Tegel im Morgengrauen (Quelle: dpa/Schlesinger)
Audio: Inforadio | 08.09.2017 | Tina Friedrich | Bild: picture alliance

Tegel-Serie | Emotionale Debatte um die Zukunft - Herz über Kopf

Der Streit um den Flughafen Tegel betrifft juristische, finanzielle und stadtplanerische Fragen – was die Debatte aber eigentlich bestimmt, sind Gefühle. Wie konnte es so weit kommen, dass mit einem Gebäude so starke Emotionen verbunden sind? Von Tina Friedrich  

Reisende hasten mit Kaffeebecher in der Hand zum Gate. Rollkofferträger rollern erst hin, dann her, bleiben fragend vor den Hinweisschildern stehen. Wer mit dem Bus ankommt, stolpert erstmal über ein paar Raucher vor der Eingangsdrehtür. Selbst an einem Montagnachmittag ist Tegel wuselig. Trotzdem lieben die Berliner diesen Flughafen. "Ich bin Flugbegleiterin und kenne viele internationale Flughäfen, aber Tegel ist der süßeste", sagt eine Stewardess.

Nähe erzeugt Vertrautheit

Auch Sylke Gandzior ist verliebt in Tegel. Die freiberufliche Moderatorin kam 1988 zum ersten Mal von Stuttgart nach Berlin, zu einem Vorstellungsgespräch. "Dieser Flughafen und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Ein echter Charmebolzen", sagt sie mit leuchtenden Augen. "Immer wenn ich in Tegel bin, dann habe ich das Gefühl, wieder zuhause zu sein." Sie fliegt oft, 60 Mal im Jahr. Jedes Mal startet und landet sie in Tegel. Meist bucht sie bewusst von diesem Flughafen. "Ich komme mit dem Bus an, und weiß dann meistens schon, dass ich zu Gate A8 oder A9 muss, und dann kenne ich auch schon die Menschen an der Sicherheitskontrolle. Das ist auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl."

Moderatorin Sylke Gandzior am Flughafen Tegel (Quelle: rbb/Tina Friedrich)Sylke Gandzior: "Tegel ist ein echter Charmebolzen."

Der Tegelretter in Charlottenburg

Andere haben ganz andere Assoziationen. "Mein Vater ist seinerzeit aus der DDR geflüchtet und stand deshalb auf der schwarzen Liste. Wenn wir in den Urlaub wollten, ist meine Schwester mit meiner Mutter mit dem Auto Transit gefahren. Mein Vater und ich sind geflogen, erst von Tempelhof und dann von Tegel. Für mich sind das die Kindheitserinnerungen aus den 70er Jahren." Der Mann, der das erzählt, steht auf dem Karl-August-Platz in Charlottenburg an einem Wahlkampfstand der FDP. Er hat sich gerade mit Christoph Meyer unterhalten. Meyer ist hier Direktkandidat der FDP und auf seinem Wahlplakat steht nur ein Wort: Tegelretter.

Und doch wirkt Meyer in Bezug auf den Flughafen vergleichsweise unemotional. "Ich verbinde mit dem Begriff 'Tegelretter' die Auseinandersetzungen der letzten Jahre", sagt er. "Dass niemand geglaubt hat, dass wir es schaffen, so viele Berliner dafür zu mobilisieren, sich für Tegel einzusetzen."

Fernweh wird ebenso gestillt wie Heimweh

Es ist eine Mischung aus Begeisterung, Nostalgie und Trotz, die in Berlin offenbar die Liebe zu Tegel ausmacht. Dabei ist der Flughafen schon ziemlich in die Jahre gekommen. Seit vielen Jahren wird er nur noch auf Verschleiß gefahren, die Toiletten riechen, die Gänge sind eng. Manchmal kommt es zwischen den Wartschlagen von Check-in und Brezelwagen zum Kuddelmuddel. Eilig sollte man es dann nicht haben, trotz der kurzen Wege bis zum Gate.

Tegel ist ein Sehnsuchtsort. Fernweh wird dort genauso gestillt wie Heimweh. Der Flughafen werde zur Projektionsfläche für Erfahrungen und Sehnsüchte, sagt der Zeithistoriker Jürgen Danyel, der zum Thema Nostalgie forscht. "Tegel steht für das alte Westberlin, das sich behaupten musste im Kalten Krieg", sagt er. "Da gab es die Luftbrücke, da sind die großen Landebahnen entstanden. So gesehen ist Tegel Teil der Westberliner Identität und Freiheitsidentität." Doch die Stadt verändert sich rasend schnell, nach der Wende sowieso und immer wieder in den vergangenen zehn Jahren. Diesen Wandel mitzumachen, ist eine gesellschaftliche und eine psychologische Herausforderung, sagt Danyel. Hier kann Nostalgie eine produktive Funktion haben, wenn sie dazu führt, dass über den Wandel gesprochen wird und über Wege, ihn zu bewältigen. Nostalgie macht den Wandel aber auch erträglich.

Aus Wehmut wird Politik

Nostalgie trieb 2012 auch Ingo Morgenroth an. Der Designer war der erste Berliner, der seiner Liebe zu Tegel öffentlich und sichtbar Ausdruck verliehen hat. Lange vor dem Volksentscheid ließ er I HEART TXL auf T-Shirts drucken und formte das Herz dabei zu einem kleinen roten Sechseck. Heute will er sich dazu nicht mehr äußern. Die Debatte ist ihm zu politisch geworden.

Das liegt auch an der FDP – so etwas wie die Datingagentur der neuen Berliner Liebesaffäre mit dem Flughafen. Marcel Luthe, Fraktionsmitglied in Berlin, gründete im Juli 2013 den Verein Pro Tegel. Er startete die Initiative zum Volksbegehren und dann zum Volksentscheid. Innerhalb von wenigen Monaten wurde Tegel zum Projekt der FDP.

Daniel Wixforth (Quelle: rbb/Tina Friedrich)Daniel Wixforth: "Das Herz gewinnt immer gegen den Kopf."

Das gelang mithilfe einer geschickten Kampagne, sagt Daniel Wixforth, der für eine Berliner Agentur politische Kommunikation betreibt. "Die ganze Debatte ist im Prinzip eine Debatte Kopf gegen Herz. Und wenn man Kopf gegen Herz kommuniziert, gewinnt fast immer das Herz. Eine der Grundregeln auch in politischer Kommunikation." Der Senat belege in der Diskussion die Kopf-Seite, sagt er, durchaus mit vielen stichhaltigen Argumenten. "Wenn aber auf der andere Seite das Herz aus den Leuten spricht, die sagen, wir wollen diesen Flughafen und seine Geschichte, dann ist es sehr schwierig, dagegen zu anzukommen."

Liebe wird mehr, wenn man sie teilt

Die Strategie ist simpel: Liebe wird mehr, wenn man sie teilt. "Man hat überall die Unterschriftenlisten gesehen, selbst bei den Spätis", sagt Wixforth."Das hat alles sehr gut funktioniert, dass die Kampagne an neuralgischen, stark frequentierten Punkten sichtbar war. Plötzlich haben die Menschen gemerkt: Oh, ich treffe immer diese Menschen mit den Unterschriftenlisten, da ist was im Gange."

Der Medienanalytiker Joachim Trebbe (Quelle: rbb/Tina Friedrich)Medienanalytiker Joachim Trebben: "Tegel retten verbindet man mit der FPD".

Die Kampagne des Vereins machte aus dem alten Flughafen eine Graswurzel-Bewegung. Jetzt kann plötzlich jeder vermeintlich Tegel retten – und glaubt, das im Sinne des Gemeinwohls zu tun. Die Strategie der FDP ist aufgegangen. Framing nennt das der Medienanalytiker Joachim Trebbe. "Wenn man heute Tegel sagt, denkt man an Tegelretter und denkt an die FDP", sagt er. "Das ist die zweite Framingstufe. Man hat den Flughafen nicht nur politisch kontextualisiert, sondern auch dafür gesorgt, dass er sofort mit der Partei assoziiert wird." Doch er sagt auch: Keine Kampagne der Welt kann Gefühle erzeugen, die vorher nicht schon da waren.

"Die Kommunikationswissenschaft ist sich einig, dass eine Wirkung von null auf hundert – die Politik sagt etwas, und dann macht die Wählerschaft irgendetwas – nicht geht. Was wir relativ sicher wissen, ist, dass man sich Gefühle zunutze machen kann, und sie verstärken kann."

"Was hängen die an dem Flughafen? Versteh' ich nicht."

Sylke Gandzior wusste immer schon, dass sie eine enge Verbindung zum Fliegen hat. Sie wollte eigentlich gerne Pilotin werden, doch damals bildete die Lufthansa noch keine Frauen aus. Später hätte sie die Möglichkeit noch einmal gehabt, doch sie entschied sich für die Familie. Heute geht sie vier Mal im Jahr Fallschirmspringen – um den Wolken nah zu sein. Auch sie hat in ihrem Umfeld für Tegel getrommelt, bei ihrem Friseur Unterschriften gesammelt. Den Verein Pro Tegel hat sie damals mitgegründet. "Die Leute, die Tegel lieben, sagen: Wow mein Herz schlägt! Die, die den Flughafen nicht so toll finden, sagen: Grausig! Gibt es Menschen, die Tegel nur so mittel finden?", fragt sie sich.

Es gibt sie: Zum Beispiel in Kreuzberg. Zwischen Kottbusser Tor und Admiralbrücke ist das Verständnis für die Tegel-Liebe in den westlichen Bezirken gering. "So ein Quatsch. Man kann doch einen Flughafen nicht lieben! Was soll das denn?" schüttelt eine ältere Dame ungläubig den Kopf, während sie ihr Auto wäscht. Ein Spaziergänger am Ufer des Landwehrkanals steht dem Flughafen ähnlich leidenschaftslos gegenüber: "Ob der nun in Schönefeld oder Tegel liegt, ist mir schnuppe. Das ist für mich wie ‘ne Busstation." Ein anderer sitzt auf der Admiralbrücke und lauscht einem Gitarrenspieler. "Tegel ist ein Dienstleister. Da landet man und will nach Hause. Was hängen die an dem Flughafen? Versteh' ich nicht."

Es müsste ein besserer kommen

Noch nicht einmal der BER entlockt den Kreuzbergern heftige Emotionen. Dabei sehen ihn alle Experten als entscheidenden Grund für die wiederentdeckte Liebe zu Tegel – auch der Medienanalytiker Joachim Trebbe: "Ohne den BER hätten wir die Debatte nicht. Das ist das stärkste Argument der Tegelbefürworter, denn sie können sagen: So lange ihr keinen Plan dafür habt, wann das neue Flughafensystem in Gang kommt, müssen wir über die Schließung Tegels doch gar nicht diskutieren."

Selbst Sylke Gandzior, die glühende Tegel-Liebhaberin, hatte zwischendurch schon Hoffnung auf den BER gesetzt – und wurde enttäuscht. "Ich hatte mir viel von ihm versprochen, und dann hieß es, wir eröffnen doch nicht. Und dann doch wieder und wieder nicht. Ein schöner neuer Flughafen ist ja fein, aber er muss funktionieren und ausreichend sein." Bevor sie sich auf eine ungewisse Liebesaffäre mit einem neuen Airport einlässt, setzt sie deshalb doch lieber auf altbewährt und lang vertraut.

Beitrag von Tina Friedrich

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Naja. Ein wesentlicher Grund der West-Berliner ist wohl, dass die denken, man würde ihnen "ihren" eigenen Flughafen wegnehmen und der neue Flughafen liegt in der sowjetischen Besatzungszone. War doch mit dem Bahnhof Zoo auch schon so. Da haben eben viele nicht begriffen, dass die Mauer nicht mehr steht und Berlin ein Stückchen größer ist, als nur die City West.

Das könnte Sie auch interessieren