Union-Fan mit Schal "Wie der Vater so der Sohn" (Quelle: imago/Zink)
Audio: Inforadio | 24.3.2017 | Stephanie Baczyk | Bild: imago/Zink

Zingler bleibt Union-Präsident - Mit dem selbstgestrickten Schal von der Oma in die 1. Liga

Bevor Dirk Zingler Präsident des 1. FC Union wurde, ging er jahrzehntelang als Fan in die Alte Försterei. Dass der Verein nicht wie andere ist, hat sich immer wieder gezeigt. Schon bald könnten die Eisernen allerdings die Bundesliga aufmischen. Und dann? Von Stephanie Baczyk

Präsident Dirk Zingler erinnert sich noch genau an seine Anfangszeit beim 1. FC Union. "Da wurde meist über kritische, existentielle Themen gesprochen: Wie geht’s weiter mit dem Stadion? Ist Union zu retten? Das waren damals die Schwerpunkte", erzählt er. Heute, 13 Jahre später, sprechen sie in Berlin-Köpenick über den Aufstieg in die Bundesliga. Eine verrückte Entwicklung, die Zingler als Präsident des Vereins weiter begleiten wird.

Der Präsident des 1. FC Union, Dirk Zingler (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Union-Präsident Dirk Zingler | Bild: dpa-Zentralbild/Britta Pedersen

Vom Fan zum Vereinsboss

Der Aufsichtsrat hat den 52-Jährigen für eine weitere Amtszeit bestätigt, bis 2021. "Ich habe überlegt und mich dann doch relativ schnell entschieden weiterzumachen, weil das Team stimmt. Wir haben unheimlich viel Spaß bei dem, was wir tun", so Zingler. "Die letzten Jahre waren spannend und die vier Jahre, die vor mir liegen, werden nicht weniger spannend. Wir haben sportliche Ziele, wir wollen das Stadion erweitern, wir bauen das Nachwuchsleistungszentrum - ich freu mich auf die Zeit."

Dirk Zingler ist kein typischer Vereinspräsident. Er ist Fan seines Klubs, geht seit 45 Jahren mit seinen Freunden aus der Schulzeit zum Fußball und diskutiert auch mal laut im Auto auf dem Weg ins Stadion. "Je länger du Präsident bist, desto mehr wirst du auch Realist", sagt er und lächelt. "Aber ich erhalte mir das ein bisschen. Das ist mir ganz wichtig, dass ich nicht nur von dem Amt geprägt bin, sondern dass ich Fußball und Union dann auch genießen kann."

Unangepasste gegen Unaussprechliche

Beim 1. FC Union ist eben alles ein wenig anders. 1906 hieß der Klub FC Olympia - 1920, als das damalige Stadion an der Alten Försterei vor siebentausend Zuschauern mit einem Spiel gegen den Deutschen Meister 1. FC Nürnberg eingeweiht wird, SC Union Oberschöneweide. Der Name des Vereins wechselt immer mal wieder. Zu Zeiten der DDR steht der Klub für das Unangepasste, Wilde - und legt sich auch mal mit der Staatsmacht an. Ärgster Rivale ist der BFC Dynamo mit Stasi-Chef Erich Mielke an der Spitze. Bis heute reden die Unioner Fans von "den Unaussprechlichen".

1966 wird der 1. FC Union Berlin offiziell gegründet - 1968 gelingt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte: Der Gewinn des FDGB-Pokals. 2001 steigen die Eisernen in die Zweite Liga auf, schaffen es bis ins DFB-Pokalfinale - und dürfen trotz einer Niederlage gegen den FC Schalke 04 im Europapokal antreten, weil die Gelsenkirchener sich über die Liga für die Champions League qualifiziert haben.

Fans bluten für ihren Verein

Als Dirk Zingler 2004 Präsident beim mittlerweile in die Regionalliga abgestiegenen 1. FC Union wird, wird er Zeuge einer denkwürdigen Aktion. Um ihrem finanziell klammen Verein zu helfen, gehen die Union-Fans Blut spenden. 1,46 Millionen Euro fordert der Deutsche Fußball-Bund damals vom Klub, der Spielbetrieb ist in Gefahr. Aber die Eisernen nehmen auch diese Hürde, "Bluten für Union" berührt die Fußballfans weit über die Grenzen Berlins hinaus. Und die Liebe zum Verein geht noch tiefer: Beim Stadionausbau 2008/09 packen zweitausend Fans ein Jahr lang mit an - karren Sand, bohren und hämmern.

Als "Kultklub" werden die Unioner ungern bezeichnet - sie sind einfach stolz auf ihre Tradition, leben die familiäre Atmosphäre. Dass durch den möglichen Bundesligaaufstieg etwas von dieser Identität verloren gehen könnte - für Dirk Zingler kein Thema. "Wir bleiben wir. Die Menschen, die hierher kommen, sind dieselben, die heute hier sind", sagt er mit Überzeugung. "Wenn wir uns als arbeitende Menschen im Verein nicht verändern, wenn sich die Fans nicht verändern, dann wird das Fußballspiel am Sonnabend um 15:30 Uhr genauso ablaufen wie Freitagabend um 18:30 Uhr. Da mache ich mir gar keine Sorgen."

Umbau der Alten Försterei im Juli 2008 (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)2008: Fans helfen bei der Betonierung der Stehplatzränge

Umbau der Alten Försterei

Und doch ist klar: Etwas wird sich verändern. Das Stadion an der Alten Försterei soll und muss umgebaut werden, weil es nicht mehr den Vorgaben der 1. und 2. Liga entspricht. Ab der nächsten Saison müssen die Spielorte der Profiklubs eine bestimmte Anzahl an Sitzplätzen vorweisen. "Wir können die Alte Försterei erweitern, weil es technisch möglich ist", sagt Zingler. Nach dem letzten Spieltag Ende Mai sollen die Pläne für den Umbau vorgestellt werden. Auch hier bleibt sich der 1. FC Union treu - der Klub hat bei diesem wichtigen Thema diverse Fanklubs von vornherein miteinbezogen.

Klar, es gibt Skeptiker unter den Anhängern. Solche, die befürchten, Union könnte dasselbe Schicksal ereilen wie beispielsweise Greuther Fürth oder den SC Paderborn: Einmal Bundesliga und zurück. "Also ich kenne keinen in meinem Umfeld und in der Fanszene, der nicht auch durch diese Tür durchgehen will. Alle wollen, dass wir erfolgreich bleiben bis zum Ende der Saison", sagt Zingler. "Dass eine gewisse Ungläubigkeit damit verbunden ist, das verstehe ich. Aber bei jedem entsteht von Tag zu Tag mehr Vorfreude als Skepsis - und deshalb werden wir die nächsten Wochen genießen."

Vorfreude auf das Derby gegen Hertha

Vorfreude auch, weil in der Bundesliga der große Stadtrivale aus Charlottenburg wartet. Das letzte Ligaspiel zwischen Union Berlin und Hertha BSC hat am 11. Februar 2013 stattgefunden - Endstand: 2:2. Es ist ein besonderes Duell, denn früher, zu Zeiten der Mauer, hatten sich die Fans beider Mannschaften noch lieb. Ganz so ist das heute nicht mehr, aber die Anhänger brennen auf ihr Stadtderby.

Und sollte Union tatsächlich aufsteigen, wird Präsident Dirk Zingler für diese Partie sicherlich zu seinem Glückbringer greifen: Einem selbstgestrickten Schal von seiner Oma. "Den hat sie mir gestrickt, als ich sechs, sieben Jahre alt war - damals gab es ja noch kein Merchandising. Und diesen Schal trage ich zu wichtigen Spielen", verrät der 52-Jährige. "Das ist etwas, was mich immer an die Anfänge Unions erinnert, als ich nur Fan war."

Union ist alles andere als Mainstream. Stürmer Sebastian Polter spricht fast liebevoll vom "Arbeiter-Köpenick", das jetzt allen zeigen kann, das es mit viel harter Arbeit den Aufstieg packt. "Ich glaube, dass wir uns weiter darüber definieren müssen. Wie die ganze Region", sagt Polter. In der Hymne der Eisernen singt Punk-Ikone Nina Hagen von Mut und dem absoluten Willen. "Den Sieg vor den Augen, den Blick weit nach vorn, zieh’n wir gemeinsam durch die Nation", heißt es da. Bis in die Städte der Zweiten Liga hat es der 1. FC Union schon geschafft - das nächste Ziel lautet: Bundesliga.

Union-Fans und ihre Heiligtümer

Beitrag von Stephanie Baczyk

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