David Lebuser ist so etwas wie der deutsche WCMX-Pionier
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Video: rbb|24 | 06.05.2018 | | Bild: rbb/Stephanie Baczyk

Rollstuhl-Skating - "Es gibt keine Grenzen"

360-Grad-Drehungen auf einem Rad und Rückwärtssalti – das ist alles auch im Rollstuhl möglich. Beim Wheelchair Motocross geht es darum, Grenzen auszutesten und Barrieren im Kopf zu überwinden. Von Stephanie Baczyk

Collin-Joe Kullat, sechs Jahre alt, ist aufgeregt. "Komm mal mit", fordert er und düst davon. Der Junge mit dem leuchtend blauen Helm auf dem Kopf strahlt. Klar, draußen scheint die Sonne. Und Collin ist gerade im "Dog Shit Spot"-Skatepark an der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain und tobt sich aus. "Aufpassen", ruft er und nimmt Schwung. Zack, Hügel geschafft. So weit, so normal. Das Besondere: Collin sitzt im Rollstuhl, bedingt durch eine Erbkrankheit. Und er skatet auch im Rollstuhl.

Der sechsjährige Collin-Joe Kullat beim Wheelchair Motocross in Berlin
Collin-Joe Kullat beim Wheelchair Motocross in Berlin. | Bild: rbb/Stephanie Baczyk

Frontflips, Backflips - alles ist möglich

"Wheelchair Motocross", kurz "WCMX", heißt die Sportart. Es geht darum, Grenzen auszutesten, die Balance zu halten, zu schauen: Was ist mit dem Rollstuhl möglich? "Der Sport bedeutet mir alles", sagt David Lebuser. "Ich habe gerade letztens einem Arzt gesagt: Bevor ich da meine Aktivität runterschraube, würde ich eher meinen Job aufgeben, auf der Straße leben und alles andere aufgeben." David Lebuser ist 31, seit einem Unfall vor zehn Jahren querschnittsgelähmt und so etwas wie ein WCMX-Pionier in Deutschland. Auch wenn er bei dem Begriff lachen muss.

"Ich habe in der Reha ein Rollstuhltraining bekommen", erzählt er. "Mir wurde also gezeigt, was mit dem Rollstuhl geht. Da war ich schon total erstaunt." Ein Kumpel zeigt ihm auf YouTube Videos vom Amerikaner Aaron Fotheringham. Zu sehen sind spektakuläre Stunts – im Rollstuhl. "Der Typ macht halt in Skateparks die megakrassen Sachen. Frontflips, Backflips, alles Mögliche. Und der hat mir gezeigt, dass es keine Grenzen gibt. Da hatte ich dann einfach Bock drauf, mich selber auszuprobieren."

2012 nimmt David Lebuser in den USA zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil, seit 2013 gibt er Workshops. "Die Reaktionen waren mega. Es war so voll, weil alle richtig Bock drauf hatten. Weil das was Neues war – und da haben wir gesagt: Geil, das machen wir jetzt öfter", erinnert er sich.

Das Alter spielt beim Wheelchair Motocross keine Rolle

An diesem Wochenende hat ihn der Verein "Drop In" nach Berlin und Potsdam eingeladen. Also fährt David Lebuser mit Helm, Knie- und Ellbogenschützern über das Skate-Areal und gibt Tipps. "Komm, das probieren wir mal", sagt er zu Collin und staunt über dessen Energie.

Das Alter spielt beim Wheelchair Motocross keine Rolle. David kennt einen 70-Jährigen, der regelmäßig die Workshops in Hamburg besucht. "Der sagt immer wieder: Ich habe da Bock drauf und freue mich, dass die ganzen Jugendlichen um mich 'rum noch mal zeigen, was alles geht", sagt er und muss schmunzeln. "Er macht jetzt nicht so die krassen Tricks, aber er ist einfach dabei und probiert sich aus."

Im August kommt die erste Deutsche Meisterschaft im Wheelchair Skating

Linda Ritterhof hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie organisiert für "Drop In" offene WCMX-Sessions, die alle zwei Wochen stattfinden. "Es ist total gemischt. Da sind Kids, die vier Jahre alt sind, aber auch 40-Jährige", erzählt sie. "Aber jetzt ist es auch wichtig, den Nachwuchs zu pushen." Eigentlich ist das Projekt in der Skatehalle an der Warschauer Straße zuhause, aber die wird aktuell umgebaut.

Bis Ende Juli sollen die Sessions deshalb draußen stattfinden, es gibt individuelle Termine. Dass die Sportart sich auch in Deutschland immer weiter entwickelt, davon zeigt sich David Lebuser überzeugt. Damals hatte er Mühe einen Skatepark zum Üben zu finden, jetzt kommen die Skatepark-Verantwortlichen auf ihn zu und wollen etwas ändern.

Im August wird in Hamburg die erste Deutsche Meisterschaft im Wheelchair Skating ausgerichtet. Ein Erfolg, auch für David Lebuser. Er wünscht sich mehr Verständnis für das, was er und die anderen Rollstuhlfahrer tun. "Da will ich einfach weitermachen, weil ich Vorbild sein kann. Weil ich anderen eine Perspektive geben kann. Anderen, die in meiner Situation nach einem Unfall sind, aber auch Kids, die einfach lernen müssen, damit klarzukommen", sagt er und lächelt. Dann greift er wieder nach seinem Helm.

Beitrag von Stephanie Baczyk

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