Die Teilnehmer des Schach-Bundesliga 2017 treten im Hotel Maritim in Berlin zum Finale an. (Quelle: rbb/ Friedrich Roessler)
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Bundesliga-Finalrunden in Berlin - Gipfeltreffen mit Schach-Großmeistern

Schach gilt für Außenstehende eher als Nischensportart. Doch der Denksport boomt, wie man gerade in Berlin sehen konnte: Vor großem Publikum kämpften die Schach-Großmeister in der Endrunde der Bundesliga. Von Friedrich Rößler

Im Hotel Maritim in Berlin-Mitte herrscht dichtes Gedränge. Menschen schieben sich in Zeitlupe aneinander vorbei, schauen nicht nach vorn, sondern nur zur Seite. Man rempelt sich an, aber ohne böse Absicht, denn was auf den vielen aufgestellten Tischen gerade passiert, hat alle Besucher in den Bann gezogen.

Es ist eine Premiere an diesem Wochenende in Berlin: Bei der finalen Runde der Schach-Bundesliga tragen die Teams der Frauen- und der Männermannschaften an drei Spieltagen hintereinander die letzte Partien aus. Für die Zuschauer bedeutete das 100 Spiele am Tag.

Eine Personalie toppt an diesen Tagen alles

Wie eine Karawane schlängeln sich die Schachfans durch den großen Saal. Nicht nur die Entscheidungen über Meisterschaft und Abstieg locken sie an, sondern auch die Stars der Sportart. Die Schach-Bundesliga betitelt sich selbst als stärkste Liga der Welt und lässt ehemalige Weltmeister, Olympiasieger und Top-Ten-Weltranglisten-Spieler gegeneinander antreten. Eine Personalie toppt an diesen Tagen aber alles – der 13. Schachweltmeister Anatoly Karpow spielt für die Schachvereinigung Hockenheim 1930.

Als epische Duelle werden seine Auseinandersetzungen mit seinem Landsmann Garri Kasparow bezeichnet; sie machten beide zwischen 1984 und 1990 zu Legenden. Wie die Fangemeinde Karpow verehrt, zeigt sich während seiner Autogrammstunde: Blitzlichtgewitter und Schlangenbildung. Einige Fans stellen sich vier Mal an, um den Schachgroßmeister Fotos, Bücher, Zeitschriften und Schachbretter signieren zu lassen.

Die Besucher der Endrunde konnten 100 Spiele am Tag verfolgen.
Die Besucher der Endrunde konnten 100 Spiele am Tag verfolgen. | Bild: rbb/ Friedrich Roessler

Vizemeister mit Karpow

"Karpow hat ja schon zum Auftakt gegen Hamburg gespielt und gewonnen. Da lässt er sich es natürlich nicht nehmen, auch bei der Endrunde noch einmal anzutreten", erklärt Dieter Auer, Ehrenvorsitzender der SV Hockenheim. Vor über 20 Jahren hat Karpow während des Badischen Schachkongresses in Hockenheim vor fast 600 Zuschauern gespielt und war von dieser Kulisse so beeindruckt, dass er die Ehrenmitgliedschaft angenahm.

Für Karpow zählte damals die gute Schach-Infrastruktur in Hockenheim und noch ein weiterer Umstand: "Es war eine schöne Idee, mal wieder fast von ganz unten zu beginnen." Hockenheim spielt erst seit fünf Jahren in der Ersten Bundesliga Schach. Während der Endrunde am Wochenende schafft es der nordbadische Schachverein auf den zweiten Platz. Vizemeister mit Karpow, das klingt schon toll.

Gerade bei Kindern ist die Sportart stark im Kommen

Im Berliner Derby am ersten Spieltag der Endrunde bezwingen dann die Schachfreunde Berlin aus Tempelhof-Schöneberg den Schachklub König Tegel. Die Nordberliner stehen am Ende der Saison als Absteiger fest. Rainer Polzin, zweiter Vorsitzender der Schachfreunde, hätte zwar weiterhin gern zwei Vereine aus der Hauptstadt in der Bundesliga gesehen, aber beim Derby steht er klar auf der Seite der Schachfreunde. Die haben schließlich die finale Runde in Berlin organisiert und dabei auf Unterstützung vom Senat bauen können. "Es gibt die finale Endrunde, Blitzschachtuniere, man kann selbst spielen oder einem Live-Kommentar von Großmeister Klaus Bischoff zuhören", sagt Polzin. "Da ist für jeden etwas dabei."

Den Grund für die Begeisterung für Schach vermutet Polzin in der Schnelllebigkeit der Gesellschaft. "Schach steht für Langsamkeit und ist deswegen gerade sehr im Kommen." Zwar stehe das Denk- und Strategiespiel nicht gerade bei Jugendlichen, dafür aber bei Kindergarten- und Grundschulkindern hoch im Kurs. In Berlin merke man das nicht so, in Magdeburg, Hamburg oder anderen Städten dafür umso mehr. Dort bestehe oft die Hälfte der vielen hundert Mitglieder aus Kindern. Schachkommentator Bischoff bestätigt diesen Eindruck und berichtet von einer Schachveranstaltung dieses Jahr in Baden-Baden: "Da waren 1.200 Teilnehmer und ein Haufen Junge dabei. Schach boomt. Und das soll es auch."

Der Serienmeister kommt aus Baden-Württemberg

Baden-Baden fungiert in Deutschland als Schachzentrum und spielt in der Schach-Bundesliga den Primus. Zwar existieren mit Werder Bremen und Bayern München zwei Schachvereine, die auch in anderen Sportbereichen professionelle Strukturen aufweisen – der Serienmeister im Schach kommt aber nicht aus Bayern, sondern aus Baden-Württemberg. Mannschaftsführer Sven Noppes formuliert den dort herrschenden Anspruch: "Wir haben in den letzten elf Jahren zehn Mal gewonnen, letztes Jahr hat uns die SG Solingen den Titel weggenommen, und jetzt holen wir ihn uns hoffentlich in Berlin zurück.“

Die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden 1922 leistet sich ein Saison-Magazin in Hochglanz, hat mehrere Sponsoren hinter sich versammelt und stellt in der Bundesliga eine Weltauswahl. Zur Saisoneröffnung präsentierte Mannschaftsführer Noppes zum Beispiel mit Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave die damalige Nummer zwei und drei der Welt, den mehrfachen Weltmeister Viswanathan Anand oder den mehrfachen russischen Einzelmeister Peter Svider.  "Wir haben ein festgelegtes Budget von Jahr zu Jahr, und mit allen schachlichen Themen, die nicht nur die Bundesliga betreffen, liegen wir deutlich im sechsstelligen Bereich, vielleicht schon mehr als mittelsechsstellig", verrät Noppes.

Zwei Spieltage vor Saisonende steht der neue Meister fest

Ähnlich wie im Fußball versuchen die deutschen Bundesligavereine, die besten Schachspieler der Welt für eine Saison zu verpflichten. Die Weltstars treten allerdings nicht bei jedem Spiel an, denn Qualifikationen für eine nationale Meisterschaft oder eine Weltmeisterschaft lassen die Bundesliga schon Mal in den Hintergrund treten. Trotzdem tummelt sich die Schach-Welt-Elite in Deutschland.

Baden-Baden holt sich in Berlin schon zwei Spieltage vor dem Saisonende die Meisterschaft zurück und muss bei den Frauen nur dem Schachklub Schwäbisch Hall den Vortritt lassen. Für spontane Besucher des Schach-Großereignisses bleibt die Erkenntnis, dass Schach längst aus seiner staubigen Ecke hervorgekommen ist und nicht mehr nur von Mathe-Freaks und Außenseitern geliebt wird.

Da erscheint die groß angelegte finale Endrunde in Berlin gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen zu sein, um eine Boom-Sportart entsprechend zu präsentieren.

Beitrag von Friedrich Rößler

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