Hertha-Trainer Pal Dardai gestikuliert (Quelle: imago/DeFodi)
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Rückblick 2018 | Hertha BSC - Beständig unbeständig

Hinter Hertha BSC liegt eine durchwachsene Hinrunde: ein sensationeller Sieg über die Bayern, ein Hymnenstreit und Krawalle in Dortmund. Zum Ende der Hinrunde steht die Mannschaft von Pal Dardai mal wieder im Mittelfeld - und hofft auf eine tolle Rückrunde. Von Astrid Kretschmer

Trainer Pal Dardai hat sich in diesem Jahr über weite Strecken wie im Legoland gefühlt. "Es ist in der Hinrunde ein bisschen so wie mit Lego: Wir basteln die Aufstellung von Woche zu Woche", beschrieb der Ungar kopfschüttelnd die Personalsituation bei Hertha BSC zum Ende der Hinrunde.

Allerdings hieß es statt "Hertha im Spieleparadies" eher "Hertha gehen die Legosteine aus". Das Verletzungspech war beträchtlich. Ironie des Schicksals: Das Wort Lego leitet sich von "leg godt" ab - dänisch für "spiel gut".

Manager Preetz: Letzter Eindruck eine Katastrophe

"Gut spielen" - davon konnte bei den Herthanern im Schlussspurt in die Winterpause keine Rede sein: nur ein Pünktchen gab's in den letzten drei Partien (1:2 in Stuttgart/2:2 gegen Augsburg). Mit grotesken Gegentoren und einem 1:3 gegen Leverkusen verabschieden sich die Berliner als Tabellen-Achter in die Winterpause.

Die Pleite bei Bayer war der negative Schlusspunkt für das Jahr 2018. "Ja, wie sagt man so schön, der letzte Eindruck ist ja doch der, der bleibt - und der letzte Eindruck ist eine Katastrophe", konstatierte ein mächtig angefressener Manager Michael Preetz. Vor einer Woche hätten die Spieler von neun Punkten gesprochen, die sie holen wollten - davon habe er in all den drei Spielen nicht gesehen, wie sie das machen wollen.

Müde, müder, Hertha - die Berliner schleppten sich über die Ziellinie wie ein Hobbyläufer beim Marathon. Immerhin: sechs Siege, sechs Unentschieden, fünf Niederlagen. 24 Punkte, Platz acht. Das ist die Hinrundenbilanz in Zahlen.

"Erstmal müssen wir richtig froh sein, dass wir 24 Punkte haben - mit dieser Verletzungsmisere", sagte Trainer Pal Dardai. Insgesamt sei die Hinrunde "ordentlich mit Auf und Abs", hatte Preetz zuvor resümiert. Da war es wieder, das Phänomen bei Hertha: Nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit.

Hertha 2018: zu jung, zu unerfahren, zu unberechenbar?

Nachdem Herthas Abschneiden im Sommer in der abgelaufenen Saison 2017/18 - mit der Mehrbelastung Europa League - mit Platz zehn als durchweg positiv betrachtet worden war, schien das Saisonziel für die neue Spielzeit kühn.

"Wir wollen einstellig einlaufen", hatte Manager Michael Preetz verkündet. "Und im Pokal kann es nur ein Ziel geben. Der Traum vom Pokalfinale in Berlin lebt". Im DFB-Pokal wurden die Hürden Braunschweig und Darmstadt unspektakulär gemeistert. Jetzt wartet im Achtelfinale im kommenden Februar das Hindernis Bayern München.

Keine Angst vor den Großen

Die junge Hertha-Mannschaft holte zu Beginn der Saison gegen das Top-Trio der Liga in dieser Halbserie mehr Punkte als jedes andere Team. "Wir sind sehr gut in die Saison gekommen, gerade zu Beginn haben wir erfrischenden Offensivfußball gespielt und gerade in diesem Bereich enorm zugelegt" sagt Michael Preetz.

Dafür stehen teils begeisternde Heimsiege gegen den FC Bayern (2:0) und Borussia Mönchengladbach (4:2), bei Borussia Dortmund (2:2) holte Hertha zweimal eine Rückstand auf.

Die jungen Wilden reißen mit

Herthas offensiver Senkrechtstarter Javairo Dilrosun (20 Jahre) rockte mit seinen Dribblings die Liga. Marko Grujic (22 Jahre) verlieh dem Berliner Mittelfeld sofort neue Dominanz. Die Leihgabe vom FC Liverpool kann das Spiel ordnen, hat eine hohe Passsicherheit, ist stark im Zweikampf und beim Kopfball. Trainer Pal Dardai adelte den Serben als besten Mittelfeldspieler der Berliner seit mehr als 20 Jahren. Eine Kaufoption besitzt Hertha jedoch zum Ende der Saison nicht. Manager Preetz wird dennoch versuchen, einen Verbleib auszuhandeln.

Valentino Lazaro (22) ist durch seine guten Leistungen auch für andere Clubs - unter anderem West Ham United - zum Objekt der Begierde geworden. Umgeschult auf die Position des Rechtsverteidigers hat der österreichische Nationalspieler den Abgang von Mitchell Weiser zu Bayer Leverkusen schnell vergessen gemacht. Lazaro verkörpert eine ideale Mischung aus Offensivdrang und defensiver Stabilität.

Die jungen Wilden rissen auch die Stürmer Oldies Vedad Ibisevic (34 Jahre) als Torjäger (6 Liga-Treffer) und den Ivorer Salomon Kalou (33 Jahre) als pfeilschnellen Vorlagengeber mit. "Das habe ich nicht gedacht, dass Salomon so schnell ist", staunte Trainer Dardai, "warscheinlich musste er damals noch vor den Löwen so viel weglaufen". Nein, das sei natürlich nur Spaß. "Großer Respekt", lobte Dardai. "Junge Spieler, ältere Spieler - eine schöne Mischung."

Hui und Pfui

Tempo, Tore, Tricks: Wann spielte Hertha so mutig und vorwärts orientiert? Seit vielen Jahren konnte man nicht mehr so viel Talent und fußballerische Qualität in Berlin sehen. Ein großes Potential - in Folge ohne Konstanz. Mehrfach vergaben die Berliner gegen vermeintlich schwächere Gegner die große Chance, sich dauerhaft in der Spitzengruppe festzusetzen. Auf die Unentschieden gegen Mainz und Freiburg folgten bittere Pleiten gegen die Abstiegskandidaten Düsseldorf und Stuttgart. "Wir haben Punkte liegen lassen, die echt ärgerlich waren", meckerte Michael Preetz.

Die Winterpause - eine Erlösung

In den letzten Wochen fehlten mit Niklas Stark, Karim Rekik, Marko Gujic und Salomon Kalou wichtige Stammspieler, dazu noch Javairo Dilrosun. Ausfälle, die die Mannschaft zuletzt nicht mehr kompensieren konnte. Mit der Hinrunden-Ausbeute sind sie bei Hertha trotzdem zufrieden - oder gerade deshalb.

"Wir sind auf keinen Fall unzufrieden", sagt Valentino Lazaro, "weil wir zum einen wissen, was wir geleistet haben in der Hinrunde, und das nächste ist, dass immer wieder sehr wichtige Spieler von uns ausgefallen sind. Und das summiert sich alles." Die Auswirkungen seien immens gewesen, glaubt Lazaro. "Wenn man sich anschaut: ein Rekik, ein Grujic und was weiß ich alles, ein Javeiro - wenn die dabei gewesen wären - das kann einfach ein ganzes Spiel verändern und über so eine ganze Hinrunde gesehen - wären sicher an die fünf bis sechs Punkte mehr drin gewesen."

Hertha-Fans zünden Bengalische Feuer während der Partie gegen Dortmund im Signal Iduna Park © imago/DeFodiHertha-Fans zünden Bengalische Feuer während der Partie gegen Dortmund im Signal Iduna Park.

Querelen außerhalb des Platzes

Die Fan-Krawalle in Dortmund und der Zoff zwischen Hertha-Ultras und Klubführung beschreiben ein unerfreuliches Kapitel im Jahr 2018. Erst wurde der sportlich starke Auftritt von Hertha durch schwere Auschreitungen im Hertha-Block in Dortmund überschattet. Dort brannten bengalische Feuer. Es folgten gewaltätige Auseinandersetzungen von Berliner Ultras mit der Polizei. 45 Personen wurden verletzt.

Bei der 0:3-Klatsche im Heimspiel gegen RB Leipzig unterstützen die Fans ihre Mannschaft nicht. Das war die Reaktion auf ein vom Verein verhängtes Banner-und Fahnenverbot. "Das hat die Mannschaft nicht beeinflusst", hatte Hertha -Routinier Fabian Lustenberger nach dem Geisterspiel versichert. Danach sah es allerdings nicht aus. In Folge setzen sich die Hertha-Verantwortlichen und die Ultras nach langer Funkstille zusammen. Das Verbot wurde aufgehoben. Beim 3:3 gegen Hoffenheim bebte die Ostkurve wieder. Ein Aufheller in der Hertha-Stimmungswelt.

Auch im Streit um die Einlaufhymne ruderten die Verantwortlichen des Clubs zurück. Nachdem der Klassiker "Nur nach Hause" von Frank Zander durch "Dickes B" von Seeed ersetzt wurde, machte sich großer Ärger unter den Hertha-Fans breit. Schließlich lenkte der Verein ein und die seit 25 Jahren währende Tradition wird fortgeführt - teilweise singt Frank Zander den Kulthit vor dem Spiel live.

Alles ist möglich?

Im neuen Jahr soll nach der instabilen Hinrunde alles besser werden. "Viel mehr Gier auf die 3 Punkte", fordert Manager Michael Preetz, "und zwar in jedem einzelnen Spiel."

"Ich hoffe nächstes Jahr sind alle Spieler gesund, weil defensiv gut zu stehen, brauchst du schon eine Abwehr", sagt Pal Dardai.

Auf das der Hertha-Trainer sich im Legoland wie im Spiele(r)-Paradies fühlt. "Leg godt" - "spiel gut" - mit dem kompletten Bauset - dann könnte Hertha mit einem internationalen Platz in der Tabelle vielleicht sogar mehr als liebäugeln. Aber wie ist es so oft bei Hertha: Nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit.

Sendung: Inforadio, 28.12.2018, 6.15 Uhr

Beitrag von Astrid Kretschmer

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich finde Pals Arbeit toll. Ok, wir gewinnen nicht ständig. Doch wir packen das. P.S. : Ich arbeite in Westend. Und ich gehe fast jeden Tag bei Pal zu Hause vorbei. Aber meine Unterstützung hat er.

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