Fans von Viktoria Berlin im Stadion Lichterfelde. (Quelle: imago/Björn Draws)
Bild: imago/Björn Draws

Regionalligist will sich neu ausrichten - Bei Viktoria Berlin soll es nun die Jugend richten

Die bisherige Saison: eine totale Enttäuschung. Statt Aufstieg in die Dritte Liga droht dem Traditionsverein Viktoria Berlin der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Leistungsträger verlassen den Verein. Das neue Motto lautet jetzt: zurück zu den Wurzeln. Von Uri Zahavi

Die harten Fakten dieser Saison lesen sich für den Traditionsverein FC Viktoria 1889 Berlin aus Lichterfelde-Tempelhof wie ein enttäuschendes Zwischenzeugnis in der Schule: In der Regionalliga Nordost rangiert man zwar auf dem sechsten Platz, also auf den ersten Blick im gesicherten oberen Tabellendrittel. Doch anstatt wie vor der Spielzeit anvisiert die Tabellenspitze und somit den Aufstieg anzugreifen, spielt man nun gegen den Abstieg. Nur fünf Zähler trennen die "Himmelblauen" von einem möglichen Relegationsplatz. Der Abstand zu Ligaprimus Energie Cottbus hingegen, beträgt uneinholbare 23 (!) Punkte. Das Thema Profifußballl ist schon länger vom Tisch.

Auch im Berliner Landespokal setzte es früh einen weiteren Tiefschlag. Für den Vorjahresfinalisten (1:3-Niederlage nach Verlängerung gegen den BFC Dynamo) war Anfang November bereits in der dritten Runde Schluss. Gegen Oberligist SV Lichtenberg 47 scheiterte man unglücklich im Elfmeterschießen - der Traum vom erneuten Finaleinzug geplatzt. Nach einer starken vergangenen Saison, an deren Ende der vierte Tabellenplatz stand, muss der Verein nun die Konsequenzen aus den schwachen Ergebnissen ziehen.

Karim Benyamina im Trikot von Viktoria Berlin. (Quelle: imago/Björn Draws)
Karim Benyamina stürmt jetzt für Tennis Borussia Berlin.Bild: imago/Björn Draws

Dreht der Präsident den Geldhahn zu?

Neuausrichtung ist das prägende Wort der letzten Wochen bei Viktoria Berlin. Der Slogan "Zukunft mit Jugend" soll den Weg vorgeben. Neuausrichtung, dieses Wort hat eine durchaus positive Konnotation. Doch betrachtet man die prekäre Situation des Vereins, wirkt das Wort eher wie ein Euphemismus. "Wir wollen jetzt neue Begeisterung entfachen und positive Signale senden", erklärt Sportdirektor Rocco Teichmann. Doch das fällt momentan gar nicht so leicht. Von außen macht es teilweise den Anschein, als würden die arrivierten Spieler fluchtartig das sinkende Schiff verlassen. So geschehen bei Erfolgsgarant und Torjäger Karim Benyamina, der eine Liga weiter runter wechselt und nun für Oberligist Tennis Borussia stürmen wird. Auf den erfolgreichsten Stürmer der jüngeren Vergangenheit (30 Tore in 62 Spielen) folgten mit beispielsweise Christian Skoda und Thomas Franke weitere wichtige Säulen.

Jüngst war zu lesen, der Präsident und gleichzeitig größte Sponsor Christoph Schulte-Kaubrügger würde sein finanzielles Engagement einschränken wollen. Er sei enttäuscht vom bisherigen Saisonverlauf und vermisse die Unterstützung des Umfelds, so die Erklärung. Allen Spielern, die Angebote anderer Vereine vorliegen hätten würde er empfehlen, diese anzunehmen. Harte Worte. "Wir haben die Neuausrichtung eingeleitet und werden dann sehen, was die Zeit bringt", relativiert Sportdirektor Teichmann und versichert im selben Atemzug, der Verein habe keinerlei Verbindlichkeiten. Und da war es wieder, dieses Wort - Neuausrichtung.

"Wir leben noch!"

Höchste Zeit sich also den Ideen hinter der Neuausrichtung zu widmen. "Wir wollen noch stärker auf die Jugend setzen", führt Teichmann an. Die Durchlässigkeit zwischen Jugend- und Herrenbereich soll höher, den begehrten Nachwuchskickern weiterhin eine attraktive Perspektive geboten werden. Viktoria, schon seit Jahren als einer der besten Ausbildungsvereine in Berlin bekannt, "muss zurück zur Basis finden", führt Teichmann weiter aus. "Dazu gehört nicht nur sich sportlich und wirtschaftlich zu stabilisieren, sondern vor allem die Vereinsidentifikation wieder zu erhöhen."

Ein Problem, das ist förmlich zu spüren, welches dem Sportdirektor nahe geht. "Wir haben auf gut Deutsch eine zu große Fresse gehabt und werden jetzt auch dazu stehen", bringt es Teichmann auf den Punkt. Damit meint er die große Diskrepanz zwischen sportlichem Anspruch und Realität. Die damit einhergehende Konsequenz: Der Verein spaltete sich intern immer mehr. "In so einem großen Verein ist es schwierig, alle Mitglieder unter einen Hut zu bekommen", führt Teichmann aus. Doch das müsse jetzt das Ziel sein. Neue Identifikation schaffen in einem Verein, der sowohl sportlich als auch finanziell am Scheideweg steht. Eine schwierige Aufgabe. "Ich habe manchmal das Gefühl, manche Medien denken, wir seien schon tot. Aber wir leben noch." Ob dieser Satz eine leere Durchhalteparole ist, wird die Zeit zeigen.

Rocco Teichmann ist seit 20 Monaten Sportdirektor bei Viktoria Berlin. (Quelle: imago/Björn Draws)
Rocco Teichmann ist seit 20 Monaten Sportdirektor bei Viktoria. | Bild: imago/Björn Draws

Professionelles Arbeiten unter professionellen Bedingungen

Zu den Turbulenzen der vergangenen Monate gesellt sich seit geraumer Zeit eine weitere Schwierigkeit: Die Zusammenarbeit zwischen den Bezirksämtern und dem Verein funktioniere überhaupt nicht. "Uns fehlt die Unterstützung und vor allem das Verständnis von Seiten der Politik. Das macht es fast unmöglich unseren Weg zu gehen", erklärt Teichmann. "Die Arbeitsbedingungen genügen nicht unseren Ansprüchen. So ist es für uns schwer konkurrenzfähig zu bleiben." In den Aussagen Teichmanns schwingt eine gewisse Ratlosigkeit mit. Über geografische Alternativen, zum Beispiel weiter südlich nach Brandenburg auszuwandern wurde zwar diskutiert, man sei den Varianten aber nicht bis zum Ende auf den Grund gegangen. Das Ziel müsse sein, professionelle Bedingungen zu schaffen und sich leistungsfähig weiterzuentwickeln. Junge Spieler, das betont Teichmann immer wieder, seien dabei der Grundbaustein der Neuausrichtung.

"Der Tunnel in dem wir uns befinden ist dunkel, aber wir haben die Glühbirne gefunden, damit es etwas heller wird", betont der Sportdirektor. 1.200 aktive Mitglieder zählt der Verein momentan. Sie alle sollen Teil der Neuausrichtung werden. Und da ist es wieder, dieses Wort.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Immer wieder faszinierend zu sehen, wie in der sich gerne selbst feiernden Hauptstadt die deutsche top Sportart Fußballvor sich hin dümpelt. Da kann der Fan nur neidisch nach London sehen. Was dort in der 1. und 2. Liga spielt macht sprachlos. Nun müssen in Berlin nicht gleich Londoner Verhältnisse her, zwei Vereine in der BL und ein bis zwei in der 2.BL sollten wohl machbar sein. Aber dieser Aktionismus in der Regionalliga und Oberliga - ein Geldgeber mit Flausen im Kopf , ein paar in die Jahre gekommene Ex-Profis - , was soll das? Victoria hat ja wenigstens noch ein paar Zuschauer mehr als z.B. der BAK , da ist es bei Altglienicke noch viel witziger, welche schon gleich mal in einem fremden Stadion unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen. Vielleicht denkt man ja in ambitionierten Vereinen irgendwann einmal anders, ansonsten ist und bleibt der Fußball ein einziger Großflughafen.

Das könnte Sie auch interessieren