Union-Präsident Dirk Zingler schaut nachdenklich (Foto: Imago / Jan Huebner)
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Interview | Union-Präsident Dirk Zingler - "Für stimmungsvolle Stadien sollte man auf Geld verzichten"

Mittelfristig will Dirk Zingler in die Bundesliga aufsteigen. Aktuell spricht der Präsident des 1. FC Union im Interview über den starken Saisonstart in der Zweiten Liga. Außerdem erklärt er, warum sich Profivereine in Deutschland wieder mehr ihren Fans widmen sollten. Von Stephanie Baczyk

rbb|24: Dirk Zingler, wissen Sie eigentlich, was glücklich und zufrieden auf Schweizerdeutsch heißt?

Dirk Zingler: (lacht) Nein, das weiß ich nicht.

Wir auch nicht. Aber Urs Fischer dürfte es wissen. Ihr Schweizer Trainer scheint für Erfolg zu stehen, unter ihm ist Union als einziges Team der Zweiten Liga ungeschlagen - seit 14 Spielen. Vor seiner Verpflichtung hatten Sie gesagt, Sie wünschen sich einen Trainer, der: fleißig ist, zu hundert Prozent da, der Menschen mit Offensivfußball unterhalten möchte und der erfolgreich ist. Was trifft denn davon auf Urs Fischer zu?

Vieles. (lacht) Wir freuen uns über die Situation, in der wir uns zurzeit befinden. Ungeschlagen zu sein, erzeugt immer ein positives Gefühl. Aber es sind nicht nur die Ergebnisse, es ist am Ende die Art und Weise wie wir miteinander arbeiten - es macht Spaß. Wir sind in die Saison gestartet mit dem Ziel, Ruhe einkehren zu lassen, uns wieder auf das Wesentliche zu besinnen und das ist auf alle Fälle eingetreten.

Viele sagen über Urs Fischer, er sei ein sympathischer, charismatischer Trainer. Sie haben ihn kennengelernt die letzten Monate – was ist er für ein Typ?

Ein bodenständiger und ambitionierter Trainer. Er passt gut zu uns, auch wir sind ambitioniert. Aber wir wissen, dass wir unsere Ziele nur erreichen können, wenn wir hart arbeiten – und das bringt auch Urs Fischer mit. Menschlich funktioniert es sehr gut, das waren ja damals ganz wesentliche Punkte, dass wir uns zusammengefunden haben – Gespräche nicht nur über den Sport, sondern auch unsere Einstellung zum Leben. Wir arbeiten sehr gut zusammen.

Urs Fischer ist ja nicht die einzige neue Personalie im Sommer gewesen. Es gab einen ziemlichen Umbruch beim 1. FC Union, viele Spieler sind neu. Am Ende der letzten Saison haben Sie uns mit Blick auf die Rückrunde gesagt, dass die Mannschaft mental nicht stark genug gewesen sei. Was sagen Sie jetzt? Wie funktioniert das Team?

Naja, mental stark genug war sie am Ende, hat den achten Platz noch erreicht in einer sehr schwierigen Situation. Aber klar, der Umbruch im Sommer war groß – in der Spitze mit Oliver Ruhnert als neuer Geschäftsführer Profifußball, mit einem neuen Trainerteam. Oder wenn ich heute sehe, dass in der Startelf sieben, acht neu verpflichtete Spieler stehen. Das haben wir auch als notwendig erachtet, um einen neuen Anlauf zum nächsten Entwicklungsschritt gehen zu können. Und jetzt noch kein Spiel verloren zu haben, bis zur letzten Minute immer noch an einen Punkt oder einen Sieg zu glauben, das zeugt von dieser Mentalität. Wir haben tolle Jungs mit ’nem guten Charakter, hier ruht sich keiner aus. Alle sind ambitioniert.

Wenn man Urs Fischer auf das Thema Aufstieg anspricht, umgeht er das Thema gerne. Ihr Keeper Rafal Gikiewicz, der ja sehr ehrgeizig ist, hat im Interview mit der BZ gesagt, dass er aufsteigen will und der Aufstieg in dieser Saison auch drin wäre. Bei wem sind Sie gedanklich?

Rafal möchte jedes Spiel gewinnen – das werden wir fördern und unterstützen. Aber am Ende geht es darum, dass man über eine gesamte Saison Leistung bringt. Zurzeit ist es eine Momentaufnahme, wir sind Dritter hinter Köln und dem HSV. Das war am Anfang der Saison gar nicht zu erwarten – aufgrund unseres großen Umbruchs. Wir sollten nicht anfangen darüber zu reden, was möglich wäre, sondern uns im Hier und Jetzt befinden. Und hier und jetzt ist Darmstadt. Wird Zeit, dass wir die mal schlagen. (lacht)

Das Ziel, das Sie vor dieser Saison ausgegeben haben, war: Ruhe reinbringen und gucken, dass man besser dasteht, als in der letzten Saison. Wird dieses Ziel so schnell nicht verändert?

Nein, auf keinen Fall. Weil die Liga ganz ganz ausgeglichen ist. Wir haben zwei Topfavoriten mit Hamburg und Köln – und wir sind in der Verfolgergruppe drin, sind gut dabei. Es wäre fatal, heute davon zu reden, dass man Ziele verändert. Wir fühlen uns in der jetzigen Rolle sehr wohl.

Anfang Oktober hat der 1. FC Union ein Positionspapier rausgegeben – unter anderem mit dem Inhalt, dass man keine Montagsspiele mehr möchte und darüber nachdenkt, die Bundesliga und Zweite Liga aufzustocken auf 20 Vereine. Wie ist es denn überhaupt zu dem Positionspapier gekommen?

Ich glaube, alle die Fußball mögen, die ins Stadion gehen oder Fußball im Fernsehen gucken, merken ja ein gewisses Gefühl der Entfremdung in den letzten Jahren.  Die Stadien werden – insbesondere bei der Nationalmannschaft, aber auch im Ligabetrieb – Stück für Stück leerer und wir sehen schon eine Ursache darin, dass die Interessen der verschiedensten Gruppen nicht mehr ausgewogen berücksichtigt werden. Wir finden, dass die Bundesliga in Deutschland ein toller Wettbewerb ist und wir wollen versuchen, ihn zu erhalten. Aber das geht nur, wenn wir die Interessen der Medien, der Zuschauer zuhause, der Ultras oder der aktiven Fans ausgewogen berücksichtigen. Die Entscheidungen, die in den nächsten Wochen und Monaten anstehen, sind schon schwerwiegend. Wie wollen wir Fußball organisieren? Wie die Mittel und zentralen Erlöse solidarischer verteilen, um auch mehr sportlichen Wettbewerb zulassen zu können? Uns war wichtig, dass unsere Mitglieder wissen, welche Position ihre eigene Vereinsführung hat.

Die Vertreter der Vereine haben sich, nachdem das Positionspapier erschienen ist, unterschiedlich geäußert. Was würden Sie sagen: Welche Vorschläge oder Themen des 1. FC Union lassen sich am ehesten umsetzen?

Die Themen sind miteinander verbunden. Wenn man Montagsspiele abschaffen will, kann es zu Reduzierungen von Medienerlösen kommen. Dann müsste man sich wieder über eine andere Verteilung unterhalten. Es geht am Ende um ein gesamtpolitisches Bild. Darum, wie wir den Profifußball in Zukunft gestalten wollen. Für mich gehört das Stadionerlebnis dazu. Die Menschen, die in ein Stadion kommen, sind die wichtigsten Zuschauer. Und die haben in den letzten Jahren einen Tick weit verloren in ihrer Bedeutung. Fußballveranstaltungen werden immer stärker nach TV-Verträgen ausgerichtet, die Ausgewogenheit ist etwas verloren gegangen. Wir werden dafür werben, dass wir Stadionerlebnisse haben ohne Konflikte, ohne Proteste. Ohne, dass ständig geschwiegen wird.

Ein großes Thema an diesem Wochenende ist der Stimmungsboykott in den deutschen Stadien. Auch bei der Partie Union gegen Darmstadt wollen die Fans 45 Minuten lang schweigen, so ihrem Ärger Luft machen – gegen Kommerzialisierung und Montagsspiele protestieren. Glauben Sie, dass das verhärtete Verhältnis zwischen den Fans und dem DFB/der DFL noch zu kitten ist?

Ja, es ist noch zu kitten. Aber das geht eben nur, wenn man die Interessen der aktiven Fanszene im deutschen Fußball berücksichtigt. Dafür werben wir. Ein Zuschauer hat nur die Möglichkeit, seinen Protest oder sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen, indem er schweigt. Genau das wollen wir ja versuchen abzustellen, aber dafür müssen wir aufeinander zugehen. Und ich glaube, dass auch ein politisches Zeichen für die aktiven, die reisenden Fanszene  notwendig ist. Selbst wenn wir durch den Verzicht auf ein Montagsspiel 3,25 Euro weniger in der Kasse haben – für die Gesamtentwicklung des deutschen Fußballs ist es wertvoller, wenn wir stimmungsvolle Stadien haben.

Am 13. Dezember findet eine Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga statt. Was soll dort besprochen werden?

Erst einmal ist es erfreulich, dass alle 36 Profivereine sich bemühen, eine Diskussion zu beginnen und die anstehenden Fragen zu diskutieren statt über die Köpfe hinweg im Hinterzimmer zu entscheiden. Am 13. Dezember ist ein Auftakt, wir werden über all diese Themen diskutieren – aber es wird mehrere Versammlungen geben in den nächsten Monaten.

Was sind denn Ihre sportlichen Wünsche für 2019?

Dass wir weiter oben in der Verfolgergruppe bleiben, die Mentalität beibehalten und die Atmosphäre im Verein weiter leistungsfördernd existiert. Und dass wir Spaß haben.

… und beim Thema Stadion einen Schritt weiter kommen?

Ja, unbedingt. Wir geben das nicht auf, wollen Baurecht im Sommer 2019 schaffen. Wir wissen, dass das ambitioniert ist, weil es viele Herausforderungen zu lösen gibt. Aber wir glauben, diese Lösungen zu finden mit den Verwaltungen in Berlin.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stephanie Baczyk

Sendung: rbb Inforadio, 30.11.2018, Sport

Beitrag von Stephanie Baczyk

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