Ein Rollstuhlskater macht Tricks in einer Skatehalle (Quelle: Anna Spindelndreier)
Audio: Inforadio | 12.05.2017 | Frieder Rößler | Bild: Anna Spindelndreier

Rollstuhl-Skater in Berlin - "Was die da machen, war für mich unvorstellbar"

Rollstuhl-Skaten kommt gerade in den USA und Australien aus seiner Nische hervor. Das WCMX - Wheelchair Motocross - soll sich auch in Berlin etablieren. Ein Verein hat Profi David Lebuser für einen Kurs eingeladen, der am Wochenende startet. Von Frieder Rößler

Kim Wibbelt gerät ins Schwärmen. Immer wieder betont die 29-Jährige stolz, was ihr Verein "Drop In" sich als Ziel gesetzt hat: "Wir wollen einen geschützten Raum für Rollstuhl-Skater bieten, aus dem irgendwann eine richtige Szene in Berlin entstehen soll." Die passionierte Skateboarderin gibt selber Kurse für Anfänger, Erwachsene und Kinder ohne körperliche Einschränkungen und staunt jedes Mal, wenn sie die WCMXer, also die Rollstuhl-Skater, beobachtet. "Wenn ich mir das selber als Skateboard-Fahrerin anschaue, dann kriege ich einen Heiden-Bammel. Wenn ich sehe, was die Rollstuhlfahrer auf den Rampen alles machen, das war für mich vorher unvorstellbar."

Ein Rollstuhlskater macht Tricks in einer Skatehalle (Quelle: Anna Spindelndreier)
Sieht gefährlich aus - doch die Profis wissen, was sie tun. | Bild: Anna Spindelndreier

Einer von ihnen ist David Lebuser. In Frankfurt (Oder) geboren, lebt der 30-Jährige Rollstuhlskater heute in Dortmund und rollt als erster Profi durch Deutschlands Skateparks. Vor über acht Jahren verletzt sich Lebuser an der Wirbelsäule und ist seitdem querschnittsgelähmt. In der Reha verfolgt er damals im Krankenhaus die Paralympics und entdeckt Rollstuhlbasketball für sich. "Das hat mir gezeigt, dass man mit dem Rollstuhl sportlich sein kann", erinnert er sich.

"Wheelz" beeindruckte Lebuser mit Stunts im Rollstuhl

Kurz darauf stößt Lebuser im Internet auf den Namen Aaron "Wheelz" Fotheringham. Dessen akrobatische Rollstuhlstunts in Skateparks entzünden auch die Skate-Leidenschaft beim Deutschen. David Lebuser stellt sofort fest, dass für seinen Rollstuhl keine Grenzen existieren und erobert sofort den nächsten Skatepark. Natürlich fliegt der Skateneuling dauernd hin, aber er gibt nie auf.

Bei den diesjährigen Weltmeisterschaften verteidigt Lebuser seinen dritten Platz und hat sich in der internationalen Szene längst etabliert. "Ich bin damit top zufrieden und hoffe, dass ich mich gegen die jungen Talente so lange wie möglich halten kann". Denn WCMX scheint seine Nische zu verlassen und wächst, gerade in den USA und in Australien. In Deutschland trauen sich mittlerweile um die fünfzehn Profis auf die Rampen, darunter befindet sich auch Davids Freundin  Lisa Schmidt. Mit ihr produziert er den eigenen YouTube-Kanal "Sit and Skate" [youtube.com], füttert regelmäßig seinen Blog [lisa-and-david.net] und schrottet weiterhin Rollstühle, die mittlerweile Spezialanfertigungen sind.

Überwindung ist das größte Hindernis

Das größte Hindernis beim Rollstuhlskaten ist die Überwindung, auf eine Rampe zu fahren oder sich in einen Skatepark zu trauen. Denn wer auf den Rollstuhl als Fortbewegungsmittel angewiesen ist, kann ihn beim Skaten nicht einfach abstoßen und abspringen, wie es Skateboarder machen. "Wer eine Rampe hochfährt, muss die ja auch wieder runter. Da eignen sich ebenerdige Skateparks schon besser", erklärt Lebuser.

Ein gut gebauter Streetspot befindet sich in der Skatehalle Berlin in Friedrichshain. Dort trifft sich die Skateszene, lernen Anfänger und sogar die ganz Kleinen sicher mit dem Rollbrett zu fahren und irgendwann zu tricksen. Das Allerbeste an der Halle: Bei einem Anfängerkurs stören keine Profis, sodass niemandem sein Skate-Dilettantismus die Schamesröte ins Gesicht treibt. Zusammenstöße mit erfahrenen Skatern bleiben ebenso aus - ein geschützter Raum also für Anfänger so ein Kurs.

Das hat sich auch der junge Berliner Verein Drop In gedacht. Dieser versteht sich als Forum für interkulturelle und politische Bildung und hat sich sehr für Geflüchtete engagiert. Fast alle Vereinsmitglieder kommen aus der Skate-Szene, sodass sie neben Sprachkenntnissen und verschiedenen Sportangeboten natürlich auch ihre Skateskills vermitteln. "Eines unserer Vorstandsmitglieder, Linda Ritterhoff, ist Skateboard-Trainerin und Inklusionspädagogin und hatte schon immer die Idee, WCMX voran zu bringen", berichtet Kim Wibbelt.

Geschützer Ort für Rollstuhl-Skater soll entstehen

Jetzt sei der Verein endlich in der Lage mit David Lebuser und der Skatehalle Berlin einen Workshop anzubieten. "Wir möchten Rollstuhlfahrer dafür begeistern und hoffen, wenn es genügend Interesse gibt, jede Woche oder alle zwei Wochen einen festen Termin an einem geschützten Ort zu etablieren." Wenn das gelingt, dann könne die sich langsam entwickelnde Berliner Rollstuhlskateszene sich irgendwann auch so sicher fühlen, dass sie die Skatehalle Berlin verlässt und die Skateparks erobert.

"Wir wollen mit unserer Auftaktveranstaltung die Sportart nicht nur implementieren, sondern auch den Anstoß zur Bildung einer Community geben", erklärt Wibbelt weiter. Mit Profi David Lebuser sollte das auch gelingen, vorausgesetzt, es melden sich genügen Interessierte an. Wer sich spontan entscheidet, könnte auch beim Workshop am Sonntag ohne Anmeldung kommen, versichert Kim Wibbelt von Drop In. Für das deutsche WCMX-Urgestein Lebuser steht aber vor allem der Spaß im Vordergrund und noch etwas ganz entscheidendes: "Am Ende ist mir wichtig, dass alle sagen, ich habe heute was geschafft, was ich nicht gedacht hätte, dass ich das kann, oder was ich mir sonst nicht getraut hätte."

Beitrag von Frieder Rößler

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1 Kommentar

  1. 1.

    Das soll gesund sein?!?

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