Ein Banner der Leichtathletik-EM 2018 neben der Berliner Gedächtniskirche (Bild: imago/Tilo Wiedensohler)
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Video: rbb|24 | 08.08.2018 | Tom Garus | Bild: imago sportfotodienst

Europäische Meile am Breitscheidplatz - Wo die großen Kerle werfen

Die Leichtathletik-Europameisterschaft ist die größte Sportveranstaltung in Deutschland in diesem Jahr. Nach der Fußball-Depression soll die Euphorie nun einen Monat später Berlin erreichen. Auch am Breitscheidplatz - mit Mitmachangeboten. Ein Vor-Ort-Sprint. Von John Hennig

Der Kubaner Abilio Suarez sprintet kraftvoll die blaue Tartanbahn entlang, die Schweizerin Saskia Gabathuler wirft elegant den Speer und Mourad Amdouni bekommt währenddessen sichtlich gerührt seine Goldmedaille um den Hals gehängt.

All das passiert nicht im oder beim Olympiastadion, sondern mitten in der Berliner City-West, am Breitscheidplatz. Während der Leichtathletik-Europameisterschaft soll hier eine, als Europäische Meile eingeführte Anlaufstelle für sportbegeisterte Berliner und Besucher entstehen. Und auch für die Athleten.

Sportlicher Familienausflug

Doch während Amdouni auch tatsächlich Profi ist - der Franzose gewann am Dienstag den Wettbewerb über 10.000 Meter - sind Suarez und Gabathuler ambitionierte Freizeit- und Nachwuchssportler. Sie gehören zu den zahlreichen, auffällig körperlich fitten Menschen, die bereits am Mittwochnachmittag über die Europäische Meile flanieren.

Die Familie Gabathuler ist aus der Schweiz angereist, Saskias Vater Roger ist Präsident des Leichtathletik-Verbandes im Kanton Graubünden. Die ganze Familie ist nun in Berlin und nutzt den sonnigen Tag für einen sportlichen Ausflug auf den Breitscheidplatz: "Wir haben die Abendsession gebucht und wollen jetzt noch ein bisschen Feeling schnuppern und Energie holen", erzählt Roger Gabathuler, "ich finde es gut, die Veranstaltung in die Stadt zu bringen, auch zu den Leuten, die sonst nicht ins Olympiastadion gehen würden."

90 Meter aus dem Stand

Ihr Hotel ist in unmittelbarer Nähe und auch das Pendeln sei mühelos möglich, erzählen beide in feinstem Schweizerdeutsch. "Ich war zunächst überrascht, aber fand das eine tolle Idee, dass man sich hier auch selber ausprobieren kann und nicht nur zusehen muss", pflichtet Tochter Saskia bei, die selbst Leichtathletin ist und schon den ein oder anderen Speer geworfen hat: 400 Gramm schwer und an die 40 Meter weit. Auf dem Breitscheidplatz zeigt die digitale Weitenmessung: 62 Meter. "Am Montag waren wir auch schon hier, da waren es sogar 64 Meter."

Kurz darauf tauchen am Speerwurfstand zwei auffällig starke Männer auf, weiße Shirts mit dem Aufschrift "Polska". Jeder von ihnen donnert ebenso mühelos wie trocken aus dem Stand den Speer in die Verankerung. Dann gehen die beiden muskulösen Hünen unberührt ihres Weges. Die Anzeige verharrt bei fast 90 Metern.

(Quelle: rbb|24)

Die meisten gehören schon zur Familie

Ein paar Meter weiter versuchen sich Menschen an den leichtathletischen Grundbewegungen: "Laufen. Springen. Werfen". Bei diesem Dreikampf soll Interesse für die Sportart geweckt werden. Die meisten, die bereits am Nachmittag hier sind, zählen aber bereits zur Leichtathletik-Familie.

So auch Stefanie Dauber: Am Abend zuvor ist sie noch stabhochgesprungen - im Olympiastadion. Die Ulmerin ist eine der drei deutschen Starterinnen gewesen, konnte sich aber nicht fürs Finale der besten zwölf Europäerinnen qualifizieren. Nun bewegt sie sich locker über den Breitscheidplatz: "Das Sprinten habe ich nicht durchgezogen. Als Sportlerin achtet man ja immer darauf, dass man sich ordentlich warm macht und nicht verletzt. Ich habe ja auch noch Wettkämpfe", erzählt sie. Aber eigentlich hatte sich Dauber mit ihrer Familie die Stadt angeschaut.

Zur nicht nur sprichwörtlichen Leichtathletik-Familie zählt auch Carola Berndorfer, Leichtathletik-Trainerin und Mutter von Daubers Freund, natürlich ebenfalls ein Leichtathlet: "Ich wusste, dass hier einiges aufgebaut ist, bei der WM 2009 war das ja noch vor dem Olympiastadion, aber so ist das schon schön", sagt Berndorfer. "Nur das mit der Siegerehrung ist ein bisschen schade, das läuft so ein bisschen im Hintergrund. Im Stadion wären sie wohl mehr zu erleben, aber dann eben nur für die Leute im Stadion."

Siegerehrungen vor der Gedächtniskirche

Hinter den Absperrungen, von außen nicht einsehbar, werden die 38 Siegerehrungen der Europameisterschaft vor einer Mini-Tribüne mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Hintergrund durchgeführt.

Und dort tauchen plötzlich auch wieder die beiden starken polnischen Männer auf. Wojciech Nowicki und Pawel Fajdek heißen sie. Und haben am Dienstag Gold und Silber im Hammerwurf der Männer gewonnen. Während die polnische Hymne den Breitscheidplatz beschallt, klebt ein Volunteer einen kleinen weißen Zettel an die Anlage, an der die beiden Polen kurz zuvor noch die Speere in die Wand gerammt haben: "Out of order."

Beitrag von John Hennig

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