Das Hauptverwaltungsgebäude ist heute eine Gaststätte - Der Dorfkrug ist der neueste Stolz von Bärenklau. (Quelle: rbb/S. Brockhausen)
Audio: Antenne Brandenburg |14.05.2019 | Stefanie Brockhausen | Bild: rbb/S. Brockhausen

Oberhavel vor Kommunalwahl - "Nicht nur den Speckgürtel im Blick"

Bei der Kommunalwahl in Brandenburg am 26. Mai wird auch der Kreistag in Oberhavel gewählt. Der Landkreis grenzt im Süden an Berlin. Aus dem Norden kommt die Kritik, der Kreistag orientiere sich zu sehr am Speckgürtel. Von Stefanie Brockhausen

Die Sache mit den Glascontainern regt Manfred Saborowski besonders auf. Der 63-Jährige sitzt auf einer Bank am Gemeindezentrum in Altthymen, blickt auf einen Kräutergarten und redet sich in Rage: "Der Landkreis wollte Geld sparen – und sparen tut er bei uns." Bis zur Eingemeindung nach Fürstenberg im Jahr 2003 habe Altthymen einen eigenen Containerplatz gehabt, jetzt müssen die Bewohner ihre Flaschen nach Fürstenberg bringen, das sind sieben Kilometer. Manfred Saborowski macht das wild. Der Glascontainer steht für ihn exemplarisch für eine Kreistagspolitik, die an den ländlichen Regionen vorbei geht. "Nicht mal die Stadt Fürstenberg hat das Recht zu sagen: 'Jawoll, wir stellen da einen Container auf.' Da entscheidet der Landkreis über unsere Köpfe hinweg und nimmt uns Bürger überhaupt nicht wahr." Es sei klar, dass die Menschen sich dann abgehängt fühlten.

Altthymens Ortsvorsteher Manfred Saborowski. (Quelle: rbb/S. Brockhausen)
Manfred Saborowski (Linke), Ortsversteher in Altthymen | Bild: rbb/S. Brockhausen

Saborowski (Linke) ist seit 2010 Ortsvorsteher in Altthymen, einem 115-Einwohner-Ort ganz im Norden von Oberhavel. Er ist ein zupackender Typ – und eigentlich auch ein sehr freundlicher: Mehr Lachfalten als Sorgenfalten im Gesicht, der Blick hellwach, die Brille fest auf der Nasenspitze. Aber Manfred Saborowski streitet eben auch gern, vor allem wenn es um seinen Ort geht, zieht er in so manchen Papierkrieg. "Aber nur", sagt er und grinst schelmisch, "wenn ich Aussicht auf Erfolg habe." Es macht ihm Spaß, im Dorf zu gestalten, denn er hat gemerkt, dass er etwas bewegen kann, wenn er sich einsetzt. Aber er würde sich eben wünschen, dass auch der Kreistag mehr auf die Entwicklung im Land schaut und "nicht nur den Speckgürtel im Blick" hat, sagt er. Aus seiner Sicht ist es nämlich genau so: Kreistagspolitik ist Speckgürtel-Politik.

Landrat: Nord-Süd-Diskussion wird im Kreistag kaum geführt

Landrat Ludger Weskamp (SPD) kennt diese Kritik, er kennt auch Manfred Saborowski. Aber den Vorwurf lässt er nicht gelten. "Das Verständnis der meisten Kreistagsabgeordneten ist, den ganzen Kreis weiterentwickeln zu wollen."

Weskamps Büro liegt in der obersten Etage des Landratsamtes in Oranienburg, mit bestem Blick auf die Havel und das Grün der Pferdeinsel. Dahinter ragen Baukräne in die Höhe. Oranienburg boomt, wie so viele Gegenden im Berliner Speckgürtel. Auch Weskamp ist kürzlich von Hohen Neuendorf nach Oranienburg gezogen. Für ihn als Landrat rage Oranienburg als Kreisstadt zwar heraus, "hier arbeite ich Tag für Tag", aber er achte viel stärker darauf, auch in anderen Regionen präsent zu sein, seit Jahren seien die meisten seiner Termine in Kremmen oder Zehdenick.

OHV-Landrat Ludger Weskamp. (Quelle: rbb/S. Brockhausen)
Ludger Weskamp (SPD), Landrat von Oberhavel | Bild: rbb/S. Brockhausen

Der Kreistag zeichne sich dadurch aus, dass eine Nord-Süd-Diskussion "wenig, eigentlich kaum" geführt werde, sagt er. "Mir geht es oft so, dass die vehementesten Befürworter für die Aufrechterhaltung der Strukturen im Norden aus dem Süden kommen. Mir fallen da zwei Kreistagsabgeordnete ein, die aus Hohen Neuendorf und Glienicke kommen und eigentlich bei jeder Gelegenheit deutlich machen, dass die Infrastruktur im Norden aufrecht erhalten werden muss."

Der Norden werde ja auch gestärkt, sagt Weskamp. Als Beispiele nennt er den Ziegeleipark Mildenberg als touristischen Höhepunkt und das Krankenhaus in Gransee, "was ohne wirtschaftliche Unterstützung im Klinikverbund so nicht weiter zu betreiben wäre". Entscheidender Punkt seien aber auch die Verkehrswege. "Deshalb hat der Kreistag in seiner letzten Sitzung ja auch beschlossen, dass Landesstraßen übernommen werden, die insbesondere im Norden liegen, um diese zu ertüchtigen und neben der ÖPNV-Infrastruktur auch die Straßeninfrastruktur zu verbessern."

Streit um Feuerwehrzentrum

Manfred Saborowski würde an dieser Stelle dagegen halten, so manch anderer in Gransee oder Fürstenberg möglicherweise auch - denn bei einem anderen Beispiel für Infrastruktur hat der Norden zuletzt den Kürzeren gezogen. Nach mehr als 20 Jahren hat das Feuerwehrtechnische Zentrum in Gransee nämlich ausgedient. Für den Neubau eines Technik- und Ausbildungszentrums bekam Oranienburg den Zuschlag. Manfred Saborowski hätte sich über einen Neubau in Fürstenberg gefreut, auch wegen der Nähe zu Mecklenburg-Vorpommern. "Das wäre für eine länderübergreifende und landkreisübergreifende Sache ideal gewesen", sagt er.

Ludger Weskamp kann nach eigenem Bekunden den Wunsch grundsätzlich nachvollziehen. "Ich finde es nur problematisch, ehrenamtlichen Kräften deutlich längere Wege zuzumuten", sagt er. "Das heißt, wir investieren viel Geld, um die Bedingungen für Feuerwehrleute zu verschlechtern – das kann nicht das Ziel sein. Deshalb die Entscheidung für Oranienburg. Da verkürzen sich die Wege für einen Großteil der Feuerwehrleute."

"Speckgürtel hat den Vorteil, dass viele junge Leute hier sind"

Wie Manfred Saborowski schaut auch Gundula Klatt (Bürger für Oberkrämer) gelegentlich über die Landesgrenze, allerdings geht ihr Blick nicht nach Mecklenburg-Vorpommern, sondern nach Berlin. Sie ist Ortsvorsteherin von Bärenklau in der Gemeinde Oberkrämer ganz im Süden des Landkreises Oberhavel. Von der Nähe zu Berlin profitiert der Ort sehr. "Speckgürtel hat den Vorteil, dass viele junge Leute hier sind, dass nicht alle wegziehen."

Jüngstes Beispiel für Zuzug sind die neuen Betreiber des Dorfkrugs. Im April haben sie neu eröffnet, man duzt sich bereits. Schräg gegenüber steht die Alte Remonteschule, das Herz des Dorflebens. Stolz führt Gundula Klatt durch die Räume. Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert, als in Bärenklau junge Pferde, sogenannte Remonten, für ihren Dienst in der Kavallerie ausgebildet wurden. Heute wird das Gebäude als Dorfgemeinschaftshaus genutzt: Theater, Nähkurse, Tanz, Rommé oder Chor-Unterricht - irgendwas ist immer los in den Räumen. Auch einen Jugendclub gibt es. "Eigentlich haben wir alles", sagt Klatt. "Wir haben den Bus, wir haben den Zug, und alle helfen sich gegenseitig." Aber: "Du musst dir Dorfleben organisieren. Du darfst nicht jammern, sondern musst gucken, was du dir in Gemeinschaft alles organisieren kannst."

Gundula Klatt, Ortsvorsteherin Bärenklau, tritt für die BfO (Bürger für Oberkrämer) an. (Quelle: rbb/S. Brockhausen)Gundula Klatt (Bürger für Oberkrämer), Ortsvorsteherin von Bärenklau

Gundula Klatt lebt seit 1997 in Bärenklau. "Das erste, was ich damals gemacht habe, war mein Führerschein", sagt sie. Heute leben etwas mehr als 1.500 Menschen im Ort. Es könnten auch mehr sein, aber Bärenklau solle Dorf bleiben, das sei den Menschen wichtig. "Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben", sagt Klatt. "In der alten Flächennutzungsplanung waren noch mehrere größere Wohngebiete. Aber da haben wir gesagt, wir fahren das ein bisschen zurück zu Gunsten von Vehlefanz, weil da der Bahnhof ist, und bleiben erstmal in der Struktur, wie sie jetzt ist." In Speckgürtel-Gemeinden wie Oberkrämer scheint das eine der Herausforderungen zu sein: den Zuzug so zu organisieren, dass er verträglich bleibt.

Die soziale Infrastruktur darf dabei nicht auf der Strecke bleiben. Auch Landrat Ludger Weskamp nennt Schulen und Kitas als wichtige Aufgaben im Speckgürtel. Eine Kita haben die Bärenklauer – aber eine weiterführende Schule fehlt. Bislang müssten die Kinder nach Velten oder Hennigsdorf fahren, sagt Gundula Klatt, "und da ist auch alles rappelvoll". Viele Eltern setzen sich dafür ein, dass Oberkrämer eine eigene weiterführende Schule bekommt. Der Landkreis hat dem bislang noch nicht zugestimmt. "Gut Ding will Weile haben", sagt Gundula Klatt. "Das wäre der Traum aller Eltern."

Beitrag von Stefanie Brockhausen

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