Robert Harting bei der Leichtathletik-EM in Berlin (Quelle: imago/Laci Perenyi)
Audio: Inforadio | 27.12.2018 | Rober Harting | Bild: imago/Laci Perenyi

Interview | Robert Harting - "Ich hoffe, dass ich vielen Leuten im Kopf bleiben werde"

Robert Harting beendete im September seine erfolgreiche Karriere als Diskuswerfer. Im Interview erzählt er, welchen Einfluss seine Kindheit auf seinen Erfolg hatte, ob es einen Rücktritt vom Rücktritt geben könnte und welches Tier ihm niemals ins Haus kommt.

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rbb|24: Heute schon Sport gemacht?

Robert Harting: Nein, heute noch nicht. Eigentlich mache ich aber täglich Sport. Trotzdem ist es seit dem Ende meiner Laufbahn deutlich weniger geworden.

Während ihrer Karriere haben Sie Sport gemacht, wie andere Menschen Zähne putzen, Essen, Schlafen oder Trinken. Wie sieht es mit dem Abtrainieren aus?

Ja, das müssen wir ehemaligen Sportler natürlich alle machen. Der Körper muss sich daran gewöhnen, weniger zu leisten und dementsprechend weniger Ressourcen anzufragen. Außerdem war natürlich das Muskelgewebe auf eine gewisse Funktion austrainiert. Das muss ich jetzt umbauen. Man kann sich das so vorstellen: Ich konnte fünf Tüten in den fünften Stock werfen, hatte aber Probleme fünf Tüten in den fünften Stock zu tragen. Nach dem Karriereende wird mein Leben aber mehr davon bestimmt sein, die Tüten tragen zu können (lacht). Die Gewebestruktur muss sich also ändern und deswegen muss man abtrainieren.

Ihr Karriereende ist jetzt schon ein paar Monate alt. Sie haben immer gesagt: "Verstehen werde ich den neuen Lebensabschnitt erst, wenn er wirklich da ist." Haben Sie ihn schon verstanden?

Nein, noch nicht. Ich glaube, man begreift das erst, wenn man dauerhaft in einer anderen Rolle ist. Ich studiere jetzt noch bis zum Sommer, trainiere regelmäßig und sehe immer noch die gleichen Leute. Irgendwann wird mein Leben eine andere Anforderung stellen und dann werde ich merken, dass es dann etwas anderes ist und die Karriere wirklich vorbei ist. Trotzdem merke ich schon, dass sich Gesprächsthemen und Interessen langsam verändern.

Ihre Frau sagt: "Roberts größte Schwäche und Stärke zugleich ist, dass er nie zufrieden ist, weil er so hohe Ansprüche hat." Ist das ihrer Meinung nach der Grund, warum Sie so weit gekommen sind?

Ja, keine Frage. Die Schwäche ist definitiv, dass es mir schwer fällt, in eine Phase des Genusses zu kommen. Aber der Anspruch hat mich immer sehr weit gebracht. Nach dem Karriereende überlege ich, inwiefern dieser Anspruch noch dienlich ist. Es geht jetzt nicht mehr nur um mich. Ich arbeite jetzt viel in Teams. Ich frage mich, ob mein Anspruch da noch maßgebend ist. 

Julia (links) und Robert Harting (rechts) wollen beide bei der Leichtathletik EM starten. Bild: imago/Christian SchroedterRobert Harting mit seiner Frau Julia, die ebenfalls Diskuswerferin ist.

Wenn Sie auf die Karriere zurückblicken: Wie zufrieden sind Sie?

Ich bin zufrieden. In den letzten vier Jahren musste ich hart kämpfen und habe Leistungssport von einer anderen Seite kennengelernt. Viele Verletzungen und Rückschläge haben mich in Situationen gebracht, die ich vorher noch nie hatte. Ich musste viel lernen. Insgesamt hatte ich eine sehr erfolgreiche Karriere. Es bestehen überall Rekorde von mir, die nicht so schnell gebrochen werden. Für mich ist der Langzeitwert wichtig. Ich konnte viele Generationen inspirieren und habe viel angestoßen - auch auf institutioneller Ebene, das gelingt Sportlern sonst eher weniger.

In ihrem letzten Karrierejahr wurden Sie für ein Filmprojekt von einem Kamerateam begleitet. Wie war es, andauernd eine Kamera im Nacken zu haben?

Ich hab immer gemerkt, dass das Kamerateam da war und habe dadurch eine ganz neue Tages- und Wochensensibilität bekommen. Vor der Kamera zu stehen war für mich aber nichts Neues und ich hatte keine Berührungsängste.

Eine Sequenz zeigt Sie beim Langlauf. Eine Disziplin, in der Sie bis dahin keine Erfahrung hatten. Probiert Robert Harting alles aus?

Ja, ich probiere alles aus. Ich habe immer ein internes Ziel, um nicht aufzugeben. Für mich war diese Winterwelt sehr interessant. Das war ein ganz anderer Leistungsanspruch. Daran habe ich mich gerne gemessen. Das mag etwas unbeholfen ausgesehen haben, aber man muss manchmal aus seiner Komfortzone raus. Das machen nur sehr wenige Leute. Dadurch bin ich gewachsen und besser geworden.

Robert Harting jubelt über seinen Olympiasieg und reißt sich traditionell das Dress vom Leib (Quelle: imago/Annegret Hilse)Ein festes Ritual: Robert Harting zerreißt beim Jubeln sein Trikot.

Der Film wirkt ein wenig wie ein Abschied auf Raten. Sie haben sich nacheinander von einem Wettbewerb nach dem anderen verabschiedet. Haben Sie jedes Mal gedacht: "Das ist jetzt das letzte Mal"?

Nein, aber ich habe den Abschied schon Stückweise wahrgenommen. Es ist immer emotionaler geworden. Das hat mich gefordert und zum Schluss auch überfordert. Beim ISTAF [Hartings letzter Wettkampf, Anm. d. Red.] waren Sportgrößen aus der ganzen Welt, Fans, Sponsoren und Trainer da. Ich habe nie erwartet, dass ich für andere mal so eine Rolle spiele. Als Kind habe ich für niemanden außer meinen Eltern eine Rolle gespielt. Damit hatte ich immer zu kämpfen. Deshalb hat mich mein Karriereende sehr bewegt. So einen Abschied hätte ich mir nie erträumen können. Ich hoffe, dass ich vielen Leuten im Kopf bleiben werde.

Robert Harting der Diskus-Olympiasieger, der Diskus-Riese, Reizfigur der deutschen Leichtathletik. Das sind alles Begriffe, die Fans und Medien für Sie geschaffen haben. Hat Sie das genervt oder haben Sie das auch genossen?

Ich habe das genossen. Leistungssportler ist ein Spielfeld für alle. Da kann jeder etwas dazu beitragen.

Wie werden Sie von ihren Freunden und ihrer Familie genannt?

Ich habe noch einen Spitznamen aus Schulzeiten: Shaggy. Der Harting sagen sie eher weniger. Der Harting beschreibt eher meine Manier, wenn man noch keinen Zugang zu mir hat. Am wohlsten fühle ich mich eigentlich mit Shaggy, weil das meine engsten Freunde sagen.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Was denn der Herr Harting großes angestoßen? In diesem Artikel lese ich, dass er traurig war als Kind nur seinen Eltern wichtig gewesen zu sein, da andere mehr Materialle Dinge hatten.
    Klingt für mich eher dass klein Harting schon als Kind lieber die Aufmerksamkeit gesucht hat. Finde die Verbindung von einfachen Verhältnissen und fehlender Wichtigkeit im Umfald schon echt traurig kurz gedacht.

    Ich habe wenige Artikel gelesen "Harting spendet Siegerprämie für XYZ" Das würde eher in das Bild passen, dass Sie von ihm haben.

  2. 4.

    Selten einen authentischeren Sportsmann/Frau erlebt, als diesen! In unseren unteren Ligen ist das selbstverständlich, in seiner Liga unnormal sympathisch! Das ist keine Selbstdarstellung, das war und ist gelebte Ehrlichkeit!

  3. 3.

    Wer solche "Typen" nicht mag, kann ja weg schalten. Endlich gab es jemanden, der seine Popularität aktiv genutzt hat und da gehört auch die "Show" dazu. Mittel zum Zweck, verbunden mit Erfolg, genutzt um was anzustoßen. Alles richtig gemacht.

  4. 2.

    Ja Marcel, so scheint es zu sein. Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich nichts mehr von ihm höre, mir tut nur seine Frau leid.

  5. 1.

    Ja er wird vielen im Kopf bleiben als riesiger Selbstdarsteller.
    Ich lese hier seit Monaten ständig von letzten Wettbewerben und Karriereende. Wenn jeder Sportler so ein Theater machen würde....
    Nervig!
    Offensichtlich haben sich da einige Redakteure voll auf ihn eingeschossen.
    Wie wäre es mit 24h Harting? ;-)

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