Der Präsident des 1. FC Union Berlin, Dirk Zingler. Quelle: dpa/Stache)
Audio: rbb | 16.05.2018 | Interview mit Dirk Zingler | Bild: dpa/Stache

Interview | Union-Präsident Dirk Zingler - "Wir haben keine mental starke Mannschaft"

Dirk Zingler ist seit 2004 Präsident des 1. FC Union. Er führte den Verein bis in die Zweite Liga. Das große Ziel Bundesliga wurde allerdings dieses Jahr verfehlt. Im Interview spricht Zingler über die Gründe für eine verkorkste Saison. Von Stephanie Baczyk

rbb|24: Dirk Zingler, mal Hand aufs Herz, wie froh sind Sie, dass diese Saison vorbei ist?

Dirk Zingler: Sehr froh – wie so viele im Verein – weil es eine sehr anstrengende Saison war. Bei uns kam dazu, dass wir uns selbst Ziele gesetzt hatten, die auch verkündet und uns dadurch selbst unter Druck gesetzt haben. Diese Saison war dazu geeignet, aufzusteigen, wir hatten keine großen Vereine aus der Bundesliga in der Liga – und dann entwickelte sich die Saison vollkommen anders. Sie war schon sehr anstrengend.

Was die Profimannschaft betrifft: Wie weit sind Sie denn mittlerweile mit der Analyse?

Naja, die Analyse begann im Grunde genommen vor der Entlassung von Jens Keller. Die basierte ja auch auf einer Analyse der gesamten Saison und der Entwicklung davor. Und als dann durch die Verpflichtung von André Hofschneider die Situation nicht besser wurde, sondern schlechter, haben wir uns selber hinterfragt: War das gut oder war das falsch? Wir wussten, dass die Saison in eine vollkommen andere Richtung läuft und sind dann relativ schnell zu der Erkenntnis gekommen, dass unsere Strukturen uns langsam machen. Also haben wir uns für eine neue Struktur entschieden, aus vier Ebenen drei gemacht und erhoffen uns so, wieder etwas klarer, schneller und erfolgreicher zu werden.

Der bisherige Lizenzkaderplaner Helmut Schulte verlässt den Verein und der Geschäftsführer Sport Lutz Munack wird sich künftig um die Amateur- und Nachwuchsarbeit kümmern. Wie schwer ist die Entscheidung gefallen, da etwas zu verändern?

Solche Entscheidungen fallen immer schwer, weil du über Menschen entscheidest, mit denen du jahrelang zusammen arbeitest. Die du schätzt, bei denen du siehst, dass sie sich engagieren. Die gute und schlechte Entscheidungen treffen – so wie ich auch. Das ist natürlich schwer gefallen, aber am Ende stellen wir die Interessen des Vereins immer in den Vordergrund. Da kann ich mich nur bei Lutz Munack bedanken, der den Gesamtsportbereich im Verein drei Jahre geführt hat. Wir haben sehr gute Zeiten erlebt – und er hat sich letztendlich dazu entschieden, die Strukturen noch mal zu verändern. Da gebührt ihm sehr viel Anerkennung.

Nun gibt es eine neu geschaffene, zusammengelegte Position: den Geschäftsführer Profifußball. Oliver Ruhnert, seit einem Jahr Chefscout beim 1. FC Union, wird die bekleiden. Was hat Sie dazu bewogen, ihn auf diese Position zu setzen?

Es war uns wichtig, dem Bereich Profifußball noch mehr Gewicht zu verleihen, die Abteilung auch direkt ans Präsidium berichten zu lassen, kurze Wege zu haben. Mit Oliver Ruhnert haben wir seit einem Jahr einen perfekt vernetzten Fußballfachmann im Verein, der Erfahrung im Zusammenstellen von Kadern und ein sehr gutes Auge bei der Beurteilung von Spielern hat.

Sie haben gesagt, auch Sie hinterfragen sich natürlich – gibt es denn etwas in dieser Saison, wo Sie sagen würden: Wenn ich noch mal die Wahl hätte, würde ich es anders machen?

Oh ja, da gibt es einen ganz konkreten Punkt. Zu der sportfachlichen Entscheidung, Jens Keller zu entlassen, dazu stehen wir. Kommunikativ war das eine Katastrophe im Dezember. Das lag auch an einer Aussage von mir, als ich von „außergewöhnlichen Gründen“ gesprochen habe. Das würde ich heute nicht mehr so tun, denn das hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir relativ lange keine Ruhe reinbekommen haben. Jeder hat spekuliert, diese Themen immer wieder hochgebracht. Das würde ich heute anders machen.

Aber zu der eigentlichen Entscheidung, Jens Keller zu entlassen und den Weg mit André Hofschneider zu gehen – dazu stehen Sie nach wie vor?

Natürlich. Es gab gute Gründe, Jens Keller zu entlassen. Aber am Ende hat die Entscheidung für den neuen Trainer nicht den Erfolg gebracht, den wir wollten. Wir sind nicht besser geworden, wir sind schlechter geworden – und somit war die Entscheidung keine richtige.

Es wird viel geredet, aber vom Verein aus heißt es immer, sportliche Gründe haben dazu geführt, dass Jens Keller gehen musste. Sind das die Gründe für das Aus gewesen?

Es hat ausschließlich sportliche Gründe gegeben.

Dann wurde André Hofschneider geholt, der beim 1. FC Union schon Spieler, Co- und auch Interimstrainer gewesen ist – trotzdem hat es unter ihm nicht so wirklich funktioniert. Haben Sie da Gründe?

Nicht zwei, drei Top-Gründe. Es sind viele Dinge zusammengekommen: der Wechsel, die kommunikative Begleitung, die dauerhaften Diskussionen und Vergleiche zwischen ihm und seinem Vorgänger. Dann kommen Verletzungen dazu, der Ausfall von Sebastian Polter hat André Hofschneider auch Optionen beraubt. Über Monate hatten wir drei, vier Punkte nach oben – und nach unten. Aber am Ende haben es andere geschafft, andere haben besser Fußball gespielt bei gleichen Bedingungen und deshalb sind die zu Recht aufgestiegen – und wir nicht.

Im Gespräch mit dem rbb hat sich Michael Parensen selbstkritisch und klar geäußert – auch zum Trainerwechsel im Dezember. Nach seinem Empfinden war die Mannschaft zu dem Zeitpunkt leicht angeschlagen und der Rest hat nicht dazu beigetragen das Selbstbewusstsein zu stärken. Teilen Sie diesen Eindruck?

Erstmal ist Michael Parensen einer der richtigen Spieler, die das beurteilen können. Ich teile, was er sagt. Diese mentale Situation, die wir im Dezember selbst erzeugt haben, ist dann noch mal verstärkt worden durch die Gesamtsituation in der Liga. Da hilft am Ende nur Erfolg, der trat nicht ein. Da brauchst du eine mental starke Mannschaft, die haben wir nicht. Wir haben nicht den Kader, der in der Lage ist über Mentalität Siege zu erzielen – sondern spielerisch. Als wir in den Abstiegskampf geraten sind, haben wir rechtzeitig die Kräfte gebündelt, klare Kante gezeigt und gesagt: Hört auf zu spinnen, wir spielen nicht mehr um den Aufstieg, sondern gegen den Abstieg. Das hat uns am Ende auf Platz acht gebracht, aber unterm Strich war die Saison enttäuschend.

Was für eine Art Trainer wünschen Sie sich als Präsident beim 1. FC Union?

Ich wünsche mir einen fleißigen Trainer, der zu hundert Prozent da ist, der die Menschen mit Offensivfußball unterhalten möchte. Und am Ende – lassen wir die ganze Folklore mal außen vor – wünsche ich mir einen erfolgreichen Trainer. (lacht)

Einen erfolgreichen Trainer, der dann im besten Fall mit einer erfolgreichen Mannschaft arbeiten kann. Sie haben gesagt, dass Steven Skrzybski, wenn er denn geht, nicht zu ersetzen ist – auch auf menschlicher Ebene nicht. Wie viel Hoffnung haben Sie, dass er dem 1. FC Union erhalten bleiben könnte?

Stevie ist nicht ersetzbar, er ist ein Mensch, der groß geworden ist im Verein. Der viel mehr ist als ein Stürmer. Ich kann mir für jede Ablöse der Welt einen neuen kaufen, aber keine andere Identifikationsfigur. Wir werden alle Kraft einsetzen, um ihn hier zu halten. Aber am Ende werde ich Stevie in jeder Entscheidung, die er trifft unterstützen. Ich akzeptiere, dass er Berufsfußballer ist. Wenn wir am Ende unterliegen, aber alles gegeben haben, dann akzeptiere ich das.

Beitrag von Stephanie Baczyk

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    seit 1968 verfolge ich die Höhen und Tiefen der Eisernen: Ich finde, es wird ganz einfach Zeit, endlich ins Oberhaus
    zu kommen. Ich wünsche dem Verein einen Trainer, der diesen Traum verwirklicht! Die vielen treuen Fans und auch langjährigen Sponsoren würden es mit Sicherheit danken!!!!

  2. 2.

    Ach Olaf, lass doch die Spekulationen sein. Es waren sportliche Gründe, die man seit der Vorsaison bereits beobachten konnte. Der Tabellenplatz hat da vielen den Blick vernebelt.
    Der sportliche Grund liegt in der Antwort auf den Wunschtrainer verborgen: Was für eine Art Trainer wünschen Sie sich als Präsident beim 1. FC Union?
    Ich wünsche mir einen fleißigen Trainer, der zu hundert Prozent da ist (!)
    Damit ist alles gesagt.

  3. 1.

    Ziitat "Es hat ausschließlich sportliche Gründe gegeben." zur Entlassung von J.Keller.
    Naja, wers glaubt......Herr Zingler, es ist an der Zeit Ihren Stuhl zu räumen.

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