Graffiti Sporthalle Uranusweg (Quelle: rbb/ Jan Menzel)
Video: Abendschau | 05.09.2017 | Martin Küper | Bild: rbb / Jan Menzel

Tegel-Serie | Verdrängung und steigende Mieten - Tegel-Anwohnern macht Schließung Angst

Die Flugzeuge donnern im Minutentakt über den Sportplatz am Uranusweg. Von den Balkonen sind die Maschinen zum Greifen nah. Dennoch wollen viele in der Reinickendorfer Einflugschneise den Flughafen Tegel behalten. Sie fürchten sich vor Schlimmerem. Von Jan Menzel

Zwischen dem Stummel der Autobahn und der Asphaltwüste um den Kurt-Schumacher-Platz versteckt sich eine Perle: Die große Sportanlage am Uranusweg ist die Heimat des RFC Liberta und mit ihrer Weite und den alten hohen Bäumen mehr Park als Bolzplatz. Es gibt eine riesige Wiese, auf der am Wochenende Familien aus dem Kiez picknicken und die Kinder spielen, einen modernen Kunstrasenplatz, eine Sporthalle und einen saftig grünen Rasenplatz.

 "Diese Perle", sagt der Geschäftsführer des RFC Liberta Frank Kirstan, "wird von den Kindern aus dem Kiez genutzt. Das ist teilweise ein sehr schwieriger Kiez und die Kinder kommen oft schon sehr jung alleine hier rüber und das geht hier!" Dieses hier betont Kirstan deshalb so sehr, weil nach dem Ende des Flugbetriebs in Tegel auf dem Sportplatz Wohnungen gebaut werden sollen.

RFC Liberta, Vereinsgeschäftsführer Frank Kirstan (rechts) , Spielbetriebsleiter Peter Hahn (links) (Quelle: rbb/ Jan Menzel)
RFC Liberta, Vereinsgeschäftsführer Frank Kirstan (rechts) , Spielbetriebsleiter Peter Hahn (links) | Bild: rbb / Jan Menzel

Vereinsmitglieder sind hin- und hergerissen

Die Fußballer sollen dann auf Flächen des still gelegten Flughafens umziehen. Der neue Platz soll besser, moderner und schöner werden, versprechen Landes- und Bezirkspolitiker. Von den Stadtplanern haben sich die Vereinsmitglieder mehrfach die Pläne für die Nachnutzung des Flughafengeländes und die Aufwertung des Kiezes vorstellen lassen. Doch beim RFC Liberta sind sie hin- und hergerissen.

Für die Kinder aus dem Kiez wäre der Sportplatz dann nicht mehr so einfach erreichbar – sie müssten eine vierspurige Hauptstraße überqueren,  gibt Vereinsgeschäftsführer Kirstan zu bedenken. Doch bei aller Skepsis und bei aller Liebe zum angestammten Vereins-Areal will Kirstan auch, dass der Flugbetrieb aufhört. "Ich wohne selber in der Einflugschneise und mache mir oft Sorgen bei dem Andrang von Flugzeugen. Was wäre denn, wenn so ein Teil hier runterfällt?" fragt der 52-Jährige.

Viele Anwohner haben ihre Meinung zum Flughafen geändert

Neben Kirstan steht Peter Hahn hinter der Absperrung des Kunstrasenplatzes und schaut beim Training zu. Hahn hat hier schon als Schüler gekickt. Jetzt ist der 72-Jährige Jugendleiter, Mann für alles und so etwas wie die Seele des Vereins. Hahn mag dem Versprechen auf eine neue bessere Anlage an anderer Stelle nicht so recht Glauben schenken. Niemand wisse, was in ein paar Jahren sei und ob die Politiker, die jetzt Versprechen machen, dann noch an den Entscheidungshebeln sitzen, sagt Hahn.

Tegel erscheint dem Vereins-Urgestein dagegen als eine Art Lebensversicherung  für seinen Platz:  "Ich habe viele Sportskameraden miterlebt, die in den umliegenden Straßen wohnen und die gesagt haben: Vor fünf Jahren war ich noch dafür, dass der Flughafen wegkommt - inzwischen hat sich meine Meinung geändert."

"Für Tegel, weil sonst die Mieten steigen"

So wie die Sportler um ihren Platz und die Zukunft des RFC Liberta 1914 e. V. bangen, sorgen sich auch Mieter in den Straßen rund um den viel befahrenen Kurt-Schumacher-Platz. Noch ist die Gegend günstig, noch sind die Mieten bezahlbar. Doch viele Anwohner befürchten, dass sich das ändern könnte, sobald der Fluglärm verstummt und die ganze Gegend schlagartig sehr viel attraktiver wird.

An der Gotthardstraße, ganz in der Nähe, wartet eine junge Frau mit ihrem Mischlingshund an der Bushaltestelle. "Ich hab‘ Angst, weil das jetzt schon anfängt, dass sie die Mieten höher machen", sagte sie. Ein Haus weiter sortiert Mieter Siegfried Liesener seinen Hausmüll in die verschiedenen Tonnen und Container. Auch er ist eindeutig: "Tegel soll offen bleiben, weil die Mieten sonst steigen. Bei uns haben sie gerade  Modernisierungsmaßnahmen gemacht."

Sportplatz Uranusweg mit Flugzeug (Quelle: rbb/ Jan Menzel)Flugzeug im Landeanflug

Mieterverein warnt vor "Angstmacherei"

Diese Stimmung kennt Helmut Möller gut. Er kämpft in einer Bürgerinitiative dafür, dass Tegel schließt und der Lärm aufhört. Möller kämpft gleichzeitig dafür, dass die Mieten im Kiez bezahlbar bleiben. Er engagiert sich im Mieterverein in Reinickendorf und bekommt in den Sprechstunden immer wieder das Argument zu hören, dass die Mieten günstig bleiben, so lange Tegel offen bleibt.

"Da sagen wir einfach nur: Nein, das ist Angstmacherei", hält Möller dagegen. Der Fluglärm sei keine Garantie für günstiges Wohnen. "Selbst jetzt zu Zeiten des Flugverkehrs erleben wir hier Mietsteigerungen, die einfach gar nicht zu vertreten sind", so der Mann vom Mieterverein.  Das einzige was wirklich helfe, sei der Wohnungsneubau, sagt er und zeigt Richtung Flughafengelände. Dort soll neben dem neuen Sportplatz für den RFC Liberta ein ganzes Stadtviertel mit bis zu 9.000 Wohnungen neu gebaut werden.

Beitrag von Jan Menzel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

26 Kommentare

  1. 26.

    Schon mal bemerkt, dass das niemand behauptet hat? In dem Sinne: Erst mal richtig lesen, dann denken und erst dann posten ;) Der Zusammenhang geht wohl etwas über die simple Logik hinaus, dass nur das zusammenhängt, was sich geographisch am selben Ort befindet. Zum Einstieg könnte man ja mal den Gedanken verfolgen, dass die Nachfrage der Fluggesellschaften am BER, welche wiederum auch von der Gesamtkapazität Berlins, also auch von dem Weiterbetrieb Tegels abhängt, die Profitabilität der Billigflieger spürbar beeinflussen wird. Das Billigflieger wie Ryanair jetzt aktiv den eigennützigen Kampf der FDP für den Weiterbetrieb Tegels unterstützen, wird sicherlich nicht deren Sorge um das zukünftige Wohl Berlins entsprungen sein.

  2. 25.

    Schon mal bemerkt das die Billigflieger NICHT in TXL stehen sondern in SXF und dann auf dem BER????
    Erst DENKEN dann POSTEN

  3. 24.

    Dreck und Lärm eines Flughafens als politische Maßnahme um das Wohl eines Stadtviertels zu erhalten? Genial, die Billigflieger profitieren, die Politik kann schön weiter an "Prestigeprojekten" feilen anstatt eine ordentliche Sozialpolitik zu machen und der kleine Mann freut sich auch noch darüber.

  4. 23.

    "ich glaube, den meisten Berlinern ist nicht klar, wie die neuen Flugrouten vom BER verlaufen. sie treffen komplett Südberlin unterhalb Kudamm (wieviel Mio Berliner wohnen dort?), sie treffen komplett Potsdam"

    Ihnen ist es offenbar auch nicht klar. Wo findet man die Quelle Ihrer Aussage?

    Die deutsche Flugsicherung sagt: Südberlin ist nur im Teil betroffen, um Potsdam wird ein Bogen gemacht.
    Quelle: <https://www.baf.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen_BAF/BAF_Abwaegung_UebersichtskartenBER.pdf>

  5. 21.

    Was hat das mit Schwaben zu tun? Würden Sie auf "Türken" in dieser Weise Bezug nehmen, würde der Text wegen Rassismus gelöscht werden!

  6. 20.

    9000 Wohnungen die vielleicht, aber auch nur vielleicht in 4 oder 5 Jahren fertig sind (wieviel davon sind bezahlbar für normal sterbliche?) sollen die Mieten im Umland um Tegel am steigen hindern? von was träumt der Mieterverein denn noch. keine Stadt auf diesen Planeten hat es bisher geschafft mit Neubau von Wohnungen ihre Mieten stabil zu halten und wie kommt der Mieter verein darauf das es in Berlin gelingt?
    Träumer sind was schönes doch es sind halt nur träumer

  7. 19.

    Es ist sehr bedenklich wenn Menschen sich Lärm- und Atemsluftbelastungen als kleineres Übel herbeiwünschen bzw. beibehalten möchten um eine bezahlbare Wohnung zu behalten bzw. zu erhalten.
    Wenn man die erheblichen Mietsteigerungen sieht und die Stagnierungen bei vielen Reallöhnen und die Senkung des Rentenniveaus beachtet kann sich jedes Milchmädchen und jeder Baumschüler ausrechnen dass es für immer mehr Bürger sehr schwer bis unmöglich wird bezahlbaren Wohnraum zu erhalten.
    Wohnungswesen, Kranken- und Altenpflege dürfen nicht weiter privatisiert werden.

  8. 18.

    Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten - äh - einen Flughafen zu eröffnen.

    "Konsens"beschlüsse entsprechen nicht immer dem, was dann auch umsetzt wird. Oft genug geschieht das Gegenteil... jedenfalls lehrt uns das rückschauend die Geschichte...

  9. 17.

    "Tegel-Anwohnern macht Schließung Angst"? Der Titel hätte genauso gut lauten können "Tegel-Anwohnern wollen die Schließung" - Oder wurden sämtliche Tegler befragt? Wurde eine repräsentative Umfrage unter den Teglern gemacht?

    Angstmacherei - das sagt der Mieterverein richtigerweise dazu. Und so ist die ganze Pro-Tegel-Kampagne aufgezogen. Alleine schon die Floskel "Berlin braucht Tegel" ist Angstmacherei. Berlin braucht Tegel eben nicht! Im Gegenteil. Wieder schafft es die FDP für eine kleine Lobby Politik zu machen. Ryanair braucht Tegel, aber Berlin kann auf Lärm und Steuerverschwendung verzichten!

  10. 16.

    Da mich mehrere Mitschreiber angesprochen haben: Der Konsensbeschluss stammt aus dem Jahre 1996. Daher habe ich 1999 beschlossen, in Spandau ein Haus zu bauen. Ich ging ursprünglich davon aus, nach Einzug vielleicht noch sieben Jahre Fluglärm zu haben. Jetzt sind es schon 17 Jahre. Nun ist es wirklich bald mal genug.

    Ich erwarte einfach nur, dass sich die Politik als verlässlich erweist und standhaft bleibt.

  11. 15.

    Das ist völlig überzogene und unsachliche Stimmungsmache. Bestenfalls Wannsee könnte merkbar betroffen sein.
    Darüber kann sich jeder leicht im Internet informieren. U.a. hier:
    http://flughafen-ber.org/ber-allgemein/flugrouten/

  12. 14.

    Zum zweiten Punkt: Das ist eben der Nachtteil von Eigentum und vor dem Erwerb sollte man sich schon überlegen, wo man alt werden möchte. Aber vielleicht findet sich ja einen Käufer.

  13. 13.

    ich glaube, den meisten Berlinern ist nicht klar, wie die neuen Flugrouten vom BER verlaufen. sie treffen komplett Südberlin unterhalb Kudamm (wieviel Mio Berliner wohnen dort?), sie treffen komplett Potsdam, dann die schon erwähnten Landkreise, die als Speckgürtel bezeichnet unterdessen dicht bevölkert sind.

    Die 300.000 Spandauer oder Schwaben sind dagegen ein kleiner Teil...

  14. 12.

    Die Argumentation von Leuten, die an lauten Orten hinziehen und sich dann beschweren, habe ich nie verstanden.

    Ja, in der Flugschneise ist es laut.
    Ja, am Spielplatz/Bolzplatz ist es laut.
    Ja, an Grundschulen ist es laut.
    Ja, an Kneipenstrassen ist es laut.
    Ja, an einer Hauptstarsse ist es laut.

    Wer das nicht mag, möge sich erst gar nicht dort hinziehen, anstatt sich hinterher über das Offensichtliche zu beschweren.

  15. 10.

    Gegenfrage, wie schon so oft:

    Wenn ich als Verantwortlicher zu entscheiden habe ob ich das Leben und die Gesundheit von 300.00 oder von ein paar Hundert Menschen gefährde, für wen entscheide ich mich?

    Hier gibt es auch Leute, die in der Einflugschneise wohnen und für Tegel sind. Als erstes aus Angst die Mieten steigen, diese Angst muß man den Menschen nehmen. Da sollte Fr. Lompscher nachbessern. Die Kappung der Mieterhöhungen für die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften kann da nur ein erster Schritt sein.

    Der Rest sind unrationelle, vorgeschobene Gründe warum man Tegel behalten möchte.

  16. 9.

    Als sie ihre Wohnung kauften oder mieteten, wussten sie doch,dass ein Flughafen nunmal Lärm macht. Warum sind sie dort hingezogen??
    Wenn sie weitere schöne ruhige Sommerabende genießen wollen,ziehen sie vielleicht ins Umland???

  17. 8.

    ich verändere mal leicht den Text von Zuschauer:

    Der Fluglärm in den Landkreisen Dahme Spreewald, Teltow Fläming, Potsdam Mittelmark, Havelland sowie in Potsdam und Berlin südlich Kudamm wird so dermaßen schlimm, dass ich am gesellschaftlichen Nutzen einer BER Eröffnung Zweifel habe. Die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger muss oberste Priorität haben. Lärm macht krank, das weiß inzwischen hoffentlich jeder. Und deshalb muss der Flugbetrieb mit der BER-Inbetriebnahme enden und Tegel offen bleiben.

    Oder ist ein Berliner etwa mehr wert als ein Brandenburger Bürger?

  18. 7.

    Ich kenne zwei Reinickendorferinnen, und beide wollen Tegel behalten.

    Die eine wohnt in der Flugschneise, aber hat sich mit dem Lärm arrangiert. Sie fürchtet dass durch die Schließung ihre Wohnung zu einem Spekulationsobjekt wird (kein Lärm mehr, Steigerung der Durchschnittsmiete aufgrund des neuen Quatiers auf dem Tegel-Gelände) und sie die künftige Miete nicht mehr leisten kann.

    Die andere arbeitet im Tegel bei einer Fluglinie und hat in Reinickendorf ihre Eigentumswohnung. Wenn Tegel geschlossen wird, muss sie nach Schönefeld eine weite Strecke pendeln und dabei ihre Wohnung weiter abbezahlen, die sie nach der Schließung eigentlich nicht mehr haben will.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Flugzeug fliegt am 11.03.2017 den Flughafen Tegel an (Quelle: imago/Jürgen Ritter)
imago/Jürgen Ritter

Quiz | Tegel-O-Mat - Testen Sie Ihr Tegel-Wissen!

Sie kennen den Flughafen Tegel und seine Geschichte besser als alle anderen. In juristischen Fragen kann Ihnen niemand etwas vormachen. Und natürlich sind Sie sattelfest im Vergleich von TXL, SXF und BER. Mit dem Tegel-O-Mat können Sie Ihre Fachkenntnis unter Beweis stellen!