Brandenburg an der Havel (Quelle: rbb/Stefanie Brockhausen)
Audio: Antenne Brandenburg | 22.05.2019 | Stefanie Brockhausen | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

Eine Frage der Perspektive - Warum in Brandenburg an der Havel so wenige wählen gehen

Bei der letzten Kommunalwahl lag die Wahlbeteiligung in Brandenburg/Havel bei nur 36,3 Prozent - das ist Negativrekord im Land. Was sind die Gründe für die Politikverdrossenheit? Stefanie Brockhausen hat sich in Hohenstücken und Mahlenzien auf die Suche gemacht.

Etwa 8.000 Menschen leben in Hohenstücken im Norden von Brandenburg/Havel, viele von ihnen in fünfgeschossigen Plattenbauten. So auch Janet Fiedler, eine zierliche Frau Anfang 40 mit langen blonden Haaren. Sie hat gerade weiße Blusen aus der Reinigung abgeholt, diese Woche fängt sie einen neuen Job an. "Ich will ganz ehrlich sein", sagt sie. "Ich habe die letzten Male auch nicht gewählt." Sie zuckt mit den Schultern. "Warum sollte ich? Es ändert sich ja eh nichts." Diesen Satz hört man oft in Hohenstücken.

Plattenbauten im Brandenburger Ortsteil Hohenstücken (Quelle: rbb/Brockhausen)
DDR-Plattenbauten im Brandenburger Ortsteil Hohenstücken | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

Hohenstücken - Stadtteil "für die Hartzies"

Der Stadtteil sei abgestempelt "für die Hartzies", der Zusammenhalt "nicht mehr so wie früher", die Ausländer "ganz schlimm" und "alles schließt". Tatsächlich liegen Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil und Kinderarmut hier über dem städtischen Durchschnitt. Was Janet Fiedler besonders stört, sind die fehlenden Angebote für Kinder und Jugendliche. "Was haben die denn hier für eine Perspektive? Die kloppen sich nur noch gegenseitig in die Schnauze." Seit fast 20 Jahren wohnt sie in Hohenstücken, jetzt will sie nur noch weg. Sie muss auch weg, denn in ihrem Wohnblock am Tschirchdamm leben nur noch drei Parteien und in zwei Jahren wird das Haus abgerissen.

Plattenbauten wie der von Janet Fiedler prägten jahrzehntelang das Bild von Hohenstücken. Zu DDR-Zeiten waren die Wohnungen extrem begehrt und beliebt, aber nach der Wende setzte eine massive Abwanderung ein. Zeitweise stand jede vierte Wohnung leer.

Seit einigen Jahren wird die Bebauung luftiger: Die einen nennen es Rückbau, die anderen Abriss. So oder so, in Hohenstücken ist der Stadtumbau besonders spürbar. Zwischen 2002 und 2017 wurden in der Stadt rund 3.400 Wohneinheiten zurückgebaut, 2.400 davon allein in Hohenstücken. Bis 2025 sollen noch mehrere hundert Wohneinheiten verschwinden.

"Wat bringen mir tausend Eigenheime? Eigenheim kann ich mir nicht leisten."

Aber es wurde - und wird - auch saniert, betont Stadtsprecher Jan Penkawa: Mehr Farbe, Dachgeschoss- und Fassadendämmung, neue Treppen, Balkone und Türen. Manche Plattenbauten wurden sogar mit Außenaufzügen ausgestattet. "Die Wohnungsbaugenossenschaft investiert bis 2024 gut 82 Millionen Euro in Sanierungsarbeiten, der Schwerpunkt dieser Investitionen ist Hohenstücken", sagt der Stadtsprecher. Wenn Blöcke abgerissen werden, entsteht an ihrer Stelle Neues: Grünanlagen oder sogar Eigenheime.

"Wat bringen mir tausend Eigenheime? Eigenheim kann ich mir nicht leisten", sagt ein Mann mit kurzen Haaren und olivgrüner Jacke. Er arbeitet als Kraftfahrer, "wird immer beschissener, sag ich mal". Das Gehalt werde weniger, die Konkurrenz größer. "Ich hab noch keine Partei gesehen, die sich für Kraftfahrer einsetzt." Er sitzt zusammen mit etwa zehn anderen Männern und Frauen vor einem Wohnblock mit Blick auf Innenhof und kaputten Spielplatz. Man kennt sich, trifft sich oft, ein kleiner Hund rennt auch umher. Sie fühlen sich alle wohl hier, aber wie lange sie noch bleiben können, wissen sie nicht.

Der Kraftfahrer zeigt auf die Wohnblöcke und die wenigen Fenster, hinter denen noch Gardinen hängen. "Wird alles abgerissen", sagt er, auch sein Wohnblock. "Weil angeblich kein Geld da ist. Kümmert sich keiner drum", stellt er nüchtern fest. Seine Enttäuschung kann er kaum verbergen. "Hier ist es schön grün. Was soll ich denn in der Stadt? Da ist doch nichts, nur Autolärm und Dreck."

Eine junge Frau mit blondem Zopf pflichtet ihm bei. "Ich find’s wirklich schön hier." Sie sagt das so überzeugt, dass keine Sekunde Zweifel aufkommen. Mit Diskothek wäre Hohenstücken für sie zwar noch schöner. Aber ihr gefallen die Natur, die Ruhe und die gewachsene Gemeinschaft in der Nachbarschaft. Sie wünscht sich, dass sie mit ihrer Mutter nicht so weit weg ziehen muss. Eigentlich meint sie, dass sie in Hohenstücken bleiben kann. "Gleich da oder da", sagt sie und zeigt auf umliegende Blöcke. "Das wäre echt schön." Was sie ärgert: "Wenn man hört, die Freien Wähler wollen neue Blöcke bauen, fragt man sich: Warum sanieren sie nicht unsere Blöcke?" Sie selbst geht zur Wahl, viele andere aber eben nicht. Perspektivlosigkeit und Hilflosigkeit gehören offenbar zu der Mischung, die so viele Menschen davon abhält.

Spielplatz in Hohenstücken | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

"Hohenstücken ist ein Stadtteil mit Zukunft"

Die Stadt verspricht, dass es auch künftig günstigen Wohnraum in Hohenstücken geben wird. "Wir haben ja auch eine soziale Verantwortung", sagt Stadtsprecher Jan Penkawa. Die Stadt stellt Umzugshilfe in Aussicht und versucht, den Menschen gleichwertige Wohnungen zu vermitteln. Die Vision für Hohenstücken ist eine Mischung aus Eigenheimen und Mietobjekten. "Hohenstücken ist ein Stadtteil mit Zukunft", sagt Penkawa. "Wir sind sehr froh über die Entwicklung."

Aus Sicht der Stadt steht es also gar nicht schlecht um Hohenstücken. Seit einigen Jahren gibt es wieder eine "Neue Mitte": ein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum mit Supermarkt, Drogerie, Friseur, Imbiss, Post- und Presseshop und Geldinstitut. Auch das Umfeld wurde neu gestaltet. Es gibt einen Wochenmarkt und einen Wohngebietspark. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Bürgerhaus, eine Art soziokulturelles Zentrum. Verschiedene Vereine und Institutionen nutzen die Räume, es gibt einen Quartiersmanager, ein Café, eine Bibliothek, eine Kleiderkammer mit Nähstube, einen Anwohnertreff, Tanz- und Selbsthilfegruppen. Das Bürgerhaus wurde mit EU-Geld gebaut und 2007 eröffnet. Es gehört auch zu den Organisatoren des jährlichen Stadtteilfestes.

Feldsteinkirche in Mahlenzien | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

Mahlenzien als Gegenbild zu Hohenstücken

Der Ortsteil Mahlenzien, etwa 15 Kilometer entfernt, ist das Gegenbild zu Hohenstücken. Hier prägen die Feuerwehr, die Feldsteinkirche, das denkmalgerecht sanierte Gutshaus und viele gepflegte Gärten das Bild. Etwa 130 Menschen leben hier, und bei der letzten Kommunalwahl gingen mehr als 60 Prozent der Wahlberechtigten wählen. Den Ortsvorsteher Hartmut Klingsporn freut das: "Das hat auch ein bisschen was mit Zufriedenheit zu tun. Fast alle haben Arbeit. Ich denke, auch daran wird das liegen." Nach der Wende sei es es für die meisten Menschen hier etwas besser geworden.

Mahlenziens Ortsvorsteher Hartmut Klingsporn mit Feuerwehr-Chef Bernd Altenkirch | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

Hartmut Klingsporn und Bernd Altenkirch sitzen auf einer Bank hinter dem Feuerwehrhaus. Altenkirch ist der Vorsitzende des Feuerwehrvereins. Er ergänzt: "Wir möchten als kleiner Ortsteil auch unsere Interessen gegenüber der Stadt durchsetzen." Seit 1993 gehört Mahlenzien zur Stadt Brandenburg: "Wir sind stolz darauf, dass wir das damals geschafft haben", sagt Hartmut Klingsporn.

Besonders stolz ist man in Mahlenzien auf die Kita. Sie ist eine kleine Erfolgsgeschichte: Nach der Wende stand die Einrichtung vor dem Aus, dann übernahm der ortsansässige Elternverein die Trägerschaft. Trotz einiger Tiefen hat sich die Kita gehalten, die Nachfrage nach Plätzen ist groß. Inzwischen gibt es auch einen neuen Träger. Aber weil die Kita nicht im Ortskern liegt, fehlt bislang ein Fußgängerweg, das ist das nächste Projekt in Mahlenzien. "Wir geben uns alle Mühe, dass wir auch für Mahlenzien ein bisschen was erreichen", sagt Hartmut Klingsporn. "Und daher denke ich, dass die Bürger das honorieren."

"Man sollte doch wenigstens hingehen und überhaupt wählen"

Einen Ortsbeirat gibt es nicht, dafür ist der Ort zu klein. Trotzdem entscheidet Hartmut Klingsporn nichts allein - egal ob es um Feste, Förderanträge oder eben Fußgängerwege geht. Der Zusammenhalt im Ort ist groß. Die Feuerwehr hat letztes Jahr 85. Jubiläum gefeiert, das jährliche Osterbaumfest ist in der gesamten Region beliebt.

Dass im Rest der Stadt so wenige Menschen wählen gehen, macht Hartmut Klingsporn ratlos. Auch Bernd Altenkirch kann das nicht nachvollziehen: "Wir sind eine Demokratie. Man kann ja wählen, wen man will. Aber man sollte doch wenigstens hingehen und überhaupt wählen. Zu DDR-Zeiten mussten wir wählen, das war Zwang. Heute ist es freiwillig, aber warum tun die Leute das nicht? Das ist echt eine berechtigte Frage. Irgendwo ist es doch auch eine Bürgerpflicht."

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8 Kommentare

  1. 8.

    Kein grundsätzlicher Widerspruch meinerseits. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass eine erforderliche Modernisierung großer Betriebe statt bloßem Plattmachen durchaus möglich gewesen wäre, wenn auch teuer. Der Strukturwandel der Deindustrialisierung war am Ende aber wohl nicht weniger teuer. Viele Betriebe hatten durchaus aufgrund der festen Absätze in die Oststaaten eine Überlebenschance. Natürlich nicht alle, das ist klar. Nur gibt es aufgrund dieser vertanen Chance heute kaum noch Großbetriebe in Ostdeutschland, die die durchschnittliche Produktionsleistung nach oben korrigieren würden, so wie das in Westdeutschland der Fall ist. Ein Kleinbetrieb in Ostdeutschland ist heute ganz sicher nicht weniger produktiv als sein Pendant im Westen der Republik.

  2. 7.

    Ich stimme Ihrem Geschriebenem zu, bis ggf. auf den nachfolgenden Satz: "Auch die angeblich geringere Produktivität des Ostens gegenüber Westdeutschland ist eine Folge davon." Das ist mir persönlich wiederum zu "schöngefärbt" in Bezug darauf, dass die meisten Betriebe in Ostdeutschland buchstäblich veraltet waren und von der Hand in den Mund lebten. Bis auf zwei, drei Bereiche, bspw. der Schienenfahrzeugbau. Auch diese "Wahrheit" muss ausgesprochen werden. Neben der anderen.

    Das Hauptproblem sehe ich im Beitritt, eine tatsächliche Vereinigung hätte die gröbsten Folgen vermeiden können.

  3. 6.

    "Beide Entwicklungen liefen vollkommen getrennt voneinander" Das war leider ohne Zweifel so. Während in die Infrastruktur massiv Geld gepumpt wurde und private Geldgeber sich nahezu ungehindert einen neuen Markt erschließen konnten (Einkaufszentren, Autohäuser und Wohnhäuser), gab es bei den Arbeitsplätzen genau die gegenteilige Entwicklung. Den Ostbetrieben wurde mit der D-Mark der gesamte Ostmarkt aus den Händen geschlagen, den jämmerlichen Rest hat dann die Treuhand verscherbelt, oft an Konkurrenten, die sofort alles platt gemacht haben. Die fehlende Großindustrie wird noch sehr lange, vielleicht für immer, ein Problem bleiben. Auch die angeblich geringere Produktivität des Ostens gegenüber Westdeutschland ist eine Folge davon. Ost und West zu vergleichen, ist immer noch wie Äpfel und Birnen gegeneinander aufzuwiegen. Leider ist die Politik immer noch nicht ehrlich zu dem Problem. Gleiche Verhältnisse wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

  4. 5.

    Da stimme ich Ihnen zweifellos zu.

    Die Entwicklung nach 1990 war (und ist) oft genug geradezu zwiegespalten: Im Inneren sind die Städte so schön geworden, wie sie selten in ihrer Geschichte waren, sind zu wahrhaften Schätzen geworden, wo das Geld und die Abrisspolitik der DDR nicht hinreichte. Bei der wirtschaftlichen Substanz ist ihnen hingegen der Boden entzogen worden, weitere Beispiele dafür wären der Maschinenbau in Magdeburg und die Textilindustrie in Plauen.

    Beide Entwicklungen liefen vollkommen getrennt voneinander: Das Begreifen einer kulturellen Einheit und die Herabwürdigung zu "Deutschland B" im wirtschaftlichen Sinne.

  5. 4.

    Das ist des Pudels Kern: "Warum sollte ich? Es ändert sich ja eh nichts." Genau so sieht es aus und nicht nur in der Stadt Brandenburg sondern dem gesamten Land Brandenburg. Die da oben machen wie zu DDR Zeiten, was sie wollen und die da unten sind nur gut zum Steuern und Abgaben zahlen. Und auch wichtig: Nur der Nichtwähler kann zweifelsfrei belegen, dass er nicht AfD wählte. Der Gründer des AfD Landesverband wohnt übrigens nicht so sehr weit weg von der Stadt Brandenburg. Zufall???

  6. 3.

    Gut zusammengefasst! Leider gab es ganz viele kleine "Brandenburgs" im Osten. Suhl in Thüringen ist auch so ein trauriges Beispiel, jetzt mit Autobahnanbindung, damit man noch schneller weg kommt.

  7. 2.

    Ich finde es beschämend, dass Mietshäuser für Reiche und deren Eigentumswohnungen abgerissen werden. Aber die Politiker haben anscheinend keine solche Skrupel. Soll jeder selbst sehen wo er bleibt. So ist das in diesem System.

  8. 1.

    "In Brandenburg an der Havel konzentrieren sich die Probleme der ostdeutschen Bundesländer wie unter einem Brennglas", ziemlich genau in diesem Wortlaut hat es der ehemalige Bundesbauminister zu Zeiten Helmut Kohls, Klaus Töpfer, beschrieben. Er war immerhin einer der Aufgeschlossensten, was auch die Stationen seines späteren Lebensweges erklärt.

    Brennglas:
    1. Das Stahlwerk, der Hauptarbeitgeber, weitestgehend abgewickelt,
    2. Die Innenstadt: Schnaller, als dass die Städtebauförderung sie entwickeln konnte, entstand draußen vor den Toren der Stadt ein großes Einkaufszentrum mitsamt Kino. Die Innenstadt ist demzufolge in den ersten 20 J. ausgeblutet.
    3. Durch den Arbeitsplatzverlust kam es in Brandenburg wie in mehr als der Hälfte der ostdeutschen Städte zu einem enormen Fortzug - von 91.000 auf unter 70.000 Einw.

    All das bestärkt das Gefühl, von der Politik vergessen worden zu sein. Sei sie, wie sie will. Besonders in Wohngebieten wie Hohenstücken, in FFO Neuberesinchen ...

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