Basketball Berlin 11.10.2017, Spieltag ALBA Berlin - Partizan Belgrad (Quelle: imago/Tilo Wiedensohler)
Bild: imago/Tilo Wiedensohler

Alba besiegt Partizan mit 118:85 - Technik, die begeistert

Alba Berlin hat Partizan Belgrad filetiert, 111:85 hieß es am Mittwoch. Der Sportreporter Dusan Selakovic hat im Basketball alles gesehen - aber der Eurocup-Sieg der Berliner ließ den Serben fassungslos zurück. Das lag weniger am Spiel. Von Sebastian Schneider

Das Ding über seinem Kopf wiegt so viel wie ein Einfamilienhaus. Es leuchtet und blinkt, aber die bunten Zahlen da oben stimmen nicht. Dusan Selakovic guckt auf den Spielstand, guckt, als habe ihm jemand gerade ein Auto ohne Lenkrad angedreht. "Kaputte Elektronik? In Berlin, in Deutschland? Das gibt es nicht!", ruft er. Wenn er das Thema BER jetzt nicht selber anspricht, muss man ihn ja nicht drauf stoßen.

Der serbische Sportreporter ist an diesem zugigen Mittwochabend nach Friedrichshain gereist, um seine Arbeit zu erledigen: Alba Berlin empfängt Partizan Belgrad zum Start der Eurocup-Saison. Die Satzbausteine liegen schon fertig abgepackt bereit: Rassiges Duell zweier Traditionsklubs, heißblütige Fans und was man halt so schreibt; aber nach fünf Minuten gibt einfach die Software der Anzeigetafel auf und heiß ist erstmal gar nix mehr. "Ich halte Euch auf dem Laufenden", sagt der Hallensprecher. Da führt Alba mit 14:10.

Dusan Selakovic, serbischer Sportreporter, beim Eurocup-Spiel Alba Berlin gegen Partizan Belgrad am 11.10.2017 in Berlin (Quelle: rbb|24 / Schneider).
Als die Sache gelaufen war, konnte der freundliche Dusan Selakovic schon wieder lächeln.Bild: rbb|24 / Schneider

Die Berliner dominieren von Beginn an

Kollege Selakovic soll für ein serbisches Sportmagazin schreiben, aber nun sitzt er unverrichteter Dinge an seinem Pressetisch und erzählt davon, wie sehr sein Volk den Basketball liebe, "in Deutschland aber ist Fußball Nummer eins, zwei und drei." 

Ein Partizan-Profi knabbert Fingernägel, der weißhaarige Trainer im zu großen Sakko schimpft vor sich hin. In der Ecke singen die geschätzt 50 Belgrader Fans. Ihr Spitzname ist "Totengräber". Der einzige, der sich einen der teuren Sitze unten an der Bande geleistet hat, knutscht wie irre mit seiner Freundin.

15 Minuten geht das so. Dann hat irgendjemand die Bundesliga-Software auf den Hallenrechner geladen und Team schwarz (Partizan) kann gegen Team blau (Alba) weitermachen. Das ist der Moment, an dem der Kalifornier Spencer Butterfield in Erscheinung tritt. Es ist sein 25. Geburtstag.

Die menschliche Mikrowelle

Der Shooting Guard ist im Sommer aus Frankreich nach Berlin gezogen, er hat eine auffällig schräg gewachsene Nase und einen Wurf wie eine Maschine. Wegen letzterem hat ihn Alba verpflichtet. Zu Beginn war er wochenlang verletzt, aber Butterfield ist das, was man im US-Basketball eine "Microwave" nennt. Er kann sofort heißlaufen.

Als die Schiris den Ball wieder freigeben, macht Butterfield sieben Punkte hintereinander, er trifft einen Dreier und zischt mit unwiderstehlichem Dampf zum Korb - Berlin führt jetzt mit neun, durchaus überraschend. Fast 8.050 Menschen gefällt das, abzüglich der Totengräber.

20-facher Meister, zig NBA-Spieler

Ihr Klub Partizan Belgrad hat einen prachtvollen Ruf, 20-mal wurde er jugoslawischer oder serbischer Meister, kein Verein brachte mehr NBA-Spieler aus dem kleinen Land hervor. Aber das ist lange her, mangels Geld und Erfolg schickt der Klub nun die jüngste Mannschaft des europäischen Wettbewerbs auf Tour. "Es blieb ihnen nichts anderes übrig", sagt Dusan Selakovic.

Das Konzept sieht so aus: Zwei Amis bringen den Ball und erledigen zusammen den Großteil der Punkte, sie passen so lala, aber dafür können die serbischen Jungs dann in ihrem Windschatten aushärten. Gegen Alba geht das fürchterlich schief. Die Berliner haben ja selbst noch nie eine jüngere Sportgruppe beschäftigt, als diese - aber ihr 70-jähriger Coach Aíto Garcia Reneses hat ihnen erstaunlich früh ein altkluges Teamwork eingeschärft.

Basketball Berlin 02.10.2017 easyCredit-BBL / 1. Bundesliga Saison 2017 / 2018 Hauptrunde 10. Spieltag Alba Berlin - Eisbären Bremerhaven Auszeit Aito Garcia Reneses (Alba Berlin, Trainer) Luke Sikma (Alba Berlin, No.43) Dennis Clifford (Alba Berlin, No.42) Akeem Vargas (Alba Berlin, No.11) (v.l.n.r.) (Quelle: imago / Tilo Wiedensohler).
Guckt hier etwas ungünstig, kann aber alles umsetzen, was sein Coach ihm aufträgt: Albas cleverer Forward Luke Sikma (links).Bild: imago sportfotodienst

Keiner hat Schiss

Am Mittwoch passen sie den Ball immer wieder über vier, fünf Stationen - und der letzte Adressat lässt ihn dann sauber und weich durchs Netz tropfen. Hinten rennen sie die Lücken dicht. Die 20-Jährigen Tim Schneider (acht Punkte) und Stefan Peno (15), der Geradebieger Luke Sikma, der so lange fehlende Butterfield - sie alle wirken gegen Belgrad ganz und gar im Reinen mit dem, was sie da zusammenbringen. Keiner hat Schiss. "Zum Start ist es gut, wenn die Spieler genießen, die Zuschauer genießen. Wir haben mit sehr guter Aggressivität gespielt", sagt Aíto später.

Partizan kann diesem Flow nichts entgegensetzen. Ein paar elegante Cuts und Dreier vielleicht, etwas serbische Härte, Ellenbogen hier, Block ins Kreuz da. "No Foul! No Foul", zetert der Trainer heiser von der Seitenlinie. Da hat sein Spieler gerade einen Gegner mit dem Parkett vertraut gemacht. Zur Pause führt Alba mit 57:39.

"Punkt, Assist, Rebound, alles!", klagt Selakovic am Pressetisch in ausgezeichnetem Deutsch, für das er sich später trotzdem entschuldigt. Er geht lange rauchen.

Basketball Berlin 11.10.2017 Eurocup Saison 2017 / 2018 Hauptrunde 01. Spieltag Alba Berlin - Partizan Belgrad Spencer Butterfield (Alba Berlin, No.21) (Quelle: imago / Tilo Wiedensohler).
Ein Wurf wie eine Maschine: Spencer Butterfield machte allein im letzten Viertel 16 Punkte. | Bild: imago sportfotodienst

Kettcar und ein Rudel Werwölfe

In der zweiten Hälfte leisten sich die Berliner ein paar Minuten Müßiggang, Partizan kommt durch seinen Topscorer Williams-Goss und den interessantesten Jungspund Marinkovic nochmal ein bisschen näher. Aber das ist nur so eine Phase.

Aíto wechselt durch, der überall herumwütende Luke Sikma (19 Punkte) grabscht sich Rebound um Rebound und trifft selbst dann, wenn er in der Luft umgewemst wird. Sein 17-jähriger Verteidiger schaut, als müsste er auf einem Kettcar vor einem Rudel Werwölfe fliehen. "Sikma kluger Spieler. Sikma sieht alles", sagt Selakovic.

Die meiste Zeit stützt er sein Kinn jetzt auf seine linke Hand und spielt mit seinem Handy herum. Wenn es vorne mal wieder scheppert, schüttelt er nur leicht den Kopf. Sieben Minuten vor dem Ende rollen die Partizan-Fans ihre serbische Fahne ein.

Ihre Idole haben aufgegeben, einer steht mit dem Fuß im Aus, ein anderer trifft nicht mal den Ring. Die Berliner spielen jetzt wie Streetball-Zocker, bei denen zum ersten Mal das Mädchen zuschaut, das sie zum Abschlussball ausführen wollen. Mit dem Unterschied, dass sie alles reinhauen.

"So sieht dit aus! Jawoll!"

Die Mikrowelle Butterfield zum Beispiel klaut noch ein paar Mal den Ball und feuert ihn sofort durch den Ring - am Ende hat der Mann 24 Punkte beisammen, mehr als jeder andere - der Fanblock singt ihm ein Geburtstagsständchen. Alba gewinnt schließlich mit 111:85.

"Das ist nicht das Gesicht von Partizan. Wir werden Zeit brauchen", sagt Dusan Selakovic mit einer Gemütsruhe, die sich aus der Erfahrung von fünf Europameisterschaften speist. Eine Armlänge hinter ihm schreit ein älterer Mann seinem Sohn ins Ohr: "So sieht dit aus! Jawoll!"

Morgen früh muss Selakovic mit dem Zug wieder die Stadt Richtung Süden verlassen. Bevor er geht, hat er noch eine Frage: Was sei eigentlich aus diesem Flughafen geworden?

Sendung: Inforadio, 11.10.2017, 22.40 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich war selber im Online-Sportressort eines ÖR-Senders tätig und habe haufenweise Spielberichte geschrieben. Aber hier muss ich doch mal einen Kommentar loswerden.
    Was für ein geiler Text!

  2. 2.

    Lieber Michael,

    vielen Dank, es freut mich wirklich, dass Ihnen der Text gefallen hat.

    Einen schönen Tag und alles Gute,

    Sebastian Schneider

  3. 1.

    Werter Herr Schneider,

    ich habe selten so einen lustigen und doch informellen Spielbericht gelesen.
    Glückwunsch. Da macht Basketball noch mehr Freude.

    Michael

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