Mr. Sitzvolleyball: Steffen Barsch vom SCC Berlin. / rbb
Video: rbb UM6 | 18 Uhr | Stephanie Baczyk | Bild: rbb

Porträt | Steffen Barsch vom SCC Berlin - Gestatten, Mister Sitzvolleyball!

Muskelkater hat Steffen Barsch schon lange nicht mehr: Seit 31 Jahren spielt der Mann mit dem ansteckenden Lächeln Sitzvolleyball, seitdem er bei einem Motorradunfall den linken Unterschenkel verlor. Heute ist Barsch Vorbild - und Motivator. Von Stephanie Baczyk

Steffen Barsch hat den weiß-grün-roten Ball mit den Augen fixiert. Er bewegt sich schnell auf dem Hallenboden in der Max-Schmeling-Halle, robbt - fast schon geschmeidig - von links nach rechts und stützt sich dabei mit den Armen und Händen ab. Der 51-Jährige legt die Kugel auf seinen Teamkollegen. Der holt aus. Rechter Arm, Schmetterball, Punktgewinn. Barsch ballt die Faust. Er sei ein Ballsportverrückter, wird der Zuspieler vom SCC Berlin später sagen, und dass ihm sein Sport einfach guttue. Sein Sport: der Sitzvolleyball. Ein Inklusionssport, für Menschen mit und ohne Behinderung.

"Es gibt auch anderen Sport, für den man nicht beide Beine braucht"

Viele, sagt Bartsch, würden beim Begriff Sitzvolleyball "denken, dass man bei dem Sport halt sitzt". Tatsächlich aber sei "unheimlich viel Dynamik und Bewegung drin." Die Regeln machen es den Sportlern nicht gerade leicht: Während er den Ball erwischt, soll ein Teil vom Rumpf, zwischen Po und Schultern, den Boden berühren. Man darf also nicht aufstehen oder hochkommen. Das Netz ist 1,15 Meter hoch, bei den Frauen 1,05 Meter. Über den Boden zu rutschen und gleichzeitig den Ball zu kontrollieren ist eine Herausforderung. Muskelkater gehört am Anfang dazu.

Steffen Barsch war 18, als er seinen linken Unterschenkel verlor, nach einem Motorradunfall. Er war 20, als ihm sein Lehrer in der Gehschule vom Sitzvolleyball erzählte. "Der hat gesagt: Komm mal mit, guck dir das mal an. Also habe ich mir das angeguckt, mitgemacht - und bin da geblieben, bis heute", sagt der gebürtige Berliner. "Vorher habe ich Volleyball und Fußball gespielt - und da dann festgestellt: Es gibt auch anderen Sport, für den man nicht beide Beine braucht."

Icke bei seiner ersten Europameisterschaft

Der Mann mit den brauen kurzen Haaren wurde Kapitän - das Amt hat er immer noch inne - und Nationalspieler. 1991 in Nottingham, bei seiner ersten Europameisterschaft, bekam er den Spitznamen verpasst, mit dem ihn bis heute alle ansprechen: Icke. "Wir waren mit der Mannschaft in einer Bar und der vor mir hat gesagt: 'One beer, please'. Da meinte ich: 'Icke auch ein Bier, please'", erinnert er sich.

Bei den Paralympischen Sommerspielen in Barcelona 1992 gewann Barsch mit dem Team die Bronzemedaille, erst 2008 beendete er seine Nationalmannschaftskarriere - nur, um drei Jahre später ein Kurz-Comeback zu feiern. "Aber da habe ich mir relativ schnell drei Finger schwerst geprellt und das war's dann." Seine schlimmste Verletzung zog er sich bei einem Schmetterball aus nächster Nähe zu, bekam das Spielgerät mit 190 km/h aufs Auge. Die Diagnose: Einblutung im Augapfel.

Auf dem Feld: Zocker und Motivator in einem

Seiner Liebe zum Sport tat das keinen Abbruch. Mittlerweile, mit 51, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, junge Spieler zu unterstützen und zu motivieren. "Gerade bei jüngeren Betroffenen merkt man, dass sie sensibler sind – auch weil sie nicht die Lebenserfahrung haben", sagt Barsch. "Bei kleinen technischen Fortschritten im Training sage ich: 'Speicher Dir das ab, merk Dir das.' Das hilft den Leuten auch im Alltagsleben weiter."

"Der Steffen ist hier schon Mister Sitzvolleyball in Berlin", sagt sein Trainer Michael Merten auf die Frage nach Barschs Charakter, ohne lange zu überlegen. "Auf dem Spielfeld will er unbedingt gewinnen, im Training, wenn ein neuer Spieler kommt, probiert er mit dem neue Techniken. Also sozial sehr integrativ, aber auf dem Spielfeld ein Zocker. Der ideale Kapitän."

Der Wunsch ist eine Berlin-Liga

Dieser Kapitän würde seinen Sport gern größer machen in der Hauptstadt. Er hat vor, eine Berlin-Liga aufzubauen, mit anderen Volleyballklubs. "Vielleicht eine Art Turnierbetrieb", sagt er. "Einmal im Monat oder im Quartal." Dafür will er Vereine kontaktieren, auch die Freizeitliga und den Berliner Volleyballverband - und er will mehr Sportlerinnen und Sportler für Sitzvolleyball begeistern. "Jeder kann beim Sitzvolleyball mitspielen, das ist ein Inklusionssport", sagt Barsch. "Vielleicht für Leute, die mal Volleyball gespielt haben und nicht mehr im Stehen spielen können, wegen einer Verletzung nicht mehr springen können oder so – immer gerne ran. Wir nehmen jeden mit offenen Armen auf."

Sendung: rbb UM6, 16.10.2018

Beitrag von Stephanie Baczyk

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