Die querschnittsgelähmte Radsport-Olympiasiegerin Kristina Vogel gibt gemeinsam mit ihren Ärzten eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. (Quelle: dpa/Annegret Hilse)
Video: rbb um4 | 12.09.2018 | 16 Uhr | Bild: dpa/Annegret Hilse

Bahnradfahrerin Kristina Vogel - "Ich muss einen großen Schutzengel gehabt haben"

Es war das erste Mal, dass sich Kristina Vogel der Öffentlichkeit stellte. Zweieinhalb Monate nach ihrem schweren Trainingssturz auf der Betonbahn in Cottbus sprach Bahnradfahrerin Kristina Vogel über ihre Querschnittlähmung, die Behandlung und Zukunftspläne.

Kristina Vogel wirkt gefasst, als sie sich der Öffentlichkeit stellt. Sie lacht, wirkt fröhlich und bewertet ihre neue Situation sachlich. Es sei ein Fakt, dass sie nie wieder laufen könne und sich nun mit dem Leben im Rollstuhl abfinden müsse. "Was soll ich mich bedauern? Es ist, wie es ist. Ich muss gefordert werden - und wenn man im Leben gefordert wird, kommt man weiter."

Sie sei ungeduldig gewesen, das hätten auch ihre Ärzte im Berliner Unfallklinikum in Marzahn lernen müssen. Bereits zwei Wochen nach ihrem schweren Unfall auf der Betonbahn des Cottbuser Radstadions, seit dem sie querschnittgelähmt ist, habe sie sich wieder bewegen wollen, erzählt Vogel am Mittwoch auf der Pressekonferenz in der Klinik. Ihr Arzt Dr. Andreas Niedecken wollte hingegen, dass sie acht Wochen Ruhe hat. "Ich habe aber um jede Woche gefeilscht", sagt Vogel.

"Mama mal Danke sagen"

Vogel gibt sich gewohnt kämpferisch, möchte sich neue Ziele setzen und auch anderen Menschen durch ihre Erfahrungen helfen. Trotzdem habe sie auch lernen müssen Emotionen zuzulassen, sagt sie. Als sie über ihre Freunde und Familie spricht, muss sie dann doch ein paar Tränen verdrücken. Ihr Freund - selbst ehemaliger Radsportler - habe die ersten Nächte nach dem Unfall an ihrem Bett verbracht. Mit ihrer Schwester habe sie lange Hörspiele gehört und sowieso sei sie nie alleine gewesen. Dafür ist Kristina Vogel dankbar. Auch von der Anteilnahme, die sie in den letzten Tagen aus aller Welt erreicht habe, zeigt Vogel sich beeindruckt. "Es ist blöd, dass man erst merkt, wie wichtig man der Welt ist, wenn man in einer solchen Situation ist".

Geduld - "Ich habe dieses Wort gehasst"

Die lange Zeit im Bett sei grausam gewesen, erklärte die 27-Jährige. Sie habe sich vom Physiotherapeuten schließlich heimlich Therabänder geben lassen. "Hätte ich noch zwei Tage länger im Bett gelegen, hätte ich randalieren müssen." In diesen harten Wochen mahnten die Ärzte sie immer wieder zu Geduld – "ich habe dieses Wort gehasst", sagt sie.

Mit Schwimmen fing dann die Rehatherapie für Vogel an. Das sei ein schöner Einstieg gewesen. Seit dieser Woche dürfe sie richtig Sport machen. Im Rollstuhltraining am Dienstag sei sie auch prompt gestürzt, erklärt die Erfurterin, weil sie so schnell loswollte. Beim Fahren über eine Kante habe das Timing nicht gestimmt, "ich bin kontrolliert auf den Popo gefallen". 

Am Wochenende darf Vogel dann erstmals wieder nach Hause in ihre Heimatstadt Erfurt und auch Weihnachten möchte sie möglichst eigenständig zu Hause verbringen. Ihre Ärzte zeigen sich optimistisch. Als Sportlerin habe Vogel beste Chancen, zwölf Wochen nach dem Unfall sei Kristina Vogel längst weiter als Menschen mit vergleichbar Verletzungen, sagt Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Unfallklinikums. 

"Eine Wirbelsäule sollte nicht so stehen"

Vogels Verletzungen waren schwer. Neben der Wirbelsäulenverletzung mit dem durchtrennten Rückenmark waren ein Halswirbel sowie das Brustbein und auch Rippen gebrochen, erklärten Vogels Ärzte. Mehrere große Operationen musste Kristina Vogel überstehen. Sie selbst, sagt sie, sei der Meinung, sie habe noch Glück gehabt. "Als ich die Bilder meiner Wirbelsäulenverletzung gesehen habe, musste ich kurz durchatmen. Ich hatte verdammtes Glück, eine Wirbelsäule sollte nicht so stehen." Sie hätte auch vom Hals abwärts gelähmt sein können, sagte Vogel. "Ich muss einen großen Schutzengel gehabt haben."

Mit dem holländischen Fahrer, mit dem sie am 26. Juni zusammengestoßen war, hatte sie noch keinen Kontakt. "Ich bin frei. Die Schuldfrage stellt sich für mich nicht." Zwar möchte sie, dass der Fall aufgeklärt wird, um auch andere Gefahrensituationen im Radsport in Zukunft zu vermeiden und persönlich abzuschließen, doch möchte sie sich nun auf die Zukunft fokussieren.  

Wie diese aussehen wird, hat sie noch nicht entschieden. Doch die 27-Jährige freut sich über die Entscheidungsfreiheit, die sie nun hat. Für den Radsport wolle sie weiter etwas tun. Ob sie paralympische Sportlerin wird, steht für sie aber noch nicht fest.

Die vollständige Pressekonferenz (via facebook.com/rbb24)

Sendung: rbb UM6, 12.09.2018, 18.00 Uhr

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Mein allergrößter Respekt für diese Tapferkeit, diese Ausstrahlung, diesen Mut in so einer schweren Zeit.
    Ein absolutes Vorbild für die Welt!
    Ich bin echt beeindruckt!
    Ich wünsche ihr so sehr das sie diese Kraft, Hoffung und diesen Mut niemals verliert in der Zukunft / im Altag.
    Stay Strong Kristina! Everytime!

  2. 4.

    Ich bewundere diese Frau,ziehe den Hut und wünsche ihr auch für den Alltag alles gute.

  3. 3.

    Respekt vor solch einer positiven Herangehensweise mit dieser gänzlich veränderten Zukunft. Hoffentlich bleibt das so auch wenn der Alltag sich einstellt. Es wäre zu wünschen. Hut ab, Kopf hoch, Mund abwischen und immer geradeaus. Weiter so!

  4. 2.

    Das zeigt Stärke und Klarheit mit dieser schwierigen neuen Situation umzugehen
    Das ist bewundernswert, sollte Mut machen für alle, die vom Schicksal getroffen sind.
    Danke

  5. 1.

    Was für eine großartige tapfere Frau! Ich wünsche ihr alles Bestmögliche.

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