Alba Berlins Trainer Aito Garcia Reneses bedankt sich beim Berliner Publikum für den Applaus, im Bundesligaspiel gegen die Frankfurt Skyliners am 27.04.18 (Quelle: imago / Tilo Wiedensohler).
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Interview mit Alba Berlins Trainer Aito - "Es ist sehr schwer, frei zu spielen"

Trotz der Final-Niederlage gegen München blicken die Basketballer von Alba Berlin auf eine tolle Saison zurück. Großen Anteil daran trägt Trainer Aito Garcia Reneses. Im Interview sagt der 71-Jährige, was von seiner ersten Spielzeit im Ausland bleibt - und was ihm wichtiger war, als Titel.

rbb|24: Señor Aito, wie geht es Ihnen?

Aito Garcia Reneses: Es geht mir gut, danke. Im Moment bin ich in Barcelona, aber ich werde auch noch einige Zeit in Alicante am Meer und in Madrid verbringen. Ich freue mich auf den Sommer.

Hatten Sie schon Gelegenheit, das Finale gegen Bayern zu reflektieren oder ist das alles noch zu nah?

Es mag Sie überraschen, aber ich bin kein Mensch, der lange zurückschaut. Was vergangen ist, ist vergangen, das Finale liegt hinter uns. Ich denke lieber schon wieder über die Zukunft nach.

Mit etwas Abstand betrachtet: Warum waren die Bayern am Ende zu stark?

Sie waren sehr gut und wir sind gegen sie an unsere Grenzen gestoßen. Aber diese Grenzen haben sich während der ganzen Saison verschoben und das ist für mich die entscheidende Erkenntnis. Unsere 100 Prozent wurden mehr und mehr, verstehen Sie?

Am Ende haben wir einen anderen Basketball gezeigt als zu Beginn und in der Mitte der Saison. Die meisten Spieler haben die beste Saison ihrer bisherigen Karriere gehabt, das zeigen auch die Statistiken. Die Frage ist, ob wir in Zukunft das gleiche Level oder vielleicht sogar ein höheres erreichen können. Es ist aber zu früh, das sagen zu können. Ich weiß noch nicht, welche Spieler ich zur Verfügung haben werde.

Wird es mit den Jahren leichter, eine Niederlage zu akzeptieren?

Ich hatte schon alle möglichen Situationen: Ich habe mit Teams gegen den Abstieg in die zweite Liga gekämpft, ich hatte Teams, mit denen wir Favoriten auf einen Titel waren. Ich war mit meinen Mannschaften sechs Mal im Final Four der Euroleague und wir haben nie gewonnen. Andersherum haben wir mit Barcelona neun Mal den Meistertitel geholt, obwohl davor fast immer Real Madrid Champion war.

Ich könnte mich jetzt fragen: Warum sind es statt neun nicht zehn oder elf Meisterschaften geworden? Aber so habe ich noch nie gedacht. Ich gebe alles, also bin ich danach zufrieden mit dem Erreichten, auch wenn ein Gegner stärker war.

Sie waren die ganze Saison sehr beherrscht auf der Trainerbank. Das hat sich auch im Finale nicht geändert. Wie haben Sie gelernt, auch dann ruhig zu bleiben, wenn der Druck am höchsten ist?

Druck hat man immer, manche zeigen ihn mehr nach außen, andere nicht. Das ist mein Weg, ich war immer so, seit Beginn meiner Karriere. Wenn Du 100 Prozent fokussiert bist, macht Dich das auf eine Art frei: Wenn Du gewinnst, schön, wenn nicht, auch ok. Du hast Dein Bestes gegeben.

Denk nicht zu viel nach, auch wenn ich verstehe, dass Leute von außen Erfolg vor allem über Siege definieren. Aber wenn man verliert, ist nicht alles schlecht, genauso wenig, wie nach einem Sieg alles gut ist.

Wie vermitteln Sie das Ihren Spielern?

Man sollte sich immer nur auf das nächste Detail konzentrieren: Jetzt muss ich so gut wie möglich Defense spielen, als nächstes so hart es geht zum Rebound, danach wieder angreifen. Erst am Ende dieser ganzen Kette steht das Ergebnis, vorher bringt es nichts, daran zu denken. Wenn sie lernen, das zu verinnerlichen, macht das die Spieler unabhängiger.

Lassen Sie uns zurück zum letzten Sommer gehen, als Sie nach Berlin kamen. Welchen Eindruck hatten Sie da von Ihrer neuen Mannschaft?

Ich kannte ein paar Spieler, Luke Sikma zum Beispiel oder Marius Grigonis. Aber gleichzeitig kannte ich sie nicht, denn man weiß nie, wie jemand in einer Gruppe reagiert. Alle waren sehr diszipliniert, aufmerksam. Ich wollte, dass sie sich verbessern, aber ich hatte nie konkrete Vorstellungen, wie viel sie bis zum Ende der Saison schaffen könnten. Ich wusste es einfach nicht.

Sie haben einen neuen Ansatz in den Klub gebracht. Andere Coaches wollen jedes Detail auf dem Feld kontrollieren, Sie geben Ihren Spielern mehr Freiheiten, selbst zu entscheiden. Wie haben die Ihre Ideen aufgenommen?

Am Anfang war das natürlich ungewohnt, aber so nach ein, zwei Monaten wollten die Spieler immer mehr wissen. Sie hatten gesehen, dass es funktionieren könnte, dass sie erfolgreich sein könnten. Als sie an diese Idee glaubten, wurde es einfacher.

Wissen Sie, es ist nicht leicht, frei zu spielen. In Wahrheit ist es sogar sehr schwer. Es benötigt ständiges Mitdenken, um zu erkennen, was man in einer Situation tun sollte. Es entlastet, sich an strikte Ansagen zu halten wie "Du läufst hier hin" oder "Du ziehst dort zum Korb".

Ohne diese Ansagen machen wir vielleicht mehr Fehler, aber ich denke, so sind wir näher am bestmöglichen Basketball. Meine Spieler haben das erkannt und darüber bin ich sehr glücklich.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie realisiert haben, dass Ihre Arbeit auch in Berlin funktioniert?

Den gab es jeden Tag (lacht). Die Art und Weise, wie sie in die Halle kamen, wie sie zugehört haben, wie hart sie versucht haben, es besser zu machen – das ist viel wichtiger, als in einem Spiel einen Korb mehr oder weniger zu machen. Es geht darum, jedes Training, jeden Moment des Spiels zu genießen. Wenn ich nur trainiere, um zu gewinnen, bin ich kein Trainer.

In Ihrer Freizeit sind Sie oft durch die Stadt spaziert und haben fotografiert, Gebäude aber besonders oft Vögel. Woher kommt dieses Interesse?

Es tat mir gut, um mich abzulenken, um nicht 24 Stunden am Tag mit Basketball beschäftigt zu sein. Ich ging also los und hielt Ausschau nach Dingen, die ich interessant fand. Am Anfang habe ich oft Häuser fotografiert, das ist leicht, ein statisches Motiv.

Vögel im richtigen Moment mit der Kamera zu erwischen ist viel schwerer, sie warten ja nicht auf dich. Das hat mich gereizt, ich wollte wissen, ob ich das hinkriege. Inzwischen macht es mir großen Spaß. Ich kenne ziemlich viele Vogelarten.

Gibt es einen in Berlin, den Sie aus Spanien nicht kannten?

Ja, ich habe einen fotografiert, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf spanisch heißt er "Mito", lassen Sie mich mal die Übersetzung in meinem Handy suchen. (Pause am Telefon). Ich muss es diktieren: "Schwanzmeise", heißt er auf Deutsch.

Auf was freuen Sie sich, wenn Sie zurück nach Berlin kommen?

Ich würde gerne eine gute, lange Vorbereitung machen. Das ist die Zeit, in der die Spieler am meisten lernen können. Später wird die Bedeutung des Gewinnens größer. Ich hoffe, wir haben unser Team dann größtenteils zusammen und keine Probleme mit den Abstellungen für Nationalmannschaften. 

Wird es nächste Saison leichter, weil einige Spieler Ihren Stil schon kennen und Sie nicht bei null anfangen müssen?

Auch die, die geblieben sind, müssen neue Dinge lernen. Wenn du von Level 45 auf Level 60 gestiegen bist, macht dich das vielleicht erstmal zufrieden. Aber um nochmal einen Sprung auf ein höheres Niveau zu schaffen, musst du ständig denken: Ich weiß nicht genug, ich muss mehr wissen. Das ist wirklich schwer.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb|24

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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