Basketball Berlin 05.12.2017 Eurocup Saison 2017 / 2018 Hauptrunde 07. Spieltag Alba Berlin - Lokomotiv Kuban Krasnodar Peyton Siva (Alba Berlin, No.03) verletzt (Quelle:imago / Tilo Wiedensohler):
Bild: imago / Tilo Wiedensohler

Alba verliert im Eurocup gegen Lokomotiv - Liegen lernen

Auch sein Team aus Krasnodar hat schnell verstanden, worum es Sasa Obradovic geht: Gewinnen um jeden Preis - und dafür in der Verteidigung schön hinlangen. Am Dienstag musste das auch Alba erfahren, mit 89:84 verloren die Berliner gegen ihren ehemaligen Coach. Der zeigte sich bei seiner Rückkehr gerührt von den Fans. Von Sebastian Schneider

Da steht er nun und alles wirkt wie immer. Die Hände hat er in die Hüften gestemmt, die Beine leicht angewinkelt. Die Spieler machen sich warm, aber sein Blick wandert ziellos in der Halle umher. Oft guckt er Richtung Decke, aber da ist nichts, war nie irgendwas. Sein Maßanzug sitzt wieder tadellos, nur die Krawattenfarbe ist eine andere: Sasa Obradovic trägt nicht mehr dunkelblau, sondern blutrot. Er ist zurück in Berlin.

Seine Wohnung hier hat er behalten, seinen Job nicht. Nach vier Jahren bei Alba trainiert der Serbe nun den russischen Klub Lokomotiv Kuban Krasnodar, kurz "Loko". Am Dienstag ist er mit seinem neuen Team zum Vorrunden-Rückspiel gegen sein altes an die Spree gereist. Loko hat mit 89:84 gewonnen und führt die Eurocup-Gruppe C weiter an, Alba bleibt zweiter.

Sasa Obradovic, ehemaliger Coach von Alba Berlin und jetziger Coach von Lokomotiv Kuban Krasnodar, bedankt sich bei seiner Rückkehr mit seinem neuen Klub zum Eurocup-Spiel am 05.12.17 in Berlin für den Applaus der Alba-Fans (Quelle: imago / Tilo Wiedensohler).
Bevor das Spiel begann, genoss Sasa Obradovic den Jubel der Berliner Fans. | Bild: imago / Tilo Wiedensohler

"Sie haben mich nicht vergessen"

Sportlich hat das Spiel gegen die Berliner überschaubaren Wert für Obradovic. Emotional aber packt es ihn sichtlich, als die Berliner Fans ihn vor dem Tip-Off begrüßen, gut 8.000 sind gekommen. Sie klatschen und jubeln, manche stehen dabei auf. "Sie haben mich nicht vergessen und mir ein warmes Willkommen bereitet. Ich bin dafür sehr dankbar", sagt Obradovic später. Jetzt lächelt er, streicht sich verlegen mit der rechten Hand über die Glatze. Dann steckt er sie wieder in die Hosentasche und gleitet in seinen Tunnel. "Wer Sasa kennt, der weiß, dass er nicht herkommt, um irgendetwas abzuliefern", sagt Marco Baldi, Obradovics früherer Chef.

Für diese Eigenart hat der nicht eben darbende russische Spitzenklub den 48-Jährigen ans schwarze Meer geholt: Gewinnen will jeder Trainer, aber Obradovic will es so viel mehr als die meisten. Das war in Berlin am Anfang Segen und am Ende Fluch. Der ehemalige Weltklasse-Point-Guard triezte seine Spieler so hart, dass viele besser wurden, als man es ihnen je zugetraut hätte. Nach vier Jahren aber hinterließ seine Arbeitsweise nichts als Erschöpfung. Man trennte sich im Guten.  

Am Dienstag sieht man von Beginn an, dass Obradovic auch seine neue Mannschaft bereits wirkungsvoll gedrillt hat: Die Spielzüge sind teilweise die gleichen, wie damals in Berlin. Die Männer in den weißen Trikots stellen kraftvolle Blocks, schieben ihre Gegner manchmal herum, wie diese Schachfiguren im Park. Loko überpowert Alba in den ersten Minuten.

Saisonziel: Bitteschön den Eurocup

In Krasnodar soll Obradovic bitteschön den Eurocup klarmachen, es unbedingt in die Euroleague schaffen - man sieht sich in der Elite des europäischen Basketballs, nicht eine Stufe drunter. Dafür durfte er Spieler holen, mit deren Gehalt er in Berlin die halbe Bagage hätte sattkriegen können. Er hat schlaue, gnadenlose Einpeitscher wie den Guard Mardy Collins, federnde Athleten wie den langen Frank Elegar, unauffällig lauernde Schützen wie den Australier Ryan Broekhoff. Und alle verteidigen sie, als wäre der Teufel hinter ihnen her. 

Aber der wartet ja nur an der Bande, nuckelt ab und zu an seiner Mineralwasserflasche, tigert mit vorgebeugtem Kopf und Blick Richtung Schuhspitzen auf und ab. Es entspinnt sich ein wildes Geraufe unter Beteiligung eines Basketballs. Hinten nehmen die Lokos Albas große Adressaten Dennis Clifford und Luke Sikma in den Schwitzkasten, vorne werden diese dann von ihren Helferlein gerächt. Peyton Siva, Spencer Butterfield und Marius Grigonis ledern ihre Würfe rein - Berlin führt mit 19:13. Obradovic wirkt völlig gefasst. Ab und zu klatscht er sogar einen Spieler ab, den er gerade ausgewechselt hat. Was ist nur mit ihm geschehen?

Neun Ballverluste bis Mitte des zweiten Viertels

Es dauert nur wenige Minuten und die Zuschauer in der Arena am Ostbahnhof verstehen, worauf Obradovics Zuversicht gründet: Alba wirft wieder und wieder den Ball weg, mal ist es Siva, mal Grigonis, Mitte des zweiten Viertel beziffert sich der Schlamassel auf neun Turnover. Das kann nicht funktionieren.

Krasnodar hat am Anfang von draußen alles verbockt, aber jetzt fallen die Dinger. Der Russe Pavel Antipov, 2,02 Meter und eisblaue Augen, trifft aus der Mitte. Ryan Broekhoff macht es sich in der Ecke gemütlich und erledigt seinen Gegenspieler von dort. Auf dem Rückweg in die Verteidigung sieht er mit seiner Surfermatte und dem Bartflaum aus wie ein Lehramtssstudent, der nebenbei Bambinis trainiert. Am Ende dieses Spiels wird Broekhoff mit 20 Punkten und fünf von sechs Dreiern der auffälligste Mann gewesen sein. Siva und Butterfield antworten für Alba immer wieder, für die Zuschauer ist dieser Shootout schön anzusehen, aber die Berliner lassen dabei viel Kraft. Zur Halbzeit führt Loko mit 47:42.

Wütend auf den Gegner, die Schiris und sich selbst

Obradovic kann nach Herzenslust wechseln, was er ausgiebig tut, denn er hat viele teure Ersatzspieler. Bei Alba darf nichts mehr schiefgehen: Die Großen haben schon je drei Fouls, Sikma findet nicht in diese Partie, Grigonis überkommt immer wieder der Zorn, auf die Schiris, seinen Gegner, sich selbst.

Aber dann geht eben doch was schief: Der wuselige Peyton Siva, wie so oft inmitten gegnerischer Ellenbogen, Knien und Handkanten anzutreffen, wird niedergestreckt - versehentlich, von seinem eigenen Kollegen Grigonis. Auf Sivas Kopf schwillt nun eine Beule an, mit einem Eisbeutel wird er in die Katakomben geführt. Sein Dienst ist beendet, der erst 19-jährige Bennet Hundt vertritt den Spielmacher respektabel. Aber die Band hat ihren Drummer verloren.

TOP16 ist geritzt

Obradovic lässt das Spiel breit machen, seine Getreuen verteilen sich so großzügig übers Feld, dass das kaum zu verteidigen ist. Entweder Loko ballert von draußen oder der Pass nach drinnen zersägt die gegnerische Zone. Dreier von Butterfield und dem Obradovic-Lieblingsschüler Akeem Vargas halten Alba im Spiel, auch der riesige Dennis Clifford (17 Punkte) wasserbüffelt immer weiter. Bis auf einen Punkt kommen die Berliner nochmal heran. Es könnte kippen - aber in den entscheidenden Augenblicken versemmeln sie ihre Korbleger, foulen überhastet, kommen nicht mehr an gegen Krasnodars flinke Passketten.

Am Ende verliert Alba mit fünf Punkten Differenz. Gegen die vielleicht ambitionierteste Mannschaft des ganzen Wettbewerbs ist das zu verschmerzen. Aus dem Baskenland erreicht die Berliner die frohe Kunde, dass Bilbao verloren hat - damit steht Albas Ritt in die Top16-Zwischenrunde endgültig fest.

Loko wird vom ersten Platz nicht mehr weichen müssen. "Favorit? Warum nicht? Dann nehme ich das eben", sagt Sasa Obradovic hinterher im Interview, angenehm ehrlich. Er beschließt seinen Arbeitstag in der Arena wie er es gewohnt ist: Schließt den oberen Knopf seines Sakkos, klatscht die Fans an der Bande ab und dreht seine Ehrenrunde.

Sendung: Inforadio, 05.12.2017,  22.20 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    warum so ein uncooles gezetere? russen mit eisblaue augen - auweia.

    das war gestern 1 richtig gutes bb-spiel.

    bitte 1 tick mehr sachlichkeit in die spielberichte packen

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