Wahlplakat der Partei für Gesundheitsforschung in Berlin
Bild: picture alliance

Bundestagswahl | Partei für Gesundheitsforschung - Auch ein Berliner ist vergänglich

Sperrig, schwer verständlich, abgehoben. In einer Sache ist sich die Politik einig: Mit Wissenschaft lässt sich kein Wahlkampf gewinnen. Mit dem Thema Alterskrankheiten schon gar nicht. Die Partei für Gesundheitsforschung versucht es in Berlin trotzdem. Von Antonia Märzhäuser

Normalerweise ist der Ablauf ja so: Man liest etwas im Netz, findet es interessant und hat es im nächsten Moment trotzdem schon wieder vergessen. In einigen auserlesenen Fällen klickt man dann noch auf den "share- Button". Ende der Geschichte. Als der Berliner Felix Werth 2012 im Netz einen Artikel darüber liest, was die Medizin mit besserer Förderung und mehr Unabhängigkeit leisten könnte, schmeißt er kurz darauf seinen Job, fängt an Biochemie zu studieren und gründet die "Partei für Gesundheitsforschung". Das ist jetzt zwei Jahre her. Seitdem haben sich acht Landesverbände gegründet. In zwei Wochen kämpft Werth für das Direktmandat in seinem Wahlbezirk Lichtenberg.

2016 trat die Partei das erste Mal bei den Landtagswahlen in Berlin an und holte 0,5 Prozent der Zweitstimmen. "Das heißt, uns haben immerhin 8.000 Leute gewählt", Werth findet das spricht auf jeden Fall für eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit. Die besteht momentan vor allem darin, die Berliner an ihre eigene Vergänglichkeit zu erinnern. "KREBS? ALZHEIMER? HERZINFARKT?" steht in Blockbuchstaben auf den sonst nüchtern gehaltenen Plakaten. Die Platzierung ist zielgruppenadäquat gewählt: "Wir haben ums Virchow Krankenhaus und um die Charité plakatiert."

Felix Werth von der Partei für Gesundheitsforschung im Labor
Bild: Felix Werth

Ein Thema für alle

Die Partei ist eine klassische "Ein-Themen-Partei". Das Wahlprogramm passt dementsprechend auf eine DIN A4 Seite und lässt sich zu einer Aussage zusammenfassen: Mehr Geld für die Gesundheitsforschung. Die wird laut Felix Werth von der Politik viel zu wenig gefördert. Stattdessen werde das Feld den großen Pharmakonzernen überlassen. Deswegen ist das Ziel nicht nur, effektiver und schneller zu forschen, sondern auch unabhängiger.

Ein Prozent des Bundeshaushaltes soll in die Entwicklung neuer Medikamente fließen ­– für 2016 wären das drei Milliarden Euro gewesen. Warum ausgerechnet ein Prozent? "Wir haben da abgewogen", erklärt der Werth. Zwar wollen alle Parteien, dass mehr Geld in die Forschung fließt, eine so drastische Erhöhung wie sie die Partei für Gesundheitsforschung fordert, ist jedoch niemand bereit aufzuwenden. Trotzdem sei es wichtig, den anderen Haushalten nicht zu viel "wegzunehmen". Das Geld soll gleichmäßig aus allen anderen Haushalten abgezogen werden. Mit so einer Forderung tritt man als Kleinpartei erstmal niemandem auf die Füße. Das hat die "Partei für Gesundheitsforschung" sowieso nicht vor. Eine politische Verortung in der deutschen Parteienlandschaft bleibt dementsprechend vage: "Wir würden mit allen großen Parteien koalieren. Außer mit der AfD", sagt Werth.

Drei Biologen und ein Schauspieler

Im Falle einer Regierungsbeteiligung würde dem Koalitionspartner die Bearbeitung aller übrigen Politikfelder zukommen. Im Parteiprogramm heißt es: "Die Partei für Gesundheitsforschung befasst sich zielorientiert nur mit diesem einen Thema und überlässt andere politische Themen bei einer Regierungsbeteiligung den Koalitionspartnern." Eine Partei, die sich im Wahlprogramm dazu bekennt, sich aus der Politik rauszuhalten? Felix Werth findet das nicht problematisch. Im Gegenteil: Ganz im Geiste der Wissenschaft, beschäftigt sich die Partei nur mit den Feldern, von denen sie wirklich Ahnung hat. Trotzdem wollen sie nicht als Biologen oder Medizinerpartei missverstanden werden. Drei der vier Gründungsmitglieder sind Biochemiker, der Vierte ein Schauspieler. Wenn man den Landesverband Berlin kontaktieren will, landet man erst einmal bei seinem Showreel: mit Szenen aus dem Vorabendprogramm.

Eine Partei für die Smoothie-Hauptstadt

Jede Partei hat ihr potenzielles Allheilmittel: Die CSU hat ihre Obergrenze für Flüchtlinge, die Linke die Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Bei der Partei für Gesundheitsforschung lautet das Versprechen "regenerative Medizin".

Bevor damit aber Wahlen gewonnen werden könnten, müsste das Thema erst einmal in der Gesellschaft verankert werden. In einer Stadt, die dem ewigen Jugendwahn frönt und die dichte an Green-Smoothie-Läden und Yoga-Studios bundesweit einzigartig ist, vielleicht gar nicht so ein unrealistisches Vorhaben.

Diese 24 Parteien treten in Berlin an

  • Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

  • Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

  • Die Linke

  • Bündnis 90/Die Grünen (Grüne)

  • Alternative für Deutschland (AfD)

  • Piratenpartei

  • Freie Demokratische Partei (FDP)

  • Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI)

  • Freie Wähler

  • Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

  • Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo)

  • Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD)

  • Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale (SGP)

  • Bergpartei, die Überpartei - ökoanarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken (B*)

  • Bündnis Grundeinkommen - Die Grundeinkommenspartei

  • Demokratie in Bewegung

  • Deutsche Kommunistische Partei (DKP)

  • Deutsche Mitte - Politik geht anders... (DM)

  • Die Grauen - Für alle Generationen (Die Grauen)

  • Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.)

  • Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller (Menschliche Welt)

  • Partei für Gesundheitsforschung (Gesundheitsforschung)

  • Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei)

  • V-Partei³ - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei³)

Beitrag von Antonia Märzhäuser

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dabei käme es sehr darauf an, nicht nur die positiven Wirkungen von Wissenschaft, sondern eben auch ihre "immanenten" Grenzen zu erkennen. Solche also, die nicht an mangelndem Geld oder am mangelnden Willen von Beteiligten liegen, sondern per se aus der wissenschaftlichen Sicht selbst heraus. Dass es nämlich etwas gibt, was mit messbarem Instrumentarium gar nicht erfasst werden kann.

    Wer alles weiß und alles wissen will, hat irgendwann keine Ahnung.
    Das wäre schade. Auch in der Medizin.

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