Şahin Azbak, Menschliche Welt Berlin, steht auf einer Straße in Berlin-Mitte. (Quelle: rbb/ Anton Stanislawski)
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Video: rbb|24, 18.09.2017, Anton Stanislawski | Bild: rbb/ Anton Stanislawski

Bundestagswahl | Menschliche Welt - Eine Partei, zu friedlich für Wahlkampf

Mit Meditation in den Bundestag: Die Partei "Menschliche Welt" will durch inneren Frieden bessere Politik machen. Ihre Positionen ergeben sich von selbst, sagen sie, durch Allgemeinwohl-Orientierung und gesunden Menschenverstand. Von Anton Stanislawski

Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Erfüllung, nach Glück. Davon ist Şahin Azbak überzeugt. Sein eigenes Glück ist dabei untrennbar verbunden mit dem Glück anderer. Zu dieser Erkenntnis kam er als Abiturient, als er anfing zu meditieren, um sich den Lernstoff besser merken zu können. Jetzt, knapp 30 Jahre später, wechselt er übergangslos von seiner eignen, ganz privaten Spiritualität auf die politische Ebene - und  kandidiert für die Partei "Menschliche Welt".

Die meisten Politiker könnten eine gute Portion inneren Frieden vertragen, findet Azbak. Oder man wählt einfach gleich ihn. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Berliner Landesverbands der Partei "Menschliche Welt" und Bundestagsdirektkandidat in Tempelhof-Schöneberg.

Mit gesundem Menschenverstand für das Wohl aller

Şahin Azbak war vor vier Jahren dabei, als eine Gruppe rund um den Yogamönch und Parteivorsitzenden Dada Madhuvidyananda die "Menschliche Welt" gründete. Heute hat die Partei nach eigenen Angaben über 500 Mitglieder. Es gibt einen Bundes- und sechs Landesverbände. In Berlin machen 50 Leute mit. Das Hauptziel ist seit damals dasselbe: ein Denken anzuregen, dass am Allgemeinwohl orientiert ist. Das ist im Kern ein wirtschaftliches Ziel: Viel zu oft stünden Profitmaximierung und wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Viel zu selten sei das Gemeinwohl im Blick. Die "Menschliche Welt" will das ändern. Sie will eine Politik machen für "das Wohl aller Menschen, Tiere und der Natur", wie ihr Wahlslogan lautet. Die ideologische Grundausrichtung könnte simpler kaum sein: gesunder Menschenverstand.

Konkrete Beispiele für die Denkweise der Partei findet Azbak viele: "Nehmen wir mal den Dieselgipfel", sagt er mit ruhiger Stimme. "Die Autoindustrie ist wichtig für unsere Wirtschaft, das ist ein legitimes Argument. Aber sollte nicht die Gesundheit der Menschen viel wichtiger sein?" Im Sinne des gesunden Menschenverstands hätte die "Menschliche Welt" die deutsche Autoindustrie nicht so schonend behandelt wie es die Bundesregierung getan habe.

Frieden, Umweltschutz, Frauenrechte

Jeder, der gemeinwohl-orientiert denkt, ist in der Partei willkommen, sagt Azbak. Religiöser Hintergrund oder links-rechts-Verordnung spielen dabei keine Rolle. Eine altruistische Grundhaltung, mehr braucht es nicht. Um politische Positionen wird deshalb in der Partei selten gerungen. Die Mitglieder meditieren gemeinsam und diskutieren viel. Zwietracht gibt es wenig. Azbak sieht das so: "Wenn man das Allgemeinwohl im Sinn hat, ergeben sich alle Antworten von selbst". Und im Falle von Unsicherheiten orientieren sich die Parteimitglieder einfach an "PROUT", einer sozio-ökonomischen Theorie des indischen Philosophen Prabat Ranjan Sarkar.

PROUT - kurz erklärt

PROUT, kurz für PROgressive Utilization Theory ist ein Gesellschaftskonzept, dass auf dem Neo-Humanismus basiert und sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus ablehnt. Ressourcen und Reichtum sollen fair verteilt und die Potenziale der Individuen entfaltet werden. PROUT sieht die beste Selbstorganisation in einer dezentralen, ökologischen Gemeinwohlwirtschaft. Spiritualität, Rationalität und Gemeinwohlorientierung sind wesentliche Konzepte.

Für die "Menschliche Welt" fungiert PROUT als Maxime und Entscheidungshilfe.

Die inhaltliche Ausrichtung ist damit klar: "Wir möchten eine Politik gestalten, die auf Verständigung und Vermittlung basiert, statt auf Kriegsbeteiligung und Wettrüsten" sagt Azbak. Friedenspolitik, Gemeinwohl-Wirtschaft, konsequenter Umwelt- und Tierschutz. Das Wahlprogramm liest sich wie ein Aufruf zur Nächstenliebe. Politik für alle eben. Gleichzeitig ist es progressiv und weltoffen: Man will Frauenrechte stärken, kostenlose Bildung für alle anbieten und fordert politische Transparenz.

Innere Ruhe für tatkräftige Politik

Politische Überzeugungen, die gebaut sind auf Spiritualität und Meditation. Das passt gut zusammen mit Politik, findet Azbak. "Und mit Spiritualität meine ich nicht Esoterik, nichts Mystisches, sondern ethische Integrität". Meditation fördere Eigenschaften wie Mut und Harmoniebedürfnis und vor allem innere Ruhe. Werte und Eigenschaften die für Politiker besonders wichtig seien. Denn, wer diese innere Stärke habe, könne nicht tatenlos bleiben im Angesicht von Konflikten oder Unfrieden.

Und die Regionalpolitik? Azbak tritt schließlich in Berlin als Direktkandidat an. "Berlin gehen die Themen niemals aus" meint er. Bezahlbarer Wohnraum sei ihm wichtig: Privatisierungen seien nur wirtschaftlich sinnvoll, nicht aber im Interesse der Menschen. Außerdem wolle er sich für ein umweltschonendes Verkehrsmanagement einsetzen. Die Ära der Verbrennungsmotoren sei vorbei, davon ist er überzeugt. Zu diesen Positionen zu kommen sei ganz einfach: "Wir wissen dass uns die Abgase krank machen, das ist Wissenschaft. Dazu kommt das Wissen das es auch anders geht, siehe alternative Energiequellen." Der Rest sei – man ahnt es bereits – gesunder Menschenverstand.

Zu friedlich für Wahlkampf

Große Hoffnungen auf einen Überraschungserfolg macht sich in der Partei niemand. Dafür sind sie zu pragmatisch und sich ihrer Rolle als Kleinstpartei durchaus bewusst. Aber sie haben große Ziele, wie das Wahlprogramm beweist. Man nähere sich halt in kleinen Schritten sagt Azbak. Erstmal wollen sie zeigen, dass es sie gibt. Dass ihre Werte damit verbreitet werden, reiche vorerst.

Aber Kleinstparteien haben es schwer: Unterschriften sammeln, um überhaupt zu Wahlen zugelassen zu werden, keine finanzielle Unterstützung, mühsamer Straßenwahlkampf. Wieso das alles? Da denkt Şahin Azbak doch mal an sich selbst: "Für mich ist es einfach eine Freude mich zu engagieren, ich mache das gerne." Im Übrigen sei Wahlkampf der falsche Ausdruck: "Es ist kein Kampf, keine Auseinandersetzung. Für mich ist es ein Zusatz, eine Bereicherung".

Diese 24 Parteien treten in Berlin an

  • Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

  • Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

  • Die Linke

  • Bündnis 90/Die Grünen (Grüne)

  • Alternative für Deutschland (AfD)

  • Piratenpartei

  • Freie Demokratische Partei (FDP)

  • Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI)

  • Freie Wähler

  • Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

  • Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo)

  • Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD)

  • Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale (SGP)

  • Bergpartei, die Überpartei - ökoanarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken (B*)

  • Bündnis Grundeinkommen - Die Grundeinkommenspartei

  • Demokratie in Bewegung

  • Deutsche Kommunistische Partei (DKP)

  • Deutsche Mitte - Politik geht anders... (DM)

  • Die Grauen - Für alle Generationen (Die Grauen)

  • Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.)

  • Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller (Menschliche Welt)

  • Partei für Gesundheitsforschung (Gesundheitsforschung)

  • Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei)

  • V-Partei³ - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei³)

Beitrag von Anton Stanislawski

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