Proteste der Fußballfans (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 31.12.2018 | Jakob Rüger | Bild: imago

Rückblick 2018 | Fans schweigen aus Protest - Weckruf statt Drohung für den Fußball

Die Fußballfans sind wütend - auf die DFL und den DFB. Also griffen die deutschen Fanszenen in diesem Jahr zu drastischen Maßnahmen. Es reichte immerhin für einen Teilerfolg: Die ungeliebten Montagsspiele werden abgeschafft. Von Jakob Rüger

Herthas Stürmer Davie Selke hatte nach dem Auswärtsspiel in Hannover eine sehr klare Meinung: "Es ist scheiße, wenn die Fans keine Stimmung machen. Das ist keine Bundesliga. Wir lieben es vor so vielen Zuschauern zu spielen und wenn sie ruhig sind, dann merkt man erst, wie wichtig die Fans sind." In fast allen Bundesligastadien haben die Fußballanhänger in diesem Jahr mehrfach geschwiegen, aus Protest. Keine Gesänge, keine Pfiffe, keine Fahnen und keine Hüpfeinlagen. Es herrschte Ruhe von der Allianz-Arena bis zum Westfalenstadion.

Die Kritikliste der Fans ist lang

"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", formuliert Sig Zelt, Union-Fan und beim Fanbündnis ProFans. "Wir haben keine andere Chance uns auszudrücken. Wir waren zehn Jahre lang in Gesprächen mit den Verbänden, aber ohne Erfolg." Im Jahr 2001 organisierte sich die große Fangruppe Deutschlands mit "ProFans" um die Interessen der Anhänger gegenüber dem DFB zu vertreten. Nun greifen sie mit dem stillen Protest zu drastischen Maßnahmen und fast alle Fangruppen sind dabei. Zu viel läuft für deutsche Fußballfans falsch. "Das geht vom Videobeweis, über Sportgerichtsbarkeit Fanfreiheiten und Fanutensilien, bis zu Montagsspielen", umreißt Simon Müller, Fan des FC Bayern München, die Probleme.

Fans des Hertha BSC zünden im Eintracht Stadion, Braunschweig, Pyro aus Protest gegen Montagsspiele (Bild: imago/Joachim Sielski)
Hertha-Fans demonstrieren in Braunschweig gegen Montagsspiele. | Bild: imago/Joachim Sielski

Problemfeld Montagsspiele

Vor allem das Thema der unliebsamen Montagsspiele erhitzt die Gemüter. In der zweiten Bundesliga sind diese Spiele seit 25 Jahren Alltag - und Grund von Protesten. Nun gibt es seit Februar auch in der 1. Liga diese Partien zu Beginn der Woche. Ohne Urlaub sind Montagspartien für Auswärtsfans nicht mehr zu besuchen. Für viele Anhänger stehen sie deshalb stellvertretend für die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. Fangruppierungen waren zu Beginn des Jahres noch in guten Gesprächen mit dem DFB. Konzepte, Ideen und Meinungen wurden ausgetauscht.

Mitglieder halten während der Mitgliederversammlung des 1. FC Union Berlin Stimmzettel in die Luft (Bild: dpa/Flrian Pohl)
Mitglieder des 1. FC Union Berlin stimmen bei einer Mitgliederversammlung ab. | Bild: dpa/Florian Pohl

Hinhaltetaktik des DFB?

Zunehmend bekam die Fanszene allerdings das Gefühl, dass sie in den Gesprächen hingehalten wurde. Im September 2018 stand schließlich die Entscheidung über den Ausrichter der Fußball-EM 2024 aus. Deutschland war neben der Türkei ein Bewerber und wollte negative Presse unbedingt vermeiden. "Es gab den Eindruck, man wollte uns hinhalten bis die Vergabe vorbei ist, weil einfach nichts passierte", sagt Simon Müller. Ein weiteres Zeichen für die Theorie der Hinhaltetaktik waren die Montagsspiele. Während Fans und Verband noch über die mögliche Abschaffung diskutierten, führte der DFB eben solche in der 3. Liga ein. Ende August brachen die Fanvertreter die Gespräche mit dem DFB ab. "Wenn in den Tagen eines Fantreffens solche Montagsspiele eingeführt werden, dann fühlt sich jeder Fan verarscht", sagt Martin Endemann, von der Vereinigung Football Supporters Europe. "Die Proteste sind dann auch ein Zeichen, dass es reicht."

Der Präsident des 1. FC Union Berlin, Dirk Zingler, spricht während der Mitgliederversammlung am 30.11.2016 (Bild: dpa/Soeren Stache)
Der Präsident des 1. FC Union Berlin hält während der Mitgliederversammlung 2016 eine Rede. | Bild: dpa/Soeren Stache

Union war für Abschaffung der Montagsspiele

Der Präsident des 1. FC Union, Dirk Zingler, hatte sich noch Anfang November gegen Montagsspiele ausgesprochen: "Wenn wir durch den Verzicht eines Montagsspiels, ein paar Euros weniger in der Kasse haben, ist es für die gesamte Entwicklung des deutschen Fußball wertvoller, wenn wir dafür stimmungsvolle Stadien haben."
Mittlerweile haben DFL und DFB bekannt gegeben, dass es ab der Saison 2021/22 in der Bundesliga keine Montagsspiele mehr geben wird. Der Fanproteste scheint gewirkt zu haben. Niemand kann ein Interesse an stillen Stadien, ohne bunte Choreografien und feiernde Fans haben. Das sind schließlich Bilder, die sich nur schwer verkaufen lassen.

Während eines Spiels gegen Hertha BSC Berlin protestieren Fans des SV Werder Bremen mit einem Banner gegen Montagsspiele. Die Aufschrift liest: Footbal is for you and me not for fucking pay-tv (Bild: imago/osnapix)
Während eines Spiels gegen Hertha BSC, protestieren auch Werder-Fans gegen die Beibehaltung der Montagsspiele. | Bild: imago/osnapix

Der DFB schweigt zum Thema Fanprotesten

Die Abschaffung der Montagsspiele war ein erster Schritt, doch Entspannung scheint es nicht zu geben. Für die Fans gibt es weitere Themen, über die man gern sprechen würde. DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte zwar angekündigt ohne Vorbedingungen für weitere Gespräche zur Verfügung zu stehen. Das es dazu kommt, ist jedoch nach diesem Jahr unwahrscheinlich. "Miteinander reden, nur unverbindlich über zehn Jahre, das bringt nichts", sagt Sig Zelt. "Demokratie heißt auch, wenn ein Interesse von einer großen Gruppe da ist, dass diese dann auch irgendwann Gehör finden muss, oder ein Mitbestimmungsgremium eingeführt werden muss." Der Deutsche Fußball Bund wollte sich zum Thema Fanproteste, trotz mehrmaliger Anfrage, nicht äußern. "Die Entwicklung die da ist, die sorgt dafür, dass der Fußball komplett seine Basis verliert", sagt Simon Müller. "Deshalb sind die Proteste eher ein Weckruf als eine Drohung für die Zukunft." So droht auch 2019, trotz Abschaffung der ungeliebten Montagsspiele, in den Bundesligastadien ein Stimmungsboykott, etwas das eigentlich niemand will, weder Fans und Spieler, noch Vereine und Verbände. Doch derzeit schweigen sich beide Seiten an.  

Sendung: Inforadio, 31.12.2018, 15:15 Uhr

Beitrag von Jakob Rüger

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Montagspiele braucht kein Mensch. Gut, dass sie wieder abgeschafft werden. Aber gewalttätige Horden selbsternannter Retter des Fußballs brauchen wir ebenso wenig. Hoffentlich verschwinden die auch.

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