"Respekt, Toleranz und Fair Play!" Ismail Öner hält eine Ansprache vor dem Fußballturnier. (Quelle: rbb)
Video: ARD-Mittagsmagazin | 04.01.2018 | Dietmar Teige | Bild: rbb

Jugendprojekt "Mitternachtssport" in Spandau - Friede, Freude, Fußballzocken

Ein Jugendprojekt in Spandau zeigt, wie Integration gehen kann: Mit Ball am Fuß und umfangreicher Betreuung powern sich Jugendliche beim "Mitternachtssport" gemeinsam aus - und schließen sogar Freundschaften. Von Simon Wenzel

Um Punkt neun Uhr geht das Flutlicht an. In der Sporthalle am Falkenseer Damm in Spandau haben sich gut 50 Jugendliche versammelt, bereit zum Kicken - gegen den Kick. Denn es ist Freitagabend und statt in der Sporthalle zu spielen, würden einige dieser Jungs vielleicht durch ihren Kiez ziehen, "man baut Scheiße und so, wird auch mal kriminell", sagt der 14-jährige Abdullah.

Hier aber nicht, nicht beim "Mitternachtssport". So heißt das Spandauer Sozialprojekt von Ismail Öner. "Wir können die Jugendlichen hier auf eine Art erreichen, die Eltern oder Schulen nicht erreichen", sagt Öner. Und am Freitagabend heißt diese Art: Fußballturnier!

Immer sechs gegen sechs, bis tief in die Nacht wird hier gezockt. "Wenn man in die Halle geht, vergisst man alles, was draußen passiert. Es geht nur ums Gewinnen, und das macht Spaß", schwärmt Abdullah. Er ist "irgendwann mal" mit seinen Freunden hierher gekommen und hat sich dann eben "eingelebt" im Projekt.

Knipser: Wenn das Turnier beginnt zählen auch hier nur Tore! (Quelle: rbb)
Knipser: Wenn der Ball im Spiel ist, zählen auch hier nur Tore! | Bild: rbb

Mehr als ein Sportverein

Einleben, das ist genau das Konzept vom Verein Mitternachtssport. Das Programm beginnt weit vor der Nacht und besteht auch nicht nur aus Sport. Gründer Ismail Öner ist Sozialarbeiter und weiß, dass Sport viel kann, aber eben nicht alles. "Ich habe ne geile Idee kopiert und sie optimiert", sagt er zu seinem Projekt. 2007 hatte eine Gruppe von Jugendlichen, die Öner betreute, Konflikte mit der Polizei. Die Wohnsiedlung Heerstraße-Nord wurde damals zum kriminalitätsbelasteten Bereich erklärt. Da kam Öner die Idee zum Mitternachtssport. 

Jugendliche zum Fußballspielen zu bringen, um sie so von der Straße zu locken, ist tatsächlich keine Neuerfindung des pädagogischen Rades. In den Außenbezirken französischer Großstädte hat man es zum Beispiel mit neuen Bolzplätzen versucht. Was Ismail Öner aber optimiert hat, ist der Rahmen. "Nur der Ball alleine reicht nicht, das muss flankiert werden mit pädagogischer Arbeit", sagt Öner und hat deshalb das Jugendcafé in der Spandauer Altstadt aufgebaut. "Hier können wir das auffangen, was wir in der Sporthalle nicht mehr bedienen können."

Der "große Bruder" hilft bei den Schulaufgaben. (Quelle: rbb)
Der "große Bruder" hilft bei den Hausaufgaben. | Bild: rbb

Und das ist zum Beispiel Hausaufgabenhilfe: "Wir machen hier unsere Schulaufgaben, bauen Plakatreferate und lernen für Tests", berichtet Abdullah. Die Älteren kriegen auch Vorbereitungskurse für Bewerbungsgespräche, im Mittelpunkt steht die Praxisnähe. "Wir haben hier viele Biografien gehabt, auf die wir sehr stolz sind. Jugendliche, die wir in sehr gute Ausbildungen gebracht haben", sagt Ismail Öner.

Er will aber auch Werte vermitteln. "Respekt, Toleranz und Fair Play", sollen die Jugendlichen lernen. Gelbe Karten gibt es hier deshalb nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Café, das System kennt halt jeder. "Wenn man jemanden beleidigt, kriegt man Gelb, mit einer Roten Karte muss man dann leider raus", erklärt Abdullah grinsend.

Wenn sich Jugendgruppen befreunden

Rayk Pfeil ist seit 2011 beim Mitternachtssport - er ist eine Art Musterschüler von Ismail Öner. Der 21-Jährige hat seine Abiturarbeit über Sozialprojekte und deren Erfolg geschrieben. Er hilft jetzt als "großer Bruder", wie die Betreuer im Mitternachtssport heißen. "Das Besondere ist für mich, dass man es liebt. Man liebt es, hierher zu kommen und vertraut den Betreuern", sagt Rayk.

Rayk hätte das Abitur wahrscheinlich auch so geschafft, aber es geht nicht nur um Schulbildung. "In meiner Altersgruppe kennt in Spandau jeder jeden und da mag jeder jeden durch dieses Projekt", berichtet er. In seiner Jugend sei das noch ganz anders gewesen, da seien verfeindete Jugendgruppen ein Problem gewesen.

"Mit 14, 15 gab es schon viele Feindseligkeiten. Da hatte man teilweise auch Angst, wenn man am Rathaus auf die falsche Gruppe getroffen ist, oder wenn man alleine im Bus saß und einer kam, den man nicht kannte." Der Sport und Ismail Öner hätten die Jungs zusammengeschweißt, sagt Rayk. Jetzt will er selbst helfen, damit es bei der nächsten Generation auch funktioniert.

"Respekt, Toleranz und Fair Play!" Ismail Öner hält eine Ansprache vor dem Fußballturnier. (Quelle: rbb)
"Respekt, Toleranz und Fair Play" Öners Ansprache vor dem Kick. | Bild: rbb

Preise und weltmeisterliche Unterstützung

Seit seiner Abiturarbeit weiß Rayk, dass sich der Erfolg von Projekten wie dem Mitternachtssport nicht in harten Zahlen messen lässt. Niemand weiß am Ende, wieviele von den Jungs hier tatsächlich sonst kriminell werden würden, aber eine Hilfe ist das Projekt auf jeden Fall. Und das wird anerkannt: Prominente Fußballer wie Weltmeister Jerome Boateng, Gonzalo Castro oder Jordan Torunarigha unterstützen das Projekt, schauen auch gerne mal vorbei oder laden die Jungs auf ihr Vereinsgelände ein.

Und nicht nur die Paten sind hochdekoriert: Öner gewann mit dem Mitternachtssport schon 2013 den Bambi für Integration und spielt jetzt auch international in der ersten Liga mit: Im November gewann Mitternachtssport den EU Sport Award für Inklusionsprojekte. "Eine neue Dimension", nennt Ismail Öner die europäische Ehrung. Auch finanziell: 10.000 Euro bekam der Verein, längst sind aber auch Großkonzerne als Paten eingesprungen.

Rayk ist auch stolz auf die Preise, aber auf seine Art: "Wir als Gruppe haben diesen Preis geholt, das nimmt uns keiner mehr, das wird für immer bleiben", sagt er. Dann ist das Interview am Spielfeldrand vorbei. Das Turnier muss weitergehen, bis tief in die Nacht.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

Leni Wildgrube während ihrer Siegerehrung bei den Youth Olympics. Bild: imago/Beautiful Sports
imago/Beautiful Sports

Potsdamer Stabhochspringerin - Leni Wildgrube will hoch hinaus

Mit ihrem Sieg bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires hat sich Leni Wildgrube vom SC Potsdam einen Namen gemacht. Doch Zeit, ihren Erfolg zu genießen, hat die 17-Jährige nicht. Stattdessen bereitet sie sich für höhere Aufgaben vor.