Thilo Christ (Quelle: DAH/Phil Meinwelt)
Audio: Radioeins | 27.05.2019 | Interview mit Thilo Christ | Bild: DAH/Phil Meinwelt

Interview | Schwuler Bürgermeister in Brandenburg - "Wer Fragen hatte, hat Antworten bekommen"

Neuer Bürgermeister des 700-Seelen-Dorfes Sieversdorf-Hohenofen ist Thilo Christ. Er trat für eine Wählergruppe an. Christ, der schon seit zwölf Jahren Gemeindevertreter ist, lebt offen schwul und ist HIV-positiv. Aber das spielt kaum eine Rolle.

rbb: Hallo Thilo, wir kennen uns vom Christopher Street Day. Da hast du erzählt, wie du in dieses 700-Seelen-Dorf Sieversdorf-Hohenofen in der Ostprignitz gezogen bist - als offen schwuler und offen HIV-positiver Mann. Warum wolltest du in diesem Ort jetzt auch noch Bürgermeister werden?

Thilo Christ: Weil es einfach dazu gehört, sich in seinem Lebensmittelpunkt miteinzubringen und mitzugestalten. Genau das hat mir in den letzten zwölf Jahren als Gemeindevertreter schon Spaß gemacht. Ich habe mir überlegt, ob ich auch als Vorsitzender der Gemeindevertretung, als Bürgermeister, unsere Amtsgemeinde vertreten würde. Ja, und dann habe ich gesagt, ich traue mich, das mache ich.

Du bist ja für eine Wählergruppe angetreten. Mit welchen Themen?

Wir sind mit dem Thema kulturelle Wiederbelebung des Ortes angetreten, aber auch vor allem damit, die freiwillige Feuerwehr zu stärken. Wir wollen die Umwelt nicht aus dem Blick verlieren und schauen, wie wir hier mit den Landwirten ins Gespräch kommen können, um mehr Blühflächen zur Verfügung zu stellen und dem Insektensterben etwas entgegen zu setzen. Da sind aber noch ein paar Gespräche nötig, um alle in ein Boot und um Verständnis dafür zu bekommen. Aber ich denke, gemeinsam kriegen wir was gewuppt.

Dann gibt's aber auch noch so ganz profane Sachen wie die Straßenbeleuchtung, die steht in den nächsten Jahren an. Da müssen auch alle beteiligt und gefragt werden, was sie für Lampen haben möchten. Und es geht natürlich auch um die tägliche Arbeit: mit dem Amt zusammenarbeiten, die Schule in Neustadt an der Dosse muss renoviert und saniert werden – dort gehen auch viele aus Sieversdorf zur Schule. Auch das begleiten wir als Gemeindevertretung und ich als Bürgermeister.

Also die typischen Themen eines Dorfes, das 700 Einwohner hat. Kennst Du eigentlich alle deine Schäfchen?

Lacht. Nein. Ich habe schon beim Verteilen unseres Wahl-Flyers - als ich da durch die Gässchen gelaufen bin und mich mit Bürgern unterhalten und die Briefkästen aufgesucht habe - festgestellt, dass unser Ortsteil Hohenofen deutlich größer ist, als ich es mir je vorgestellt habe. Es gibt da ja auch Ecken, wo ich normalerweise nicht einfach so vorbeikomme. Sieversdorf ist ein sehr langgezogenes Dorf und da kennt man nicht alle Ecken und nicht alle Namen. Aber das muss sich in der nächsten Zeit ändern.

Wir müssen uns nichts vormachen: auf dem Dorf als offen schwuler, HIV-positiver Mann zu leben, kann auch den einen oder anderen auf die Barrikaden bringen. Ist denn während des Wahlkampfes schmutzige Wäsche gewaschen worden?

Also mir gegenüber hat sich keiner abfällig geäußert. Meinem Gatten gegenüber gab es schon mal die Bemerkung, wie man sich denn als Schwuler und Aidskranker überhaupt für die Gemeinde engagieren und für so ein Amt kandidieren könne. Da hatten sie aber den falschen Ansprechpartner. Er hat einfach geantwortet: 'Ich bin nicht der Kandidat. Da haben sie mich mit meinem Gatten verwechselt.' Daraufhin ist die Frau wortlos aufgestanden und hat ihn im Zug sitzen lassen. Das waren so Kleinigkeiten. Es gab auch Stimmen, die überlegten, 'möchten wir einen schwulen Bürgermeister? Aber wir gehen mal hin und hören, was der zu sagen hat und wie sich die Wählergruppe präsentiert.' Da konnte ich überzeugen. Kurz vor der Wahl gab es auch noch ein paar Bemerkungen unter der Gürtellinie. Da wurde versucht, damit Stimmung zu machen, wie ein chronisch kranker und schwuler Mann eine Gemeinde vertreten kann…

Aber ich höre heraus, dass du ein dickes Fell hast…?

Das hat gar nichts mit einem dicken Fell zu tun. Denn ich habe das überhaupt nicht zum Wahlkampf-Thema gemacht – weil es für mich auch nicht Gegenstand der Arbeit ist. Wir haben uns hier vor zehn Jahren das Ja-Wort gegeben, sind in der Kirche getraut worden. Zu dem Zeitpunkt haben wir auch angefangen, uns für die Deutsche Aidshilfe und die Kampagne "Ich weiß, was ich tu" zu engagieren - auch offen positiv und offen schwul.

Insofern haben viele die Möglichkeit gehabt, Fragen zu stellen, wenn denn Berührungsängste da waren. Die haben wir authentisch und ehrlich beantwortet. Wer gefragt hat, hat eine Antwort bekommen – und nicht über Dritte. Ich denke, dass hat viel dazu beigetragen, dass es fast eine Selbstverständlichkeit ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version, das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag als Audio hören.

Das Interview führte Frauke Oppenberg, Radioeins

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4 Kommentare

  1. 4.

    Herr Sebastian T., mich würde interessieren was es zu einem Bericht über den Bürgermeister eines kleinen Dorfes nicht jugendfreies zu sagen gibt. In dem Interview steht nichts dergleichen. Oder ist das Wort schwul für Sie schon ein Auslöser für nicht jugendfreies Gedanken?

  2. 3.

    Hohldröhner, Dienstag, 28.05.2019 | 18:03 Uhr:
    "'Aber das spielt kaum eine Rolle.'
    Genau, wozu der Artikel."

    Weil es noch nicht so weit ist, dass es ÜBERALL KEINE Rolle mehr spielt, s. im Interview erwähnte Zugbegegnung. Positive Beispiele sind immer einen Bericht wert, weil es unsere Gesellschaft weiter bringt in Richtung Humanismus.

  3. 2.

    "Aber das spielt kaum eine Rolle."
    Genau, wozu der Artikel.

  4. 1.

    Wenn eine Reporterin einen Interviewpartner duzt, weil man sich "vom Christopher-Street-Day" kennt, dann ist mir das zu viel Nähe und zu wenig professionelle journalistische Distanz. Alles Weitere verkneife ich mir, weil es weder jugendfrei ist noch den Kommentarrichtlinien entspricht.

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