Regenbogenflagge am Spielfeldrand (Quelle: dpa)
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Audio: radio eins | 11.06.2018 | Bild: dpa

Homophobie im russischen Fußball - Sie rufen "Schwuchtel" - und niemanden interessiert's

Vor der Fußball-WM in Russland ist die Situation für homosexuelle Fans nicht einfach: Offen ihre Homosexualität im Stadion zu zeigen, ist undenkbar. Selbst "Schwuchtel"-Rufe interessieren die Offiziellen nicht. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Wenn Aleksandr Agapov mit seiner tiefen, ruhigen Stimme spricht, dann klingt er stets besonnen. Aber das, wovon er erzählt, ist alles andere als das: es geht um Diskriminierungen und Gewalt in seiner Heimat Russland. Agapov ist Fußball-Fan, schwul und Chef der "Russian LGBT Sport Federation", also des queeren Sportverbandes in Russland mit etwa 1.700 Mitgliedern. Er sagt: "Wenn Du nicht zeigst, dass Du schwul bist, ist es nicht so schlimm, ins Stadion zu gehen. Aber wenn Du offen schwul bist, ist es fast unmöglich."

Der Grund: die offene Homofeindlichkeit vieler russischer Fans. "Wenn die Fans den Schiedsrichter und seine Entscheidungen nicht mögen, rufen sie Schwuchtel", erzählt der 35-Jährige. "Aber die Offiziellen sagen dann: Das hat gar nichts mit Homofeindlichkeit zu tun, die Fans waren halt einfach sauer!" Es bleibt aber nicht immer nur bei beleidigenden Rufen: "Vor vielen Jahren hat mich ein Fußball-Fan zusammengeschlagen, weil ich schwul bin."
 

Symbolbild: Spiel Spartak gegen CSKA in Moskau am 29.10.2016. (Quelle: dpa/Ivan Sekretarev)
Ausschreitungen bei einem Spiel von Spartak gegen ZSKA | Bild: dpa/Ivan Sekretarev

DFB-Präsident Grindel ist gegen einen WM-Boykott

Dass die Homofeindlichkeit nicht nur unter Fußball-Anhängern, sondern in der gesamten russischen Bevölkerung so groß ist, liege auch an den russischen Medien: "Dort wird 24 Stunden am Tag fast nur negativ über Homosexuelle berichtet", berichtet Agapov. Es gebe lediglich zwei Ausnahmen: "Westliche Filme und der Eurovision Song Contest." Aber seit 2013 ist Homofeindlichkeit auch ganz offiziell Teil des russischen Staates: ein Gesetz verbietet seitdem sogenannte "Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen". Dadurch drohen Schwulen und Lesben, die sich in der Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität bekennen, Geld- und Haftstrafen.

Kein Wunder, dass angesichts dessen auch DFB-Präsident Reinhard Grindel sagt: "Unsere Spieler wissen ganz genau, dass das keine Weltmeisterschaft wie jede andere ist." Trotzdem ist er gegen einen Boykott der WM, der im Vorfeld mehrfach gefordert wurde: "Ein Boykott wäre nur dann zu erwägen, wenn es dafür von der internationalen Gemeinschaft eine Grundlage gibt, und das ist nicht ersichtlich." Er selbst halte einen Boykott auch nicht für richtig.
 

Kein Einschreiten der Polizei beim Schwenken der Regenbogenfahne?

Unterstützung bekommt er in diesem Punkt - für manche wohl unerwartet - von Aleksandr Agapov: "Ohne die ganzen Diskussionen im Vorfeld der WM hätten wir nicht so viel erreicht, wie wir jetzt erreicht haben." So hätten zum Beispiel der Menschenrechtskommissar von Moskau und der Anti-Diskriminierungs-Beauftragte des russischen Sportverbands einen Unterstützungs-Brief an den schwul-lesbischen Sportverband geschickt - zum ersten Mal überhaupt.

Aber Papier ist geduldig, und ob sich auch in der Praxis etwas ändern wird, ist fraglich. Zwar haben die russischen WM-Organisatoren in den letzten Wochen mehrfach versichert, die Polizei werde nicht einschreiten, wenn Fans im Stadion eine Regenbogenflagge schwenken wollen - trotz des Gesetzes gegen angebliche Homo-"Propaganda". Aber solche Versprechungen gab es schon vor den olympischen Winterspielen in Sotschi, und trotzdem wurden dort Proteste gegen Homofeindlichkeit unterdrückt und mehrere Menschen festgenommen, weil sie Regenbogenfahnen geschwenkt haben.

Fans vor dem Freundschaftsspiel zwischen Russland und Brasilien am 23.03.2018 im Luzhniki Stadion. (Quelle: dpa/Valery Sharifulin)
Bild: dpa/Valery Sharifulin

Der DFB macht eine Antidiskriminierungs-Kampagne

Brasilien rät Homosexuellen in einem Leitfaden dazu, während der WM "auf den Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit zu verzichten", da bereits das als "Propaganda" gewertet werden könnte. Und auch für die Zeit nach der WM ist Aleksandr Agapov nicht besonders optimistisch: "Es ist schon wahrscheinlicher, dass die Situation nach der WM wieder schlechter wird. Darum ist es uns wichtig, jetzt so viele Fortschritte zu machen wie möglich. Aber natürlich können wir die Gesetze nicht ändern."

Der DFB will es den Spielern der Nationalmannschaft selbst überlassen, ob und wenn ja, wie sie sich positionieren wollen. Und in Deutschland selbst läuft zurzeit eine große Antidiskriminierungs-Kampagne: Auf Plakaten steht in großen Lettern das Wort "Diskriminierung", aber außer das "nie" ist der Rest des Wortes durchgestrichen. Für den ehemaligen Fußball-Profi Hans Sarpei ist das jedoch eher etwas nach dem Motto: "Man tut etwas, weil man etwas tun muss, aber weiter passiert nichts." Wirklich nachhaltig sei eine solche Kampagne allein nicht.
 

Trainer schauen bei Diskriminierungen oft weg

DFB-Präsident Reinhard Grindel hält dagegen und verweist auf das weitere Engagement des DFB: "Wir haben jetzt in den Spielberichtsbögen von jedem unserer Spiele, die im DFB-Net erfasst werden, eine Rubrik: Ist es zu diskriminierenden Vorfällen gekommen oder nicht? Und die müssen Sie auch anklicken, sonst kommen sie nicht weiter."

Eine gut gemeinte, aber nicht unbedingt gut gemachte Maßnahme, so Kritiker: Denn wenn ein Schiedsrichter in den unteren Ligen anklickt, dass es Diskriminierungen gegeben habe, wisse er ganz genau, dass das für ihn zusätzliche Arbeit bedeute. Der Grund: Der Schiedsrichter muss beweisen, dass es diese Diskriminierungen wirklich gab - was angesichts von Vereinstrainern, die oft sagen würden, sie hätten nichts gehört und nichts gesehen, aufwändig sei. Es bleibt also noch genug zu tun gegen Diskriminierung und Homofeindlichkeit - in Deutschland genauso wie in Russland.
 

Sendung: Radioeins, 11.06.2018, 10.10 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Es ist doch immer wieder sehr befreiend, mit dem Finger auf andere zeigen zu dürfen. Das lenkt so schön von eigenen Missständen ab.

  2. 7.

    Kleine Korrektur. Corny Littmann war Vereinspräsident beim FC St. Pauli. Ein offen lebender Schwuler und ein super Typ.

  3. 6.

    Auch an Sie: in Russland werden Homosexuelle gleichgestellt mit Kinderschänder. Schon das ist ein Grund mehr, darauf zu verweisen. Offen Schwul zu sein in diesem Land bedeutet verfolgt und diskriminiert zu werden. Das dies bei der Fußball WM nicht halt macht ist ein Armutszeugnis und überhaupt nicht hinnehmbar. Hier bei uns gibt es das zwar auch noch, doch haben wir hier im Land ein Gesetz um dagegen deutlich vorzugehen. Viele Vereine arbeiten daran und das geht auch. Beispiel : der Hamburger Skt. Pauli Verein. Die hatten sogar einen Schwulen Manager Corny Littmann.

  4. 5.

    Das organisierte Verbrechen, hier FIFA, unterstütze ich nicht!

    Der brasilianischen Leitfaden zu Verhaltenshinweisen für Sportler*innen in Russland muss wohl wie eine bittere Realsatire wirken: "Wie verhalte ich mich unauffällig in einer Diktatur?" Nicht zu erwähnen, dass genau diese kritiklose Anbiederung und Ignoranz von Ungerechtigkeiten letztere gerade begünstigt und legitimiert.

    Aber Homofeindlichkeit gibt's ja in Deutschland zum Glück nicht im Fußball, musste ja auch nicht thematisiert werden, als die WM von uns und nicht von Russland gekauft wurde. Ach nee, Moment, Homo- und Transfeindlichkeit sind im Fußball genauso verbreitet wie Frauenfeindlichkeit und Rassismus sowie Antisemitismus. Ist das schön einfach, Projektionsflächen - andere Länder - zu haben, mittels derer man sich selbstentlasten kann.

    Wieso teilt man im Fußball eigentlich noch immer in Länder und in heterosexistische Teams ein? Fußball kann der Anlass, Völkerverständigung das Ergebnis sein.

  5. 4.

    Ich gehe noch weiter. Die Grundrechte werden dort mit Fäusten, Fußtritten und Killerkommandos ausgetragen. . Schwule sind in Russland grundsätzlich perse Kinderschänder. Oppositionelle Kritiker werden eingesperrt. Das alleine spricht schon gegen die Teilnahme für die Fußballweltmeisterschaft. Doch wo das alleinige Recht des Geldes und der Unvernunft spricht, ist bereits der logische kritische Sachverstand über die Politik Putins von vornherein ausgehebelt worden. Keinen Beitrag über diese Weltmeisterschaft schaue ich mir an. Shame on You Russland.

  6. 3.

    Jetzt so kurz vor dieser Veranstaltung wird es mal in den Medien berichtet? Das war bereits lange vorher bekannt und auch viele andere schlimme Dinge, die aber nur Randnotizen für viele sind, wie etwas das tausendfache Töten von Streunertieren an den Orten mit Veranstaltungsplätzen, Unterdrückung der Menschenrechte uvm.
    Internationale Weltspiele und Veranstaltungen sollten niemals in Ländern ausgetragen werden, die auch, wie zur letzten WM, Urwälder für Mannschaftshotels mit Trainingsplätzen vernichten.
    Diese Spiele werden immer schmutziger und geldgeiler, wie die Ausrichterländer, die Fifa, IOC und der DFB.
    Ich boykottiere seit Jahren solche Spiele und es ist gut so, da bleibt nämlich Zeit für viel schönere Dinge.

  7. 2.

    Entsetzlich so was. Und in so einem Land machen die ihre WM. Da werden die Völkerrechtsverbrechen der letzten Jahre ad acta gelegt, nur um ein paar spannende Stunden der Trivial Unterhaltung zu haben. So tickt die Durchschnittsbevölkerung.

  8. 1.

    Was will man in einem Land erwarten, in dem Grundrechte stark eingeschränkt sind? Mir ist es unverständlich, warum diese Veranstaltung nicht von den demokratischen Staaten boykottiert wird. Schon die Winterspiele in Sotschi waren eine Farce. Wenn Putin den WM-Pokal überreicht, wird mir übel angesichts dieser Propaganda-Show.

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