Junioren-Bundesliga: Union gegen Leipzig (Quelle: imago/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 14.11.2018 | Uri Zahavi | Bild: imago/Matthias Koch

ARD-Radio-Recherche Sport - Nur ein Bruchteil der Fußball-Talente wird Profi

Tausende Fußball-Kids träumen von einem Leben als Profi. Die Clubs locken schon die Kleinsten in ihre Leistungszentren. Den Schritt in den bezahlten Fußball schaffen die allerwenigsten. Der Berliner Liul Alemu nimmt für den Traum dennoch viel in Kauf.

"Männerfußball ist etwas ganz anderes als Jugendfußball". Sätze wie diesen spricht Hertha-Trainer Pal Dardai immer wieder. Dardai hat früher selbst den Nachwuchs der Berliner gecoacht, verhilft Jungprofis heute zu vielen Einsätzen in der Bundesliga. Dardai weiß, dass der letzte Schritt ein besonders großer ist. Der vom perfekt ausgebildeten Jugendspieler aus der Nachwuchsakademie zum Profi.

Nur 3,5% der U19-Spieler schaffen es zu den Profis

Wie wenige Talente diesen Schritt schaffen, belegt die ARD-Radio-Recherche Sport nun in Zahlen: Untersucht wurden die U19-Kader (Quelle: transfermarkt.de) der aktuellen Proficlubs aus den vergangenen acht Jahren. Von den insgesamt 5.736 Spielern stehen aktuell 198 (3,5 Prozent) im Kader eines Vereins in den fünf Topligen aus Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich.

Nicht eingerechnet sind die vielen tausend Spieler, die schon deutlich jünger, also vor der U19, aussortiert wurden.

Dutzende Berater tummeln sich bei Jugendspielen

Das große Geschäft mit den Talenten läuft natürlich trotzdem weiterhin auf Hochtouren. Zu beobachten beispielsweise im April 2018 beim Jugendspiel zwischen Viktoria Berlin und Tennis Borussia. Die Kicker sind nicht älter als 13 Jahre. Am Spielfeldrand tummeln sich mehr als 20 Berater, die die Hände schütteln und Gespräche führen.

Gerd Thomas, Mitglied im Jugendbeirat des Berliner Fußballverbandes, hat zu den Beratern eine klare Meinung: "Berater ist ein irreführender Begriff. Die beraten ja nur ihr eigenes Portemonnaie. Das sind Leute, die versuchen, vom großen Kuchen Bundesliga ein kleines Stück abzubekommen."

Großer Druck für Talente und deren Familien

Ein Jugendlicher, der bei jenem Spiel im April noch das Trikot des FC Viktoria Berlin trug, ist mittlerweile in der Nachwuchsakademie des FC Bayern München untergekommen: Liul Alemu, 13 Jahre jung: "Ich lasse alle meine Freunde hier. Das gewohnte Gebiet, ich wohne schon seit Klein auf in Berlin. Mein ganzes Leben ändert sich, aber ich bin gespannt und freue mich drauf."

Seine ganze Familie ist mit Liul nach München gezogen. Das Leben von Eltern und Geschwistern: Auf den Kopf gestellt für den Traum von der Profikarriere.

Liuls Vater Burke Alemu unterstützt den großen Schritt seines kickenden Sohnes, will den Teenager aber nicht unnötig unter Druck setzen: "Wir reden hier von einem 13-Jährigen. Er ist ein Kind und soll Spaß am Fußballspielen haben. Aber: Wer früh übt, wird Meister. Wenn man so früh die Chance hat, zu einem großen Verein zu wechseln, ist das eine tolle Ausbildungschance."

Hertha BSC setzt auf Nachwuchs aus Berlin und Brandenburg

Liuls neuer Verein Bayern München umgarnt weltweit junge Talente, ebenso RB Leipzig. Beide Vereine haben in den vergangenen Jahren mehr als zehn 13- und 14-jährige in ihre Nachwuchsleistungszentrum gelockt.  

Hertha BSC verfolgt eine andere Strategie: "Wir werben dafür, die Jungs so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld zu lassen. Dann entwickeln sie sich am besten", so Benjamin Weber, Leiter von Herthas Fußball-Akademie. "Von den 250 Kindern unserer Akademie kommen rund 90 Prozent aus Berlin und Brandenburg".

Liul Alemus Traum von der Bundesliga lebt

Der Berliner Junge Liul Alemus träumt nun in München von der großen Karriere: "Ich hoffe, dass ich viele Freunde finde, mich weiter gut entwickle und es irgendwann mal bis nach oben schaffe".

Vor gut einem Jahr spielte er übrigens noch im Nachwuchs von Hertha BSC. In einer Mannschaft mit Bence Dardai, dem jüngsten Sohn von Herthas Profi-Trainer. Liul ist zumindest bei Hertha durchgefallen. So wie die allermeisten talentierten Nachwuchskicker – früher oder später. Denn Männerfußball ist etwas ganz anderes als Jugendfußball. Das sollten die Teenager und ihre ehrgeizigen Eltern immer im Hinterkopf behalten.

Sendung: Inforadio, 14.11.2018, 14 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Und wie immer bei König Fußball; kein Wort von Doping. Wenn man so viel für die Chance auf eine Profikarriere gibt, außerdem noch geldgierige Hintermänner einen "fördern" und Leistung gefordert wird, ist da der Schritt zu Doping nicht naheliegend/verlockend!?
    Ach ja stimmt, Doping gibt es ja nur in "bösen" Sportarten wie Leichtathletik oder Biathlon...

  2. 3.

    Dass ausgerechnet ein Gerd Thomas sich zu Wort meldet in diesem Fall, macht jeden der sich im Berliner Fussball auskennt und diese zwielichtige Person kennt fassungslos. Es ist als würde die FiFA ein Antikorruptionsvideo mit Herrn Blatter drehen. Traurig dass ausgerechnet solche Personen hier ihre Meinung publizieren dürfen.

  3. 2.

    Dass die Erfolgsquote, als Fußballprofi zu spielen, bei den Nachwuchsspielern gering ist, ist natürlich der Natur der Sache geschuldet und dürfte kaum bezweifelt werden. Allerdings stützt sich der Artikel auf eine methodisch fragwürdige Recherche. Schon anhand der wenigen Aussagen dazu im Artikel lässt sich die Aussagekraft der Recherche stark anzweifeln. Am offensichtlichsten falsch ist, dass nicht nur U19-Spieler der aktuellen Proficlubs Profifußballer werden können und nicht bur diejenigen als Profifußballer zu bezeichnen sind, die in Europas fünf Topligen spielen. Insofern wird die Kernaussage des Artikels keinesfalls gestützt.
    Andere Verbundanstalten ziehen wenigstens den richtigen Schluss, indem sie z.B. schreiben dass die Wenigsten es "bis ganz nach oben" schaffen. Auch wenn das ganz schön reißerisch nur ein Extrem beleuchtet, ist das die einzig akzeptierbare Deutung der Rechercheergebnisse.

  4. 1.

    Mich würde mal interessieren wieviele Nachwuchsspieler es prozentual in die 2. oder 3. Liga schaffen.
    Das ist vielleicht nicht der ganz große Traum , aber viele Spieler aus Liga 2 und 3 sind in Ihren Vereinen
    Kultspieler und sind auch stolz auf Ihre Karriere. Ich nenne da nur Marc Schnatterer (Heidenheim) oder Patrick Hermann
    (Holstein Kiel) oder früher Fabian Boll (St. Pauli) oder noch länger her Willi Landgraf (Alemania Aachen).

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