Ina Schneider, Ronny Oede und Andreas Andrack kandidieren in Rietzneuendorf-Staakow für den Gemeinderat (Quelle: rbb/Schwiesau)
Audio: Inforadio | 21.05.2019 | Dominik Lenz | Bild: rbb/Schwiesau

Parteilose Gemeinderäte - Wo Feuerwehr und Gemeindechor das Sagen haben

Der Brandenburger Anglerverband hat dreimal mehr Mitglieder als alle Parteien in der Mark zusammen. In Rietzneuendorf-Staakow etwa sitzen Feuerwehrler, Karnevalisten und Chorsänger im Gemeinderat. Ein Parteibuch hat keiner. Von Dominik Lenz und Tim Schwiesau

Den "Ursprung der Demokratie im Ort" nennt der ehrenamtliche Bürgermeister und Feuerwehrmann Andreas Andrack die Freiwillige Feuerwehr Rietzneuendorf-Staakow - Parteien brauche es hier nicht. Die Fraktionen des Gemeinderats heißen deshalb nicht SPD oder CDU, sondern Feuerwehr, Chor, Dorfgemeinschaft Staakow, Fastnachtsverein und Einzelbewerbern. Keiner hat hier ein Parteibuch.

Andrack selbst ist aus Politikverdrossenheit in die Kommunalpolitik gegangen. Man könne ja schließlich nicht nur meckern, sondern müsse auch mal machen. Seit 2008 ist er im Amt. 600 Menschen wohnen im Ort.

Zwar sitzt Andrack selbst in Fraktionen im Gemeinderat, doch da gehe es eben immer um die Sache, nicht um Parteipolitik. "Da kann man auch mal sagen: Ronny, das gefällt mir nicht. Das kann ich parteipolitisch ja nicht machen." Man kenne sich seit Ewigkeiten und wisse, wie der andere tickt, erklärt er. 

Trend zu Listenvereinigungen ohne Parteifarbe

Ronny, das ist Ronny Oede, der im Zemperhut mit Blumen und Bändchen den Fastnachtsverein im Ort vertritt. Es sind die, die sowieso immer engagiert sind, die dann eben auch die Politik im Ort machen und sich zusammenfinden in Listenvereinigungen ohne Parteifarbe. "Wir sind hier eh alle verschworen, müssen miteinander klarkommen und machen uns stark mit Vereinen und Wählergruppen."

Der Trend der Parteilosigkeit kann seit Jahren in den Kommunen beobachtet werden. Parteien spielen immer weniger eine Rolle. In Brandenburg ist fast jeder zweite Bürgermeister parteilos. Von 2,5 Millionen Einwohnern sind nur rund 20.000 Mitglied in einer Partei. Die Freiwillige Feuerwehr hat 45.000 Mitglieder (in Rietzneuendorf sind es 33), der Anglerverband um die 74.000.

In Rietzneuendorf-Staakow gibt es eine Kita, aber keine Kneipe und keinen Supermarkt. Aber auch hier geht es um Geld, um den Kampf gegen die Bürokratie wie Bauordnungen, den Verlauf der Europäische Gasleitung Eugal oder neue Funkmasten. "Wir haben durchgesetzt, einen neuen Kindergarten zu bauen. Das hat zehn Jahre gedauert, aber den wollten sie auch 'von oben' nicht. - Jetzt ist er zu klein", erzählen Andrack und Oede.

Im Gemeinderat werden Themen besprochen, über die man sich einig ist, eine Parteifarbe würde da eher stören, meint auch Barbara Quitt. Sie ist seit 25 Jahren Ortsvorsteherin von Staakow. "Ich habe das nie vermisst, ich brauche keine Partei. Wir sind auch so immer klargekommen." Natürlich werde auch mal gestritten und gezankt, "aber wir wollen hier was bewegen".

Nachwuchsmangel auch in der Kommunalpolitik

Wer ihr nachfolgt, wenn sie selbst mal keine Lust mehr hat, ist jedoch unklar. "Ich habe junge Leute angesprochen, aber die sagen: 'Jetzt nicht, wir bauen gerade ein Haus.' Es sieht schlecht aus bei uns in Staakow." Viele junge Leute haben keine Zeit oder keine Lust, ehrenamtlich Politik zu machen. Ina Schneider hat sich dagegen überreden lassen und lässt sich nun aufstellen für die Fraktion des Gemeindechors, obwohl sie selbst nicht singen kann. "Man hat mir das vorgeschlagen, ich habe das mit der Familie besprochen. Ich arbeite volltags in Berlin, das Zeitproblem ist groß." Aber sie wolle Menschen helfen, deshalb habe sie Ja zur Bewerbung gesagt.

Politik muss also nicht immer rot, grün, schwarz oder blau sein, sie kann auch von Feuerwehr, Fastnachtsverein oder Gemeindechor kommen, so wie in Rietzneuendorf-Staakow.

Beitrag von Dominik Lenz

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