Die Para-Leichtathletik-EM in Berlin - ein echter Fingerzeig. / Quelle: imago/beautiful sports
Video: rbb UM6 | 26.08.2018 | Torsten Michels | Bild: imago/beautiful sports

Momente der Para-Leichtathletik-EM in Berlin - Ein echter Fingerzeig

Sieben Tage Leichtathletik-EM der Para-Athleten in Berlin sind Geschichte. Eine erfolgreiche Zeit für das deutsche Team. Es gab spektakuläre Weltrekorde, bewegende Abschiede - und auch einen Wermutstropfen. Von Lisa Surkamp und Johannes Mohren 

Da wäre fast die Sprunggrube zu kurz gewesen: Markus Rehm, der Alles-Gewinner im Weitsprung bei Großereignissen seit 2011, machte es, wie Champions es eben machen. Im sechsten und damit letzten Versuch des spannenden Wettbewerbs sicherte er sich nicht nur Gold - er sprang auch Weltrekord. Seine Weite: 8,48 Meter, der Jubel: ein lautes Brüllen!

Es war für Rehm der vierte Para-EM-Titel in dieser Disziplin in Serie. Und der 30-Jährige - sicherlich einer, wenn nicht der Star des deutschen Behindertensports - nahm niemandem den Weltrekord weg. Es war sein eigener, den er vor heimischem Publikum verbesserte. Um genau einen (!) Zentimeter. Rehm wurde nach einem Wakeboard-Unfall 2003 ein Unterschenkel amputiert - er startet mit Prothese. Ein Kampf geht für ihn derweil weiter: Rehm will auch bei internationalen Meisterschaften der Nicht-Behinderten antreten.

Francés Herrmann und der Triumph mit ungeliebtem Gerät

Am Ende war es Silber. Und das mit dem Speer, einem Wurfgerät, das Francés Herrmann eigentlich gar nicht so wirklich mag. Zumindest nicht so sehr wie den Diskus, die Scheibe, die sie ihre Liebe nennt. Bei internationalen Wettkämpfen kann die Cottbuserin ihn jedoch seit einigen Jahren nicht mehr werfen. Der Grund: Ihre Startklasse wurde gestrichen. Sie stand 2009 vor der Entscheidung: aufhören oder Disziplin wechseln.

Der Wettbewerb in Berlin zeigte wieder einmal: Gut, dass sie sich durchgekämpft hat. 17,47 Meter weit warf die gehbehinderte Athletin den Speer im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, die in einem extra angefertigten Wurfstuhl sitzt. Eine neue Edelmetall-Farbe - zumindest in der Speer-Zeit: Bislang hatte Herrmann bei der WM 2015 und den Paralympics in Rio de Janeiro Bronze geholt. Hut ab, wer so eine starke Alternativ-Disziplin hat! Es war auch der Lohn für viel Training - vor der EM waren es für die 29-Jährige zwei Einheiten am Tag.

Popows letzter Sprung

Mit feuchten Augen und tränenerstickter Stimme endete für Heinrich Popow nicht nur der Weitsprung-Wettkampf, sondern auch eine herausragende Karriere. 18 Jahre hatte der Leverkusener seinen Sport geprägt. Der unterschenkelamputierte Popow hat seit 2016 den Weltrekord inne - mit seiner Saisonbestleistung von 6,24 Meter erkämpfte er sich zum Abschied die Silbermedaille.

Doch viel wichtiger war für den 35-Jährigen etwas Anderes: "Ich wäre nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn ich den Sport nicht gehabt hätte." Der zweimalige Paralympics-Sieger und die Leichtathletik: Das gehört einfach zusammen. Deshalb will sich Popow auch weiterhin seiner Leidenschaft widmen, vielleicht Teil des Verbandes werden. "Ich will noch ganz viel bewegen." Eine Ankündigung, über die sich der paralympische Sport nur freuen kann.

Silver-Lady Martina Willing

Silber war bei diesen Europameisterschaften ihre Farbe. Die Cottbuserin Martina Willing sammelte das glänzende Edelmetall für die zweitbeste Leistung gleich in drei Wurfdisziplinen ein. Diskus, Speer, Kugel - Die 58-Jährige legte in Berlin ihre ganze Erfahrung und Routine in die Waagschale.

Die dreimalige Paralympicssiegerin, die bei den Winterspielen in Lillehammer 1994 stürzte und seit einer anschließenden Operation querschnittsgelähmt ist, schrie ihre Freude am Sonntag in den Berliner Himmel hinaus. "Es war natürlich spitze", resümierte die ebenfalls blinde Athletin nach den Wettbewerben.

42 Medaillen - aber fast leere Ränge

Mehr Medaillen als Athleten gab es aus deutscher Sicht bei diesen Europameisterschaften. Die Bilanz von 42 Mal Edelmetall bei 39 Startern ist definitiv spitze. "Wir haben sehr gute Ergebnisse erzielt und die Athleten, die schon international erfolgreich waren, haben bewiesen, dass sie pünktlich zum Saisonhöhepunkt starke Leistungen liefern", freute sich Bundestrainer Willi Gernemann.

Nicht zufriedenstellend war dagegen die Resonanz der Zuschauer. An den sieben Wettkampftagen waren die Ränge des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark meist nur spärlich besetzt. "Der Jahn-Sportpark könnte ein Zentrum europäischer Para-Leichtathletik werden. Wäre nur schön, wenn die Berliner da auch mitgemacht hätten", klagte Friedhelm Julis Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Sendung: rbb UM6, 26.08.2018, 18 Uhr

Beitrag von Lisa Surkamp und Johannes Mohren

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