Die türkischstämmige Politikerin Canan Bayram (Bündnis 90/Die Grünen) lächelt am 11.03.2017 in Berlin auf der Mitgliederversammlung ihrer Partei zur Aufstellung des Kandidaten für den Wahlkreis 83 Friedrichshain/Kreuzberg und Prenzlauer Berg-Ost (Quelle: dpa/ Sören Stache)
Video: Abendschau | 22.08.2017 | Dorit Knieling | Bild: dpa

Serie: Wahlkreisduelle | Canan Bayram und Cansel Kiziltepe - Friedrichshainerin gegen Kreuzbergerin

Bei der letzten Bundestagswahl musste sich Cansel Kiziltepe von der SPD in ihrem Wahlkreis noch Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele geschlagen geben. Doch der tritt nicht mehr an. Nun hat Kiziltepe gegen Ströbeles Nachfolgerin Canan Bayram ganz gute Chancen. Von Dorit Knieling

Das Besondere am Berliner Wahlkreis 83 Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost ist, dass dort Hans-Christian Ströbele vier Mal hintereinander das einzige Direktmandat für die Grünen bundesweit geholt hat. In einigen Wahlbezirken kam er auf Stimmenanteile von rund 70 Prozent.

In diesem Jahr tritt seine Nachfolgerin Canan Bayram zum ersten Mal für den Bundestag an. Die 51-Jährige ist in der Türkei geboren und am Niederrhein aufgewachsen. Seit 2003 lebt die Rechtsanwältin in Friedrichshain, seit 2006 sitzt sie im Berliner Abgeordnetenhaus. Zunächst für die SPD, 2009 wechselte sie zu Bündnis 90/Die Grünen. Bayram engagiert sich besonders in der Integrations- und Flüchtlingspolitik. Sie selbst sagt, die Nachfolge Ströbeles anzutreten sei eine große Herausforderung, aber auch eine große Ehre. Canan Bayram hat keinen sicheren Listenplatz auf der Landesliste. Gewinnt sie den Wahlkreis nicht direkt, kommt sie auch nicht in den Bundestag. 

Bayram will sich für Bürgerrechte stark machen

Bei ihrem Wahlkampfauftritt am Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain ist dann auch Hans-Christian Ströbele, den sie sich als Unterstützung geholt hat, der Star. Viele sprechen ihn an, bedauern, dass er nicht mehr antritt. Das Wort "authentisch" fällt des öfteren. Canan Bayram hat es deutlich schwerer. Außerdem steht ihr Stand in einem Wahlbezirk, wo traditionell die Linke sehr stark ist. Und: Man kennt sie nicht.

Manche nehmen ihr die Wahlkampf-Zettel ab. Andere laufen mit gesenktem Blick vorbei: Signal, sprich mich bloß nicht an. Das macht sie trotzdem. Ein Friedrichshainer erklärt, dass er enttäuscht sei von der Politik, vor allem im Gesundheitswesen. Ein anderer bescheinigt den Grünen, sie müssten mehr Druck machen, gerade beim Dieselskandal.

Bayram will sich im Bundestag vor allem für die Bürgerrechte stark machen. Sie sagt, viele Berliner wollen keine weiteren Einschränkungen. Und deshalb sieht sie gute Chancen, das auch im Bundestag umzusetzen. Ob sie allerdings Wahl-Ergebnisse wie ihr Vorgänger erzielen wird, ist zweifelhaft.

Kiziltepe hat gute Chancen über die Landesliste

Ihre Konkurrentin ist Cansel Kiziltepe. Die 41-Jährige, in Kreuzberg geboren und aufgewachsen, ist seit 2005 SPD-Mitglied. 2013 lag Kiziltepe auf Platz 2 der Erststimmen hinter Ströbele. Über die Landesliste schaffte sie aber den Sprung in den Bundestag. Kiziltepe tritt zum zweiten Mal an und ist über Platz 3 der Landesliste abgesichert: Auch wenn sie den Wahlkreis nicht direkt gewinnt, zieht sie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder in den Bundestag ein. Die Diplom-Volkswirtin engagiert sich vor allem im Sozialbereich und in der Mietenpolitik.

Kiziltepe hat sich etwas ausgedacht, um mit Wählern ins Gespräch zu kommen: In einem Kochbuch im SPD-Design haben Direktkandidaten der Sozialdemokraten Rezepte geschrieben. Ihres dreht sich um gefüllte Paprika. Dazu gibt es für die Gesprächspartner einen Kochlöffel.

In ihren Gesprächen verweist sie immer gern mit einem strahlenden Lächeln, dass sie im Wrangelkiez aufgewachsen ist und ihre Eltern noch hier leben. Und sie wird angesprochen von Fußgängern - man kennt sie. 

Cansel Kiziltepe, SPD-Direktkandidatin in Berlin-Kreuzberg (Quelle: imago)
Cansel Kiziltepe, SPD-Direktkandidatin in Berlin-Kreuzberg (Quelle: imago) | Bild: imago / Stefan Boness / Ipon

Ihr Thema - die Mieten

Einige Gespräche werden auf Türkisch geführt. Unter anderem zur Armenien-Resolution des Bundestages. Ein Straßenverkäufer schildert seine Not mit dem Ordnungsamt. Ihm seien seine Kerzen und handgefertigten Ketten weggenommen worden, beklagt er. Und er macht sie darauf aufmerksam, dass die Freigabe von Cannabis für medizinische Zwecke zu einer Verteuerung geführt hat: Statt 15 Euro würden jetzt 23 in der Apotheke fällig. Und manchmal zahlten die Krankenkassen nicht.

Vor allem das Thema Mieten will Cansel Kiziltepe weiter anpacken. Denn das ist eines der großen Probleme in ihrem Wahlkreis. Sie hat sich bereits in den vergangenen Jahren darum gekümmert, unter anderem für den Erhalt eines Spätis gekämpft, der eine drastische Mieterhöhung bekommen hatte. Als ihren Vorteil sieht sie, dass sie bereits Erfahrung im Bundestag hat - und eine neue Gegnerin. Es könnte ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden im Wahlkreis 83.

 

Beitrag von Dorit Knieling

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9 Kommentare

  1. 9.

    Zu Ihrer Information: H.Christian Ströbele ist zuerst einmal ein überzeugter Grüner. Kein Linker Grüner wie ihn immer Leute gerne hinstellen.Der begriff linke Grüne ist meineserachtens irreführend.Auch i.d.SPD u.sogar i.d.CDU gibt es Personen d.links ihrer Partei stehen.Und das i.gut so!
    Der Unterschied aber besteht darin das H.Christian Ströbele sich mit seiner Politik gerade b.d.Regierenden immer gerne genau u.gründlich hingeschaut u.nie nachgegeben,ja sogar nachgehakt hat.Deshalb haben ihn soviele Menschen i.seinem KIEZ geliebt u.lieben ihn immer noch.Dieses"Linkssein"haftet ihn auch zurecht an.Er hat sich IMMER f.d.Kl.Leute eingesetzt.Schon als damaliger Rechtsanwalt.So ein Urgestein findet man in Berlin Kreuzberg nur noch ganz wenig.

  2. 8.

    Wenn Sie keinen Bock auf DIE LINKE haben, seien Sie doch wenigstens so ehrlich und schreiben Sie das auf, statt solch unplausible Argumente vorzuschieben: Die waren schon deshalb nicht die beiden Erstplatzierten, weil sie letztes Mal gar nicht beide angetreten sind. Bei den Zweitstimmen lag übrigens DIE LINKE auf Platz 1. Dass es hier ein Duell zwischen SPD und Grünen gäbe, ist doch sachlich betrachtet schlicht Unsinn.

  3. 7.

    Canan Bayram und Cansel Kiziltepe in den Deutschen Bundestag = Marsch durch die Institutionen.

  4. 6.

    Das hier konstruierte Duell Bayram gegen Kizeltepe ist doch irreführend, da die SPD-Kandidatin in Umfragen auf Platz 3 liegt. Schonmal davon gehört, dass Ströbele ein linker Grüner war und die Linke bei der letzten Bundestagswahl die meisten Zweitstimmen im Bezirk bekommen hatte? In meinen Augen echt manipulative Berichterstattung...

  5. 5.

    Das stimmt. In den vorgestellten Wahlkreisen werden aber immer nur die beiden Erstplatzierten bei den Erststimmen der letzten Bundestagswahl vorgestellt. Auch wenn das etwa in Friedrichshain-Kreuzberg, aber auch Pankow, sehr knapp war.

  6. 4.

    "Das Besondere am Berliner Wahlkreis 83 Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost ist", dass 80% der Bevölkerung mit "Migrationshintergrund" dort nicht wahlberechtigt sind - weil Ausländer - daran haben auch die Grünen und die SPD nichts geändert; während ihrer Regierungsverantwortung. Wenn noch die "Minderjährigen" dazugerechnet werden, dann schrumpft der Anteil der Wahlberechtigten im Wahlkreis auf gut 60% zusammen. Bei 70 % Wahlbeteiligung wählen hier nur gut 40% der Bevölkerung ihre Repräsentanten. Ich nenne das mal reale Demokratie in Kreuzberg - leider immer noch weit entfernt von der Teilhabe aller. Davon haben auch Ströbele und die Grünen in Kreuzberg lange mit ihren "Wahlsiegen" profitiert. Lokale Beteiligungsprozesse entsprechen leider auch diesem Muster. Wer wird gehört?!
    Vergleiche dazu die Strukturdaten des Wahlkreises und die Realität vor Ort z.B. am Kotti ;) : https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/strukturdaten/bund-99/land-11/wahlkreis-83.html

  7. 3.

    Die Linke lag bei den Erststimmen vor vier Jahren noch nicht einmal einen Prozentpunkt hinter der SPD. Warum wird dann hier ein Zweikampf herbeigeschrieben und der Linken-Kandidat Pascal Meiser vergessen?

  8. 2.

    Nicht so ganz objektiv wenn Fr. Bayram am Platz der Vereinten Nationen (Grüne 16,5%) beim Wahlkampf beobachtet wird, Fr. Kiziltepe aber im Wrangelkiez. Sofern sich der geneigte Kreuzberger wirklich für Politik interessiert, sollte Fr. Bayram gewinnen.

  9. 1.

    Einer d.ganz,ganz,ganz Großen d.Grünen hier i.Berlin geht i.Rente.Recht so!Hat er sich retlich verdient. So einen hat Berlin verdient u.wird auch so schnell nicht wieder ersetzt werden können. Alles Gute Hans-Christian.

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