersicht. Von Andrea Marshall

Kanzler wird er nun zwar nicht. Aber immerhin 12.300 Menschen (7,2 Prozent) haben im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost für den selbsterklärten "Kançlerkandidaten" Serdar Somuncu gestimmt. Als Direktkandidat der Satire-Partei "Die Partei" lag der Kabarettist und Moderator mit diesem Ergebnis natürlich nicht vorn, aber doch vor den Konkurrenten von der AfD (6,1) und der FDP (3,1).  

1. "Die Partei" - Die Größte unter den Kleinen

Serdar Somuncu war einer der Direktkandidaten, die "Die Partei" in allen Berliner Wahlkreisen mit Ausnahme von Lichtenberg zur Bundestagswahl aufgestellt hatte. Alle zusammen holten rund 53.400 Erststimmen (2,9  Prozent). "Die Partei" selbst - insgesamt 81 Kandidaten – bekam 2,1 Prozent, knapp 39.000 Zweitstimmen. Das ist das beste Ergebnis der 18 angetretenen kleinen Parteien.

Das vorläufige amtliche Ergebnis für das Land Berlin (Quelle: ARD)
Bild: ARD

Diese "Anderen" wählten in der Hauptstadt 7,1 Prozent der Wähler – etwas weniger als bei der Bundestagswahl 2013 (7,6 Prozent).

Der Massenantritt der Satire-Partei war vor der Wahl als "Dekadenz auf höchster Stufe" kritisiert worden. Die Stimmen seien verschwendet und fehlten den anderen Parteien, um im Verhältnis zur AfD stärker zu sein, ärgerte sich etwa der Medienkritiker Stefan Niggemeier.

2. Tierschutzpartei punktet in Lichtenberg

Die Tierschützer, die sich gegen Tierversuche und Massentierhaltung, aber auch für andere Themen wie ein früheres Rentenalter einsetzen, konnten in Berlin rund 25.000 Menschen zu einem Kreuzchen auf dem Wahlzettel bewegen – Platz 2 bei den "Anderen" mit 1,3 Prozent. "Hochburg" der Tierschützer war Lichtenberg. Vier Listenkandidaten hatte die Partei in Berlin aufgestellt, Direktkandidaten gab es nicht.

3. Piraten verpassen den Neuanfang

Die Piraten haben in Berlin schon deutlich bessere Zeiten gesehen, aber gewählt wurden die Netzaktivisten dann doch: Knapp 11.000 Berliner entschieden sich am Sonntag für sie. Das waren 0,6 Prozent und damit 3 Prozentpunkte weniger als beim letzten Mal. Die meisten Stimmen gab's in Mitte. Die beiden Direktkandidaten sammelten in Tempelhof-Schöneberg noch knapp 1.700 und in Lichtenberg 1.300 Erststimmen ein. Insgesamt hatten die Berliner Piraten zehn Kandidaten im Rennen.

Vor ihrer Selbstauflösung waren die Hauptstadt-Piraten zeitweise sehr erfolgreich - bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 schafften sie aus dem Stand sensationelle 8,9 Prozent. Lang ist's her.

4. Die Grauen sind neu

Auf genau 0,5 Prozent kamen Die Grauen am Sonntag in Berlin. Sie erhielten knapp unter 10.000 Stimmen, die meisten - relativ gesehen - aus Marzahn-Hellersdorf und Reinickendorf, wo auch zwei Direktkandidaten der Grauen wählbar waren. Zudem trat in Neukölln ein "Grauer" an. Zusammen holten die Direktkandidaten 4.300 Erststimmen.

Die "Grauen" hatten sich erst vier Monate  vor der Wahl von den "Grauen Panthern" abgespalten. Sie wollen keine Rentnerpartei sein, sondern alle Generationen ansprechen. Das Imageproblem ist offensichtlich noch nicht beseitigt.

5. Demokratie-Bewegte, Gesundheitsforscher, Veganer

Alle anderen "Anderen" in Berlin landeten unter der Marke von 0,5 Prozent. Darunter war beispielsweise die gerade erst gegründete "Demokratie in Bewegung" (DiB), die sich unter anderem für mehr Bürgerentscheide und die Absenkung der Fünf-Prozent-Hürde auf drei Prozent einsetzt. Sie bekam 0,4 Prozent (7.454 Stimmen).

Für das "Bündnis Grundeinkommen" stimmten 6.857 Berliner (ebenfalls 0,4 Prozent). Die "Partei für Gesundheitsforschung" überzeugte mit ihrem Mono-Thema Forschung gegen Alterskrankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Alzheimer insgesamt 4.851 Wähler (0,3 Prozent). Bei  "Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklichsein Aller", die unter anderem Meditation als Mittel für mehr Empathie empfiehlt, machten 3.153 Berliner (0,2 Prozent) ihr Kreuz. Die HipHop-Partei "Die Urbane" landete mit ihrem Plädoyer für mehr Vielfalt mit 3.018 Stimmen bei 0,2 Prozent – ihr Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg holte dazu  noch 767 Erststimmen.

Die ehemalige Landtagsabgeordnete und Schauspielerin Barbara Rütting und der stellvertretende Bundesvorsitzende der V-Partei, Michael Kneifel hängen am 30.08.2017) in Marktheidenfeld ein Wahlplakat auf. (Quelle: dpa/Daniel Peter)Werbung mit 89-Jähriger: Dieses Plakat der V-Partei hing auch in Berlin.

Für die V-Partei³ für Veränderung, Vegetarier und Veganer konnten sich 2.772 Berliner erwärmen (0,1). In Brandenburg übrigens war die V-Partei, die sich als Reaktion auf das dortige Volksbegehren gegen die Massentierhaltung gegründet hatte, gar nicht angetreten.

6. Beste Einzelkämpfer fordern Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen scheint Motivation für mehrere Tausend Berliner gewesen zu sein, unabhängige Einzelkandidaten zu wählen - zumindest haben die drei erfolgreichsten der zehn Einzelkämpfer das Grundeinkommen in ihrem Forderungskatalog.

Oliver Snelinski (Quelle: privat)
Zum fünften Mal Einzelbewerber: Oliver Snelinski aus Lichtenberg

Am besten schnitt dabei der Lehrer Oliver Snelinski (37) ab, der in Lichtenberg zum fünften Mal bei einer Wahl antrat und jetzt unter dem Motto "parteifrei und bürgerbestimmt" 1.383 Stimmen holte.

Ihm folgten die zwei Initiatoren von "Grundeinkommen-für-alle.org", die unabhängig voneinander kandidierten:  Frigga Wendt (36) in Friedrichshain-Kreuzberg (1.274 Stimmen)und der selbsterklärte Berufsaktivist Michael Fielsch in Mitte (776). Wendt war auch bekannt geworden, weil ihr das Jobcenter eine Arbeit im Sexshop vermitteln wollte und sie dagegen klagte (Berliner Zeitung).

Sebastian Blume (31), der sich als "Ideengeber für Mensch, Natur, Technik" vorgestellt hatte, landete in Friedrichshain-Kreuzberg noch bei 676 Unterstützern. Er hatte unter anderem mehr Geschmack im Gemüse durch Mikrofarming gefordert.

Bundestagswahl 2017: Vorläufiges amtliches Endergebnis für Berlin (Zweitstimmen)

Partei Stimmen Stimmenanteil in Prozent Gewinn und Verlust in Prozentpunkten
CDU 424.345 22,7 -5,7
SPD 334.085 17,9 -6,7
DIE LINKE 350.959 18,8 0,3
GRÜNE  235.141 12,6 0,2
AfD 224.957 12 7,1
PIRATEN 10.891 0,6 -3
FDP 166.755 8,9 5,4
Die PARTEI  38.890 2,1 1
FREIE WÄHLER 5.388 0,3 -0,1
ÖDP 3.210 0,2 0
BüSo 1.195 0,1 0
MLPD  1.608 0,1 0
SGP 489 0 0
B* 932 0 0
BGE 6.857 0,4 0,4
DiB  7.454 0,4 0,4
DKP 1.686 0,1 0,1
DM 4.190 0,2 0,2
Die Grauen 9.874 0,5 0,5
du.  3.018 0,2 0,2
MENSCHLICHE WELT 3.153 0,2 0,2
Gesundheitsforschung 4.851 0,3 0,3
Tierschutzpartei 25.141 1,3 1,3
V-Partei³  2.772 0,1 0,1

Quelle: Landeswahlleiterin Berlin

Bundestagswahl 2017: Vorläufiges amtliches Endergebnis für Berlin (Erststimmen)

Partei Stimmen Stimmen­anteil in % Gewinn und Verlust in %-Pkt.
CDU 460.240 24,7 -5,3
SPD 391.435 21 -4,5
DIE LINKE 377.341 20,2 1,6
GRÜNE  230.980 12,4 -1,2
AfD 212.089 11,4 7,6
PIRATEN 2.984 0,2 -3
FDP 104.688 5,6 4,2
Die PARTEI  53.389 2,9 2
FREIE WÄHLER 5.866 0,3 -0,1
ÖDP 2.650 0,1 0,1
BüSo 3.059 0,2 0
MLPD  1.837 0,1 0,1
SGP 473 0 0
B* 672 0 0
Die Grauen 4.311 0,2 0,2
du.  767 0 0
MENSCHLICHE WELT 756 0 0
Gesundheitsforschung 1.524 0,1 0,1
DIE FRAUEN 431 0 0
Schirm, Thomas  426 0 0
Felde-Bajerowitz, Gregor 193 0 0
Fielsch, Michael 776 0 0
Wendt, Frigga 1.274 0,1 0,1
Blume, Sebastian  676 0 0
Pape, Christian 158 0 0
Beckmann, Markus 382 0 0
MIETERPARTEI 1.322 0,1 0,1
NPD  1.942 0,1 -1,6
Ritter, Otto 37 0 0
Hasel, Thomas 440 0 0
Snelinski, Oliver 1.383 0,1 0

Quelle: Landeswahlleiterin Berlin

Beitrag von Andrea Marshall

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ich zitiere:"dokumentiertes echtes Interesse und Identifikation mit der Gesellschaft in der man lebt". Nach dem Zitat hätten wahrscheinlich der überwiegende Teil der Ostdeutschen Bevölkerung nicht wählen dürfen. Denn diese zeigen ja offensichtlich auch kein Interesse und identifizieren sich nicht mit dem Land/Geselschaft in dem wir Leben. Denn unsere Gesellschaftsform lehnen diese ja ab. Wollen sie denen nun das Wahlrecht wegnehmen???
    Und was heißt den: Dokumentiertes echtes Interesse? Sauerkraut Wett-essen? Nachweis der Stadtbibliothek über das Lesen von Goethe/Schiller usw.??? Zwangs jubeln bei der nächsten WM?
    Einbürgerung ist nicht für jeden möglich. Und nicht jeder Eingebürgerte zeigt automatisch intresse...

  2. 4.

    "Die Stimmen seien verschwendet und fehlten den anderen Parteien, um im Verhältnis zur AfD stärker zu sein, ärgerte sich etwa der Medienkritiker Stefan Niggemeier."

    Lieber Herr Niggemeier,

    ich habe der Partei meine Stimme gegeben, weil die anderen für mich kein passendes Angebot hatten, die rechts unterwanderte AfD für mich nicht in Frage kam und Nichtwahl für mich einfach keine Option ist. Verschwendet ist meine Stimme aber sicher nicht, denn endlich sitzt im Bundestag wieder breite eine Opposition.

    Viele Grüße
    Sven

  3. 2.

    Die 1 Million sind Kinder und Nichtdeutsche. Was fordern Sie, Herabsetzung des Wahlalters oder Wahlrecht für Ausländer, oder gar beides? Über ersteres kann man diskutieren, es gibt viele politisch interessierte Teenager, warum nicht. Bei Ausländern bin ich skeptisch, Voraussetzung für das Recht die Politik in einem Land mitzubestimmen sollte schon mehr sein als nur ein Wohnsitz, sondern dokumentiertes echtes Interesse und Identifikation mit der Gesellschaft in der man lebt. Da bietet sich die Einbürgerung an. Wer sich nicht einbürgern lassen will, sollte auch nicht mitbestimmen dürfen. Find ich in Ordnung so.

  4. 1.

    "Dekadenz auf höchster Stufe" ist ja wohl eher 1.000.000 Einwohnern von Berlin das Wahlrecht vorzuenthalten und sie von der aktiven und passiven Beteiligung an der Wahl auszuschliessen. Und dann von schlimmen "Parallelgesellschaften" reden, die nicht o.k. wären... Nächste Woche wird die Staatsoper eröffnet, dann gibts wieder einen passenden inklusiven Ort zum feiern der mächtigen Dekadenz ;)

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