Union-Coach André Hofschneider steht verzweifelt auf dem Trainingsplatz. (Quelle: imago/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 15.05.2018 | Stephanie Baczyk | Bild: imago/Matthias Koch

Fußball | Saisonrückblick 1. FC Union - Eiserne Ernüchterung

Mit dem Traum von der Bundesliga startete der 1. FC Union in die Saison - und schaffte gerade mal den Klassenerhalt. Nach dem verkorksten Jahr hat jetzt der Umbruch begonnen - André Hofschneider ist nicht mehr Trainer, Manager Helmut Schulte entlassen. Von Stephanie Baczyk

Dirk Zingler holt tief Luft. "Heute ist ein Tag, der ist zum Kotzen", sagt der Präsident des 1. FC Union. "Grundsätzlich ist es nie schön, Personalentscheidungen zu treffen über Menschen, mit denen man jahrelang zusammenarbeitet." Und Zingler hat zu Beginn dieser Woche gleich drei treffen müssen: André Hofschneider ist nicht mehr Trainer der ersten Mannschaft, Sportdirektor Helmut Schulte mit sofortiger Wirkung seines Amtes entbunden und Lutz Munack nicht mehr für die Belange der Profifußballabteilung verantwortlich. Rums! In Berlin Köpenick haben die Aufräumarbeiten nach einer verkorksten Saison begonnen. Einer Spielzeit, in die man mit dem Ziel Bundesliga gestartet ist - und in der man am Ende mit Mühe und Not die Klasse gehalten hat.

"Trainerwechsel nicht aus heiterem Himmel"

Vor etwas mehr als einer Woche - am Sonntagabend gegen 17.30 Uhr, kurz nach dem Sieg über den VfL Bochum - da war das Gefühl der Erleichterung mit beiden Händen greifbar im Stadion an der Alten Försterei. Steven Skrzybski, mit 14 Treffern Unions Top-Stürmer, tingelte nach der Partie von Mikrofon zu Mikrofon - der Tenor immer gleich: "Die letzten Wochen waren nicht nur für die Fans sehr sehr hart, sondern auch für uns Spieler. Man macht sich ja doch Gedanken", sagte er, glücklich über den Moment des Erfolgs und die Tatsache, dass der kräftezehrende Abstiegskampf endlich vorbei war.

"Keiner behauptet, dass die letzten Wochen Spaß gemacht haben", beschreibt auch Zingler das Erlebte. In die Saison gestartet mit dem Traum von der Bundesliga, macht sich nach und nach Ernüchterung breit beim 1. FC Union. Die Mannschaft spielt unter ihren Erwartungen. Muss auf einmal um den Klassenerhalt zittern. "Da gibt es einige Aspekte, die man erörtern muss im Anschluss an die Saison", sagt beispielsweise Unions Michael Parensen. "Angefangen von den sehr hohen Erwartungen, die wir uns selbst gesetzt haben. Mit dem Kader, den wir zusammengestellt haben. Den Hoffnungen, die wir auch geschürt haben im Vorfeld. Eigentlich sind wir vieles schuldig geblieben."

Vom Aufstiegs- zum Abstiegskandidaten

Parensen ist der dienstälteste Profi im Team, seit 2009 im Kader der Eisernen. Unter Trainer Jens Keller kam er in der Hinrunde der Saison allerdings kaum zum Einsatz, war zwischenzeitlich auch noch angeschlagen. Dass die für manche überraschende Entlassung Kellers im Dezember zum Absturz des 1. FC Union geführt hat, sieht er so nicht. "Der Trainerwechsel ist natürlich nicht aus heiterem Himmel passiert", sagt der 31-Jährige. "Es gibt ja Gründe und es hätte sich abzeichnen können, weil die Ergebnisse und die Spielweise schon vorher nicht gestimmt haben. Deswegen würde ich jetzt nicht sagen, dass es schwarz und weiß ist - einmal Trainerwechsel, vorher gut und nachher schlecht."

Keller, in der Vorsaison noch als Erfolgscoach gefeiert, wird im Dezember 2017 nach einem enttäuschenden Spiel seiner Mannschaft beim VfL Bochum entlassen. Zu diesem Zeitpunkt belegt die Mannschaft den vierten Tabellenplatz in der Zweiten Liga, ist auf Tuchfühlung zu den Aufstiegsrängen. "Wir hatten zum zweiten Mal in dieser Saison eine Phase, in der wir keinen sportlichen Halt gefunden haben", begründet Lutz Munack, der damalige Geschäftsführer Sport des 1. FC Union, die Entscheidung - und präsentiert als Nachfolger von Keller einen alten Bekannten. André Hofschneider, einst langjähriger Union-Profi und Co-Trainer unter Uwe Neuhaus soll es richten.

Flachere Strukturen für den Erfolg

Unter ihm verlieren die Köpenicker die beiden verbleibenden Partien zuhause gegen Dynamo Dresden und beim FC Ingolstadt vor der Winterpause. "Es war einfach schwierig. Einer zu dem Zeitpunkt leicht verunsicherten Mannschaft die Grundlage zu nehmen - das, was man sich vorher lange Zeit erarbeitet hat. Was irgendwo auch tief drin war im Gefüge der Mannschaft. Das zu verändern, an einem Punkt, wo das Selbstvertrauen eh nicht so groß war - ich glaube, dass die Mannschaft dadurch noch mehr Vertrauen verloren hat", meint Michael Parensen. Union kriselt weiter. Stürzt in der Tabelle ab, findet sich auf einmal im Abstiegskampf wieder.

"Wir wissen, dass der Effekt, den wir erzielen wollten nicht eingetreten ist", sagt Präsident Dirk Zingler. "Wir wollten besser werden, sind aber schlechter geworden." 21 Punkte holen die Eisernen am Ende aus 18 Spielen unter Hofschneider. Unterm Strich zu wenig.

Die Konsequenz sind Veränderungen. "Wir haben die Struktur flacher gemacht", so Zingler. Helmut Schulte, der Leiter der Lizenzspielerabteilung, muss den Verein verlassen. Sportchef Lutz Munack wird sich künftig um den Bereich Nachwuchs-und Amateurfußball kümmern. Ab sofort gibt es den Posten Geschäftsführer Profifußball - der neue Mann auf dieser Position wurde am Dienstagmittag im Stadion an der Alten Försterei vorgestellt.

Daniel Mesenhöler verabschiedet sich von den Fans. (Quelle: imago/Matthias Koch)
Keeper Mesenhöler ist ein Wechselkandidat im Sommer. | Bild: imago/Matthias Koch

Der neue Cheftrainer muss erst gefunden werden

Eine seiner ersten Aufgaben: den neuen Cheftrainer zu verpflichten. "Sorgfalt geht dabei vor zeitlichen Dimensionen. Je eher er gefunden wird, desto eher kann er eingebunden werden", so Zingler. In den nächsten Tagen und Wochen entscheidet sich auch, mit welchen Spielern der neue Coach planen kann. Innenverteidiger Toni Leistner verlässt den Verein, andere Profis wie Daniel Mesenhöler oder Steven Skrzybski könnten es ihm gleichtun. "Wir werden immer versuchen, den bestmöglichen Kader zusammenzuhalten", betont Präsident Dirk Zingler. Er sei sich aber auch darüber bewusst, dass Steven Skrybszki ein Spieler sei, "der bei einem Wechsel nicht ersetzbar ist. Auch nicht von der Persönlichkeit her - als Figur im Verein".

Eines allerdings bleibt: die langfristige Zielsetzung des 1. FC Union, doch noch in die Bundesliga aufzusteigen. Zingler stellt in diesem Kontext klar, dass er es nicht schlimm finde, "in einer positiven Entwicklung mal einen halben Schritt zurück zu gehen. Am Ende glaube ich, dass die Saison ein guter Entwicklungsschritt für uns gewesen ist".

Die Achterbahnfahrt des 1. FC Union in Bildern

Sendung: rbb aktuell, 14.05.2018, 21.45 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

2 Kommentare

  1. 2.

    Union hat seine Ziele nicht erreicht, o.k. Aber Union hat eine positive Punkte- und Torbilanz, 3 Punkte fehlen zu Patz 4, Es ist ungerecht, jetzt alles in die Tonne zu treten. Die ganze Liga hat verrückt gespielt. Braunschweig ist abgestiegen ( mit einem Toptrainer, der nicht gefeuert wurde ). Mit Polter hätte Union vielleicht um Platz 3 mitspielen können. Und bei der Trainerentlassung haben vielleicht ganz andere Gründe eine Rolle gespielt als gesagt. Das wird der Präsident jetzt nicht mehr zugeben. Viel vielleicht, zugegeben, aber bitte Union - auf dem Teppich bleiben.

  2. 1.

    Aber der unfähige Vorstand, allen voran Herr Zingler, darf bleiben? Klasse Entscheidung! Dann sehen wir ja Union sicherlich und hoffentlich in Liga 3

Das könnte Sie auch interessieren

Kölner Polizei und Staatsanwaltschaft äußern sich zu den Fankrawallen (Quelle: dpa/Berg)
dpa

Nach Angriff auf Fanbus - Union Berlin kritisiert Kölner Polizei

Union Berlin hat nach den Ausschreitungen im Anschluss an das Auswärtsspiel beim 1. FC Köln die Polizei kritisiert. Diese hatte nach einem Angriff gewaltbereiter Kölner auf einen Union-Fanbus auch die Berliner Anhänger stundenlang festgehalten und gefilzt.