Ex-Union-Profi Benjamin Köhler lächelt, in beiden Händen jeweils eine Waffel mit einer Kugel Eis
Video: rbb UM6 | 11.12.2018 | Stephanie Baczyk | Bild: imago/Matthias Koch

Ex-Union-Profi betreibt Eisdiele - Die Bälle serviert Köhler jetzt in der Waffel

Benjamin Köhler hat für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga, später in der Zweiten Liga für den 1. FC Union gekickt. 2015 erkrankte er an Lymphdrüsenkrebs, kämpfte sich aber zurück auf den Platz. Heute macht er etwas völlig anderes. Von Stephanie Baczyk

Das weiße Hemd hat Benjamin Köhler akkurat zugeknöpft, jetzt nestelt er an seiner hellbraunen Schürze. Der ehemalige Profi des 1. FC Union mit den kurzen dunkelbrauen Haaren lässt sich von dem Trubel und dem Stimmenwirrwarr um sich herum offensichtlich nicht ablenken. Er ist konzentriert, knotet den Gürtel unterhalb der Hemdknöpfe sorgfältig zur Schleife. "Mach' mal die Minis, Schatz", ruft Marina von der Kaffeemaschine aus rüber. Marina ist seine Frau - und mit Minis meint sie winzige Waffeln, in denen winzige Eiskugeln stecken. Benjamin und Marina Köhler - das ist neu - sind seit kurzem Eisdielenbesitzer.

"Das ist was völlig anderes", sagt der 38-Jährige und unter seinem Vollbart zeichnet sich ein Lächeln ab. Und dann sagt er etwas, das man so von einem Ex-Fußballer auch eher selten hört: "Sonst hat man in den Tag hinein gelebt, im Fußball hat man ja auch sehr viel Freizeit und kann die auch sehr genießen. Das hier ist Neuland für mich." Früher hat Köhler die Bälle mit dem linken Fuß serviert, Flanken für die Mitspieler vor dem Tor. Heute serviert er die Bälle in der Waffel. Das 'La Luna' haben die Köhlers Ende Oktober eröffnet, im Untergeschoss der nagelneuen East Side Mall an der Warschauer Straße. Es ist ein neuer Lebensabschnitt.

Ex-Profi Benjamin Köhler eröffnet mit seiner Frau Marina am 31. Oktober 2018 in der East Side Mall Berlin das Eiscafe La Luna (Bild: imago/Matthias Koch)
Bild: imago/ Matthias Koch

"Ich konnte mich nicht verstecken, die Leute hätten eh gefragt"

Köhlers Geschichte ist eine besondere. Geboren in Berlin und aufgewachsen im Märkischen Viertel, spielt er als Jugendlicher für Hertha BSC, debütiert bei den Blau-Weißen sogar in der Bundesliga. In Berlin kann er sich nicht durchsetzen, bei Eintracht Frankfurt dagegen schon. Neun Jahre läuft er für die Hessen auf, bestreitet sogar Partien im UEFA-Pokal auf internationaler Bühne. 2013 der Wechsel zurück in die Heimat - es geht es nach Köpenick zum 1. FC Union in die Zweite Liga.

2015 gerät Benny Köhlers Welt aus den Fugen, Ärzte diagnostizieren bei ihm Krebs, einen bösartigen Tumor des Lymphsystems. "Es ist schade, dass man erst mit so einer Erfahrung sieht, dass andere Dinge unwichtig sind", sagt er heute. Köhler beschließt damals, offensiv mit seiner Erkrankung umzugehen. Geht zusammen mit Marina und Tochter Milli ins Stadion An der Alten Försterei. "Ich konnte mich nicht verstecken", sagt er. "Die Leute hätten eh gefragt."

"Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich es, glaube ich nicht geschafft"

Was dann passiert, rührt ihn bis heute. Es läuft die siebte Minute im Spiel gegen den VfL Bochum, Köhler sitzt auf der Tribüne, dick eingepackt in Mütze und Jacke, als der Schiedsrichter die Partie unterbricht. Die komplette Mannschaft, der Trainer, der Präsident - alle stellen sich demonstrativ vor der Haupttribüne auf, haben weiße T-Shirts mit einer roten Sieben übergestreift. "Gemeinsam kämpfen" steht in großen Buchstaben auf dem Shirt, dahinter ein dickes Ausrufezeichen. Benny Köhler weint.

Archiv - Die Mannschaft von Union Berlin zeigt ein Transparent mit den Worten "Eisern bleiben Benny", anlässlich der Erkrankung von Union Spieler Benjamin Köhler beim Spiel gegen VfL Bochum in Berlin am 07.02.2015 (Bild: imago/Annegret Hilse)
Bild: imago/Annegret Hilse

"Damit habe ich halt gar nicht gerechnet", erinnert er sich und in seiner Stimme schwingen Dankbarkeit und Stolz mit. Das war "sehr emotional", erinnert sich Marina und holt tief Luft, sie hat Tränen in den Augen. "Aber wir haben es geschafft."

Den Kampf gegen den Krebs führen sie gemeinsam. Es ist eine Zeit, die Benny Köhler prägt und in der sich Prioritäten verschieben. "Familie und Freunde sind das Wichtigste", sagt er leise. "Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich es, glaube ich, nicht geschafft."

Comeback, Karriereende - und dann?

Der 1,72 Meter große Köhler will zurück auf den Fußballplatz. Er wird gesund, er steigt wieder ins Training ein. Und dann kommt der Tag, an dem er wieder an der Seitenlinie steht. Union spielt gegen Braunschweig, Trainer André Hofschneider wechselt ihn eine Viertelstunde vor dem Ende ein. "Ich wusste, dass es schwer wird. Ich hatte ja schon ein gewisses Alter, war schon 35", erzählt Köhler und muss schmunzeln. "Aber ich musste mich an etwas aufbauen, mir ein Ziel vor Augen setzen - und das habe ich halt damit gemacht."

2017 beendet der gebürtige Berliner seine aktive Karriere - und muss sich auf einmal mit dem Leben nach dem Fußball auseinandersetzen. "Als Fußballer wird dir alles abgenommen. Kriegst deine Trainingsklamotten, dir wird gesagt, wann du beim Training sein musst", sagt er geraderaus. "Und dann musst du überlegen: Was machst du jetzt?" Die Köhlers entscheiden sich für das Abenteuer Eiscafé. Die ersten Wochen sind hart, die Arbeitstage ziehen sich "von morgens bis nachts". Mittlerweile haben sie sich eingegroovt. Die Eltern und Großeltern helfen, übernehmen schon mal die beiden Mädchen Milli und Mavie.

Ein neuer Lebensabschnitt

An diesem Mittwochnachmittag ist das Eiscafé proppenvoll. "Ihr seht es ja: Von jetzt auf gleich brennt die Hütte", lacht Marina. "Aber es passt, es ist cool, es macht Spaß." Sie schäumt Milch auf, richtet einen Cappuccino an. Neben ihr wuseln noch vier andere junge Frauen, machen Crepes, nehmen Bestellungen auf. Benjamin Köhler steht ein paar Schritte entfernt am Tresen, in der einen Hand eine Waffel, in der anderen einen Eisportionierer. "Es ist alles neu für mich, aber ich habe mich der Aufgabe gestellt", sagt er und lächelt. Und in diesem Augenblick wird klar: Benjamin Köhler ist auch ohne den Fußball glücklich.

Sendung: rbbUM6, 5.12.2018, 18 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

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